Babämm! Fotos: Twentieth Century Fox

Ausgabe 276
Kultur

Fröhliche Kindsköpfigkeit

Von Rupert Koppold
Datum: 13.07.2016
Zwanzig Jahre nach seinem Katastrophenfilm "Independence Day" lässt Roland Emmerich die Aliens erneut auf die Erde los. Mit noch größerem Raumschiff und noch größerem Budget. Weltraum-Piff-Paff-Puff, bis der Computer raucht, meint unser Kinokritiker.

Oh, wie konnte das passieren?! Unsere Filmfehlersuchfreunde haben entdeckt, dass in der Singapur-Sequenz die Farbe der Taxis falsch ist!!! Muss diese für 200 Millionen Dollar angezettelte Alien-Attacke nun für ungültig erklärt werden? Hmm. Also, wir lassen das mal mit einer Verwarnung durchgehen, weil sonst ja einfach alles stimmt. Vom riesigen Raumschiff, das mit seinen fünftausend Kilometer Durchmesser die Erde verfinstert – auf dem US-Kinoplakat übrigens den nordamerikanischen, auf dem deutschen Pendant den europäischen Kontinent – bis hin zu einem Laserstrahl, der durchs Meer hindurch ein Loch in den Erdkern bohren soll. Zwanzig Jahre nach dem ersten Versuch, den der Regisseur Roland Emmerich in seinem Werk "Independence Day" sehr genau dokumentiert hat, sind die Aliens also wieder da. Und wir Erdlinge sind diesmal zwar gut gerüstet, die andern aber noch besser.

Eigentlich wollte Roland "The Master of Desaster" Emmerich ("Godzilla", "The Day after Tomorrow", "2012") ja keine Sequels drehen, er hatte sich bisher großzügig aus dem Fundus der Popkultur bedient und deren Versatzstücke neu arrangiert. Aber noch einfacher ist es natürlich, wenn man den eigenen Film noch mal dreht. Mit den alten respektive alt gewordenen Darstellern, etwa dem Augenaufreißer Jeff Goldblum als Außerirdischen-Kenner oder dem knurrigen Bill Pullmann, der nun als Expräsident auf Krücken herumrumpelt. Will Smith allerdings wollte beim fröhlichen Alienverhauen nicht mehr mitmachen, er hängt jetzt bloß noch als Heldenporträt im Weißen Haus. Im Weißen Haus? Jawohl, das wurde nach seiner Zerstörung bei der ersten Attacke wieder aufgebaut. Bewohnt wird es jetzt – Roland Emmerich ist ein Hillary-Clinton-Unterstützer – von einer Madame President.

Also die alte Story mit ein paar Variationen und in 3D. Geschlechterpolitisch ist ein altes Paar zu vermelden (Emmerich hatte schwule Protagonisten versprochen!), bei dem einer dem andern, der seit der ersten Alienattacke im Koma lag und nun wieder erwacht, einen Schal gestrickt hat. (Die Strickgeschwindigkeit jetzt lieber nicht ausrechnen!) Marktpolitisch ist der Auftritt einer chinesischen Kampfpilotin anzuzeigen, die den Asienabsatz des Films ankurbeln soll. Und der eines schwarzafrikanischen Warlords, der die Tentakelmonster ("Man muss sie von hinten angreifen!") mit Hackmessern erledigt. Ach ja, auch Charlotte Gainsbourg, die gern mit Lars von Trier zusammenarbeitet, ist mit von der Partie, sie spielt in diesem Apocalypse-Wow-Spektakel, äh, nun ja, jedenfalls wird sie in der Besetzungsliste aufgeführt.

Vor allem aber darf nun die junge Generation, nachdem sie noch schnell ihre Loyalitäten und Rivalitäten vorgeführt hat, ganz nah ran an den Feind. Angeführt wird sie vom australischen Schauspieler Liam Hemsworth als seinem Instinkt vertrauender Überflieger Jake. Ein Posterboy für Teenager, im Film liiert mit der Tochter des Expräsidenten. Für das Spezialinteressen verfolgende "Gay UK Magazine" ist Hemsworth die Hauptattraktion des Films: "Sein Bruder Chris (Thor) war auf unserer Wichsliste jahrelang ganz oben, aber der jüngere hat denselben 'Aussie man's man muscle look'!"

Marktgerecht sind wirklich alle vertreten

So sind nun alle Generationen und Geschlechter bedient? Halt, diesen anderen Alten nicht vergessen, der beim Angeln von einem riesigen Tsunami hochgehoben wird und für die Freunde des tiefergelegten Witzes sagt: "Warum muss ich mir auch ein Boot kaufen." Auch nicht die vom Schulbusfahrer im Stich gelassenen Kinder, die von der gelandeten Alienkönigin verfolgt werden. Und schon gar nicht den kleinen Hund, weil der im Emmerich-Katastrophenkino obligatorisch ist. Aber jetzt: volle Konzentration auf die in viele Handlungsstränge aufgeteilte Action! Die ist nämlich, nun ja, die hat man irgendwie und irgendwo schon gesehen. Gar zu viel "O-mein-Gott-Rufen", allerhand Weltraum-Piff-Paff-Puff und Erdzerstörung, bis der Computer raucht. Wobei es diesmal vor allem London erwischt.

"Sie stehen auf Wahrzeichen", so schieben die fünf(!) Drehbuchschreiber den Aliens ihre eigenen Ideen unter. An der Front ist die Lage aussichtslos, aber nicht ernst. Da sterben zwar Millionen und Milliarden Menschen, aber meist dezent unblutig und sowieso meist außerhalb des Bildes. Und wichtig: Der Hund überlebt! Der 1996 gedrehte "Independence Day" konnte noch nichts wissen von der realen 9/11-Katastrophe, der Nachfolger hat sie schon komplett verdrängt. Er will das sein, was der Angelsachse als "good clean fun" bezeichnet. "Independence Day 2" habe aber, so wird in Internet-Foren bemängelt, keine Seele mehr. Nun ja, alles kann man wirklich nicht verlangen. (Dass diese zwei Stunden gerade in all ihrer extremen Kindsköpfigkeit sogar ein bisschen Spaß machen können, setzen wir vorsichtshalber in Klammern.) "Werden wir es schaffen, Sir?", fragt einer besorgt seinen Vorgesetzten und erhält die stramme Antwort: "Da können Sie Ihren Arsch drauf wetten!" Uff. Aber für die DVD, lieber Roland Emmerich, bitte die Taxis von Singapur umspritzen.

Von Singapur nach Sindelfingen geht's in unserer Schaubühne. Dort erzählt Klaus Pellkofer von Roland Emmerichs ersten Geh- und Drehversuchen.

Was läuft noch?

In den Kinos läuft auch noch Maren Ades "Toni Erdmann" an, der Liebling der Kritiker beim diesjährigen Cannes-Festival. Dieser Film ist komisch und traurig und melancholisch und verspielt und weise. Und alles, was an Lob über ihn ausgeschüttet wurde, hat er verdient.

 

Info:

Roland Emmerichs "Independence Day 2" kommt am Donnerstag, den 14. Juli in die deutschen Kinos. In Stuttgart zeigt das Gloria den Film vorab am Mittwoch um 20 Uhr. Zuvor zeigen VFX-Supervisor Christian Haas und VFX-Produzentin Andrea Block der Stuttgarter Luxx-Studios ein Making-of ihrer Arbeit an dem Film.

Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.

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1 Kommentar verfügbar

  • Florian S.
    am 14.07.2016
    Nachdem ich die Gelegenheit hatte, den Film schon zu sehen (im englischen Original) komme ich getrost zu dem Urteil, dass man sich das Geld für den Kinobesuch getrost sparen bzw. einer sinnvolleren Verwendung zuführen kann. Selbst unter dem Aspekt "Verstand aus - Spaß an" ist er eine Zumutung.

    Das dem Film die Seele des ersten Teils fehlt kann ich nur bestätigen - was vor allem daran liegen dürfte, dass die Welt, die wir darin vorfinden, nur noch befremdlich ist und der Zuschauer quasi keine Gelegenheit bekommt, einen Bezug zu dieser aufzubauen. Die Welt im ersten Teil war/ist unsere Welt, unsere Gesellschaften, unser Lebensstil - kurzum, unsere Wirklichkeit, die von den Aliens angegriffen und zerstört wird. All das fehlt in der Fortsetzung, und darum erscheint mir die Handlung so kalt und emotionslos.

    Erwähnenswert finde ich noch, dass an einer Stelle betont wird, wie sehr die Menschheit nach dem ersten überstandenen Angriff doch zusammengewachsen wäre, dass es z.B. keine Kriege mehr gegeben hat und alle Nationen nun friedlich zusammenarbeiten. Das ist zwar eine löbliche Botschaft und bemerkenswert, wäre da nicht der Eindruck, dass trotz allen Zusammenhalts nach wie vor die Amerikaner quasi das sagen und die effektive Kontrolle haben. Das erkennt man schon daran, dass an allen Ecken und Enden - wen wundert's? - der Sternenbanner zu sehen ist.

    Fast schon lächerlich finde ich dagegen den Umstand, dass in dem relativ kurzen Zeitraum von 20 Jahren nach der immensen Zerstörung der Infrastruktur im ersten Teil die technische Entwicklung weiter vorangeschritten ist bzw. sich die Konsumgesellschaft weiterentwickelt hat als wäre nie etwas passiert, und es beispielsweise Smartphones & Co. gibt.

    Und ohne zu viel zu verraten, läuft das Ende dann doch leider darauf hinaus, dass Emmerich der Welt wohl auch noch einen dritten Teil zumuten wird, der den Indizien nach der Absurdität völlig freien Lauf lassen kann. Eines muss man ihm ja lassen - er hat verstanden, wie Hollywood funktioniert, dass es beim Filmemachen dort letzten Endes nur ums Geld und nicht um Qualität geht.

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