Im Visier: der Wolf in Baden-Württemberg. Foto: Pixabay

Im Visier: der Wolf in Baden-Württemberg. Foto: Pixabay

Ausgabe 374
Schaubühne

Der böse Wolf

Von Rupert Koppold
Datum: 30.05.2018
Unserer Natur muss es gut gehen, denn der Wolf ist endlich aufgetaucht. Wie ein Heilsbringer wurde er sehnlichst erwartet. Nur ein paar Störenfriede sehen die Rückkehr des Raubtiers mit gemischten Gefühlen.

Dreiundvierzig tote Schafe – wenn das kein Grund zum Jubeln ist! Denn diese dreiundvierzig Tiere, die da in einer Nacht Ende April in der Nähe von Bad Wildbad zu Tode gebissen wurden oder, weil in Panik in den Fluss geflüchtet, ertrunken sind, die beweisen, dass auch Baden-Württemberg, so wie viele andere Bundesländer vorher, vom hoffnungsvollen "Wolferwartungsgebiet" zum stolzen Wolfaufenthaltsgebiet aufgestiegen ist.

Der Wolf: nicht süß. Foto: Johan Spaedtke/Wikimedia
Nicht süß: Canis lupus. Foto: Johan Spaedtke/Wikimedia

"Ahuuu – Willkommen Wolf!", so schreibt auf seiner Homepage schon lange der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der seit 2005 ein Projekt betreibt, in dem er die Rückkehr und Heimischwerdung des Raubtiers herbeisehnt und auch ermöglicht hat. "Der Wolf kommt nach Hause", so frohlockt der Nabu, der für Wolfspatenschaften wirbt und fordert: "Kümmern wir uns gemeinsam darum, dass der Wolf in Deutschland eine sichere Heimat findet." Und die Schafe … Äh, also die Schafe sind jetzt erst mal nicht so wichtig. Jedenfalls nicht so wichtig wie die dreihundert ehrenamtlichen WolfsbotschafterInnen, die durch die Lande streifen, um "Ängste und Vorurteile aus dem Weg zu räumen" und zu verkünden: "Mit dem Märchen vom bösen Wolf muss endlich Schluss sein."

Denn was wurde und wird da nicht alles zusammengelogen und rufgeschädigt in Folklore, Kunst, Literatur, Film oder Philosophie! Man könnte fast von einer Verschwörungstheorie sprechen. Da wären zum Beispiel die Grimm'schen Angstmacher-Märchen, vor allem das vom Rotkäppchen, das der Nabu besonders schlimm findet. Da wären aber auch diese vielen warnenden und also verleumderischen Sprichwörter ("Auch der wohlerzogene Wolf wird kein Lamm") aus so vielen Ländern und Kulturen. Oder diese Bilder, auf denen Wölfe Pferdekutschen hinterherjagen, Bauern umzingeln oder sich mit Kindern im Maul aus dem Staub machen. Oder diese Filme in Schneelandschaften – von "Wie ein Schrei im Wind" über "Soweit die Füße tragen" bis hin zu "The Grey" –, in denen Menschen von hungrigen Wolfsrudeln verfolgt und angegriffen werden. Von dem so vorsätzlich bösen Vergleich des Thomas Hobbes, demzufolge der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, gar nicht erst zu reden.

"Großmutter, warum hast du so große Zähne?" Das Rotkäppchen ist anfangs noch arglos. Bild: Gustave Doré/Wikimedia
"Großmutter, warum hast du so große Zähne?" Das Rotkäppchen ist anfangs noch arglos. Bild: Gustave Doré/Wikimedia

Wie gesagt: alles Propaganda. Und die Umwertung findet längst statt. Derzufolge ist der Wolf ein braver Gesell, jedenfalls in Bezug auf den Menschen. Sechzig Rudel, dreizehn Paare und drei Einzeltiere leben laut Nabu inzwischen in Deutschland. Keiner dieser Wölfe wird uns angreifen, so verkündet das die neue und boomende Branche der Wolfs-Experten. Wer anderes behaupte, habe eben keine Ahnung. Diese Ängste etwa, dass "der Wolf die Kinder von der Bushaltestelle wegholt", sagt Christiane Schröder vom Nabu Brandenburg in einem StZ-Interview, die seien einfach "unbegründet".

Sie hält auch, was die mengenmäßig recht erfolgreiche Wolfsattacke auf die Bad Wildbader Schafherde angeht, das vorwurfsvoll klingende Wort vom "Blutrausch" für "unangebracht". Die Schafe wären zu dicht aufeinander gestanden, hätten also zu wenig Platz zum Ausweichen gehabt. "Es entspricht in dieser Situation dem normalen Jagdverhalten des Tieres, es verfällt seinem Jagdtrieb." Schuld ist also ein bisschen das blöde Drängel-Schaf, auf jeden Fall aber der mit dem Platz geizende Schäfer. Dass dieser außerdem seine Herde auf der Flussseite uneingezäunt ließ, wird in Internetforen triumphierend vermerkt. Hah, den guten Wolf so zu unterschätzen!

Kein Mitleid mit toten Schafen

Andererseits müssen der Nabu und seine Freunde doch noch einiges tun, damit der Wolf bei uns wirklich "eine sichere Heimat" hat. Es ist nämlich nicht der Mensch dem Menschen ein Wolf – sonst ginge es ja friedlich zu –, dafür aber mancher Mensch dem Wolf ein Mensch. Zum Beispiel wurde, bevor das bei Eingeweihten unter dem Namen GW 852m firmierende Bad Wildbad-Exemplar in Baden-Württemberg angekommen ist, um zu bleiben, ein namenlos heimatsuchender Wolfskollege am Schluchsee erschossen aufgefunden. Der Umweltminister Franz Untersteller hat sehr bedauert, "dass ein Mensch das Leben dieses Geschöpfes mit Gewalt ausgelöscht hat".

Szene aus "The Grey": Liam Neeson kämpft um sein leben. Foto: Universum Film
Szene aus "The Grey": Liam Neeson kämpft um sein Leben. Foto: Universum Film

Eine große und edle Formulierung, fürwahr, die freilich nur toten Wölfen zusteht und keinesfalls toten Schafen. Johannes Enssle, der Nabu-Landesvorsitzende, hat für Hinweise zur Ergreifung des Schluchseer Wolfstöters eine Belohnung ausgesetzt, er spricht von einem "Verbrechen", macht die Tat also im juristischen Sinn zu einem Delikt, das mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe bedroht ist. Nun, die Gesetze müssen schleunigst nachgeschärft werden, zur Zeit gilt so eine Tat bloß als "Vergehen" und wird nur mit einer Geldstrafe in Höhe von maximal 50 000 Euro geahndet.

Auf seiner Liste getöteter Wölfe beklagt der Nabu seit dem Jahr 2000 insgesamt 24 Abschüsse. Der Ordnung halber soll hier auf eine etwas längere und ebenfalls bis in die Gegenwart führende Liste von Wolfsattacken in Kroatien, Russland, der Ukraine, der Türkei, der Mongolei, dem Iran, Indien, Pakistan, China, Kanada, Kirgisien oder Mazedonien hingewiesen werden, die unter anderem bei Wikipedia einzusehen ist. Dort taucht auch der Fall einer britischen Touristin in Griechenland auf, die im September 2017 zu Tode kam. Es waren Wölfe, so haben das ein Gerichtsmediziner und ein von ihm hinzugezogener Veterinärexperte behauptet. Aber was wiegen deren Aussagen schon im Vergleich mit denen eines deutschen Wolfsexperten wie Peter Sürth, der weiß, dass Wölfe so etwas einfach nicht tun und aus der Ferne erkennen kann, dass die Angreifer in Griechenland Hunde waren? Sürth ist übrigens schon mit einem angeketteten Wolf spazieren gegangen. Bei einem Informationsabend in Herrenberg, so die StZ, hat er einen ZDF-Film gezeigt, in dem eine krebskranke Biologin auf einer kanadischen Wiese sitzt. "Ein Wolfsrudel umzingelt sie, riecht an ihr, stupst sie, ohne jedes Zeichen von Angriffslust." Diese Erfahrung habe der Frau beim Ertragen ihres Schicksals geholfen, inzwischen sei sie auch geheilt.

Wolf im Schafspelz: supergefährlich. Foto: Gemeinfrei
Wolf im Schafspelz: supergefährlich. Foto: gemeinfrei

Wow, der Wolf als Heilsbringer! Also deshalb solch messianische Worte wie "Wolferwartungsland". Der Wolf ist eben auch ein schamanisches Totemtier, dessen Naturkraft angebetet wird und irgendwie auf den Menschen übergeht und außerdem … Aber wir schweifen ab. Und stoßen dummerweise noch einmal auf die erwähnte Liste der Wolfsattacken und auf einen Vorfall vom 17. Juni 2012 in einem Zoo in Schweden, wo Mensch und Wolf, so wie in dem von Sürth vorgeführten Film, ebenfalls in friedlicher Symbiose leben wollten. "Das getötete Opfer war eine Zooangestellte, die mit dem Wolfsrudel von Kolmarden gearbeitet hatte. Die Wölfe hatten schon vorher drei andere Menschen attackiert … Der Zoo verfolgte eine Politik 'sozialer Aktivitäten', bei der Angestellte mit den Tieren interagierten, um mit ihnen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen … Nach der Attacke beendete der Zoo seine 'sozialen Aktivitäten'." Nun ja, Peter Sürth könnte uns das sicher erklären. Möglicherweise waren das gar keine Wölfe. Oder die Angestellte hat sich nicht wolfsgerecht verhalten. Oder … Na, es wird ihm schon was einfallen.

Mal nicht vom Insektensterben sprechen

Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass die schwedischen Wölfe in einem Zoo gehalten wurden. Dabei kann der Wolf seine ganze Friedfertigkeit wohl nur in Freiheit entfalten. Dort beweist der Wolf dann auch, dass alles noch oder schon wieder ökologisch gesund ist. Uns ist ein Wolf erschienen! Wenn nämlich der Wolf majestätisch durch unsere Wälder heult, ist das eine Auszeichnung für uns, dann übertönt er das Gequieke malträtierter Schweine oder das Geräusch, das beim Massenschreddern von Küken entsteht, dann müssen wir auch mal nicht vom Insektensterben sprechen, von verseuchten Gewässern und versiegelten Böden, oder davon, dass unser landwirtschaftliches System die Bauern in Afrika und Südamerika in den Bankrott treibt. Oder dass … Nein, Schluss jetzt. Hören wir lieber dem Wolf und seinen Naturlauten zu: "Ahuuu!" Ach, ist das romantisch. Zum Mitheulen schön.

Wolfsangriff. Bild: J. Konarski, via Wikimedia Commons
Wolfsangriff. Bild: J. Konarski, via Wikimedia Commons

Schön ist ja auch, dass der geschützte Wolf sich auch an dichtbesiedelte Landschaft gewöhnt und dabei immer zutraulicher wird. In Rumänien, so erzählt der uns schon einschlägig bekannte Peter Sürth, trabten die Tiere auf Nahrungssuche am hellichten Tag durch Großstadtstraßen. Auch der Nabu weiß: "Wölfe brauchen keine Wildnis". Sie ließen sich da nieder, "wo sie genügend zu fressen finden und der Mensch sie leben lässt. In Italien kommen Wölfe zum Beispiel bis in die Vororte von Rom." In der Toscana scheint man da ein wenig rückständiger zu sein, jedenfalls haben dort Bauern laut einem Bericht des "Guardian" Kadaver des Raubtiers in die Stadtzentren geschmissen, um gegen das Anwachsen der Wolfspopulation zu protestieren. So schlimm geht es es bei uns noch nicht zu, auch wenn sich gelegentlich in altem ländlichen Denken verhaftete Feiglinge zu Wort melden. Der Landesbauernverband etwa, der von "täglicher Angst" vor Wolfsangriffen bei Weidegängen spricht. Oder der Schäfer von Bad Wildbad, der behauptet, er schlafe jetzt schlecht, weil der Wolf noch in der Nähe lauern könnte. Oder auch dessen Frau, die sagt, dass einige Spaziergänger nun ablegene Wege mieden und manche Farradfahrer nicht mehr allein in den Sattel stiegen. 

Wie gesagt: lauter unaufgeklärte Feiglinge! Deshalb heißt es für Umweltminister Untersteller weiterhin: "Unser Ziel ist es, ein Nebeneinander der Weidetierhaltung und des europaweit geschützten Wolfes zu ermöglichen." (Global gesehen, so schreibt der Nabu, werde "der Wolf von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) inzwischen nur als 'gering gefährdet' eingestuft.") Der Schäfer muss ja auch nur, wenn er für seinen Schaden kompensiert werden will – in Bad Wildbad sind 150 Euro pro gerissenes Tier versprochen – , einen hohen und auch in den Boden reichenden Elektrozaun um seine Schafe herum anbringen, und zwar mit 4000 Volt bei 500 Ohm und mit fünf Einzelkabeln und nicht mehr bloß mit vieren. Im steileren Gelände bei uns oder auf den langen Deichen im Norden mag das schwierig sein, aber, du meine Güte, diese Schäfer sollen sich doch nicht so anstellen! Es geht um Höheres, es geht um den Wolf. Und ja, der Schäfer sollte sich auch große Herdenhunde anschaffen, die nicht Schafe hüten, sondern sich gegen deren Angreifer stellen. Wobei diese robusten Tiere schon mal auf Touristen losgehen können. "In der Schweiz, in der weit mehr Hunde Herden schützen als in Deutschland, veröffentlicht das Bundesamt für Umwelt nun eine Karte, die zeigt, wo Schafherden mit Schutzhunden weiden, damit Wanderer die Gebiete umgehen können," so schreibt der "Freitag" im August 2017. 

Die sieben Geißlein haben nichts zu lachen. Bild: Leutemann/Offterdinger via Wikimedia Commons
Die sieben Geißlein haben nichts zu lachen. Bild: Leutemann/Offterdinger via Wikimedia Commons

Wie man sieht: Der Wolf tut uns gut, seine Wiederkehr schafft, in den Ämtern genauso wie in der freien Wirtschaft, auch jede Menge Arbeitsplätze, vom Herdenhundzüchter über den Zaunproduzenten bis hin zum Rissbegutachter. Sogar die Taxifahrer – wir kommen gleich darauf zurück – könnten bald vom Wolf profitieren! Sowieso stehen laut einer immer wieder zitierten Nabu-Umfrage aus dem Jahr 2015 fast achtzig Prozent der Deutschen der Rückehr des Wolfs positiv gegenüber. Nun ja, in Sachsen, wo damals die ersten Wölfe herumliefen, war die Zustimmung geringer. Dreißig Prozent gaben in dieser Umfrage auch an, sie hätten, wenn sie in einem Wolfsgebiet lebten, doch Angst, in den Wald zu gehen. Und wenn man jetzt mal in Bad Wildbad nachfragte … Der Nabu muss also weiter aufklären. Sodass auch die Stimme des Biologen, Umweltwissenschaftlers und emeritierten Professors Valerius Geist von der Universität Calgary nicht immer wieder dazwischenreden kann. Der Mythos vom harmlosen Wolf sei tödlich, schreibt Geist, der selber mal an diesen Mythos geglaubt hat, nun aber zum Ketzer geworden ist und ausführlich über fatale Angriffe und auch über eigene Erfahrungen berichtet.

In Finnland fährt schon ein "Wolfstaxi"

Will man das wirklich so genau lesen? Zum Beispiel, dass der Wolf, wenn er seine Scheu verloren hat, sich zuerst dem Menschen nähert, so als wäre er zahm. Und dass dieses "Herumhängen" und "der wachsende Mut und die Neugier anzeigen, dass der Wolf sein potenzielles Opfer begutachtet und die Stärke seines potenziellen Feindes." (Geist spricht übrigens vom nordamerikanischen Wolf. Den europäischen hält er für gefährlicher.) Wo Platz für den Wolf sei, so zitiert der Professor einen grönländischen Jäger, sei kein Platz für den Menschen – und umgekehrt. Trotzdem ist der Wolf in der EU geschützt, sodass er zwar in Russland abgeschossen wird, nicht aber ein paar Kilometer weiter westlich in der finnischen Provinz, wo Pia Ikonen mit ihrer Familie lebt und, so eine Reportage im "Guardian", nun besorgt beoabachtet, wie die Wölfe um ihren Bungalow schlichen, dabei immer dreister würden und schon ihren Hund geschnappt hätten.

Heute eine Hirschkuh, morgen vielleicht schon der Königin ihr Kind? Foto: Flickr as
Heute eine Hirschkuh, morgen vielleicht schon der Königin ihr Kind? Foto: Patrick Bell/Flickr, CC BY 2.0

Ihre Kinder, so Pia Ikonen, ließe sie nur noch unter Aufsicht draußen spielen, nach Einbruch der Dämmerung gar nicht mehr. Die Gemeinde zahlt inzwischen für ein "Wolfstaxi", das ihre und 31 weitere Kinder in der Region – damit sie nicht an der Bushaltestelle warten müssen – von der Haustür bis zur Schultür bringt. Ist es da nicht höchste Zeit für den Nabu, seine WolfsexpertInnen zur Ausmerzung unbegründeter Ängste auch nach Finnland zu schicken? Und auch dort mit der Aufklärung natürlich schon ganz früh beginnen, so wie auf der Hompage zu lesen: "Mit Spielideen, Bilderbuch, Poster und Audio-CD will der NABU Kindergartenkinder spielerisch über Wölfe in Deutschland informieren. Ein Wolfslied lädt nicht nur Kinder zum Mitsingen ein! Hören Sie den Wolfssong und laden Sie die Materialien herunter." Ahuuu!


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