Ausgabe 376
Überm Kesselrand

Wo kein Vogel mehr singt

Von Roland Reck
Datum: 13.06.2018
Eigentlich merkt's jeder: Die einen kleben nicht mehr an der Windschutzscheibe, die anderen singen nicht mehr – oder zumindest leiser. Mit den Insekten sterben die Vögel. Einer, der sich sein Leben lang damit beschäftigt hat, ist Peter Berthold. Ein Besuch am Bodensee.
Peter Berthold und eine Mönchsgrasmücke. Foto: Archiv Radolfzell
Peter Berthold und eine Mönchsgrasmücke. Foto: Archiv Radolfzell

Was für ein Wahnsinn: In Maos China wurde 1958 ein Vernichtungsfeldzug gegen Spatzen durchgeführt, dem Milliarden Vögel zum Opfer fielen. Der Grund: Als Nahrungskonkurrenten wurden die Spatzen zu Schädlingen erklärt. Eine Folge war: Heuschrecken vermehrten sich explosionsartig und fraßen die Ernten. Die Folge: Millionen Menschen verhungerten.

Was für ein Wahnsinn: Noch während Peter Berthold in den 60er Jahren an seiner Doktorarbeit über Stare schrieb, wurden von staatlichen Behörden rund um Freiburg herum die Massenschlafplätze der Stare "mit Dynamit in die Luft gesprengt – und alles, was sich sonst noch dort aufhielt wie Rallen, Rohrsänger, Schwalben".

Was für ein Wahnsinn: "Etwa 80 Prozent Verlust von Vögeln in Deutschland in den letzten rund 200 Jahren", stellt der inzwischen emeritierte Professor der Biologie Peter Berthold in seinem Buch "Unsere Vögel" fest – "das ist eine gewaltige Menge!"

Und was hat das mit den Spatzen in China und den Staren in Freiburg zu tun? Der größte Verlust der Gefiederten ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen. Und der Fingerzeig auf die saudummen Kommunisten verfängt nicht, die waren und sind in der Bundesrepublik nicht zu finden. Die Systemfrage stellt sich also nicht. Saudumm ist eine menschliche Eigenschaft. Und der Schwund, so der wissenschaftliche Befund, hält unvermindert an, was aus dem rauschebärtigen Professor am Bodensee einen zornigen alten Mann werden ließ. Freundlich im Wesen, aber energisch bis böse in seiner Wortwahl.

Dynamit ist out, Glyphosat ist in

So wird man wohl, wenn man als Optimist sein Berufsleben damit verbringt, das Verschwinden seiner Herzensangelegenheit zu dokumentieren. Bertholds lebenslange Leidenschaft gehört den Vögeln: "Dieses Buch ist all denjenigen gewidmet, die sich nicht entmutigen lassen, von unserer wunderbaren Natur so viel wie möglich in die Zeit nach Homo horribilis hinüberzuretten." Der verstehende Mensch (Homo sapiens) ist in den Augen des Biologen zum schrecklichen Menschen (Homo horribilis) mutiert, der seine Umwelt mutwillig zerstört.

"Muss man Menschen hassen, um Vögel zu mögen?", fragt ein Journalist in der Tageszeitung "Die Welt" und attestiert dem 79-Jährigen Menschenfeindlichkeit. Bertholds Kommentar: "Vollidiot!" Nein, er ist kein Menschenfeind, trotz aller dramatischen Ausdrucksweise und seiner naturwissenschaftlichen Schnoddrigkeit, die in die Erkenntnis mündet, die Erde brauche den Menschen nicht. Aber wer soll sich an "unserer wunderbaren Natur" erfreuen, für die sich der Wissenschaftler so leidenschaftlich einsetzt, wenn nicht die Menschen?

Freiburger Sprengungen gerade so entkommen: Star. Foto: Andy Holmes/Unsplash
Freiburger Sprengungen vermutlich gerade so entkommen: Star. Foto: Andy Holmes/Unsplash

Es ist nicht mehr der Irrsinn in China und Freiburg, der Berthold Alarm schlagen lässt. Dynamit ist out, Glyphosat ist in. Hoch effektiv und leise sind die Mittel, die in der Landwirtschaft nichts mehr wachsen lassen außer düngergetriebene Monokulturen, wo sich kein Kraut und kein Insekt mehr findet und damit auch kein Vogel mehr singt. "Der stumme Frühling" (Rachel Carson, 1962), einst der Weckruf einer Wissenschaftsjournalistin in den USA, deren Buch den Chemieeinsatz (DDT) in Landwirtschaft, städtischen Grünanlagen, amerikanischen Vorgärten und sogar Haushalten als Ursache des Vogelsterbens und der Erkrankung von Mensch und Tier dingfest machte, ist heute so aktuell wie damals.

Was also geschah in den 56 Jahren zwischen dem beschriebenen "stummen Frühling" 1962 und der heutigen Feststellung des Vogelexperten "es ist absolut ruhig geworden"? Das Insektizid DDT ist seit 1977 in der Bundesrepublik verboten, aber andere haben es ersetzt und Glyphosat und andere Herbizide kamen hinzu. Und die in den 60er Jahren begonnene Flurbereinigung sowie die parallel voranschreitende Versiegelung der Böden haben zu dem geführt, was Berthold als Hauptgrund für das Artensterben benennt: Biotopverlust. Wo kein Lebensraum, da kein Leben. Er nennt es "galoppierende Schwindsucht". Und die ist tödlich!

Berthold wirft den Grünen verfehlten Naturschutz vor

Das alles hat der Professor an der Uni Konstanz und langjährige Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie (Vogelwarte Radolfzell) in zig Studien nachgewiesen. Für den Fachmann sind Bienen- und Insektensterben, die plötzlich selbst in der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin auftauchen, keine Neuigkeiten. Null Vertrauen hat er in die Politik, dabei macht er auch keinen Unterschied zur grün geführten Landesregierung, der er einen verfehlten Naturschutz vorhält. Sein Vorwurf: Der neue Nationalpark im Nordschwarzwald führe zum Aussterben der letzten Auerhühner. Er nennt es "eine Katastrophe".

Aber all das lässt den gebürtigen Sachsen nicht verzagen, der 1953 mit seiner Mutter zum Vater auf die Schwäbische Alb floh. Seit seiner Emeritierung 2005 kämpfe er "wie ein Löwe für den Biotopverbund", antwortet er auf die Frage nach seinem Ruhestand. Das Naturschutzkonzept verfolgt das Ziel, bundesweit auf landwirtschaftlich uninteressanten Flächen künstliche Biotope mit einem Weiher zu schaffen, in denen sich die Natur regenerieren und entwickeln kann. Das Pilotprojekt startete er mit Hilfe der Heinz-Sielmann-Stiftung in seiner Heimatgemeinde Billafingen, zwischen Stockach und Überlingen gelegen.

Mit Blick ins Grüne: Peter Berthold in seinem Büro. Foto: Reck
Mit Blick ins Grüne: Peter Berthold in seinem Büro. Foto: Reck

Inzwischen gibt es bereits den Biotopverbund Bodensee – "ein Erfolgsmodell", sagt Berthold – und erklärtes Ziel sei es, in allen bundesweit 11 000 Gemeinden ein solches Biotop für die Artenvielfalt anzulegen. Dann nämlich wäre auch der biologische Austausch zwischen den neu geschaffenen Lebensräumen gewährleistet, schwärmt der Naturschützer. Den großen Vorteil sieht Berthold darin, dass dieses Konzept kommunal angesiedelt ist und es auf die Akteure vor Ort ankommt, die sich den "Naturschutz als positive Lebensphilosophie" zu eigen machen.

Peter Berthold, der Wissenschaftler, verstand sich schon immer auch als Praktiker. Das ist für einen Ornithologen nichts Ungewöhnliches, schließlich müssen Vögel gefangen, beringt und besendert werden und Jungvögel müssen von Hand gefüttert werden. Aber Berthold betätigte sich auch immer als Landwirt. Auf rund fünf Hektar hielt er allerlei Tiere und trieb Pflanzenstudien – bis heute hält er Schafe und Hühner und aus einem Teich holt er sich Forellen. Die Entwicklung verdeutlicht er in Zahlen: In den 50er Jahren reichten fünf Hektar für eine Bauersfamilie, heute brauche eine kleinere Familie mindestens 100 Hektar zur Existenzsicherung. Da der Grund und Boden aber definitiv begrenzt ist, würde mit immer höherem Einsatz der Ertrag gesteigert – zu Lasten der Biodiversität, in der die Vögel nur ein Teil davon seien.

Gänsevater Lorenz rettet Berthold vor dem Rausschmiss

Die Spirale dreht sich weiter. Wer dagegen aufbegehrt, bekommt es mit mächtigen Gegnern zu tun. Das hat Peter Berthold als noch junger Wissenschaftler erfahren. In seinen Lebenserinnerungen "Mein Leben für die Vögel" berichtet er von seinem "drohenden Rausschmiss" aus der Max-Planck-Gesellschaft 1973. Der Grund: Er benannte die Gründe für die rasanten "Bestandsrückgänge vieler Vogelarten": "Umweltgifte wie Quecksilber und DDT". Sein Problem: Die meisten seiner Kollegen betrieben "Elfenbeinforschung" und scheuten den Konflikt, wohl wissend wie eng die Max-Planck-Gesellschaft bis hin zu einzelnen Wissenschaftlern mit der chemischen Industrie verbandelt ist.

Berthold hingegen forderte öffentlich Mittel zur "Einrichtung eines Rückstandsanalyselabors". Wissenschaftlich vernünftig, aber gefährlich für die Hersteller von Bioziden, die um ihre Profite fürchten mussten. Bertholds Stuhl wackelte bedenklich, doch die Öffentlichkeit und ein prominenter Fürsprecher schützten ihn. "Gänsevater" Konrad Lorenz, Verhaltensforscher und Vorstandsmitglied der Gesellschaft, bewahrte Berthold vor dem Rausschmiss. So konnte er selbst zum Vogelvater werden.

Hui: Wildblumenwiese. Pfui: englischer Rasen. Fotos: Pixabay (li.), Pxhere, Montage: Kontext

Und als solcher kämpft er unermüdlich für seine gefiederten Schützlinge. Schreibt Bücher, tourt durch Talkshows, gibt Interviews und nimmt kein Blatt vor den Mund. Seine Zielgruppe sind die Menschen guten Willens, die vor ihrer Haustür und in ihrem Garten etwas für das Wohlergehen des Menschen liebster Spezies tun wollen. Da wird er sehr konkret: ganzjährig füttern – ganz wichtig –, Nisthilfen aufhängen, Katzen verjagen. Die Tatsache, dass alleine vier Prozent der Fläche Deutschlands aus Gärten besteht, stimmt den Alten nicht milde, sondern angriffslustig. Denn nicht erst in der großflächigen modernen Landwirtschaft sieht er das Problem.

Sein Lieblingsvogel: "Die Weihnachtsgans"

Die Sünden wider die Natur werden seiner Meinung nach auch dort begangen, wo die Menschen ihre Seele baumeln lassen: in ihren Gärten. Dabei kann der Mann, der mit seinem grauen Rauschebart und dem dicken Bauch einem Propheten gleicht, alttestamentarischen Zorn entfalten. "Zu über 90 Prozent sind das Psychopathengärten mit runtergehobeltem Psychopathenrasen. Es ist eine Frechheit, ein Stück des von Gott gegebenen Landes so zu missbrauchen", schimpft er in einem christlichen Magazin und fordert Vielfalt statt Einfalt. "Wenn alle Gärten naturnah wären, dann hätten wir deutschlandweit einen Biotopverbund." Und das ist es, was Peter Berthold will.

Eigentlich ist der 79-Jährige Kulturpessimist. Er zweifelt an der Lernbereitschaft der Menschen, die sich im Konsum erschöpfen. Er glaubt, dass nur "mittlere Katastrophen", siehe Fukushima, nicht nur zum Umdenken, sondern auch zum Umschalten führen. Aber eigentlich ist er auch ein unverbesserlicher Optimist. Er ist überzeugt, dass "jeder Mensch eine angeborene Naturbegeisterung hat" und die möchte er aktivieren. Unbedingt! Nicht nur für die Vögel, aber für sie besonders.

Gefragt, was sein Lieblingsvogel ist, meint er, "eine gut gebratene Weihnachtsgans". Aber weil Weihnachten nur einmal im Jahr ist, schiebt er nach: "Und ein Coq au Vin – acht Jahre alt aus eigener Haltung." Humor ist, wenn es trotzdem schmeckt.


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