Henri "Papillon" Charrière (Charlie Hunnam, links) und Louis Dega (Rami Malek). Fotos: Constantin Film/Jose Haro

Henri "Papillon" Charrière (Charlie Hunnam, links) und Louis Dega (Rami Malek). Fotos: Constantin Film/Jose Haro

Ausgabe 382
Kultur

Hymne auf die Freundschaft

Von Rupert Koppold
Datum: 25.07.2018
Im Remake des klassischen Gefängnis- und Ausbrecherfilms "Papillon" versuchen Charlie Hunnam und Rami Malek in die Fußstapfen von Steve McQueen und Dustin Hoffman zu treten. Und die sind eine Nummer zu groß.

Metallische Geräusche. Klick-Klick-Klick. Etwas rastet ein, der Safe geht auf, und der junge Henri Charrière, der ihn gerade geknackt hat, taucht mit einem Beutel voller Diamanten ein ins Nachtleben von Paris. In einem der Etablissements rund um das Moulin Rouge liefert dieser smarte und sportliche Kerl, der nach seiner Schmetterling-Tätowierung Papillon genannt wird, einem Unterweltsboss die Beute ab. Bis auf ein paar Klunker, die er nonchalant abzweigt für sich und eine schöne Tänzerin. Es ist das Jahr 1931, der Montmartre mit seinen Bars und Bordellen, dem Glücksspiel und den Varietés, leuchtet mondän, die Musik spielt dazu jazzig-optimistische Töne, und alles könnte so nostalgisch und glamourös weiterlaufen, etwa im Stil der zur selben Zeit spielenden und leicht ironischen Halbweltballade "Borsalino" (1970) oder einem US-Pendant wie "Der Clou" (1973).

Doch Michael Noers "Papillon" verliert plötzlich seine frivole Leichtigkeit und seine farbsatte Opulenz und mutiert zu einem ganz anderen Film. Nach einer Intrige wird der Held als Mörder verurteilt, seine gepflegte Strizzi-Frisur weicht einem gleichmacherischen Kurzhaarschnitt, er trägt auch nicht mehr elegante Anzüge, sondern steckt, so wie seine Mitgefangenen, in gestreifter Sträflingskluft. Im Dämmerlicht unter Deck des Schiffes, das die Gefangenen in die Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana verfrachten wird, bilden sich nun nach Darwin-Art Hierarchien. Harte und brutale Szenen. Wer schwach ist und zudem im Verdacht steht, Geld mit sich zu führen, dem wird schon mal der Bauch aufgeschlitzt und suchend im Gedärm gewühlt. Der kleine, bebrillte Fälscher Luis Dega (Rami Malek) hat dies beobachtet, mit schreckgeweiteten Augen, aber schockstumm. Jetzt könnte er dran sein, der Totmacher nähert sich schon – und Papillon greift ein. Aber nicht ganz selbstlos: Er wird Dega beschützen, wenn der ihm seine geplante Flucht finanziert.

Papillons Unterwelt-Glamourleben findet ein jähes Ende.
Papillons Unterwelt-Glamourleben findet ein jähes Ende.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen, 1969 erschienenen und als autobiografisch ausgegebenen Bestseller des Ex-Sträflings Henri Charrière, dazu auf dessen Nachfolgeroman "Banco", und nicht zuletzt auf dem Drehbuch, das Dalton Trumbo und Lorenzo Semple jr. für die erste Adaption schrieben, die 1973 in den Kinos Furore machte. Ein Klassiker der Gefängnis- und Ausbruchsgeschichten, der die französische Tradition oft verfilmter Romane wie "Der Graf von Monte Christo" fortsetzt. Es war die Zeit, in der Frankreich eigentlich noch selbstbewusst und stolz sein Kino und seine Stars präsentierte, in der sich ein Genre-Regisseur wie Jean-Pierre Melville ("Der eiskalte Engel") auch am "Papillon"-Projekt interessiert zeigte – und in der sich dann doch Hollywood des Stoffs bemächtigte, ihn durch den Regisseur Franklin J. Schaffner und mit den Superstars Steve McQueen und Dustin Hoffman zum globalen Erfolg führte.

Trauriger Tropen-Fake

Auch Michael Noers neuer "Papillon" ist wieder eine US-Produktion, in der die Originalschauplätze allerdings von Bildern aus Malta oder Montenegro gedoubelt werden. Vielleicht sehen die Tropen deshalb eher traurig aus, jedenfalls wirken sie nur selten wie ein jenseits der Mauern angesiedeltes Freiheits- und Glücksversprechen. Überhaupt gibt sich dieser Film noch ein bisschen karger, härter und, wenn man so will, realistischer als sein Vorgänger. Eine Männerstory mit dreckverschmierten Gesichtern, abgetragener Sträflingskleidung und kaltem Schweiß. Mit schweren Schritten in den Gängen, dumpfen Schlägen in den Zellen, unterdrückten Schreien. Und mit einem Direktor im weißen Anzug, der die Insassen nach gescheiterten Fluchtversuchen im Hof antreten und zusehen lässt, wie die Guillotine arbeitet. Dieses Genre erzählt ja fast immer von einem unmenschlichen System, in dem die Frage, ob einer schuldig ist, bald in den Hintergrund gerät. Es geht darum, durchzuhalten und zu überleben, und es geht vor allem für Papillon darum, sich dabei nicht brechen zu lassen. Auch nicht durch jahrelange Einzel- und Dunkelhaft.

Zumindest die beiden ungleichen Freunde macht die Haft nicht zu Tieren.
Zumindest die beiden ungleichen Freunde macht die Haft nicht zu Tieren.

Ein Lob der Stärke? Ja, auch. Aber mehr noch eine Hymne auf die Freundschaft. Denn aus der ursprünglichen Geschäftsbeziehung zwischen Papillon und Dega erwächst eine Loyalität und ein Sich-Kümmern um den andern. Papillons pessimistische Aussage, dass hier alle zu Tieren würden, wird also von Dega und ihm selber widerlegt. Irgendwann findet der ungebrochene Held sich auf der berüchtigten Teufelsinsel wieder und wird von seinem kleinen Freund, der sich durch vorgebliches Unterordnen und Bestechung am Leben erhalten hat, schon erwartet. Von diesen hohen Klippen, die Ende des 19. Jahrhunderts auch dem als Hochverräter denunzierten Alfred Dreyfus zum Gefängnis wurden, ist noch keiner entkommen, so heißt es. Papillon wirft trotzdem schon mal einen Blick übers weite Meer.

In solchen Szenen konnte damals Steve McQueen brillieren. Dieser intensive Blick aus blauen Augen. Diese zu höchster Konzentration geballte Ruhe. Dieses minimalistische Mienenspiel, bei dem man als Zuschauer zu hören meint, wie es in seinem Kopf plant und surrt und tickert. Charlie Hunnam als neuer Papillon macht seine Sache eigentlich ganz gut, er bringt eine beeindruckende Physis mit, er hat einen Ihr-könnt-mir-nichts-Gang drauf. Aber er ist eben, banal gesagt, nicht Steve McQueen, ein Star auf dem Höhepunkt seines Ruhms, dessen Charisma vom Regisseur Franklin J. Schaffner zudem verstärkt wurde durch große und sich einprägende Kinoszenen. Michael Noer dagegen, auch wenn er sich dem klassischen Erzählkino verbunden fühlt und auf hysterische Action-Orgien oder allzu viele CGI-Bilder verzichtet, scheut das Pathos eher. Sein Remake ist durchaus respektabel und unterhaltsam, aber wer den Schaffner-Film kennt, für den löst dieser neue "Papillon" eben nur die Erinnerung an den alten aus.

 

Info:

Michael Noers "Papillon" kommt am Donnerstag, den 26. Juli, in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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