Rike (Susanne Wolff) weiß, wohin sie will, und schwimmt einen Umweg. Screenshots: Youtube

Rike (Susanne Wolff) weiß, wohin sie will, und schwimmt einen Umweg. Screenshots: Youtube

Ausgabe 389
Medien

Das Paradies muss warten

Von Rupert Koppold
Datum: 12.09.2018
In Wolfgang Fischers Drama "Styx" spielt Susanne Wolff eine Seglerin, die auf ihrer Reise in den Südatlantik auf ein leckgeschlagenes Flüchtlingsschiff trifft. Großes, extrem physisches Kino mit einer schlicht fantastischen Hauptdarstellerin.

Nachts in einer deutschen Stadt. Zwei großmotorige Autos jagen über eine Kreuzung, liefern sich offensichtlich ein Rennen, das die Kamera aber nicht weiter interessiert und auch nicht weiter verfolgt. Sie bleibt bei dem Kleinwagen, der von einem der beiden Raser angefahren wurde und dessen Fahrer bewusstlos aufs Steuer gesunken ist. Sie schaut aus der Vogelperspektive zu, wie die Polizei eintrifft, die Feuerwehr, ein Krankenwagen. Dann führt sie den Zuschauer näher ans Geschehen. Eine Notärztin (Susanne Wolff) in roter Weste spricht den Verletzten an, fixiert seinen Kopf, holt ihn mit ihrem Team aus dem Fahrzeug, versorgt ihn routiniert und professionell. Diese Frau weiß, was zu tun ist.

Rike heißt diese etwa vierzigjährige Frau, die nun zu sehen ist, wie sie im Hafen von Gibraltar ihre weiße Zwölf-Meter-Jacht "Asa Gray" für eine längere Reise ausrüstet und belädt. Sie geht beim Verstauen der Gerätschaften und des Proviants methodisch vor, sie muss nicht viel nachdenken, sie führt einen Plan aus. Auch ein Buch hat sie dabei, einen großformatigen Hardcover-Band mit Bildern von einer üppig bewachsenen Insel, auf dem der Titel "The Creation of Paradise" und der Name Charles Darwin zu lesen ist. Auf einer Seekarte zirkelt Rike nun ihre Route ab, die im Südatlantik enden soll, auf eben jener Insel, die "Ascension Island" genannt wird.

Jetzt geht es los, sehr aufrecht und mit konzentrierter Miene steht Rike am Steuer. Sie skippert ohne zu zögern an hochaufragenden Tankern vorbei, befestigt Taue, betätigt Winden, holt die Segel ein. Sie ist nun ganz allein auf weiter See und fürchtet sich nicht, scheint ihre völlig losgelöste und autarke Existenz vielmehr zu genießen, wird dabei aber nicht euphorisch. Rike springt nackt ins Wasser und schwimmt, wäscht sich die Haare, schaut in den Sonnenuntergang und liest, inspiziert in der Dunkelheit mit einer Helmlampe ihr Boot. Und wie Susanne Wolff, selber eine passionierte Seglerin, dies alles mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit spielt, so, dass es gar nicht mehr nach Spielen aussieht, dass es vielmehr wirkt, als wäre sie tatsächlich auf ihrer Jacht unterwegs und die Kamera würde dies nur in langen Einstellungen dokumentieren, das ist eine starke Leistung.

Pathos des Elementaren

Keine Musik ist in diesen Szenen auf See zu hören, nur eine Sinfonie der Geräusche: das Sirren von Seilen, das Knirschen von Holz, das Rauschen des Wassers unterm Kiel oder das Klatschen, wenn der Bug in die Wellen taucht. Es ist sehr schlankes, sehr konkretes, sehr physisches Kino, das der Regisseur Wolfgang Fischer, der mit Ika Künzel auch das Drehbuch geschrieben hat, hier inszeniert. Der Zuschauer weiß nicht viel über Rike, weder über ihre Vergangenheit noch über ihr aktuelles Privatleben. Doch aus wenigen Andeutungen und aus der Weise, wie sie im Hier und Jetzt agiert, wird dennoch ein Charakter sichtbar. Nicht viel erklären, lieber beobachten und zeigen. So wie der Autor Ernest Hemingway setzt der Regisseur Fischer auf das Pathos des Einfachen, Sachlichen und Elementaren, und so wie im Roman "Der alte Mann und das Meer" führt gerade dieser Verzicht auf üppig-breites Ausmalen auch in diesem Film in die mythische Überhöhung.

Wobei das Meer für die Fiktion – von Homers "Odyssee" über Melvilles "Moby Dick" bis hin zu J. C. Chandors filmischem Einhandsegler-Drama "All is lost" – sowieso ein Gebiet ist, dessen unendliche Leere mit existenzieller Bedeutung aufgeladen wird. Wolfgang Fischer und Ika Künzel helfen dabei in ihren Benennungen noch ein bisschen mythologisch nach: Der Zielort "Ascension Island" etwa kann auch die Insel der Auferstehung bedeuten, und der Filmtitel "Styx" bezieht sich auf jenen Namen, den in der griechischen Antike der Fluss trägt, der die Lebenden von den Toten scheidet.

Rupert Neudeck stand hier Pate: Rike widersetzt sich dem Befehl, abzudrehen.
Rupert Neudeck stand hier Pate: Rike widersetzt sich dem Befehl, abzudrehen.

Aber nun wird es wieder konkret: Rike hat einen nächtlichen Sturm zu überstehen, vor dem sie ein parallelfahrender Tankerkapitän gewarnt hat. Sie ist vorbereitet, sie trotzt der aufgepeitschten Natur, sie weiß immer noch, was zu tun ist. Ab dann wird sie aber mit etwas konfrontiert, das auch ihr die Grenzen aufzeigt. Da draußen, irgendwo bei den Kapverden und nur 150 Meter von ihrer Jacht entfernt, treibt ein manövrierunfähiger Fischtrawler. Und auf diesem, immer nur aus der Distanz zu sehen, hunderte von winkenden afrikanischen Flüchtlingen, von denen sich einige ins Wasser stürzen und auf die "Asa Gray" zuschwimmen. Nur einer, der vierzehnjährige Kingsley (Gedion Oduor Wekesa), schafft es und wird von Rike mühsam aus dem Wasser gehievt.

Zwischen Lebenden und Toten – auch das meint "Styx"

Sie funkt die Küstenwache an und erhält den dringenden Rat, nein, den Befehl, sich mit ihrer viel zu kleinen Jacht dem leckgeschlagenen Trawler nicht zu nähern. Das würde nur Chaos anrichten und dazu führen, dass noch mehr Flüchtlinge über Bord sprängen. Und spätestens jetzt ist dieser Film, bei dem sich der Regisseur unter anderem vom berühmten Flüchtlingshelfer Rupert Neudeck beraten ließ, mitten in jenem Europa angekommen, das seine Häfen für Flüchtlingsschiffe sperrt. Und auch mitten in jenen deutschen Diskussionen, bei denen höhnisch-hasserfüllte Rufe wie "Absaufen! Absaufen lassen!" zu hören sind. Nein, Rike gehört ganz und gar nicht zu diesen Rufern, sie ist die barmherzige Samariterin, die Kingsley versorgt – unter anderem mit einer dieser inzwischen so bekannten Goldfolien – und auch immer wieder auf das dahindümpelnde Schifflein mit seinen hilflosen Passagieren schaut. Sie fährt nicht näher ran, auch wenn Kingsley ("Meine Schwester ist da drüben!") sie verzweifelt darum bittet, aber sie bleibt in Sichtweite.

Wird die Küstenwache rechtzeitig eintreffen? Wird vielleicht der Tankerkapitän, der Rike vor dem Sturm gewarnt hat, seinen Kurs ändern, obwohl seine Firma ihm für solche Fälle andere Order gegeben hat? Könnte es aber auch sein, dass Ertrinkende schwarzer Hautfarbe für potenzielle Helfer weniger wichtig sind als Weiße? Und vor allem: Wie wird Rike sich nun verhalten? Wäre der Fall für sie erledigt, wenn sie, wie von der Küstenwache empfohlen, jetzt weitersegelte? Wäre der sinkende Trawler dann nicht nur aus ihren Augen verschwunden, sondern auch aus ihrem Sinn? Was diese Situation ihr aufbürdet, ist für einen Menschen allein nicht zu bewältigen. Diese Frau, die sonst immer genau weiß, was zu tun ist, fühlt sich jetzt allein und im Stich gelassen.

P.S.: Noch einen Namen trägt der Film mit sich, ohne ihn weiter zu erklären. Rikes Jacht ist benannt nach Asa Gray, einem berühmten Botaniker des 19. Jahrhunderts, für den wissenschaftlich feststand, dass alle Menschen genetisch miteinander verwandt sind und eine Gemeinschaft bilden.


Wolfgang Fischers "Styx" ist ab Donnerstag, 13. September, in den Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, finden Sie hier.


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