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Auf der Straße

Bedeckt von braunem Laub

Auf der Straße: Bedeckt von braunem Laub
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Wenn ich im Freiluftbecken des Mineralbads Berg in die tiefstehende Morgensonne des warmen Spätoktobers hineinschwimme, glaube ich manchmal zweieinhalb Sekunden lang, irgendwas sei in Ordnung. Und das stimmt ja auch. Immerhin bin ich noch nicht ersoffen.

Den Herbst hab ich immer gemocht, auch schon, als ich noch nicht damit begonnen hatte, selber zu verwelken. Der Herbst ist seit eh und je mein großer Harlekin. Naturgemäß wird er fortwährend für faule Metaphern missbraucht. Im Radio sagte neulich jemand zum Thema Mensch und Vergänglichkeit: "Ich bin Herbst." Klingt fast so intelligent wie: "Merz kann Kanzler."

Ich neige nicht unbedingt zur Romantik, bloß weil ich mir hin und wieder auf dem Balkon im Rauch einer sehr kleinen Zigarre ein paar herbstelnde Country-Songs anhöre. Dieses Licht, das der Herbst im Hellen wie im Dunkeln produziert, treibt mich um. Nur ein Dichter kann das Farbenspiel beschreiben. Oscar Wilde sah mal "das aprikosenfarbene Licht" durch die Fenster fließen. Aber das war an einem Londoner Sommertag.

Lightshow auf dem Blauen Weg

Neulich, am Sonntagmorgen, lief ich im Seniorentrabtempo, auch Jogging genannt, über der Stadt durch den Wald. Es dauert einige Zeit, bis er sich öffnet, und auf der Strecke, Einheimischen als Blauer Weg bekannt, geriet ich tatsächlich in eine Lightshow, die mich beinahe ins Stolpern brachte. Später, als ich die Turnschuhe ausgezogen hatte, überlegte ich: Wie kann man denn diese Naturbühnenausleuchtung mit Sonne & Nebel beschreiben? Schon irgendwie gelb, aber nicht wie eine Zitrone, nicht wie ein alter Postbriefkasten oder dieser grelle Anstrich der verwelkten FDP. Da oben hing, wie hinter Milchglas, eine dünne, etwas grobkörnig schimmernde Senfsuppe am Himmel, und dahinter hielt wohl einer aus gebührendem Abstand eine Taschenlampe auf das Ganze, eine dieser machohaften Stablampen, die Rock-'n'-Roll-Roadies wie Revolver am Gürtel tragen.

Bedienen wir uns beim Dichter Octave Mirbeau (anno 1900 hat er das "Tagebuch einer Kammerzofe" verfasst): "Endlich hat sich das Wetter etwas gebessert. Die Sonne sickert durch den herbstlichen Frühnebel, das macht das Atmen leichter und sogar die Füße, so dass man beim Ausschreiten seine Sorgen vergisst. Ich weiß nicht warum, aber unter dem Eindruck dieses blaugoldenen Himmels verspürt mein Herz fast so etwas wie Heiterkeit ..."

Das klingt, äh, einleuchtend. Wobei ich bezweifle, ob ich Heiterkeit bei blaugoldenem Himmel ausgerechnet im Herzen spüre. Ist doch eher ein merkwürdiges Gefühl im Hirn, sofern dieses noch funktioniert.

"Ich bin Herbst" macht einsam

Es heißt, der Herbst mache Menschen einsam, vermutlich vor allem die, die behaupten, "ich bin Herbst" – auch wenn sie keinen Hauch von Harlekin-Talent besitzen. Neulich griff ich mir aus dem Schnäppchenkorb eines Kiosks am Schlossplatz ein altes, schon verwittertes Buch, angeboten für vier Euro. Bei näherem Hinsehen waren es Bret Hartes "Kalifornische Geschichten", 1909 im Buchverlag fürs Deutsche Haus, Berlin, erschienen. Preis: 90 Pfennig. Gedruckt in Sütterlinschrift, für einen Spätherbsttypen wie mich leicht zu entziffern. Bret Harte (1836 bis 1902) gilt als klassischer amerikanischer Erzähler mit satirischer Ader, und in seiner Geschichte "Der Narr von Fünfgabel" las ich diesen grandiosen Anfangssatz: "Er lebte sehr einsam, ohne dass diese Sonderheit etwa der Absicht zuzuschreiben war, die übrigen Bewohner des Lagers mit seiner Dummheit zu verschonen."

Eine Goldgräber-Erzählung, in der Loser als Lucky Loser verenden. Ich hatte schon früher mal Storys von Bret Harte gelesen, aber nie diesen Wikipedia-Eintrag: "Viele seiner Erzählungen wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, unter anderem auch ins Russische. Als Stalin 1927 die Geschichten über den Goldrush in Kalifornien las, gab er angeblich den Befehl, die sibirischen Goldminen wieder in Betrieb zu setzen, was der Sowjetunion half, die darauffolgende Krise zu überstehen."

Wir haben Bret Harte also reichlich Schlamassel zu verdanken. Ohne seine Erzählungen wäre Stalin samt Sowjetunion bankrottgegangen und die Weltgeschichte anders verlaufen. In meinem für vier Euro erworbenen Werk findet sich einleitend auch ein Zitat von Jean Paul, dessen Richtigkeit Stalins Goldrausch beweist: "Wenn Bücher auch nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sie doch."

Als passionierter Herbstler kann ich kein Jahr hinter mich bringen, ohne mich dem großen Nebelwerfer zu widmen. Schon gar nicht in einem Land, in dem der "Deutsche Herbst" mit all seinen Toten zum Mythos wurde und triebhafte Männer mit röhrenden Laubbläsern bis heute Nerven und Gehörgänge Unschuldiger zerstören.

Laubfroschkönig und Lichtgenie

Zurück zur Poesie. Der Braunschweiger Dichter Wilhelm Raabe lebte und arbeitete von 1862 bis 1870 in der Hermannstraße 11 im Stuttgarter Westen. Bekannt wurde sein Name in der Stadt vielen nur, weil linke Aktivist:innen 2018 in der Wilhelm-Raabe-Straße im Süden ein Haus besetzten, um auf die verheerende Wohnpolitik der Stadt aufmerksam zu machen. Verbessert hat sich seitdem nichts, im Gegenteil. Auch ansonsten sieht es düster aus. Raabe schreibt in einer November-Geschichte mit dem Titel "Dazu ist's Herbst": "Das Lachen ist teuer geworden in der Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt – es ist eine böse Zeit! Dazu ist's Herbst, trauriger, melancholischer Herbst, und ein feiner, kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die große Stadt – es ist eine böse Zeit! Die Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte begegnen, zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gruß aneinander vorbei."

Der letzte Satz trifft unsere Wirklichkeit, etwa die politische Lagerbildung angesichts des Kriegs im Nahen Osten. Auch hierzulande bekriegen und hassen sich Bekannte. Freundschaften gehen in die Brüche. Arroganz und Fanatismus verhindern Verständigung, fördern den Vormarsch der Faschisten. Und so erscheint die Klage des Dichters Klabund schon farblich aktuell wie zu seiner Zeit: Wie ein Baum, notiert er im Ersten Weltkrieg, sei er vom "braunen Laub" bedeckt.

Der Herbst kann nichts dafür, er ist der Laubfroschkönig und ein Lichtgenie. Der beste Partner, um im Zigarrenrauch auf einem klimawandlerisch aufgeheizten Oktober-Balkon Taylor Swifts Liebeskummerlied "All Too Well" anzustimmen: "Herbstblätter fallen herunter wie Puzzleteile an ihren Platz / Und ich kann es alles bildlich sehen nach all diesen Tagen / Und ich weiß, es ist lange vorbei / Und die Magie ist nicht mehr da / Und ich könnte genauso gut okay sein / Aber ich bin nicht mal ansatzweise in Ordnung."

Würde ich solche Zeilen in den verdammten Herbstnebel singen, müsste ich wieder mit dem Vorwurf rechnen, Altersschwermut und Todessehnsucht hätten mich berauscht. In Wahrheit hoffe ich nur, dass die letzten Kastanien auf die richtigen Köpfe fallen, die Füße darunter im nassen Laub ausrutschen und ein mieser Winter den Rest erledigt. Im Gebüsch unter mir singt Bob Dylan "A Hard Rain's A-Gonna Fall", rote Sterne fallen vom Himmel und braune Blätter wirbeln durch die Nacht. Ich werfe den Laubbläser an.


Joe Bauers Flaneursalon gastiert am Montag, 4. November in der Rosenau in Stuttgart-West – mit der Buchpremiere der Kolumnensammlung "Einstein am Stuttgartstrand". Karten gibtꞌs hier.

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1 Kommentar verfügbar

  • bedellus
    am 30.10.2024
    Antworten
    Schön! Danke!
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