Chris Hemsworths Auftritt als böser Sektenguru in "Bad Times at the El Royale". Fotos: Fox

Chris Hemsworths Auftritt als böser Sektenguru in "Bad Times at the El Royale". Fotos: Fox

Ausgabe 393
Kultur

Menschen im Hotel

Von Rupert Koppold
Datum: 10.10.2018
Drew Goddards Thriller "Bad Times at the El Royale" erinnert an die Werke von Quentin Tarantino. Ist Goddard ein billiger Kopist? Nein, meint unser Filmkritiker, denn er lädt seine verschachtelte, auf ein Showdown drängende Geschichte mit eigenen Ideen auf und gibt ihr einen politischen Hintergrund.

Ein amerikanisches Hotelzimmer. Die Tür geht auf, ein Mann kommt herein. Er trägt Mantel, Hut, zwei Taschen und eine Knarre. Schon sind, in einer einzigen Einstellung, einschlägige Zeichen gesetzt, schon sind wir in einem Film noir. Der Mann rollt den Teppich auf, legt die Dielenbretter frei, versteckt seine Taschen. Der Filmschnitt verkürzt den Vorgang, aber noch immer zeigt die starre Kamera ungerührt denselben Bildausschnitt. Auch dann noch, als der Teppich wieder am Platz ist, als es klopft, und als der Mann nach einem Blick durch den Spion die Tür öffnet. Dann kracht ein Schuss. Und dann verkündet ein Insert: "Zehn Jahre später".

Wer so inszeniert, der will sich nicht bewusstlos in ein Genre fügen, sondern mit diesem spielen. Und wie virtuos der Regisseur und Drehbuchautor Drew Goddard solche Genre-Spiele beherrscht, hat er zum Beispiel in "Cabin in the Woods" (2012) bewiesen, in dem eine Hütte im Wald zur Erzählmaschine wird und – vom axtschwingenden Hinterwäldler bis hin zum Zombie – auch zu einer cleveren Anthologie des Horrorkinos. In "Bad Times at the El Royale" ist aus der Hütte nun ein Hotel im Wald geworden, und statt des Horrorgenres probiert Goddard in dem zunächst fast leeren Gebäude das Thriller- und Mystery-Kino aus.

Es ist nun das Jahr 1969 und nach und nach trifft das "Personal" des Films ein: Der bärtige alte Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), der geschwätzige Staubsaugervertreter Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm), die schwarze Sängerin Darlene (Cynthia Erivo) und die coole Femme fatale (Dakota Johnson), die in Hosen und mit Sonnenbrille hereinstiefelt und sich ins Gästebuch als "Fuck You" einträgt. Einige haben ganz spezifische Zimmerwünsche, alle werden sie vom jungen und ein wenig unbedarft wirkenden Ein-Mann-Hotel-Bediensteten Miles (Lewis Pullman) auf die Geschichte des Hotels hingewiesen, durch das die markierte Grenze zwischen Kalifornien und dem Kasino-Staat Nevada verläuft und in dem gerahmte Fotos von Marilyn Monroe oder dem Rat Pack an glanzvollere Tage erinnern.

Staubsaugervertreter Sullivan (Jon Hamm), Priester Flynn (Jeff Bridges), Sängerin Darlene (Cynthia Erivo) und ein "Management" als Strippenzieher.
Staubsaugervertreter Sullivan (Jon Hamm), Priester Flynn (Jeff Bridges), Sängerin Darlene (Cynthia Erivo) und ein "Management" als Strippenzieher.

Wobei die weite Lobby mit ihren Farben und Formen, in denen der populäre Architektur-Chic der fünfziger und sechziger Jahre mit den Holz- und Stein-Interieurs von Frank Lloyd Wright zusammenfinden, immer noch attraktiv aussieht. Nein, das ist eine Untertreibung: diese Lobby mit ihrem offenen Kamin, den Deckenlampen oder dem Rezeptionsschalter, hinter dem aus einem Glaskasten ein Steinbock und ein Bär herauslugen (beide ausgestopft), diese Lobby ist ein veritabler Hingucker, bei dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt. Also nicht nur die gut bestückte Bar oder die Wurlitzer-Juke-Box mit ihren tollen zeitgenössischen Rhythm-'n'-Blues-Nummern, sondern auch beiläufig von der Kamera gestreifte Gemälde von Frauen mit Gewehren. Denn in dieser mysteriös verschachtelten und erst nach und nach ihr mörderisches Potenzial entfaltenden Geschichte sind die Frauen keineswegs das schwache Geschlecht: Sie schlagen und schießen sehr beherzt mit.

Sieben Stories münden in fulminantem Finale

Nichts ist in diesem stylischen Film, wie oder was es scheint: der brave Staubsaugervertreter Sullivan wird, kaum hat er die Tür hinter sich geschlossen, zum kaltblütigen Profi, der aus seinem doppelbödigen Koffer Spezialwerkzeug holt, sich methodisch ans Entwanzen seines Zimmers macht und auch noch eine Diskrepanz zwischen den Innen- und den Außenmaßen des Gebäudes entdeckt. In einer grandiosen Kamerafahrt, in der die Voyeur-Perspektive von Protagonist und Zuschauer quasi in eins fällt, streift Sullivan durch einen dunklen Zwischengang, von dem aus er in die Hotelzimmer blicken kann – durch Fenster hindurch, die sich innen als Spiegel tarnen. Und er sieht und hört, wie Darlene singt, wie Flynn den Boden aufgehebelt hat und wie die Femme fatale eine bewusstlose junge Frau hereinschleppt und auf einem Stuhl festbindet.

Dakota Johnson spielt die Femme fatale.
Dakota Johnson spielt die Femme fatale.

Da braut sich also was zusammen. Und passgenau zieht draußen auch ein Gewitter auf. So wie der Blizzard in Quentin Tarantinos Thriller-Western "The Hateful Eight", in dem die Personen ebenfalls an einem abgelegenen Ort festsitzen und lange in einem großen Innenraum herumplänkeln, bevor sich alles blutig entlädt. Auch die "Bad Times at the El Royale"-Erzählstruktur mit ihrer Kapiteleinteilung, ihren die Vorgeschichte der Protagonisten erklärenden Rückblenden oder ihrem Kniff, schon Gesehenes aus anderer Perspektive zu wiederholen, erinnert an Tarantino-Werke, auch an dessen 1994 entstandenes und immer noch genreprägendes Werk "Pulp Fiction". Aber Goddard ist kein billiger Kopist, wie so viele vor ihm, er holt sich das Tarantino-Kino (und ein bisschen auch das von Hitchcock) als Referenzrahmen, in dem er eigene Ideen ausmalen kann.

Zum Beispiel die Idee, dass die USA sich in jenem Jahr, in dem der Film spielt, zum Schlechten verändert hatten. Hinter dem nostalgischen Look verbergen sich also, wie schon der Filmtitel sagt, böse Zeiten. "Der Optimismus der frühen Sechziger", sagt Goddard, "wurde hinweggespült durch ein Attentat nach dem anderen, und danach kroch die Dunkelheit durchs Land. Es war das Jahr 1969, wo man wirklich spürte, wie dieser Zeitenwechsel sich verfestigte." Dieses Gefühl wird in "Bad Times at the El Royale" zwar nicht explizit vorgeführt – banal gesagt: die Protagonisten diskutieren nicht über Politik –, aber es ist als eine Art Grundrauschen präsent. Im Fernsehen etwa spricht Richard Nixon davon, dass der Vietnamkrieg geführt werden müsse. Darlene könnte viel von Rassismuserfahrungen erzählen. Der junge Miles, der sich in seiner Portierskammer Heroin spritzt, hat schon mit Blei geschossen. Der spät, aber fulminant zum feurigen Finale auftretende Chris Hemsworth als charismatisch-böser Sektenguru stachelt seine Anhängerinnen auf wie damals Charles Manson.

Und dann ist da noch das Hotel selbst: ein getarntes und tatsächlich für Erpressungen eingerichtetes Geschäftsgebäude, in dem hinter den Zimmerspiegeln eine Kamera installiert ist. Von wem? Miles gesteht, dass er die Filme einem "Management" schickt, das jedoch anonym bleibt. Dieses Geschäft hat also nicht nur System, es ist sozusagen das System. In diesem spielt auch ein Mann eine Rolle, dessen nie wirklich aufgeklärte Ermordung zur Ursünde der neueren Historie der USA geworden ist. Eine dokumentarische Filmrolle, die diesen Politiker bei außerehelichen Aktivitäten zeigt. Obwohl dieser Mann schon tot ist, so heißt es hier, könnten diese Zelluloidschnipsel immer noch viel kaputtmachen. Nein, der Name wird nicht genannt. Aber wahrscheinlich beginnt er mit K und endet mit ennedy.


Info:

Drew Goddards "Bad Times at the El Royale" kommt am Donnerstag, 11. Oktober in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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