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Viel Sekretärin, wenig General

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Ach, wäre es doch Satire zum Internationalen Frauentag. Es ist aber Realität, dass inzwischen drei Parteien im Land, CDU, SPD und FDP, ein frauenpolitisches Signal senden und zugleich möglichst billig davonkommen wollen. Also machen sie aus dem Amt des Generalsekretärs das einer -sekretärin.

Kampagnenfähigkeit war ein großes Wort, damals Anfang der Achtziger, als sich die alte Tante SPD aufmachte in eine neue Zeit. Als sich Peter Glotz, ihr Vordenker und Organisator, als einer der Ersten im Politikbetrieb Gedanken über jene Zukunft machte, die inzwischen Gegenwart ist. Es ging um moderne Transportwege als Mittel zum Zweck, um die schnellere, unmittelbarere und unverfälschte Verbreitung politischer Botschaften. Für Katrin Schütz, die Generalsekretärin der baden-württembergischen CDU, heißt Kampagnenfähigkeit, postalische Pannen beim Versenden von Unterlagen für den Mitgliederentscheid verhindern.

Dieser Vergleich ist nicht frauenfeindlich. Er beschreibt bloß Zustände, die Männer sich ausgedacht und Frauen nicht verhindert haben. Schütz, die Unternehmerin aus Karlsruhe, Katja Mast (SPD) und jüngst auch Judith Skudelny (FDP) sind völlig überfordert in ihrer Rolle als Generalsekretärin, jedenfalls nach den Maßstäben jener Generalsekretäre, die sich auflehnten gegen ihre Vorsitzenden, die ihre Freude ausstrahlten am politischen Streit, an Ideologie und Theorie und zugleich das Geschäft der verbalen Zuspitzung beherrschten aus dem Effeff. Um manchmal weit übers Ziel hinauszuschießen. Heiner Geißler, dazumal alles andere als ein Linksaußen in seiner Union, wurde 1985 von Willy Brandt als "schlimmster Hetzer seit Goebbels" tituliert, nachdem er dem Pazifismus eine Mitverantwortung für Auschwitz zugewiesen hatte. So provozierten Generalsekretäre gesellschaftliche Debatten, die durch sie vertieft und geschärft wurden weit jenseits der nichtssagenden rhetorischen Übungen, mit denen heutzutage gepunktet werden soll im immerwährenden Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit.

Ein großes Amt ist auf den Hund gekommen

An den drei baden-württembergischen Generalsekretärinnen die Grünen kennen das Amt weder männlich noch weiblich besetzt – schärft sich nichts und niemand. Dafür kühlen Parteifreunde, selbst jene, die mitverantwortlich sind für den Aufstieg, ihr Mütchen. Mast, die fleißige Bundestagsabgeordnete mit dem Wahlkreis Pforzheim, wurde im Oktober 2013 mit nicht einmal 55 Prozent der Stimmen in ihr Ehrenamt wiedergewählt. Häme selbst vor den Kulissen: Offen diskutierten Delegierten damals, dass jemand, der sich qua Arbeitsplatzbeschreibung ausdrücklich als Link zur Basis zu verstehen hat, angesichts dieses Ergebnisses umgehend den Hut nehmen müsste. Passiert ist nichts.

Die gebürtige Offenburgerin, Mitglied im SPD-internen Club der allzeit nach oben orientierten Netzwerker, lächelte sich den Schock aus dem Gesicht und machte weiter, als wäre nichts geschehen. Verschrieben hat sie sich einem "Dreiklang für gute Politik im Bund, im Land und in der Region: Zuhören, Verstehen, Gemeinsam handeln". Klingt wie aus einem drittklassigen Werbeprospekt. So originell wie der ausgelutschte Gemeinplatz, der folgt: "Nach der Wahl ist vor der Wahl!" Fehlt bloß noch Sepp Herbergers Erkenntnis, dass der Ball rund ist.

So ist dieses große Amt hierzulande also zur Frau und zugleich ziemlich auf den Hund gekommen. Alle drei begreifen sich bestenfalls als Parteimanagerinnen, wobei Judith Skudelny ohne erkennbare Gender-Hemmung "Manager" sagen würde: Die 39-jährige Ex-Bundestagsabgeordnete aus Stuttgart und Mutter von zwei Kindern pflegt von sich in der männlichen Form zu sprechen. Sie sei Rechtsanwalt, führt sie sich gern ein, mit dem Schwerpunkt Insolvenzrecht. Und wenn die Stimmung entsprechend ist, schiebt sie noch einen ebenso leicht ausrechenbaren wie schalen Scherz zum Zustand ihrer Partei hinterher. Oder sie kokettiert: "Ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin", schiebt die linke Hand lässig in die Hosentasche beim FDP-Landesparteitag Anfang Januar – und sammelt, ohne Bein zu zeigen, 301 von 355 Stimmen ein.

Mast, die frühere Referentin beim Vorstand der DB, bringt ihr innovatives programmatisches Potenzial üblicherweise mit Worthülsen zum Ausdruck und erklärt "gute Arbeit" zum Leitbild ihrer Politik. Aus dem fernen Berlin will sie, inzwischen aufgestiegen zur Landesgruppenvorsitzenden (noch so ein frauenpolitisches Signal!) im Bundestag, das sozialpolitische Profil der Südwest-SPD stärken. Sie arbeitet sich an der CDU ab und manchmal auch am grünen Koalitionspartner – per Pressemitteilung, was sich aber so gut wie nie zur Nachrichten-Primetime wenigstens im Südwesten niederschlägt.

Schütz – Ehre, wem Ehre gebührt – ist immerhin die Erfinderin des CDU-Projekts "Frauen im Fokus". Eine blutige Nase holte sie sich beim Versuch, erstmals in der Parteigeschichte keinen Mann auf einen der vier mächtigen Bezirksvorsitzendenposten zu hieven: Nicht Brigitte Schäuble wurde in Nordbaden gewählt, sondern Peter Hauk, damals noch schwarzer Fraktionschef im Landtag. Auf dem Habenkonto steht die pannenfreie Organisation jenes Mitgliederentscheids zwischen Peter Hauk und dem späteren Sieger Guido Wolf um die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl in zwölf Monaten.

Lost-lost-Situation

Das Angebot, zur Rechten des Parteichefs zu sitzen, hätten die drei Generalsekretärinnen schwerlich ablehnen können – selbst wenn sie im stillen Kämmerlein doch Zweifel an der eigenen Befähigung beschlichen hätten. Die böse Nachrede wäre dann noch größer gewesen, als sie ohnehin ist. Lost-lost heißt das im Konfliktforscherjargon. Die Männer auf der Karriereleiter reiben sich die Hände, kommen im Traum nicht auf die Idee, dass die Sonntagsreden vom Teamgeist und der Geschlossenheit selbst für Frauen gelten müssen, selbst oder gerade für jene, die ihr Amt nicht ausfüllen. Und die drei wiederum machen einen weiten Bogen um jede Chance, sich mit eigener Substanz zu profilieren.

Dabei gab's sogar in der CDU Zeiten, Ende der Sechziger, da wurde ernsthaft darüber diskutiert, ob der Generalsekretär nicht eine vom Bundesvorsitzenden unabhängige Figur sein müsste. Auch in der SPD hatten Manager oder -innen lange Zeit keine Chance. In offener Feldschlacht ließ sich ein spontan kandidierender Wolfgang Drexler 1997 von Landesparteitag in Sindelfingen zum Generalsekretär wählen, nachdem der von Parteichefin Ute Vogt ausgeguckte Christian Lange, einer der karriereinteressierten Netzwerker und heute Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesjustizministerium, sich in seiner Bewerbungsrede heillos in den banalsten Untiefen von Geschäftsstellenausstattung verloren hatte.

Bemerkenswert eigensinnig die heutige Arbeitsministerin Andrea Nahles, die das Amt der Generalsekretärin sogar gegen den Willen des Parteichefs angestrebt hatte. Franz Müntefering nahm seinen Hut, Nahles ist bekanntlich Arbeitsministerin. Volker Kauder war Generalsekretär in Baden-Württemberg, baute damit die eigene Machtbasis aus, Peter Friedrich, schon wieder ein Netzwerker, hatte das Amt inne auf dem Weg an den Kabinettstisch. Thomas Strobl wollte es als auf dem Weg ganz nach oben mitnehmen, woraus bekanntlich nichts wurde.

CDU-Frau Schütz macht auf Jogi Löw

Einmal bisher wenigstens brachte es eine der drei Baden-Württembergerinnen zu bundesweitem medialen Echo: als Oliver Welke in der "heute-show" eine Bundestagsrede von Mast aufspießte, in der sie die Idee zu Tode ritt, sozial- und arbeitsmarktpolitische Wohltaten der neuen GroKo auf einzelne Personen in der ganzen Republik herunterzubrechen: Sonja und ihren Onkel Christian aus Saarbrücken, Eva und Freund Markus aus Tuttlingen, Hendrik und Bruder Helge aus Leipzig, die Schwestern Mia und Svenja aus Flensburg, Opa Günter aus Bremen, Fliesenleger Jupp aus Köln. Der Peter (Glotz) aus Eger ist ihr leider nicht erschienen, der wäre ihr in den Arm gefallen. Nicht des mütterlichen Duktus wegen, sondern weil die ganze Herangehensweise zeigt, dass sie dem Hohen Haus ein Abstraktionsvermögen unterstellte, wie es in der Grundschule verlangt wird.

Ausgerechnet diesen Wettbewerb um den originellsten Tiefflug mochte CDU-Frau Schütz im Januar in Ulm aufnehmen. Sie präsentierte sich, bis zu diesem Zeitpunkt nur designiert im Amt, in ihrer Vorstellungsrede als Fußballkennerin vom Scheitel bis zum Pumps, erfüllt von dem Drang, die Erfolgsrezepte von Jogi und seinen Jungs umzulegen auf die hiesige CDU. Irgendwann wollte sie von den wenigen ihr noch zuhörenden Delegierten wissen, ob sie die gleiche Leidenschaft fürs Finale aufbrächten. So ähnlich müsse es sich angehört haben, "als Jogi unserer Mannschaft Leistung, Ausdauer und Geschlossenheit abverlangte", pushte Schütz sich selbst, "wir haben's drauf, gehen wir raus und holen das Ding." Gewählt wurde sie dann mit mageren 74 Prozent und selbst von mancher Parteifreundin mit der Faust in der Tasche. Sie habe in ihren 40 Jahren in der CDU schon so viele mittelmäßige Männer gewählt, jetzt sei es halt eine Frau, sprach eine für viele. Der Bumerang kam schnell zurück.

Zwei Tage später, als die CDU-Fraktion an eine Landtagspräsidentin statt an einen -präsidenten nicht einmal ernsthaft denken wollte, wurde Schütz' unbeholfene Fußball-Rede als Beleg für die begrenzten weiblichen Fähigkeiten ins Feld geführt. Von den immer gleichen Männern mit den süffisant hochgezogenen Mundwinkeln, die auch im dritten Jahrtausend ihren Stammplatz nicht räumen wollen. Nein, das ist keine Satire zum Internationalen Frauentag, sondern Realität in einem Land, das die frauenpolitische rote Laterne einfach nicht loswird.


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