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Köpfen statt kochen

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In Jane Austens Roman verlieben sich die stolze Elizabeth Bennet und der vorurteilsbehaftete Mister Darcy. In dieser Filmadaption müssen die beiden auch noch Horden von Untoten bekämpfen. Leider bringt "Stolz und Vorurteil und Zombies" statt großem Mash-Up nur mediokren Mischmasch hervor, meint unser Filmkritiker.

Aufgepasst, hier kommt der Schmeißfliegentest: Wer herausfinden will, ob am Stammtisch, im Büro oder in der Kantine eine zwar noch recht ordentlich aussehende, tatsächlich aber schon infizierte Person herumhockt, der lasse mal die kleinen Brummer los. Schon summsen sie raus aus ihrem Glasröhrchen, dem Verwesungsgeruch hinterher! Und wen sie nun erfasst haben und umschwirren, dem wird der Kopf abgeschlagen. Wie bitte? Jawohl, so macht es der düster-humorlose Mister Darcy (Sam Riley), der in seinem schwarzen Mantel aussieht wie ein Gestapo-Ermittler, tatsächlich aber im England des frühen 19. Jahrhunderts auf Jagd geht. Einem bösen Gerücht ist er nachgeritten und hat in diesem Herrenhaus unter der kartenspielenden Gesellschaft dann tatsächlich einen Herrn ausgemacht, der nicht mehr dazugehört. Und jetzt muss es raus: einen Zombie.

Wo diese Untoten inzwischen überall auftauchen! In Jacques Tourneurs schwarz-romantischem Werk "I walked with a Zombie" (1943) stolzierte noch ein Einzelner im Voodoo-Zauber durch die Zuckerrohrfelder einer Karibikinsel, im 2013 gedrehten "World War Z" agieren riesige Horden seiner Nachfahren global und überrennen die letzten Festungen der Zivilisation. Und es ist jetzt auch sowas von vorbei mit Voodoo und schwarzer Romantik! Als George A. Romero 1968 in seinem Horrorfilm "Die Nacht der lebenden Toten" den Zombie nach Jahrzehnten des Schlummers wieder auf die Leinwand brachte, hatte er ihn nämlich sehr verändert. Aus den Gräbern stand eine schweigende Masse auf, taumelte bewusstlos herum, hatte nur ein Ziel: Fleisch fressen. "Für mich hatten Zombies immer was mit Revolution zu tun", sagt der Regisseur: "Eine Generation konsumiert die nächste."

Seit Romero ist das Zombie-Genre konnotiert mit dem Kapitalismus. Banal gesagt: Wenn die Untoten wüten, ist etwas faul in der Gesellschaft und im System. Im 1978 entstandenen Nachfolgefilm "Zombie – Dawn of the Dead" lässt der Regisseur die Untoten auf eine Shoppingmall zuwanken, in der sich die letzten menschlichen Überlebenden verschanzt haben. "Eine Art Instinkt. Eine Erinnerung an das, was sie mal getan haben. Dies war ein wichtiger Platz in ihrem Leben", so erklärt im Film ein Wissenschaftler das Phänomen. Der Untote als quasi in die Erkenntlichkeit hineingesteigerter Homo Oeconomicus, als jenes egoistische und die Wirtschaftswissenschaft bestimmende Menschenmodell also, das den Mitmenschen nur noch zur Ausnutzung braucht? Nun ja, sagen wir mal: Das ist ein Teil des Phänomens. Denn ganz eindeutig kann und will der Zombiefilm in seinen Bildern und Metaphern nicht sein.

So ein Genrefilm nennt sich nicht mal immer so; es ist im Kino manchmal auch Zombie drin, wo's gar nicht draufsteht. Die verseuchten und degenerierten Banden, die etwa in "I am Legend" (2007) dem letzten Menschen in New York nachstellen, sind auf jeden Fall mit den Untoten verwandt. Und genauso wie der Film "28 Days later" (2002) oder die TV-Serie "The Walking Dead", die das Genre in den Mainstream eingespeist hat, wirft auch "I am Legend" politische, soziale und moralische Fragen auf: Gibt es nur die Wahl zwischen draußen und drinnen? Teilt man die Welt rigoros auf in "wir" und "die"? Versucht man es zunächst mit Quarantäne? Was passiert mit Freundschafts- und Familienbanden? Konkret gefragt: Wann schießt man jenem Wesen das Hirn raus, das kurz vorher noch Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Tochter, Sohn, Ehepartner oder beste Freundin war?

Ach, geht mir doch weg mit solchen Fragen, das Leben ist schon schwer genug! Für diese ebenso eskapistische wie verständliche Haltung gibt es im Kino seit Langem jenes altmodische englische Genre, in dem vor großen Schlössern die Kutschen vorfahren, in dem in prächtigen Sälen geplaudert wird, in dem sich bei Spaziergängen in lauschigen Parks Liebschaften anbahnen. Aaaah, zurücklehnen und genießen! In einer dieser Herz-und-Kapital-versöhnenden Jane-Austen-Verfilmungen etwa konnte man es sich so schön gemütlich machen, sich noch sicher wähnen vor den Zumutungen der Gegenwart. Die ständische Welt war wohl geordnet, die Klassen wussten letztlich, an welchen Platz sie gehörten. Doch leider: verwähnt! In seinem 2009 erschienenen und jetzt von Burr Steers verfilmten Bestseller "Stolz und Vorurteil und Zombies" zeigt schon der um zwei Worte ergänzte Jane-Austen-Titel, was der Autor Seth Grahame-Smith mit dieser betulichen alten Welt angerichtet hat.

Die bisher eher proletarischen Zombies sind nun buchstäblich salonfähig geworden. In dieser Geschichte haben sie den größten Teil von England samt seiner Herrenhäuser verwüstet, nur in Hertfordshire tut die alte Gesellschaft noch so, als führe sie weiter eine ungestörte Jane-Austen-Existenz. Und auch das stimmt nicht ganz. Die fünf Bennet-Schwestern, die von der resoluten Mama an den Mann gebracht werden müssen, sitzen bei ihrem ersten Auftritt zwar sittsam und zu Hause bei der Handarbeit – aber die besteht im konzentrierten Reinigen ihres ansehnlichen Waffenarsenals. Die Bennet-Schwestern sind hier nämlich – allen voran die stolze Elizabeth (Lily James) – zu Kämpferinnen geworden, die gleich darauf bei einem von eingedrungenen Zombies gestörten Ball ihre durch Zeitlupe verstärkten Fähigkeiten beweisen. Da schaut auch Mister Darcy, derweil selbst Zombieköpfe abschlagend, bewundernd zu.

Aber Darcy verdirbt es sich dann durch Standesdünkel – er steht ja über einer Bürgerlichen – und auch wegen vieler Missverständnisse mit der trotzigen Elizabeth. Der Plot von "Stolz und Vorurteil" wird hier also recht getreu mit dem bekannten Personal nacherzählt. Der dummdreiste Pfarrer Collins (Matt Smith), der intrigante Erbschleicher Wickham (Jack Huston), der entspannte Bennet-Vater (Charles Dance) oder die arrogante Adlige Catherine de Bourgh (Lena Headey) tauchen hier alle auf, nun jedoch mit einem Bezug zu Zombies. Vater Bennet etwa sagt: "Meine Töchter sind für den Kampf ausgebildet, nicht für die Küche!" Und Lady de Bourgh ist schon eine Legende als Kämpferin, sie hat sich auf einem Historienschinken abbilden lassen als Siegerin auf einem Berg erlegter Untoter. Charles Dance und Lena Headey spielen in der Fantasy-Serie "Game of Thrones" (die ebenfalls einen Zombie-Erzählstrang aufweist) starke Charaktere. In "Stolz und Vorurteil und Zombies" leider nicht.

Spätestens jetzt muss man nämlich konstatieren: Diesem Film geht nach passablem Beginn die Luft aus, er schafft es nicht, aus der intelligenten Buchvorlage von Grahame-Smith auch einen intelligenten Film zu machen. Der Autor dieser sogenannten Mash-Up-Literatur, die einem bestehenden Text ein neues Element (meist aus dem Horror-Genre) einimpft, hat den in der Austen-Vorlage versteckten Kampf der Klassen und Geschlechter durch das Zombiethema quasi herausgeschärft, ohne dabei plump zu werden. Die Zombies, so einige Kritiker, verkörperten unter anderem die Angst vor dem Heiraten.

Grahame-Smith hat noch zwei weitere Mash-Up-Romane geschrieben, den ebenfalls verfilmten "Abraham Lincoln, Vampirjäger" und "Unholy Night – Die myrrhischen Dreikönige", in dem die Mash-Up-Masche – die Heiligen als kriminelle Kämpfer und Killer – allerdings schon ausfranst. In "Stolz und Vorurteil und Zombies", dem Buch, hält sie noch. "Es ist eine allgemein akzeptierte Wahrheit, dass ein reicher Junggeselle einer Frau bedarf", so hat Jane Austen ihren Roman begonnen. "Es ist eine allgemein akzeptierte Tatsache, dass ein sich im Besitz von Hirn befindlicher Zombie auf der Suche nach mehr Hirn ist", so beginnt Grahame-Smith, dessen Buch aus achtzig Prozent Austen-Text besteht. Die Kinoadaption jedoch entfernt sich von Grahame-Smith viel weiter als dieser sich von Jane Austen entfernt hat. Der Film probiert alles Mögliche an Themen und Motiven aus, führt aber nichts wirklich durch, findet auch keinen Rhythmus und keinen adäquaten Tonfall. Der Versuch, eine Jane-Austen-Story mit Horror, Martial Arts und auch noch der Parodie all dieser Elemente zu vereinigen, bringt statt großem Mash-Up nur mediokren Mischmasch hervor.

Schnell, sprunghaft und ruppig ist das erzählt, sodass keine Atmosphäre aufkommen kann und leider auch keine Spannung. Dass sich Darcy und die emanzipierte Heldin Elizabeth hier sozusagen auf Schwertspitzenhöhe begegnen – nun, ein netter Einfall, der aber bald verpufft. Auch weil die Martial-Arts-Sequenzen eher bescheiden choreografiert sind. Bliebe noch die Komik. Aber sie wird, ist die Grundidee erst mal etabliert, schnell redundant. Und seinem interessantesten Einfall traut der Film dann selber nicht: Die Zombies sind hier nämlich, anders als in der klassisch-modernen Phase bei Romero, nicht nur tumbe und unansprechbare Kreaturen. Sie können den Menschen Fallen stellen, sie können sogar, in bestimmten Stadien des Zombieseins, mit ihnen kommunizieren. Einmal steht eine Zombie-Mutter mit Kind da, ein mitleiderregendes Duo, ein andermal schlägt einer der Protagonist*innen eine Koexistenz zwischen Menschen und Zombies vor. Gefressen würde dann nicht mehr Menschenfleisch, sondern nur noch Schweinehirn.

Solche Überlegungen sind im boomenden Genre zwar nicht ganz neu. Wie sie hier aber erst angespielt und dann wieder zurückgeholt und ins Konventionelle gewendet werden, das muss man wohl als ängstlich-reaktionär bezeichnen. So ist diese Grahame-Smith-Verfilmung also gescheitert. Was aber nicht heißt, dass die Mash-Up-Methode insgesamt gescheitert wäre. Einigen Texten würde eine Auffrischung durch Zombies ganz gut tun. Wie wär's zum Beispiel mit Adalbert Stifters "Nachsommer", Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" oder Peter Handkes "Geschichte des Bleistifts"?

Info:

"Stolz und Vorurteil und Zombies" kommt am Donnerstag, dem 9. Juni, in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.

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