Ein Wohnwagen als politisches Kunstprojekt.

Ein Wohnwagen als politisches Kunstprojekt.

Ausgabe 382
Kultur

Aktenschreddern als Happening

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Jens Volle
Datum: 25.07.2018
Drei Semester lang hat sich ein Seminar an der Stuttgarter Kunstakademie mit dem NSU-Komplex beschäftigt. Zum Semesterende lädt ein Wohnwagen dazu ein, sich auf das unheimliche Terrain der fremdenfeindlichen Mordserie zu begeben.

Der Rundgang am Ende des Sommersemesters ist der Höhepunkt im Jahreslauf der Stuttgarter Kunstakademie. Tagelang haben die Studierenden darauf hingefiebert, letzte Hand an ihre Arbeiten gelegt, Gemälde und Zeichnungen an den Wänden geradegerückt. In froher Entdeckerlaune ziehen die Besucher von einem Gebäude zum anderen, einige schon mit einem Getränk in der Hand. Wer einem Bekannten begegnet, bleibt erst mal stehen und tauscht sich aus. Der Vorplatz zwischen den drei Gebäuden ist von einem Rechteck aus Imbiss- und Getränkeständen umstellt. Tanzbeats wummern vom unteren Ende heran.

In dieser Situation setzen sich zwei Studentinnen ans Steuer und auf den Beifahrersitz eines alten Wohnmobils und zitieren aus einer Studie zur Orientierung rechtsextremer Jugendlicher: "Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links, wir sind so mittel." Die Aussage bildet den Anknüpfungspunkt, warum auf den weißen T-Shirts in einem roten Balken "somittel" steht, im Schriftzug Futura bold kursiv der Marke Supreme.

Der "Somittel"-Schriftzug nutzt dieselbe Type wie das beliebte Modelabel Supreme.
Der "Somittel"-Schriftzug nutzt dieselbe Type wie das beliebte Modelabel Supreme.

Warum Supreme? Es werde diskutiert, ob in dem Wort auch die "White Supremacy" stecke, die eingebildete Überlegenheit einer "weißen" Herrenrasse, erklärt Florian Siegert, einer der beteiligten Studenten, obwohl dies von dem angesagten New Yorker Modelabel gewiss nicht beabsichtigt sei. Supreme-T-Shirts, immer nur ganz kurz in begrenzter Zahl angeboten, können über 1000 Euro kosten. Der Wunsch, etwas Besonderes zu sein, kontrastiert mit der Durchschnittlichkeit der alltäglichen Existenz: so mittel.

Das wird man wohl noch sagen dürfen ...

Musik ist der Türöffner zur rechtsextremen Szene, die ein Katz- und Maus-Spiel spielt, sich nicht festlegen lassen will. Jugendliche können sich in Gewaltfantasien wiedererkennen. Auf die fremdenfeindliche Äußerung folgt postwendend ein: Aber bitte, so war das doch nicht gemeint. Wird man ja wohl noch sagen dürfen. Die beiden Kunststudentinnen auf der vorderen Sitzbank des Wohnmobils zitieren auch aus den Sitzungsprotokollen des baden-württembergischen Landtags-Untersuchungsausschusses sowie aus einem Kontext-Artikel vom 21. Februar: "Nazis und Bratwürste". Und sie verlesen die Einleitung des Tribunals "NSU-Komplex auflösen!" im Mai 2017 in Köln: "Wir klagen die Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden an, die über Jahre hinweg gegen die Angehörigen der Ermordeten und die Opfer der Bombenanschläge ermittelten und diese öffentlich in den Fokus der Verdächtigungen rückten."

Porträt Ülkü Süngün

Ülkü Süngün. Foto: Joachim E. Röttgers

Ülkü Süngün, geboren 1970 in Istanbul, hatte bereits ein Studium der Verfahrenstechnik abgeschlossen, als sie an der Stuttgarter Kunstakademie zu studieren begann. Noch im Studium gewann sie einen Wettbewerb zur Erweiterung eines Mahnmals für die deportierten Juden im Killesbergpark. Seit 2015 gibt sie Seminare an der Kunstakademie zu politischer Aktionskunst, Asylpolitik und Politiken des fotografischen Bildes. Neben dem dreiteiligen Seminar zum NSU gab sie zuletzt auch ein Seminar über visuelle Kommunikation an der Merz-Akademie und betreute mit ihrer dortigen Seminargruppe die Mitmach-Ausstellung "In Stuttgart zu Haus" im Linden-Museum, die gleichzeitig mit dem Akademie-Rundgang eröffnet hat. (dh)

Über drei Semester hinweg hat Ülkü Süngün an der Kunstakademie das Seminar "Prozess. Performance. Medien & der NSU Komplex" angeboten. Mit einer festen Kerngruppe, die über die ganze Zeit bei der Stange geblieben ist, ist sie zum NSU-Prozess in München und zum Tribunal nach Köln gefahren. Viele Sitzungen des Untersuchungsausschusses im Landtag haben sie besucht und ein direktes Gespräch mit dessen Vorsitzendem Wolfgang Drexler geführt. Süngün hat Caro Keller vom NSU-Watch eingeladen, der ehrenamtlichen Initiative, die sämtliche Sitzungen des Münchner Prozesses protokolliert und ins Netz gestellt hat, nachdem klar wurde, dass es ein amtliches Protokoll nicht geben würde. Andreas Hässler von der Landesarbeitsgemeinschaft Offene Jugendbildung Baden-Württemberg (Lago) hat über die Mobile Beratung gegen Rechts (mobirex) referiert.

Auf einem Tischchen vor dem Wohnmobil liegen Unterlagen aus: die Protokolle und ein 977 Seiten starker Bericht mit Beschlussempfehlung des Untersuchungsausschusses; die Anklageschrift des Kölner Tribunals; ein Handbuch für lokale Bündnisse gegen Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit; eine Publikation der Leuchtlinie, einer Beratungsstelle des Demokratiezentrums für Betroffene von rechter Gewalt, getragen vom Verein "Die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg" (TGBW).

Während die beiden Studentinnen noch vortragen, fangen etwas weiter hinten zwei weitere Teilnehmer mit Spaten und Rechen an, den Rasen aufzugraben. Sofort eilen fünf muskulöse Männer in Schwarz von der Türsteher-Agentur Stuttguard herbei. Ein Dozent beeilt sich, die Security-Leute aufzuklären, dass dies Teil einer künstlerischen Performance sei. Aber warum graben sie? Vorn hat an einem kleinen Aktenschredder die Vernichtung der Unterlagen begonnen, die später hier untergegraben werden.

Geschreddert und vergraben: Akten.
Geschreddert und vergraben: Akten.

"Das öffentliche Interesse an dem NSU Komplex ließ mit jedem Prozessjahr stark nach", schreibt Ülkü Süngün in der dem Thema gewidmeten Ausgabe der Studierenden-Zeitung "Autonoë", "doch wie lässt sich auf diese Situation von einer Kunstakademie aus antworten?" Die Antworten fanden sie und ihre Teilnehmer zum einen im "performativen Kern des Gerichthaltens", zum anderen in den Bildpolitiken der medialen Berichterstattung. Beides, Performance und Bild, sind Kerngebiete der Kunst.

"Das Stück, das auf der Bühne des Gerichtes gegeben wird", zitiert Süngün in ihrer Seminarankündigung die Rechtshistorikerin Cornelia Vismann, "gehorcht nicht den Regeln der getreuen Abbildung. Es unterliegt – angefangen von architektonisch vorgegebenen Blickachsen bis hin zur festgelegten Redeordnung vor Gericht – den Anforderungen der symbolischen Ordnung der Darstellbarkeit." Einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt sich dieses Stück aber nur in medialer Vermittlung. "Was passiert aber mit dem Gericht selbst, wenn die Medientechniken das Verfahren übernehmen?" fragt Vismann weiter.

Künstlerische Protokolle des NSU-Ausschusses

Diese Fragen bilden, neben der Lektüre von Autoren wie Jacques Derrida, Louis Althusser, Niklas Luhmann oder Michel Foucault, das theoretische Rüstzeug des Seminars. Die Praxis sieht anders aus. Eine bunt blinkende Döner-Kebab-Leuchtreklame lädt ein, den Wohnwagen zu betreten. Ein Kebabspieß ziert auch das Titelblatt der Studierendenzeitung. Als "Döner-Morde" wurden die Taten des NSU lange Zeit tituliert. Die Strafverfolgungsbehörden waren überzeugt, dass die Angehörigen der Opfer nur deshalb nicht aussagten, weil sie von einer mächtigen türkischen Mafia eingeschüchtert würden.

Lange wurden die rechtsradikalen Terrorakte als "Döner-Morde" bezeichnet.
Lange wurden die rechtsradikalen Terrorakte als "Döner-Morde" bezeichnet.

Zwei Fotos des neu gestalteten Landtags-Plenarsaals hängen an den Wänden: einmal von hinten, das andere Mal von vorn, aus der Perspektive des Redners. So viel zum Thema Blickachsen. Die Seminarteilnehmer haben mit ihren Mitteln, also künstlerisch, protokolliert. Sie notierten Aussagen, die ihnen besonders auffielen und fertigten Porträts der Zeugen an. Da der Landtag sich nicht zu einer eindeutigen Aussage durchringen konnte, ob dies erlaubt sei, haben sie diese Zeichnungen verpixelt. Man erkennt nichts mehr, aber der Name steht darunter. Fotos der Dargestellten sind ohne Weiteres im Internet zu finden. So viel zur Bildpolitik.

Zwei Schwarzweißfotos zeigen einen Teilnehmer mit Fahrrad außen vor dem Landtagsgebäude. So hat Uwe Böhnhardt 2003 vor einem Döner-Imbiss in der Stuttgarter Nordbahnhofstraße posiert, als das Trio mit dem Wohnmobil durch den Südwesten zog. Über Kopfhörer lässt sich nachhören: Es gibt Aufnahmen an verschiedenen Orten in Stuttgart, die auch auf einem Stadtplan angekreuzt sind und auf der sogenannten Zehntausenderliste möglicher Anschlagsziele wieder auftauchen, die in der ausgebrannten Wohnung von Beate Zschäpe gefunden worden war.

Alles so mittel, alles so gleich

"Ist es richtig, auf diese Weise mit der Angst zu spielen?", fragt Süngün. Aber sie will darauf hinweisen, dass die Mordserie uns alle angeht: auch in Stuttgart. Sie selbst hat Bedenken: Begibt sie sich in Gefahr, mit ihrem türkischen Namen? Auf einem großen Videobildschirm läuft die Gemeinschaftsarbeit der Seminargruppe, das Musikvideo "Mittelscheitel": "Alles weiß/ alles so mittel/ Mittelscheitel/ mittelreich/ alles gleich/ mittel geil/ alles oKKK/ alles in weiß ...". Wer das nicht ganz versteht, für den sind in der großformatigen Zeitschrift sieben Seiten Fußnoten und Anmerkungen zu den Fußnoten abgedruckt.

Die "mitteperformance" ist mit dem Kunstpreis "Förder-Koje" des Vereins der Freunde der Akademie Stuttgart ausgezeichnet worden. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass so etwas hier stattfindet. Manche meinen, das ist Politik und hat mit Kunst nichts zu tun. Bettina Lockemann, die selbst einmal an der Akademie unterrichtet hat und der 2010 eine große Einzelausstellung im Württembergischen Kunstverein gewidmet war, ist dagegen wegen der NSU-Performance extra aus Braunschweig angereist.

Performen auf dem Stuttgarter Schlossplatz (von links): Therese Friedemann, Florian Siegert, Helen Weber und Ülkü Süngün.
Performen auf dem Stuttgarter Schlossplatz (von links): Therese Friedemann, Florian Siegert, Helen Weber und Ülkü Süngün.

Süngün selbst fühlt sich etwas unbehaglich, sich als Künstlerin türkischer Herkunft mit der Mordserie an Ausländern beschäftigen zu müssen. Sie will sich keinesfalls in eine Polarisierung – wir Türken, ihr Deutsche oder umgekehrt – hineinziehen lassen. Aber sie ist eben die einzige, die dieses Thema angeboten hat. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft schaut weg, auch an der Akademie.

Sie selbst lädt in einer kleinen Performance, die sie schon viele Male wiederholt hat, einzelne Zuschauer ein, näherzutreten. Sie übt mit ihnen kurz die Aussprache türkischer Laute: das 'ş' etwa – wie deutsch 'sch', oder das 'ı' ohne i-Punkt, linguistisch definiert als "ungerundeter geschlossener Hinterzungenvokal". Um sie dann aufzufordern, ihr die Namen der zehn NSU-Mordopfer nachzusprechen, die auf einer Liste auch in Lautschrift abgedruckt sind: Enver Şimşek, Abdürrahim Özüdoğru, ... bis Michèle Kiesewetter.

Die Übung bewirkt zweierlei: Sie macht den Sprecher mit der Aussprache des Türkischen vertraut, der hierzulande nach Deutsch von den meisten Menschen gesprochenen Sprache – von der die Wenigsten einen Begriff haben. Und sie tut, was im Zentrum jeder Gedenkfeier, jeder Gedenktafel, jeden Mahnmals steht, egal worum es geht: Sie nennt die Namen der Opfer.


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