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Verlorene Heimat Oberschwaben

Verlorene Heimat Oberschwaben
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Sie malen Pferdeköpfe an die Hauswände, stellen Holzspeichen-Zierräder auf und spielen Mittelalter – die Oberschwaben wehren sich gegen die aufgezwungene Moderne. Ihre Heimat retten sie damit nicht. Ein Auszug aus Peter Renz' neuem Buch "Heimat. Ausflug in ein unbekanntes Land".

Straßenbaustellen im Niemandsland, zerfallene Ställe, ausrangierte Traktoren vor verschlossenen Stadeln, halb abgerissene Bauerhöfe, Plastikplanen als Silageverpackung, überall Knochensteinpflasterungen, handgemalte Hauswandverzierungen, Baustahlgestrüpp am Feldrand, Dorfrandgestaltung im Baumarktdesign – hilflose Gesten von Verschönerungswut. Alles erinnert an etwas, das wir zu kennen meinen, und doch: Es scheint uns fremd, abseitig, wie aus einer Welt, in der man nicht mehr daheim sein kann.

"Ländlicher Raum" – dieser Begriff meint ein Vertrautes, gleichzeitig wirkt er wie ein Menetekel der Moderne. Da wölbt sich noch ein weiter Sommerhimmel voller Cumuluswolken, doch das Land unter ihm breitet sich wie aus einer anderen Zeit kommend in die Gegenwart aus. Häuser, Äcker und Wiesen erinnern von fern an jene ländliche Beschaulichkeit, in der wir aufwuchsen. Man könnte meinen, es rieche noch ein wenig nach aufgebrochener Erde, nach Streuobst, nach Mist und Heu.

Doch nirgendwo begegnen wir dem heimeligen Arrangement aus vertrauten Gerätschaften der jahreszeitlich bedingten Arbeit an der Natur. Heuwender, Leitern, Eggen, Viehtrieb, Pflugschar – mit dem Verschwinden der Gegenstände sind auch die Wörter fast schon vergessen. Stattdessen reißen Straßenbauten, Autobahnzubringer die weichhügelige Wiesenlandschaft auf, Fahrzeuge bleiben hinter uniformen Garagentoren versteckt, auf Brachland erheben sich gewaltige Silobauten, Lagerhallen verströmen das gesichtslose Flair von Industrieansiedelungen, überall aufgeräumte Zweckmäßigkeit. Ein nüchterner Blick entdeckt eine schleichende Metamorphose, die unser gewohntes Bild von dörflicher Welt zersetzt.

Die Vorboten der Modernisierung sickern in das Gewachsene

Heimat, so erfahren wir von Ernst Bloch, ist etwas, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war". Ein Ort also, auf den wir noch hoffen. Wer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Oberschwaben aufgewachsen ist, fühlte sich dort längst angekommen. Kaum eine Landschaft des deutschen Südwestens hat sich so lange bis fast in die Gegenwart eine ähnliche Balance zwischen Natur, Arbeit und Kultur bewahrt, wie der ländliche Raum zwischen Donau, Allgäu und Bodensee. Nun sickern auch hier, wo "Heimat das schönste Wort für Zurückgebliebenheit" schien (Martin Walser) in das organisch Gewachsene zunehmend die Vorboten der Modernisierung.

Entfernte Ähnlichkeit mit dem so lange gepflegten Inbild verspricht das Foto von Claudio Hils: ein Apfelbäumchen vor weit gedehnter Landschaft aus Löwenzahnwiese und blühendem Rapsfeld, fernem Waldsaum, über dem sich ein klarer Himmel spannt. Ein scheinbar tröstlicher Naturanblick, Arkadien in Oberschwaben, wäre da nicht die hölzerne Krücke, mit der dieses Apfelbäumchen gestützt werden muss. Wir spüren: Nichts ist heil geblieben, überall breitet sich der Schatten der Versehrtheit aus. Ein Bild, das die blühende Landschaft ins Unwirkliche verklärt. Es erinnert an eine gemalte Idylle und führt uns gleichzeitig vor: Das ist nur Abbild einer inneren, aufbewahrten Ikone, in der uns jener Ort der Kindheit, das Inbild von Heimat, noch einmal aufscheinen mag, bevor es verschwindet.

In der Abwesenheit der Idylle, der neusten Gegenwart unserer Landschaft, herrscht die synchrone Zeit. Der Anblick lässt frösteln: Neben halb zerfallenen Scheunen und Bauernhöfen ragen nüchterne Zweckbauten, die sich um ländliche Charakteristik nicht scheren. Umrahmt von frühlingshaftem Blütenzauber liegen zerfledderte Plastikplanen wie erstarrte Meeresbrandung in der Wiese, während die weißen Silagewalzen als rätselhafte Kokons auf ihre Enthüllung warten.

Das Heraufdämmern dieser neuesten Sachlichkeit verdankt sich der Schubkraft der Ökonomie. Abriss, Planierung und Begradigung sind die Vorboten der Transformation einer Lebenswelt, die sich auf all das nicht mehr berufen kann, was ihre bisherige Bestandsgarantie schien: Originalität, Sturheit und Eigensinn. Uniforme Hallen zerschneiden die gewachsenen Formen mit kalter Geometrie, vor dem weiten Wiesenhorizont mit Stromleitungen markieren rote Hinweisschilder die unterirdisch verlaufende Gasleitung wie Signale für die neue Zeit. Golfplätze, begradigte Flussläufe und betongepflasterte Wege und Plätze verbreiten den zweifelhaften Charme eines anonymen Vorstadtfreizeitgeländes. Was nicht mehr bewohnbar ist, wird mit Plastikplanen und Brettern vernagelt.

Die Landwirtschaft ist im Abwicklungszustand

Wo die Transformation noch nicht angekommen ist, nagt derweil der Zerfall. Viele noch bewirtschaftete Stallgebäude haben jedes Flair verloren. Bei Umbauten und Anpassungen gibt man sich erst gar keine Mühe mehr. Der nüchterne Zweck legitimiert die Mittel. Tröge, Wannen und Kleingerät wirken wie Flickwerk einer Gelegenheitslandwirtschaft, die sich nur noch mit dem Nötigsten behilft. Überall spürt man die Flüchtigkeit, mit der vielerorts Nebenerwerb betrieben wird. Landwirtschaft im Abwicklungszustand. Wie ein Fossil aus fernen Tagen steht irgendwo ein fahruntüchtiger Traktor vor verschlossenen Scheunentüren, Wind und Wetter ausgesetzt als trotzige Abschiedsskulptur einer versunkenen Betriebsamkeit, in der sich tägliche Mühen um Hof und Vieh noch gelohnt haben.

Die unnachsichtige Globalisierung der Märkte straft jene Lügen, die auf konservative Beständigkeit hofften. Modern sein verlangt heute den Dienst am Verwertungsinteresse. Die unvermeidlichen Kollateralschäden an Haus und Hof läuten den Abschied vom gestrig-verträumten Oberschwaben ein. Beschädigt wird allerdings nicht nur die ländliche Bausubstanz, indem sie die Angleichung an die architektonische Wüstenei der Stadtränder erzwingt. Was Mitscherlich einst für die Städte konstatierte, gilt nunmehr auch für den ländlichen Raum: Die Ankunft der Moderne auf dem Land erzeugt auch hier eine "Unwirtlichkeit", die bis hinein in die Lebensart reicht.

Dabei erweckt vieles den Eindruck von Aufbruch. Gasleitungen und Fernwärmeanschluss, Satelliten und Kabelverbindungen als Baustellen einer Technologie, die vor keinem abgelegenen Winkel Halt macht, versprechen auch dem Niemandsland Anschluss an die Gegenwart des globalen Dorfes. Doch leere, vor allem menschenleere Plätze verraten wohl eher: Hier bricht niemand auf, hier duckt man sich, fügt sich ins Unvermeidliche. (...)

Die moderne Globalisierung kennt weder Demut noch "falsche Bescheidenheit". Ihr Credo wird an der Börse formuliert. Ihre Missionare in Nadelstreifen singen den Einheitschor des globalen Dorfes und meinen die effiziente Gleichschaltung aller Lebensbedingungen. Eigenart wird auf dem Altar der Rentabilität geopfert.

Gegen die drohende Zerstörung der ländlichen Lebenswelt erhob sich vor Zeiten der Schlachtruf: "Unser Dorf soll schöner werden." Eine Losung, die in sich schon den Keim des Scheiterns trug. Mit Reparaturen nach normierten Vorbildern ist die verlorene Originalität nicht zu retten. Schönheit, wo sie im Alltag aufscheinen mag, ist Ausdruck einer geglückten Lebensform, unverwechselbares Ergebnis von Arbeit im Einklang mit der Natur.

Durchfahrtsgelände, Freizeitpark, Großraum für Monokultur

Was einmal mit von oben verordneter Flurbereinigung in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts begann ist heute zur "Originalitätsbereinigung" aus ökonomischem Zwang geworden, einer Gleichschaltung mit der sattsam bekannten städtischen Zersiedelung, vielleicht die Bereinigung des Ländlichen überhaupt. Wo sind die regionalen Baubehörden geblieben, die noch in den Achtzigerjahren im sogenannten Außenbereich fundamentalistisch jede Verbreiterung einer Dachgaube mit unerfüllbaren Auflagen verhinderten? Novellierungen des Baurechts haben längst die Schleusen geöffnet. Bei aller sinnvollen Flexibilität für die Landbewohner hat der bauordnungspolitische Freibrief letztendlich die Landschaft zur schlichten Verwertungsgröße gemacht: Durchfahrtsgelände, Freizeitpark, Großraum für Monokultur.

Die so entstandene und weiter entstehende Unwirtlichkeit des ländlichen Raums mit ihren seltsam anmutenden Verwandlungen und Adaptionen des Kleinstädtischen verdankt sich dem Anpassungsdruck an eine formierte Lebenswirklichkeit. Sie beginnt mit Baumarkt-Gipsfiguren im Vorgartenstreifen, funktionslos gewordenen Gebäuden und endet mit abstrakten Stahlskulpturen auf dem betonbewehrten Kirchplatz. Bald jede Zweihundertseelengemeinde walzt ihre Dorfmitte zum asphaltierten Kreisverkehr aus, über den die Dreißigtonner-Diesel ungehindert ihre gigantischen Frachten in jeden Winkel der Republik transportieren können.

In Dorfrandsiedlungen gibt sich die Fertighausarchitektur den Schein südländischer Leichtigkeit, fünfstöckige Terrassenbauten signalisieren die endgültige Verwandlung der Dorfränder zu Schlafsiedlungen. Was in den Sechzigerjahren die Zentren der kleinen und mittleren Städte heimgesucht hat – der verantwortungslose Abriss gewachsener Bausubstanz und ihr "Ersatz" durch unansehnliche Betonklötze , ist inzwischen auf dem flachen Land angekommen. Ohne Dorfentwicklungsplan scheint die ungebremste Ausweisung neuer Baugebiete zum Allheilmittel ländlicher Besiedelungspolitik geworden, getreu der Losung: "Unser Dorf soll größer werden!"

Die Pferdeköpfe an den Hauswänden haben etwas Anarchisches

In dieser aufgezwungenen Adaption der Moderne ist aber auch eine fast renitente Hilflosigkeit zu spüren, ein ästhetischer Widerstand aus innerer Emigration: Verzierung als Revolte gegen die Zumutung. So besehen haben die handgemalten Pferdeköpfe an den Zweifamilienhäusern fast etwas Anarchisches. Verzweifelte Wut über den endgültigen Verlust der ehemals natürlichen Lebenswelt. Gedenken an ein verschwindendes Daseinsgefühl, an das, was einmal war und nie mehr sein wird.

Der ursprüngliche Zusammenhang von Arbeit und Leben, der die dörfliche Welt über Jahrhunderte auszeichnete, scheint unrevidierbar zerschlagen. Was bleibt, ist das pure Wohnen in einer Umgebung, die an jeder Ecke nur noch erinnert ans Tätigsein. In ihrer Beschränkung auf Übernachtung und Freizeit verwandeln sich die Häuser entlang der Dorfstraßen in abweisende Zwingburgen einer Privatheit, die das Landleben so nicht kannte. Neben aller Mühsal war bäuerliche Arbeit vor allem ein öffentliches Geschehen. Jeder Handgriff im Hof und auf dem Feld vollzog sich nicht nur vor aller Augen, sondern stiftete dadurch gerade jenen Lebenszusammenhang, der dieses mühevolle Dasein erst lebbar machte. Freilich ein Dasein, dem niemand nachtrauert. Die Ordnung der alten ländlichen Heimat war immer auch Knechtschaft, das tägliche Leben ein "Mordsverlitt" im Joch von Grundherren und den Unwägbarkeiten von Wetter und schmalem Ertrag.

Dieser Daseinsform leidlich entronnen, sieht sich der heutige Landwirt jedoch einer Macht gegenüber, gegen die kein Hoffen mehr hilft. Der Blick hinter notdürftig intakt gehaltene Fassaden lässt etwas ahnen von der Unaufhaltsamkeit, mit der die Wucht der Globalisierung auf den ländlichen Raum zukommt und das Vertraute so grundlegend umkrempelt, dass wir uns fühlen wie ausgesetzt. Eine unbelebte Zwischenwelt, in der man nicht mehr heimisch bleiben und erst recht nicht werden kann. In all den Wandverzierungen und drapierten Gipsskulpturen, den oleanderbepflanzten Kübeln und Holzspeichen-Zierrädern, den Baumarkt-Fertigzäunen und Panorama-Malereien von friedlich weidenden Kühen scheint daher noch etwas nachzuklingen vom Schmerz über den Verlust der Eigenart. (...)

Fortschrittsbesessene Weltbürger brauchen keine Heimat. Zumal sich das, was früher einmal eine halbwegs überschaubare heimatliche Umgebung gewesen sein mag, im Zuge digitaler Netzwerke längst ins Globale verflüchtigt hat. Die Postmoderne ist mit der flächendeckenden Verkabelung auch im hinterletzten Dorf angelangt.

Überall treffen sich Menschen und spielen Mittelalter

Dort allerdings droht den traditionellen sozialen Organisationen in Vereinen, Dorfkneipen und Kirchengemeinden der schleichende Zerfall. Übrig bleibt eine allgemeine Vereinzelung, in der die nostalgische Sehnsucht nach sozialen Formen der Vergangenheit aufkeimt. Überall treffen sich Menschen und spielen Mittelalter oder Steinzeit, versuchen sich in alten Handwerkstechniken, bauen ganze Feriendörfer mit Lehmziegeln und Strohdächern, aus lauter Sehnsucht nach Einfachheit, die ihnen ihr Leben nicht mehr bieten kann. Aber es gibt keinen Weg mehr zurück. In Zeiten, in denen die ständige mediale Präsenz mehr Vertrauen erweckt als die Begegnung mit dem Nachbarn an der nächsten Tür, stiften soziale Netzwerke die digitale Illusion eines körperlosen Zusammenhangs, der sich freilich mit einem Klick in die Anonymität verflüchtigen kann. In Netzwerken kann man nicht zusammenwachsen.

Daneben versuchen mediale Spartenkanäle das Bedürfnis nach Heimat zu stillen: Regionale TV-Programme mit ihren provinziellen Fokussierungen werden zum Heimaterlebnis aus zweiter Hand. Dies gilt für vereinsamte Bewohner der ländlichen Gegenden wie für den türkischen Immigranten im Ruhrgebiet, der sich mit anatolischen Satellitenkanälen vor der Assimilation an seine deutsche Umgebung abschottet. Auch wenn die Hintergrundsgeräusche laufender TV-Geräte in jeder Wohnung, jeder Kneipe zum integralen Bestandteil moderner Zugehörigkeitsgefühle geworden sind: Was Fernsehbilder nicht stiften können, ist Heimat.

Die Region Oberschwaben hatte das Glück, anders als viele deutsche Städte, die verheerenden Kriege des letzten Jahrhunderts fast unbeschadet überdauert zu haben. Nur in Friedrichshafen wütete das Bombardement der Alliierten und legte die Stadt in Schutt und Asche. Der Rest blieb heil, als sei nichts geschehen. Noch Jahrzehnte nach dem Ende des letzten Krieges sah es in manchen Gegenden des Oberlandes aus wie in Bilderbüchern früherer Generationen. Dieses Bild einer unversehrten Heimat hält sich bis heute in unseren Köpfen und nährt die Vorstellung vom ungefährdeten Fortdauern ländlicher Idylle aus charakteristischen Kirchtürmen, seliger Barockverspieltheit und markanten Fachwerkmustern vor sanft bewegter Drumlinlandschaft.

Je länger wir aber an diesem Kindheitsbild festhalten, umso größer wird die Drift zwischen Wunsch und Verlust. Die beschriebenen Anzeichen der Entzauberung der oberschwäbischen Idylle belehren uns eines Besseren: Wir kommen nicht umhin, dem schönen Schein der heilen Welt auf dem Lande die Wahrheit seiner längst in Gang befindlichen Zersetzung entgegenzuhalten.

 

Der Schriftsteller Peter Renz (68) lebt im oberschwäbischen Waldburg. Sein neues Buch "Heimat. Ausflug in ein unbekanntes Land" erscheint am 9. März im Klöpfer & Meyer-Verlag. Der obige Text ist ein Auszug aus dem letzten Kapitel. Die ersten Lesungen sind hier zu finden.

Die Bilder zum Text hat Claudio Hils gemacht, Professor für Fotografie an der Fachhochschule Vorarlberg und Kurator zahlreicher Ausstellungen. Mehr Bilder des Oberschwaben-Idyll in der Schaubühne "Das Himmelreich als schöner Schein".


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9 Kommentare verfügbar

  • Insider
    am 30.03.2015
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    schwaebische.de/region_artikel,-Kritisches-Heimatgefuehl-_arid,10204237_toid,581.html
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