Ausgabe 446
Kultur

Die Morgenröte fand nicht statt

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 16.10.2019
Sechs vielversprechende junge Künstler probten vor 100 Jahren in Stuttgart den Aufstand. Sie wollten Paul Klee an die Akademie holen. Ihr weiterer Werdegang reflektiert wie ein Kaleidoskop die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Während in Weimar 1919 das Bauhaus seinen Betrieb aufnahm, schlossen sich in Stuttgart sechs junge Künstler zusammen, die durch den Rücktritt ihres Lehrers Adolf Hölzel heimatlos geworden waren. Diese beiden Entwicklungen ereigneten sich nicht nur gleichzeitig, zwischen ihnen bestand auch ein Zusammenhang.

Denn Hölzels Lehre übte, über die Vermittlung durch seinen Schüler Johannes Itten, großen Einfluss auf das Bauhaus aus. Der junge Schweizer Itten war 1913 zu Fuß durch den Schwarzwald nach Stuttgart gewandert, um bei ihm zu studieren. Da er als Anfänger eingestuft wurde, vermittelte ihm Hölzels Assistentin Ida Kerkovius die Lehren des Meisters. Wissbegierig notierte er alles in sein Skizzenbuch. Dieses wurde später zum Ausgangspunkt von Ittens Grundkurs am Bauhaus, der für alle Schüler obligatorisch war.

Hölzel, seit 1905 in Stuttgart und neben Wassiliy Kandinsky einer der ersten abstrakten Maler, war der mit Abstand modernste Lehrer der Akademie. Mit seinen neuartigen Methoden zog er Schülerinnen und Schüler aus ganz Europa an. Kurz vor der Eröffnung des Bauhauses im April 1919 war er allerdings nach einem Streit im Kollegium zurückgetreten. Misstrauen gegenüber der Moderne mischte sich mit Neid auf seine Beliebtheit. Die Schüler aber fühlten sich verwaist. Es gab niemand mehr an der Hochschule, der es mit Hölzel aufnehmen konnte.

Im Sommer 1919 fanden sich sechs von Hölzels ehemaligen Schülern zu einer Künstlergruppe zusammen, der Üecht-Gruppe. Den seltsamen Namen hatte Oskar Schlemmer von seinem Freund Otto Meyer: ein weiterer Hölzel-Schüler, der, nachdem er 1912 in die Schweiz zurückgekehrt war, sich nach seinem neuen Wohnort Meyer-Amden nannte. Oder aber mit Künstlernamen Franz Üecht. Üecht klang aber auch wie das althochdeutsche Wort für Morgenröte. Die sehnte die Künstlergruppe herbei.

Sie wollten die Spitze der Avantgarde im Südwesten sein

Mit der Novemberrevolution 1918 waren große Hoffnungen entstanden. Wie anderswo gründete sich auch in Stuttgart ein Rat geistiger Arbeiter. Dieser stellte sich, wie es auf einem Flugblatt heißt, "auf den Boden der modernen Arbeiterbewegung und der Errungenschaften der Revolution, die eintritt für soziale Gerechtigkeit, für persönliche Freiheit und Gleichberechtigung aller Staatsbürger." Er wolle "alle einzelnen Menschen und Organisationen in sich vereinigen, welche den geistigen Kräften des ganzen Volkes zur lebendigen Gestaltung der Staats- und Wirtschaftsformen einen konkreten Einfluss verschaffen wollen."

Als Vertreter der Akademiestudenten waren neben einer Lydia Schäfer auch Schlemmer und Gottfried Graf in den Rat gewählt worden. Nach dessen Auflösung gründeten sie im Sommer 1919 mit vier Kommilitonen die Üecht-Gruppe. Sie forderten ein Mitspracherecht und dass Paul Klee Hölzels Nachfolger werden solle, sie wollten die Akademie reformieren und als Künstler die Speerspitze der Avantgarde im Südwesten sein. Für ihre erste "Herbstschau neuer Kunst" im November 1919 entwarf Willi Baumeister das Plakat. Neben einem eigenen Saal für die Üecht-Gruppe waren 35 Künstlerinnen und Künstler der Berliner Galerie "Der Sturm" von Herwarth Walden ausgestellt: eines der wichtigsten Zentren des literarischen und künstlerischen Expressionismus.

"Es ist ein Streit in den Lagern der Künstler", heißt es zwei Tage vor der Ausstellungseröffnung in einem Aufruf in der "Schwäbischen Tagwacht", der dann auch im "Stuttgarter Neuen Tagblatt" und dem USPD-nahen Blatt "Der Sozialdemokrat" erscheint: "Die Alten stehen gegen die Jungen, Beharrung gegen Drang, Konservierung gegen Freiheit." Dann wird es pathetisch: "Adolf Hölzel ist von der Akademie geschieden. Die Jugend fordert ihr Recht bei der Wahl des Führers. Die Wahl ist entschieden – Paul Klee, der Erwählte. Darüber Streit in den Lagern."

Den Streit entschied das Kultusministerium, nach Wunsch der Akademieprofessoren. Die Wahl fiel nicht auf Klee, sondern auf Arnold Waldschmidt: ein frühes NSDAP-Mitglied, 1925 gar Stellvertreter Adolf Hitlers in Württemberg und ab 1933 Landesleiter der Reichskammer der bildenden Künste. Die Alten hatten sich gegen die Jungen durchgesetzt, Beharrung und Konservierung gegen Drang und Freiheit. Die Revolution fand nicht statt. Klee kam nicht nach Stuttgart. Er ging ans Bauhaus, auf Empfehlung Ittens, ebenso Schlemmer.

Die Üecht-Gruppe griff alles auf, was neu war

Die Herbstschau der Üecht-Gruppe 1919 war die erste öffentlichkeitswirksame Ausstellung moderner Kunst in Stuttgart. Vorher hatte Schlemmer mit seinem Bruder zwar schon 1913 einen "Neuen Kunstsalon am Neckartor" eingerichtet, dessen Erkennungszeichen, ein geometrisch stilisierter Kopf, bereits das spätere Bauhaus-Signet vorwegnahm. Wassily Kandinsky und Paul Klee, Gabriele Münter und Georges Braque stellte er dort aus. "Das sind nur arme verirrte Unglückliche, für die ich ein Gebet gen Himmel senden will", spottete der Kritiker des "Stuttgarter Neuen Tagblatts". "Der Schlemmer'sche Kunstsalon musste eingehen, weil kein Mensch hinging", notierte Adolf Hölzel.

Im Kunstgebäude, zentral am Schlossplatz gelegen, war das anders. Neben den Üecht-Malern waren bekannte Künstler vertreten wie die italienischen Futuristen Umberto Boccioni, Luigi Russolo und Carlo Carrà, Braque als Kubist nur mit einem Bild, dafür Marc Chagall, Oskar Kokoschka, Kurt Schwitters, Kandinsky, Münter, Franz Marc und natürlich Paul Klee, aber auch weniger bekannte wie die niederländische Malerin Jacoba van Heemskerck. Die sechs jungen Stuttgarter griffen alles auf, was neu war, insbesondere Kubismus und Futurismus.

"Die neue Kunst ist für den Einsichtigen keine Streitfrage mehr", meinte Gottfried Graf ein Jahr später, 1920, im Katalog der zweiten Herbstschau bereits feststellen zu können. "Das neue Lebensgefühl hat sich mit Macht auf der ganzen Linie der jungen selbstbesonnenen Künstler durchgesetzt." Er schränkte allerdings ein: "Kunst ist nicht für alle." Und: "Wer Kunst verstehen will, muss ihre Sprache kennen." Graf prophezeite: "Das helle Licht des Morgens wird uns günstiger sein, und in der Sonnenhöhe des Mittags wird die reife Frucht fallen, an der man erkennen soll, was wir wollten und waren."

Schon bald zerfiel die Gruppe wieder

Doch zu dieser Zeit war die Künstlergruppe bereits geschwächt. Ausgerechnet Graf hatte ein Angebot der Akademie angenommen, als Holzschnitt-Lehrer zu unterrichten, wenn er seine Agitation einstellte. Schlemmer machte da nicht mit und trat aus der Gruppe aus, ebenso Baumeister. Eine dritte Herbstschau fand 1924 zwar noch statt, doch da hatte die Akademie Graf bereits fest im Griff. Wiederholt drohte sie seine Bezüge zu kürzen, bis er ganz gefügig wurde.

1937 wurden schließlich 31 Werke von ihm aus öffentlichen Sammlungen entfernt und in der Ausstellung "Entartete Kunst" in München gezeigt. Graf wand und rechtfertigte sich und versicherte, dass seine neuen Arbeiten, realistische Holzschnitt-Porträts und Landschaften, "den vom Führer verkündeten Grundsätzen der Klarheit und Allgemeinverständlichkeit entsprechen." Er starb im folgenden Jahr, ohne die Morgenröte erlebt zu haben.

Hans Spiegel, ein anderes Mitglied der Üecht-Gruppe, war zur selben Zeit sogar Direktor der Akademie, bis er 1938 seinen Posten zugunsten von Fritz von Graevenitz räumte. Auch von ihm waren vier Bilder in der Ausstellung "Entartete Kunst" zu sehen, gleichzeitig aber in der "Großen Deutschen Kunstausstellung" im Haus der Kunst, wo das Regime die erwünschte Kunst zeigte, ein Werk mit dem Titel "Kameraden". Es zeigte einen Soldaten, der seinen verletzten Kameraden wegträgt. Im Krieg soll Spiegels gesamtes früheres Werk vernichtet worden sein, danach soll er sich der Abstraktion zugewandt haben.

Die Künstlergruppe hatte sich auseinander entwickelt. Albert Mueller, wie Graf oberschwäbischer Herkunft, war 1928 Grafiklehrer an der Kunstgewerbeschule geworden. 1942 gab er diese Tätigkeit auf und zog sich in seinen Geburtsort Schwandorf bei Tuttlingen zurück. Er starb 1963 in Bremen und ist heute nur noch durch die Üecht-Gruppe bekannt.

Schlemmer, der 1929 vom Bauhaus nach Breslau gegangen war, wurde 1933 aus dem Lehramt entlassen und erhielt Malverbot. Eine Ausstellung im Württembergischen Kunstverein wurde abgehängt. Der Galerist Fritz C. Valentien übernahm, konnte dem Künstler das eine oder andere Mal durch "UL"-Verkäufe (Unterm Ladentisch) helfen und damit zum Beispiel einmal seiner Frau Tut einen Zahnarztbesuch ermöglichen. Durch Arbeiten für den Stuttgarter Maler und Kunstsammler Albrecht Kämmerer sowie für den Wuppertaler Lackfarbenfabrikanten Kurt Herberts hielt er sich über Wasser.

Dasselbe Schicksal traf Baumeister, nur dass er in der wohlhabenden Familie seiner Frau Margarete einen Rückhalt hatte. Während Schlemmer das Kriegsende nicht mehr erleben sollte, schrieb Baumeister ein Buch über "Das Unbekannte in der Kunst", das den Gang der Nachkriegs-Kunstgeschichte maßgeblich prägte – zusammen mit seinen öffentlichkeitswirksamen Auftritten, seiner Lehrtätigkeit an der Akademie und seinem informellen Gesprächskreis in der Gaststätte "Bubenbad".

Kinzinger ging in die USA – und porträtierte Schwarze, Indigene und Mexikaner

Interessant und von unerwarteter Aktualität ist die Geschichte von Edmund Daniel Kinzinger. Mit Picasso befreundet, leitete er in den 1920er-Jahren die private Kunstschule von Hans Hofmann in München, als dieser eine für die USA wegweisende Schule in New York eröffnete. Der gebürtige Pforzheimer lehrte auch in Minneapolis, heiratete eine amerikanische Schülerin und verließ Deutschland 1933 umgehend, weil er "mit der Nazi-Regierung nicht einverstanden war."

Als Assistent, dann Direktor der Kunstabteilung der Baylor University in Waco, Texas, änderte er nach und nach seinen Stil, von einem Picasso-ähnlichen Kubismus zu einer realistischeren Malweise. Sein bevorzugtes Thema wurden Schwarze, Indigene und Mexikaner, die er würdevoll porträtierte – und das im rassistischen Süden der USA, wo zur selben Zeit William Faulkner seine Romane schrieb. "Es scheint, dass er jede Gelegenheit ergriff, nach Mexiko zu fahren, um zu zeichnen und zu malen", schreibt sein Nachlassverwalter Kevin Vogel auf Kontext-Nachfrage.


Info:

Die Abbildungen zu diesem Artikel stammen, bis auf die neueren von Edmund Daniel Kinzinger, aus einer sehenswerten Ausstellung der Städtischen Galerie Böblingen, die auf eine Schenkung des 80-jährigen Gerhard Bleicher zurückgeht. Sie gehören zu einer Üecht-Mappe, die in 30 Exemplaren zur ersten Herbstschau neuer Kunst herausgegeben wurde. Die Ausstellung läuft noch bis zum 17. November; sie ist mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags ab 13 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Noch bis 3. November ist in der Sammlung Domnick in Nürtingen eine Ausstellung zu Paul Henrichs zu sehen, der, mit Willi Baumeister verwandt, in der Firma Albrecht Kämmerer gearbeitet hat, die Baumeister und Schlemmer in nationalsozialistischer Zeit zu überleben half. Öffnungszeiten: im Oktober sowie am 3. November samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr.


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1 Kommentar verfügbar

  • Lowandorder
    am 19.10.2019
    Danke für den feinen Artikel & die eindrucksvolle Bildergalerie.

    Zu diesem Absatz aber -
    “Denn Hölzels Lehre übte, über die Vermittlung durch seinen Schüler Johannes Itten, großen Einfluss auf das Bauhaus aus. Der junge Schweizer Itten war 1913 zu Fuß durch den Schwarzwald nach Stuttgart gewandert, um bei ihm zu studieren. Da er als Anfänger eingestuft wurde, vermittelte ihm Hölzels Assistentin Ida Kerkovius die Lehren des Meisters. Wissbegierig notierte er alles in sein Skizzenbuch. Dieses wurde später zum Ausgangspunkt von Ittens Grundkurs am Bauhaus, der für alle Schüler obligatorisch war.“

    Sei angemerkt:
    So sehr ich Ittens Darlegungen zu Farben Texturen etc schätzen gelernt habe.
    Sollte sein nunja Hang zum Mystizismus - gelinde gesprochen - nicht unerwähnt bleiben.
    “ Itten war einer der bekanntesten Anhänger des Mazdaznan, einer durch Otoman Zar-Adusht Ha’nish begründeten Mischlehre aus zarathustrischen, christlichen und hinduistischen Elementen. So gestaltete Itten als seinen Beitrag zum ersten Bauhaus-Portfolio ein Zitat:

    „Haus des Weissen Mannes: Gruss und Heil den Herzen welche von dem Licht der Liebe erleuchtet und weder durch Hoffnungen auf einen Himmel noch durch Furcht vor einer Hölle irregeleitet werden.“

    – O. Z. Hanisch
    &
    2011 sollte in München eine geplante Straße nach ihm benannt werden, 2012 wurde dies nach Protesten wegen der Nähe des Mazdaznan zum Nationalsozialismus aber wieder rückgängig gemacht.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Itten
    &
    https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.rassismus-vorwuerfe-stadt-aendert-umstrittenen-strassennamen.b4fd012a-668b-4ef2-a38b-717db00824d8.html

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