Bedienen wir uns beim Dichter Octave Mirbeau (anno 1900 hat er das "Tagebuch einer Kammerzofe" verfasst): "Endlich hat sich das Wetter etwas gebessert. Die Sonne sickert durch den herbstlichen Frühnebel, das macht das Atmen leichter und sogar die Füße, so dass man beim Ausschreiten seine Sorgen vergisst. Ich weiß nicht warum, aber unter dem Eindruck dieses blaugoldenen Himmels verspürt mein Herz fast so etwas wie Heiterkeit ..."
Das klingt, äh, einleuchtend. Wobei ich bezweifle, ob ich Heiterkeit bei blaugoldenem Himmel ausgerechnet im Herzen spüre. Ist doch eher ein merkwürdiges Gefühl im Hirn, sofern dieses noch funktioniert.
"Ich bin Herbst" macht einsam
Es heißt, der Herbst mache Menschen einsam, vermutlich vor allem die, die behaupten, "ich bin Herbst" – auch wenn sie keinen Hauch von Harlekin-Talent besitzen. Neulich griff ich mir aus dem Schnäppchenkorb eines Kiosks am Schlossplatz ein altes, schon verwittertes Buch, angeboten für vier Euro. Bei näherem Hinsehen waren es Bret Hartes "Kalifornische Geschichten", 1909 im Buchverlag fürs Deutsche Haus, Berlin, erschienen. Preis: 90 Pfennig. Gedruckt in Sütterlinschrift, für einen Spätherbsttypen wie mich leicht zu entziffern. Bret Harte (1836 bis 1902) gilt als klassischer amerikanischer Erzähler mit satirischer Ader, und in seiner Geschichte "Der Narr von Fünfgabel" las ich diesen grandiosen Anfangssatz: "Er lebte sehr einsam, ohne dass diese Sonderheit etwa der Absicht zuzuschreiben war, die übrigen Bewohner des Lagers mit seiner Dummheit zu verschonen."
Eine Goldgräber-Erzählung, in der Loser als Lucky Loser verenden. Ich hatte schon früher mal Storys von Bret Harte gelesen, aber nie diesen Wikipedia-Eintrag: "Viele seiner Erzählungen wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, unter anderem auch ins Russische. Als Stalin 1927 die Geschichten über den Goldrush in Kalifornien las, gab er angeblich den Befehl, die sibirischen Goldminen wieder in Betrieb zu setzen, was der Sowjetunion half, die darauffolgende Krise zu überstehen."
Wir haben Bret Harte also reichlich Schlamassel zu verdanken. Ohne seine Erzählungen wäre Stalin samt Sowjetunion bankrottgegangen und die Weltgeschichte anders verlaufen. In meinem für vier Euro erworbenen Werk findet sich einleitend auch ein Zitat von Jean Paul, dessen Richtigkeit Stalins Goldrausch beweist: "Wenn Bücher auch nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sie doch."
Als passionierter Herbstler kann ich kein Jahr hinter mich bringen, ohne mich dem großen Nebelwerfer zu widmen. Schon gar nicht in einem Land, in dem der "Deutsche Herbst" mit all seinen Toten zum Mythos wurde und triebhafte Männer mit röhrenden Laubbläsern bis heute Nerven und Gehörgänge Unschuldiger zerstören.
Laubfroschkönig und Lichtgenie
Zurück zur Poesie. Der Braunschweiger Dichter Wilhelm Raabe lebte und arbeitete von 1862 bis 1870 in der Hermannstraße 11 im Stuttgarter Westen. Bekannt wurde sein Name in der Stadt vielen nur, weil linke Aktivist:innen 2018 in der Wilhelm-Raabe-Straße im Süden ein Haus besetzten, um auf die verheerende Wohnpolitik der Stadt aufmerksam zu machen. Verbessert hat sich seitdem nichts, im Gegenteil. Auch ansonsten sieht es düster aus. Raabe schreibt in einer November-Geschichte mit dem Titel "Dazu ist's Herbst": "Das Lachen ist teuer geworden in der Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt – es ist eine böse Zeit! Dazu ist's Herbst, trauriger, melancholischer Herbst, und ein feiner, kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die große Stadt – es ist eine böse Zeit! Die Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte begegnen, zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gruß aneinander vorbei."
Der letzte Satz trifft unsere Wirklichkeit, etwa die politische Lagerbildung angesichts des Kriegs im Nahen Osten. Auch hierzulande bekriegen und hassen sich Bekannte. Freundschaften gehen in die Brüche. Arroganz und Fanatismus verhindern Verständigung, fördern den Vormarsch der Faschisten. Und so erscheint die Klage des Dichters Klabund schon farblich aktuell wie zu seiner Zeit: Wie ein Baum, notiert er im Ersten Weltkrieg, sei er vom "braunen Laub" bedeckt.
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bedellus
am 30.10.2024