Ordentlich inventarisiert: die Bronzeplastik "Points of View" von Tony Cragg am Museumsplatz. Das Foto stammt aus dem Jahr 2005. Foto: Joachim E. Röttgers

Ordentlich inventarisiert: die Bronzeplastik "Points of View" von Tony Cragg am Museumsplatz. Das Foto stammt aus dem Jahr 2005. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 226
Kultur

Der fliegende Teppich

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 29.07.2015
Kunstwerke aus Landesbesitz verschollen, von 500 Fällen gar spricht der Landesrechnungshof in seinem jüngsten Bericht. Was steckt dahinter? Sind die Gemälde in Wohnungen von Professoren verschwunden oder verstauben sie im Keller mancher Institute? Unser Autor hat sich als Kunstdetektiv auf die Suche gemacht.

Im Kollegiengebäude K II der Uni im Stuttgarter Stadtzentrum kursieren schon lange Geschichten. Ein großer Wandteppich von Ida Kerkovius, hieß es einmal vor langer Zeit, sei aus dem elften Stock entfleucht. Der Pavillon auf dem Dach der zehnstöckigen Hochhausscheibe mit Blick auf den Schlossplatz, ursprünglich gedacht als "Forum der Begegnung von Wissenschaft und Politik", sei mit repräsentativen Kunstwerken ausgestattet gewesen. Die seien alle weg. Und in Fellbach sei gar ein Picasso verschwunden.

Doch Picassos Lithografie "Tête de femme" von 1957 fand sich wieder an einem ungewöhnlichen Ort: in einem Flur neben dem Kopiergerät, vergilbt und verblasst, aber nicht gestohlen. Und einen Wandteppich von Ida Kerkovius hat es an der Universität nie gegeben. Dies lässt sich einer Datenbank entnehmen, welche die Staatliche Vermögens- und Hochbauverwaltung bereits auf eine frühere Mahnung des Rechnungshofs im Jahr 2005 hin angefertigt hat. Baden-Württemberg ist damit das einzige Bundesland, das seinen Kunstbestand vollständig inventarisiert hat. Rund 3500 Werke sind verzeichnet, 500 davon nicht mehr auffindbar. Diesem Verzeichnis entnimmt auch der Rechnungshof seine aktuellen Zahlen.

Von der Bauhaus-Schülerin Ida Kerkovius fehlt nicht etwa ein großer Wandteppich, sondern ein kleines Pastell. Karola Lake, die Geschäftsführerin der Kunstkommission des Landes, könnte dazu viel erzählen. Doch für ein offizielles Statement verweist sie auf die Pressestelle des Finanzministeriums. Die Nerven sind angespannt: 500 verschollene Kunstwerke, das macht eine gute Schlagzeile, die sich Zeitungen und Fernsehen nicht entgehen lassen.

Aber die Geschichte der Kunstwerke, die Professoren aus ihren Dienstzimmern mit nach Hause nahmen, ist keineswegs neu. Sie war an der Universität schon vor mehr als zwanzig Jahren verbreitet. "In einer Suchaktion müht sich die Universität Stuttgart derzeit, in Hörsälen und Studierstuben verlorengegangene Kunst wiederzubeschaffen", war bereits vor 20 Jahren in Medienberichten zu lesen: "Den Bürokraten war im letzten Jahr aufgefallen, dass zwischen der offiziellen Liste staatseigener Kunstwerke und dem Bestand an der Uni erhebliche Lücken klafften."

Verschätzt

Schon damals war die Rede von 30 verschollenen und elf wiedergefundenen Werken, aber auch von zwei Kunstwerken, die im aktuellen Bericht des Rechnungshofs nun wieder genannt sind: die Farblithografie "Signes et météores" von Joan Miró und der Holzschnitt "Segelschiffe" von Lyonel Feininger. Von Ersterer, Auflage 100, wurde 2010 im Auktionshaus Ketterer in München ein Exemplar für 4800 Euro verkauft, vom zweiten eins für 3050 Euro.

Bei dem verschwundenen Werk der Kerkovius könnte es sich um jenes "Gemälde mit dem Titel 'Ischia'" handeln, dem in einem "Spiegel"-Artikel ein "Schätzwert 30 000 Mark" zugeschrieben wurde. Ein Pastell gleichen Titels hat kürzlich die Städtische Galerie Böblingen erworben, für einen "niedrigen fünfstelligen Betrag". Dasselbe Werk hatte das Kunsthaus Lempertz drei Jahre zuvor noch für 4840 Euro versteigert. Es ist nicht das aus der Stuttgarter Universität; es stammte von einem hessischen Privatsammler, der es direkt von der Künstlerin erworben hatte. Aber die Zahlen deuten darauf hin, dass der Schätzwert zu hoch angesetzt war.

Bei den verschollenen Werken handelt es sich häufig um Druckgrafiken, die freilich nicht alle an der Uni, sondern auch in Büros und Krankenhäusern an den Wänden hingen. Große Namen sind eher die Ausnahme. Mit der Anschaffung wollte das Land auch lokale Künstler fördern.

Der Verlust von 500 Kunstwerken deutet sicher auf gravierende Mängel hin, nicht unbedingt aber auf eine generelle Selbstbedienungsmentalität der Professoren. Die Staatsanwaltschaft hat vor zwanzig Jahren ermittelt – offenbar ohne Ergebnis. Heute sind die Fälle längst verjährt. Auch mangelndes Kunstverständnis und fehlende Verantwortlichkeiten mögen eine Rolle gespielt haben. Dies soll sich nun ändern: Eine Person soll immer zuständig sein.

Offenbar zählt auch der Rechnungshof die Werke von Miró und Feininger zu den wertvollsten. Wenn dies stimmt, kämen die 500 verschollenen Werke nach heutigem Stand auf einen Gesamtwert im sechsstelligen Bereich. Im Bereich "Kunst am Bau", der im Zentrum des aktuellen Rechnungshofberichts steht, kann schon ein einzelnes Werk mehr kosten.

31 ortsfeste Kunstwerke hat das Land in den letzten fünf Jahren erworben und dafür insgesamt zwei Millionen Euro ausgegeben; ein Werk kostete im Schnitt 65 000 Euro.

Für damals 15 000 Mark kaufte das Land 1956 Ernst-Wilhelm Nays "Freiburger Bild": 2,55 Meter hoch und 6,55 Meter breit, das größte Werk des Malers. 1959 auf der Documenta 2 ausgestellt, steht es heute im Vestibül des chemischen Instituts der Freiburger Universität. Der Rechnungshof beziffert den Versicherungswert auf zwei Millionen Euro und moniert: "Allerdings werden die Kunstwerke grundsätzlich nicht monetär bewertet; die Werte der Kunstwerke werden nicht erfasst. Lediglich bei Kunstwerken, die an Dritte verliehen werden, ist ein Wert bekannt (meist der Versicherungswert)."

Aber der Geldwert eines Kunstwerks lässt sich nur feststellen, indem man es verkauft. Der Preis steigt oder fällt, je nachdem, was ein Käufer zu zahlen bereit ist. Allgemeine Angaben zu Künstlern beruhen immer auf Durchschnittswerten aus Auktionserlösen. Wenn wenige Werke auf dem Markt sind, kann es sein, dass sich die Sammler gegenseitig überbieten. Wirft dagegen ein Erbe, der mit Kunst nichts anfangen kann, ein ganzes Konvolut auf den Markt, bringt dies die Galeristen zur Verzweiflung: Die Preise gehen in den Keller.

Bekritzelt, zerbeult oder forsch versteigert

Weiterhin monieren die Prüfer eine "nicht angemessene Betreuung der Kunstwerke". Die Empfehlung lautet: "Besonders wertvolle Kunstwerke müssen durch geeignete Maßnahmen besser geschützt und gesichert werden." Auch hier lässt sich sagen: Wenn es nur so einfach wäre! Als Beispiel nennt der Bericht die Plastik "Augenloses" von Reiner Maria Matysik vor dem Zentrum für Biochemie und molekulare Zellforschung in Freiburg: ein organisches weißes Gebilde mit vielen Tentakeln, das die Prüfer mit Graffiti verunziert vorfanden. Und eine Überwachungskamera funktionierte nicht.

Dass Sprayer ihre Tags auf Kunstwerken hinterlassen, mag bedauerlich sein, wird sich aber kaum gänzlich verhindern lassen. Ebenso wenig, dass eine Kamera mal nicht funktioniert. Es gab schon gravierendere Fälle. Der äußerst populäre "Denkpartner" von Hans-Jörg Limbach, ein auf zwei Arme gestützter, 800 Kilo schwerer Bronzekopf, erhielt drei Jahre nach Aufstellung einen schweren Schlag. 2012 klauten Metalldiebe Bernd Stockers bronzene "Eva" von der Uhlandshöhe. Die Stadt Stuttgart zog es daraufhin vor, die Figur "Die Nacht" von Aristide Maillol, die immer vor dem Kunstgebäude stand, ins Kunstmuseum zu verfrachten. Wenn sich dies durchsetzt, müsste allein in Stuttgart eine mindestens zweistellige Zahl von Kunstwerken aus dem öffentlichen Raum verschwinden.

Gefahr droht aber auch von anderer Seite: "Es gibt Objekte, die immer neue Orte in der Stadt erhielten, und es gibt etliche, deren Verbleib unbekannt ist", schreibt Bärbel Küster in ihrem Standardwerk über "Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart". Recht willkürlich sprangen Stadt und Land immer wieder mit ihrem Kunstbesitz um. Dem Projekt Stuttgart 21 mussten nun etwa das "Stuttgarter Tor" von Thomas Lenk und ein "Farbraumobjekt" von Georg Karl Pfahler weichen. Was die Kunstwerke in Landesbesitz betrifft, gibt es jetzt immerhin ein ordentlich geführtes Verzeichnis.

2001 wollte das Finanzministerium die Arbeit "Stammheim" von Olaf Metzel am Württembergischen Kunstverein entfernen. Metzel, 1995 bis 1999 Rektor der Münchner Kunstakademie, hat sich in dem 1984 entstandenen frühen Werk als einer der ersten Künstler mit der Geschichte der RAF auseinandergesetzt. Das Wort "Stammheim", in weißer Farbe an die Wand geschrieben und halb übermalt, konnte offenbar 17 Jahre danach immer noch provozieren. Aber in diesem Fall hat sich der Kunstverstand durchgesetzt, und das Werk blieb an Ort und Stelle.

Im Park der Villa Berg wiederum steht heute kaum noch eine der ursprünglich sehr zahlreichen Skulpturen. Das vermutlich älteste Werk, die 1828 entstandene Marmorgruppe "Jupiter und Antiope" von Francesco Pozzi, die in der Grottennische auf der Westseite der Villa angebracht war, hat der SWR noch 2010, drei Jahre nach dem Verkauf der Villa an den Investor Rudi Häussler, beim Auktionshaus Nagel für 50 000 Euro versteigern lassen.


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