Ein Film, den es nie geben wird, in einem Kino, das längst Geschichte ist: "Ostend Lichtspiele" steht an der Schaufensterscheibe des Stuttgarter Projektraums Ostend, der ungefähr fünfmal im Jahr seine Identität wechselt – im vergangenen Jahr etwa vom Teppichbazar zum Späti zur gynäkologischen Praxis. Der Schriftzug stammt von einem echten ehemaligen Kino eine Ecke weiter. Doch der Projektraum zeigt keinen Film, sondern eine Fotoausstellung.
Früher gab es hier tatsächlich ein Kino.
Die Fotos von Heike Liss regen dazu an, die angehaltene Handlung in den Bildern – Szenen am Strand, im Café, in der Welt der Schönen und Reichen – im Kopf weiterzuspinnen. Sehr viel trashiger geht es 500 Meter weiter die Straße hinauf bei der Galerie Zero Arts zu, wo ein junger Künstler namens Schaschlikschnauze Plastikgehäuse ausrangierter Elektro-Haushaltsgeräte zu kuriosen Objekten zusammenbaut. Sie haben entweder schon als Kulisse für einen Film gedient oder könnten es zumindest. Zusätzlich wird der Trailer zu einem professionell produzierten Kurzfilm gezeigt, der Titel: “Wie im Kopf”.
People-Watching als Grundlage
Die Ostend-Lichtspiele gab es tatsächlich, von 1911 bis 1980. Es war das älteste Kino im Stuttgarter Osten und befand sich zuletzt in der Ostendstraße 68. Der Name ist immer noch zu erkennen und diente als Vorbild für den Schriftzug am Fenster des Projektraums. Die ausgestellten Fotos von Heike Liss haben alle dasselbe querrechteckige Format, im Verhältnis 3:4 wie im klassischen, analogen Film, mit einem schmalen weißen Rand und einer Bildunterschrift. Genau so sahen die Fotos aus, die früher im Foyer der Kinos die Filme ankündigten.
"People-Watching ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen", bekennt die Fotografin. Die Idee zu der Serie kam ihr am Rheinufer in Basel: "Auf der Promenade tummeln sich Flaneure, Jogger, Radfahrer und Hundebesitzer. Die Bänke sind besetzt mit dösenden Pensionären in bequemen Hosen und zeitungslesenden Herren in gediegenen Anzügen." Angestellte des dort ansässigen Pharmakonzerns Novartis genehmigen sich einen Aperol Spritz, "auf den oberen Treppen in knapper Badekleidung die Bier trinkende Jugend, etwas weiter unten die mit Tragetaschen beladenen grillenden Großfamilien". Als sie dann noch in einer Trattoria in Rom einen kleinen Jungen am Tisch sitzen sah, war die Idee da.




0 Kommentare verfügbar
Schreiben Sie den ersten Kommentar!