Ausgabe 223
Zeitgeschehen

Kassel im Kalten Krieg

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 08.07.2015
Die Documenta wird 60. Bei ihrer Gründung ging es um nichts weniger als "die abendländische Kunst des 20. Jahrhunderts". Im Geheimen kochte auch der CIA sein Süppchen. Der Maler Willi Baumeister war mittendrin.

"Documenta I sollte zeigen, wie die Kunst des 20. Jahrhunderts sich im europäischen Raum entwickelt hatte und was moderne Kunst war", heißt es auf einer Website über den Kunsthistoriker Werner Haftmann, den Kurator und Wortführer der ersten drei Kasseler Großausstellungen. "Documenta I erfüllte diese Aufgabe, indem sie den Blick insbesondere auf jene Kunst richtete, die wenige Jahre zuvor noch als entartet gegolten hatte."

Wie der Elefant im Porzellanladen waren die Nazis durch die Museen gestampft und hatten alles, was nicht ihren kleinbürgerlichen Geschmacksvorstellungen entsprach, beschlagnahmt, verkauft, verbrannt oder dem Gespött preisgegeben. Die Rehabilitierung begann nicht erst 1955 mit der Documenta. Von 1945 an mühten sich zahlreiche Akteure, öffentlich und privat, um die zuvor verfemte Kunst. Von elf Ausstellungen 1945 stieg die Zahl auf 100 im Jahr 1947 und bis 1955 auf insgesamt 400. Einige stellten christliche Kunst in den Mittelpunkt, andere wollten "deutsche Kunst" neu definieren. Wieder andere sprachen von "freier Kunst" oder wie 1947 der Württembergische Kunstverein von "extremer Malerei".

Baumeister überlebte als vorgeblicher Tarnanstreicher

Gemeint waren Moderne wie Willi Baumeister, der das Dritte Reich in der Lackfarbenfabrik Kurt Herberts in Wuppertal überstanden hatte, wo er mit seinem Freund Oskar Schlemmer vorgeblich Tarnanstriche entwickelte. Er verfasste ein Buch über "Das Unbekannte in der Kunst", das 1947 als eines der ersten zum Thema erschien. Das Unbekannte: das war die Gegenthese zur Auffassung der Nazis, die nur wiedererkennbare Gegenstände akzeptieren wollten. Vom Bemühen Baumeisters, "der ideologischen Vereinnahmung der Kunst durch die Nationalsozialisten nun die Vision einer Kunst als ideologiefreie Zone ästhetischer und geistiger Produktion entgegenzusetzen", schreibt Renate Wiehager, die Leiterin der Daimler Kunstsammlung.

Mag sein, dass Baumeister so dachte. Aber ganz so ideologiefrei ging es in der Nachkriegszeit nicht zu. Bereits im August 1945 gründete sich in Berlin-Dahlem der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Erster Vorsitzender war Johannes R. Becher, später Kulturminister der DDR. Allerdings blieb der spätere Kulturbund der DDR mit seinen 120 000 Mitgliedern keineswegs auf die Sowjetzone beschränkt. 1946 veranstaltete er in Dresden die "Allgemeine Deutsche Kunstausstellung": die einzige gesamtdeutsche der Nachkriegszeit und mit 600 Werken und 70 000 Besuchern die größte vor der Documenta, zu der 130 000 Besucher kamen, um 670 Werke zu sehen. Anfangs auch im Westen begrüßt, wurde der Kulturbund allerdings in der amerikanischen Besatzungszone im Mai, in der britischen im November 1947 verboten.

1950 geriet Baumeister im ersten Darmstädter Gespräch mit dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr aneinander. 31 Gesprächspartner diskutierten über "Das Menschenbild unserer Zeit". Sedlmayr hatte zwei Jahre zuvor sein bekanntestes Buch, "Der Verlust der Mitte", veröffentlicht, eine konservative Kulturkritik an der Moderne. Baumeister sah die "Mitte" im schöpferischen Künstler, der frei vom äußeren Gegenstand arbeitet.

Ebenfalls 1950 gehörte Baumeister zu den Neugründern des Deutschen Künstlerbunds, in dem sich die Diskussion weiter zuspitzte. Präsident war Karl Hofer, seit 1945 Direktor der Hochschule der Künste Berlin, auch Gründungsmitglied des Kulturbunds und 1946 einer der Organisatoren der Dresdner Ausstellung. Er zeigte sich zusehends genervt vom Auftreten der Verfechter der Abstraktion. Als er in einer Zeitschrift falsch zitiert wurde, traten Baumeister, Fritz Winter und Ernst Wilhelm Nay aus dem Künstlerbund aus.

"Die behauptete Prädominanz der abstrakten Kunst über alles andere zeugt von geringer Einsicht in das Wesen künstlerischer Gestaltung", schreibt Hofer im Februar 1955 im "Tagesspiegel". Aber auch: "Andererseits zeugt es von ebenso geringer Einsicht, zu glauben, die Kunst vermöchte zurückzukehren in Gewesenes. Sie wird wiederum neue Wege gehen, die nicht die der Reaktionäre und nicht die der heutigen Apostel sein werden." Am Ende lässt er seiner Verbitterung freien Lauf: "In ihrem blinden Eifer verlieren die Skribenten jegliches Gefühl für Proportion. Ja, in bedenklicher Weise nähert sich dieses Gebaren dem des Nazistaates mit Gauleitern und SS."

Sein Kontrahent war Will Grohmann, mit dem er 1946 die Ausstellung in Dresden organisiert hatte. Grohmann kämpfte für die Abstraktion und wollte Baumeister an Hofers Stelle sehen, über den er schreibt: "Er greift die Kunst der Gegenwart und die Kritiker, die zu ihr stehen, immer wieder auf das heftigste an, mit Worten, die sich nur aus einer geradezu rätselhaften Hasspsychose erklären lassen. (...) Warum eigentlich?" Am 23. März 1955 trat Hofer als Hochschuldirektor zurück. Vier Tage später erlitt er einen Schlaganfall und starb kurz darauf.

Die "freie Welt" passt auf die richtige Freiheit auf

Dies ist die Situation knapp drei Monate vor der Eröffnung der Documenta, die Arnold Bode im Rahmen einer Bundesgartenschau in Kassel organisiert. Grohmann ist im Beirat. Als theoretischen Kopf holt Bode den Kunsthistoriker Werner Haftmann. Dessen Hauptwerk "Malerei im 20. Jahrhundert" ist im Vorjahr erschienen: kein allgemeiner Überblick, eine Entwicklungsgeschichte der Moderne. Im selben Sinne geht es bei der Documenta um die "abendländische Kunst des 20. Jahrhunderts", doch wie der Documenta-Historiker Harald Kimpel meint, eigentlich um die Wiedereingliederung westdeutscher Künstler in den Kunstbetrieb der "freien Welt".

Die "freie Welt" passt derweil gut auf, dass die Freiheit richtig interpretiert wird. Im Oktober 1946, als in Dresden die "Allgemeine deutsche Kunstausstellung" noch läuft, beginnt in Amerika der Kalte Krieg mit einer Kampagne gegen Gerhart Eisler, den Bruder des auch dort hoch angesehenen Komponisten Hanns Eisler. Im Mai 1947 wird dieser vor dem House Un-American Activities Committee (HUAC) verhört - und der Kulturbund in der amerikanischen Besatzungszone verboten. Sehr schnell distanziert sich Theodor W. Adorno, der spätere Guru der westdeutschen Nachkriegs-Intelligentsia, von einem mit Eisler verfassten Buch über Filmmusik und entfernt alles marxistische Vokabular aus seinen Schriften. Leonard Bernstein, Igor Stravinsky, Thomas Mann und Albert Einstein setzen sich dagegen für Eisler ein.

In der Truman-Doktrin hatte der amerikanische Präsident soeben verkündet, die USA sollten "freien Völkern" helfen, den Kommunismus einzudämmen. Winston Churchill sprach von einem "eisernen Vorhang". Auf der Gründungsversammlung des Kominform antwortete ein halbes Jahr später Andrej Alexandrowitsch Shdanow, der Präsident des Obersten Sowjets, mit der Doktrin des sozialistischen Realismus. "Herzliche Nackenschläge" titelte dazu "Der Spiegel" am 1. November das Titelblatt der Ausgabe zeigt Willi Baumeister.

Baumeister war auch Mitglied der Gruppe ZEN 49, die zum ersten Mal 1950 im Central Art Collecting Point in München ausstellte. Am ehemaligen Sitz der NSDAP, heute Zentralinstitut für Kunstgeschichte, hatten die Amerikaner zunächst eine Sammelstelle für beschlagnahmte Kunstwerke eingerichtet. In den USA gab es mit moderner Kunst allerdings Schwierigkeiten. "Die gesamt moderne Kunst ist kommunistisch", erklärte der republikanische Kongressabgeordnete George Dondero. Eine Wanderausstellung unter dem Titel "Advancing American Art", sehr bewundert vom tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš, musste zurückgeholt werden. Insbesondere ein eher harmloses Bild, "Circus Girl Resting" von Yasuo Kuniyoshi, missfiel auch dem Präsidenten. "Wenn das Kunst ist", meinte Harry Truman wenig politisch korrekt, "bin ich ein Hottentotte."

Mit dem CIA den Künstlern den Kommunismus austreiben

Die Mitarbeiter des 1947 gegründeten CIA, häufig Absolventen amerikanischer Eliteuniversitäten aus besten Familien, hatten da mehr Verständnis. "Wir erkannten", so der CIA-Mann Donald Jameson über den abstrakten Expressionismus von Künstlern wie Jackson Pollock oder Mark Rothko, "dass diese Kunstform nichts mit dem sozialistischen Realismus zu tun hatte und diesen sogar noch stilisierter, rigider und beschränkter aussehen ließ, als er tatsächlich war."

Mit dem estnisch-jüdischen Publizisten Michael Josselson und dem russischen Komponisten Nicolas Nabokov baute der CIA den Congress for Cultural Freedom auf. Die "verborgene Waffe Amerikas im kalten Krieg", schreibt die Historikerin Frances Stonor Saunders, hatte die Aufgabe, "der westeuropäischen Intelligenz allmählich ihre latente Sympathie für Marxismus und Kommunismus auszutreiben". Nabokov, 1964 bis 1967 Intendant der Berliner Festspiele, gründete auch die Berliner Jazztage. "Es gab nach dem Krieg in Europa nur wenige Schriftsteller, Dichter, Künstler, Historiker, Naturwissenschaftler oder Kritiker", so Saunders, "deren Namen nicht auf irgendeine Weise mit diesem geheimen Projekt in Verbindung zu bringen sind."

Mit der Kunst war es nicht ganz so einfach. Die starken Ressentiments im Kongress ließen den CIA zu anderen Mitteln greifen. Insbesondere das Museum of Modern Art übernahm nun Tourneeausstellungen. Für dessen Präsidenten Nelson Rockefeller war der abstrakte Expressionismus die "Malerei des freien Unternehmertums". Unter Porter McCray, der ab 1952 das internationale Programm leitete, nahmen nach Saunders "die Leihgaben an Wanderausstellungen dramatisch zu, und zwar in einem geradezu 'Besorgnis erregenden' Ausmaß, denn einem internen Bericht zufolge musste das Museum 1955 für 'achtzehn Monate auf die meisten seiner besten amerikanischen Gemälde' verzichten."

McCray stellte auch 1959 den ersten amerikanischen Beitrag zur Documenta zusammen: "Als die bundesdeutschen Kuratoren ... kurz vor der Eröffnung die aus New York angelieferten Kisten auspackten, warf ihnen der Anblick der Werke ihr Konzept um", bilanziert die Kunsthistorikerin Marie Luise Knott. "Neben den ausladenden, raumgreifenden, expressiven Leinwänden von Mark Rothko, Jackson Pollock, Franz Kline, William de Kooning, Sam Francis und Helen Frankenthaler sahen die abstrakten Arbeiten aus Europa von Wols, Soulages, Dubuffet, Nay, Hartung oder Winter still und salopp gesprochen alt aus."

Die Documenta 2 stand unter dem Titel "Kunst nach 1945". In seiner Eröffnungsrede bemerkt Werner Haftmann: "Die Kunst ist abstrakt geworden." Baumeister, der während der ersten Documenta verstorben war, erhielt mit zwölf Gemälden einen Ehrenplatz. Der Congress for Cultural Freedom wurde erst 1967 enttarnt. Der CIA, der von Mohammed Mossadegh bis Salvador Allende einige gewählte Staatschefs aus dem Weg geräumt hat, sah sich noch ganz anderen Fragen ausgesetzt. Die "Vielzahl von Verbindungslinien" (Saunders) zum Museum of Modern Art sind bis heute nicht restlos erforscht.

 

Info:

Die Documenta feiert ihr sechzigjähriges Bestehen vom 15. bis 19. Juli mit einer symbolischen Übergabe des Documenta-Archivs, mehreren Ausstellungen unter anderem zu Marcel Broodthaers, einem Symposium, an dem sämtliche Leiter der Documenta X bis 14 teilnehmen, einem Konzert und einem großen Fest. 

Frances Stonor Saunders: "Wer die Zeche zahlt. Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg", München 2001.


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3 Kommentare verfügbar

  • By-the-way
    am 10.07.2015
    "Art is a weapon!"
    - Kunst ist eine Waffe!

    Habe ich, ganz aktuell, an einer Mauer gelesen.
    Garniert mit einer Handgranate...

    Und, wenn ich diesen Artikel lese, ist das irgendwie zündend!
  • Hans Paul+Lichtwald
    am 09.07.2015
    Zum Glück lebe ich am Bodensee. Die erste Ausstellung einst verfemter Kunst war in Überlingen am See nach dem Krieg. Zudem gab es die Singener Kunstausstellung mit allen Größen von der Höri. Ich bin noch Otto Dix begegnet, kannte noch Heckel, Ackermann, Curth-Georg Becker und seine Freunde von der Rheinischen Kunstszene. Als Journalist waren mit politische Implikationen dabei nah. Bei dem Wort CIA werde ich hellwach. An der Basis habe ich von der kulturpolitischen Umerziehung einen anderen Eindruck: Nach dem Krieg waren Künstler erst einmal notleidend, Ausstellungen halfen allen. Maler, die nazibewährt in München ausgestellt waren, waren anfangs noch mit dabei. Das wandelte sich mit McCarthys radikalem Antikommunismus, war meine Erkenntnis: Plötzlich gab es gute und schlechte (systemkonforme) Kunst! Auch organisatorisch ging man getrennte Wege. Für mich war 1982 die documenta durch ihren konsequenten Aufbruch ein Ort der Vergangenheitsbewältigung.12375
  • Zaininger
    am 08.07.2015
    Der Congress for Cultural Freedom, die Zeitschrift "Der Monat", Leute wie der ehemalige Trotzkist Melvin Lasky und die ehemalige Vorsitzende der KPD Ruth Fischer arbeiteten zeitweise mehr oder weniger bewusst im Auftrag der CIA daran linke Ansätze im künstlerischen, publizistischen, gewerkschaftlichen Sektor im Westen Europas zu bekämpfen. Die Gegenseite hat es denen aber auch extrem leicht gemacht - die hoffnungsvollen Ansätze im Kulturbund auf ein demokratisches und freiheitliches Modell von Sozialismus hatten unter der Knute der SU und Ulbrichts rot getünchter Kleinbürgerei keine Chance.

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