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Null Vision

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Stuttgart 21 laufen die Befürworter weg, die Kultusministerin wird geschasst, der viel gepriesene grüne Bürgerdialog stagniert in ungeahnten Tiefen. Und was macht MP Kretschmann? Er hat Kreisverkehrskunst und vollgekotzte Vorgärten zur Chefsache erklärt. 

Unfälle sind dem menschlichen Versagen geschuldet, das der Herrgott seinen Geschöpfen eingepflanzt hat, so weit klar. Gleichzeitig hat er aber, und da sind wir dankbar, den meisten Menschen auch Gehirn gegeben, das gegen die eigene, körperliche Unzulänglichkeit wiederum die Kultur erfunden hat: Messer zum Schneiden, Kleider statt Fell, Räder zum Fahren. Und Kunst auf dem Kreisverkehr.

Baden-Württemberg ist laut SZ-Magazin mit 164 Werken sogar der ungeschlagene Meister der Kreiselkunst. Aber der hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann nun den Kampf angesagt. Die Idee dahinter: "Vision Zero." Die kommt eigentlich aus Schweden und meint – null Tote im Straßenverkehr. Verkehrsclubs haben sie adaptiert, die EU, die Bundesregierung und seit Neuestem auch unser MP, der zukünftig ganz klar im Sinne der Bürgersicherheit Kreiselkunst im Land demontieren lassen möchte. Denn Spitzen und Klötze sind gefährlich, sollte man dagegen fahren. In Gerlingen sind das ein paar Fahnenstangen, in Freiberg der Drachenkreisel, in Großbottwar ein stählerner Storch, das Wappentier der Stadt, in Löchgau eine Nagelskulptur, in Sersheim Betonkugeln (für mehr Kreiselkunst hier klicken). Da droht Unbill all den Gemeinden, die für Ihre Kunst eine Menge Geld hingeblättert haben.

Auch unpopulär ist Kretschmanns persönliche Nullnummer in Sachen Alkohol in der Öffentlichkeit. Kollege OB Palmer brachte es kürzlich auf den Punkt: Straßen voller Scherben, Vorgärten vollgekotzt, Nachtruhe gestört, Schlägereien, Angetrunkene torkeln vor fahrende Autos, und Polizisten werden verletzt – klingt nach Krieg im Studentenstaate Tübingen. Und weil das wohl überall im Land so ist, kümmert sich der MP im Sinne des "persönlichen Anliegens" nun höchstselbst um suffbedingten Auswurf und Vandalismus und will zum zweiten Mal ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätze durchsetzen, das erst im vergangenen Jahr gescheitert ist. In gewohnter Manier wird er das im "Dialog" mit dem mündigen Bürger tun, auf der Suche nach "Lösungsmöglichkeiten", quasi auf der Welle einer kritischen Debatte rein in die Prohibition und zurück ins 17. Jahrhundert. Damals hatte man im Baden-Württembergischen Kirchenkonvent schon mal die selbe Idee und verbat zwecks Disziplinierung neben dem Saufen auch gleich noch das öffentliche Murmeln, Tanzen und Kartenspielen. Kreisverkehre gab es da noch nicht. Gott sei Dank.

Währenddessen stürzt um Kretschmann herum Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer vom Thron, die gesamte Bahnhofsriege balanciert höchst unsicher von einem Finanzloch ins nächste, und irgendwie wird gemunkelt, der Kretschmann kümmere sich eigentlich um fast gar nichts mehr mit Herz. So politisches Tagesgeschäft ist halt auf Dauer nicht unbedingt sexy. Also gönnen wir ihm doch für den Moment seine Verkehrskunst und die Besoffenen auf öffentlichen Plätzen mitsamt der Feinde, die er sich damit macht.

Vielleicht dämmert da ja sogar eine Renaissance von Kretschmanns bestem Stück in Sachen Bürgerdialog herauf: Gisela Erler, die mit dem Filderdialog ihr letztes Projekt so schlimm versaut hat, könnte sich kunst- und saufgelagemäßig prima rehabilitieren. Und wenn sie Moderator Ludwig Weitz noch mal nach Stuttgart bekommt, könnte der auch gleich die brachliegenden Kreisel mit ungefährlichen Klangschalen bestücken. In Bad Cannstatt würden sie sich ganz gut machen – da stehen derzeit noch ein paar bedrohliche Bäume auf einem Kreisverkehr. Und mit Bäumen ham sie's ja eh nicht so, unsere Landtags-Grünen.

 


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