Über Stuttgart geht die Sonne unter. Die Schwabenmetropole in ihrem Imagefilm. Screenshots: Youtube

Über Stuttgart geht die Sonne unter. Die Schwabenmetropole in ihrem Imagefilm. Screenshots: Youtube

Ausgabe 388
Medien

Traumstadt von Traumwelt

Von Rupert Koppold
Datum: 05.09.2018
Stuttgart hat sich einen neuen Imagefilm bestellt. Und einen bekommen, in dem fast alles drin ist. Unser Filmkritiker hat ihn sich angeschaut und hält ihn, so kurz er auch ist, für verlorene Zeit.

Was kann man in zwei Minuten und siebenundfünfzig Sekunden alles machen? Äh, also, hm ja, mal überlegen, da fällt einem schon noch was ein, also zum Beispiel, oder eventuell doch lieber ... Stopp! Zeit ist um. Um es kurz zu machen: In zwei Minuten und sechsundfünfzig Sekunden kann man sich einen Stuttgart-Film anschauen, in den die ganze Stadt hineineinpasst. Um es ein bisschen länger zu machen: Man kann in dieser Zeit einen neuen Image-Film bewundern, den sich die Stadt respektive Stuttgart Marketing bestellt hat, und der Folgendes vermitteln soll: Weltoffenheit vereint mit schwäbischer Lebensart, das Nebeneinander von Innovation und Hochkultur, die moderne Großstadt in grüner Kessellage. Klar, dass für so ein Vorhaben nur eine Firma in Frage kam, die sich "Traumwelt" nennt.

Wie die Filmbestellung im Detail vor sich ging, wollte man bei Stuttgart Marketing nicht beantworten, aber weil die Firma "Traumwelt" auf ihrer Homepage verkündet, sie habe den "Anspruch, die richtigen Fragen zu stellen und die Vision unseres Kunden voll zu erfassen", kann man sich das Bestellgespräch gut vorstellen. "Ha, es soll halt älles nei, gell!" Und es ist ja nun auch fast alles drin: Sonnenaufgang-Blick-in-Talkessel-Fernsehturm-Stadtbibliothek-LBBW-Stäffele-Maultaschen-Kunstmuseum-Solitude-Villa Reitzenstein-Dorotheenquartier-Altes Schloss-Rathausturm-Stiftskirche-Hafen-Breakdanceclub-Bismarckturm-Weinberge-Besenwirtschaft-Gourmetküche-Wilhelma-Weihnachtsmarkt-Schlossplatz-Oper-Konzert-Ballett-Weindorf-VVS-Elektrofahrzeuge-Wasen-Flughafen-Messe-Bosch-Daimler-Porsche-Graffiti-S-21-Simulation-Bahnhofsbaustelle-Tennis-Turnen-Staatsgalerie-Computer-VfB-Stadion-Schlossplatz-Sonnenuntergang. Hurra! So schnell und auch noch ganz ohne Worte kann man Stuttgart fertigmachen!

Aber halt, nörgelt der Landesfrauenrat, der Film zeige keineswegs die Vielfalt der Stadt, er ignoriere zum Beispiel die Radfahrer und rücke dafür die Automobilfirmen in den Vordergrund, und er präsentiere zudem ein "nicht mehr zeitgemäßes Rollenmuster", weil Männer die Macher seien und Frauen nur Staffage.

Männer sind die Macher. Auch bei dieser ...
Männer sind die Macher. Auch bei dieser ...
... lustigen Sequenz des Armumlegens.
... lustigen Sequenz des Armumlegens.


Und wer hat jetzt noch was rumzunörgeln? Aha, natürlich SÖS-Linke-Plus. Die Gemeinderatsfraktion schließt sich der Kritik des Landesfrauenrats an und bemängelt zusätzlich, dass keine CSD-Parade, keine Menschen mit Behinderung und kaum Menschen mit Migrationshintergrund zu sehen sind: "Nur in Minute 1:43 und 1:48 erscheint für den Bruchteil einer Sekunde je ein Mensch, der eine Einwanderungsgeschichte haben könnte." Aber das ist jetzt ein bisschen kleinlich, auch weil das Auge ja gar nicht feststellen kann, ob nicht vielleicht doch ein paar Rad- oder Rollstuhlfahrende durch die hektischen Schnittgewitter und Zeitrafferbilder hindurchhuschen. Vielleicht auch noch ein dritter Mensch mit Einwanderungsgeschichte. Oder gar eine Frau, die was macht.

Sehr intakt und mindestens affig

Man sollte also nicht so herumnörgeln, sondern lieber loben, dass der Film im Sammeln seiner Stuttgart-Bilder und in deren visuellem Abhaken geradezu buchhalterischen Fleiß entwickelt, und dass er auf ästhetische Mittel zurückgreift, die sich schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bewährt haben, etwa ein mit der Percussion synchronisiertes Zoom-Geruckel, wie es damals der "Beat Club" im TV vorgemacht hat. Jawohl, Stuttgart kriegt hier, vor allem zu Beginn, ein paar wuchtige Schläge ab, unter denen Fernsehturm und Co. erzittern. Auch danach ist die Stadt immer in hektischer Bewegung, aber dies eben immer im Takt und somit quasi intakt.

Nicht nur ihn macht das Filmchen nervös.
Nicht nur ihn macht das Filmchen nervös.

Alle fünfzig (oder noch mehr?) Stuttgarter Stationen sind übrigens nur sekundenkurz zu sehen, werden also herausgelöst aus ihrer arroganten Individualität und in vorbildlich flacher Hierarchie aneinandergereiht, zeigen sich so als gleichrangig und rutschen hurtig an unserem Erinnerungsspeicher vorbei. Bloß die Viecher in der Wilhelma, vor allem dieser Affe, der so maulaufreißend gähnt, werden ungebührlich prominent herausgestellt.

Was diese zwei Minuten und siebenundfünfzig Sekunden gekostet haben, will jetzt einer dieser überkritischen "Kontext"-Leser wissen. Also, soooo genau weiß mans nicht, weil nämlich, so schreibt die Stuttgarter Zeitung, zwischen Stadt und "Traumwelt" diesbezüglich "Stillschweigen" vereinbart wurde. Aber man kann sich das alles ja annäherungsweise selber zusammenrechnen. Die Firma "Traumwelt" hat sich vermutlich, so wie auch Hinz und Kunz, der Smartphone-App Google Fotos bedient, die mit Bildern und Videos des Nutzers arbeitet. Google erstelle hieraus, so ein Testberichter, "ein neues Video mit Hintergrundmusik". Im ersten Vorschlag habe er "sogar immer das Gefühl, dass die Schnitte und Szenenwechsel immer im Takt zur Musik stattfinden, was das Video deutlich professioneller wirken lässt." Alles klar. Der Stuttgart-Film hat also nichts gekostet. Und ist auch genauso viel wert.


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