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VfB und Hitzlsperger

Ein falscher Fuffziger?

VfB und Hitzlsperger: Ein falscher Fuffziger?
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Thomas Hitzlsperger hat überraschend seinen baldigen Abgang beim VfB Stuttgart verkündet. Unser Autor zieht schon mal Bilanz, sie fällt gemischt aus.

Wer neben allem anderen Elend auch die Klimakrise und allgemeine Verrohung der Sitten ernst nimmt, für die oder den bietet sich nach dem Wahlergebnis vom Sonntag das Lied "Sekundenschlaf" des Rostocker Musikers Marteria an, der da singt: "Tanz zufrieden in Dein Grab hinein". Dann hat man wenigstens noch mal gute Musik gehört, bevor man sich angesichts des scheinbar unbekümmerten "Weiter so" des deutschen Wahlvolks die verbliebenen Haare vollends ausrauft.

Neulich im vielleicht vor sehr langer Zeit mal schön gewesenen Stuttgart unterwegs, wäre ich auf dem nächtlichen Weg in Richtung der Ruine namens Bahnhof (auf dem tatsächlich in rot leuchtenden Lettern "Brasilien" steht) zwar nicht in mein Grab, aber doch schiergar in eine der unzähligen Baugruben hineingetanzt bzw. gefallen, die das allgemein schmutzige und vermüllte Betonbild dieser Stadt noch zusätzlich verschandeln und "verasozialen", falls eine derartige Wortschöpfung zur Beschreibung der Weltstadt zwischen Hängen und Würgen gestattet ist. Zum Glück waren wir vorher noch zu einem den Abend beschließenden "Schweinebauch scharf" beim Brunnenwirt. Wenn noch Haare übrig wären nach dem Wahlsonntag, ich täte sie mir einzeln ausreißen vor Wut darüber, dass man eine Stadt vorsätzlich derart verhunzen kann, die Friedrich Hölderlin, ob krass umnachtet oder nicht, als "Fürstin der Heimat" bezeichnete. Wenig tröstlich da die Tatsache, dass der Bahnhof meiner Wahlheimat Heidelberg in Sachen Dreck und Unwirtlichkeit dem Stuttgarter Desaster kaum nachsteht.

Wenn jetzt eines eine Überleitung braucht, dann bitte das große H wahlweise aus Heidelberg oder vom Hölderlin nehmen, denn es geht ansonsten ansatzlos weiter mit Thomas Hitzlsperger, den sie früher "Hammer" nannten, weil er zu seiner aktiven Zeit als Fußballer alle Jubeljahre mal ein Tor durch strammen Linksschuss erzielt hatte. Zu Hitzlspergers Wirken als Mensch und noch amtierender Vorstandsvorsitzender der VfB Stuttgart AG ist zunächst einmal zu sagen, dass der Mann seines Glückes Schmied ist, ergo sagen und machen kann, was er will und wann er will. Selbst zu den Rasenballern nach Leipzig kann er gehen, wenn er das für sich so entscheidet. Dass er also just am vorvergangenen Mittwoch überraschend seinen Abschied vom VfB spätestens mit Ende seines Vertrages 2022 erklärte, als diese Kolumne unter Lobpreisungen Stuttgarter VfB-Gremiengekuschels und erfreulicherweise vorherrschender Solidität aus der Sommerpause zurückkehrte – das sei ihm völlig unbenommen. Hätte er seinen Plan vorab mit irgendwem besprochen, hätte er ihn sicherlich nicht mehr überraschend verkünden, sondern höchstens einem oder gleich mehreren Medienberichten bestätigend hinterherhecheln können.

Leistungsbilanz: eher mittelmäßig

Andererseits muss auch derjenige, der seines Glückes Schmied ist, sich Kritik gefallen lassen – wenn er derart in der Öffentlichkeit steht, diese Öffentlichkeit gar selbst gesucht und gerne für die eigenen Zwecke genutzt hat, zumal. Also kritisiere ich wie folgt:

Was, außer sich vor Wolfgang Dietrichs Karren spannen zu lassen, dem kalten grauen Mann als Feigenblatt für die Fans zu dienen und insgesamt das Gesicht mit der guten Miene zum bösen Spiel herzugeben, haben uns die Röm... äh, hat uns Thomas Hitzlsperger gebracht? Er hat angeblich den exzellenten Thomas Krücken für das Nachwuchsleistungszentrum zum VfB geholt, einige weitere Personen neu in die Strukturen eingebunden und natürlich Sven Mislintat vom Projekt VfB überzeugt – auch wenn dieser Sven Mislintat noch unter Präsident Dietrichs Verantwortung nach Stuttgart kam und von "Big D" neben Michael Reschke schon immer als bester aller Kaderplaner bezeichnet wurde. Auch für Trainer Pellegrino Matarazzo hat Hitzlsperger wohl verantwortlich zumindest mitgezeichnet, den Trainer Weinzierl seinerzeit allerdings viel zu spät entlassen und damit nach Meinung etlicher den zweiten Abstieg innerhalb kurzer Zeit ursächlich mitverschuldet. Die viel besungene gesellschaftspolitische Positionierung, den Einsatz für Nachhaltigkeit und Diversität zeigte er, aber genauso federführend zeigte sie auch der Präsident. Gemischte Bilanz, würde ich sagen, Abstieg wiegt halt schwer.

Bereits an anderer Stelle schön und schonend zugleich herausgearbeitet wurde die Tatsache, dass der Hammer innerhalb kürzester Zeit beim VfB Stuttgart vom ehemaligen Spieler und TV-Experten über die Posten Bindeglied, Chef des Nachwuchsleistungszentrums und Vorstand bis zum verantwortlichen Obermotz und Vorstandsvorsitzenden der VfB Stuttgart AG hochkatapultiert wurde, ohne auch nur einen dieser Bereiche ansatzweise gelernt zu haben oder auch nur ein Meritum whatsoever diesbezüglich vorweisen zu können. Brauchte er auch gar nicht – denn zunächst Wolfgang Dietrich und hernach Wilfried "Palpatine" Porth und seine Spießgesellen protegierten den stets nett lächelnden Thomas nach Kräften, und die Fans vergötterten ihn auch ohne Leistungsnachweis, da reichte eine Vergangenheit als Torschütze 2007 völlig aus. Torschütze nicht etwa zum 1:0 in der letzten Minute eines dramatischen WM-Finales gegen Argentinien, sondern Torschütze zum zugegebenermaßen schönen 1:1 in der ersten Halbzeit des letzten Saisonspiels gegen Energie Cottbus. Nicht, dass dagegen was zu sagen wäre, wir wurden schließlich Deutscher Meister damals.

Aber immer lächelnd

Nach der Fußballerkarriere, die ihn bis ins Nationalteam brachte, fallen drei Ereignisse auf, die für die Verhaltensweise des Thomas Hitzlsperger typisch sind – zwei davon in seiner Zeit als Funktionär beim VfB. Da wäre zunächst der im negativen Sinne legendäre offene Brief zum Jahreswechsel 2020/2021, in dem er seine Kandidatur gegen den amtierenden Präsidenten Claus Vogt auf eine Art und Weise öffentlich machte, die noch auf Jahrzehnte in jedem Seminar für guten Stil als abschreckendes Beispiel herhalten kann und die gegenüber Claus Vogt durchaus als linkische Hinterfotzigkeit bezeichnet werden kann. Schließlich hatte der Hammer dem Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden zuvor stets genauso nett ins Gesicht gelächelt wie der gesamten Öffentlichkeit auch.

Auf ähnliche Art und Weise jetzt der Entschluss, den VfB spätestens im kommenden Jahr zu verlassen. Angeblich wusste niemand was, noch Tage zuvor auf der Gremienklausur sprach er über Visionen für den VfB, dann aus heiterem Himmel die Mitteilung, sein Weg sei hier zu Ende. Vertrauensvolle Zusammenarbeit geht anders. Da läuft es ein einziges Mal nicht so, wie dör Hörr es sich vorgestellt haben, da lässt sich ein Präsident nicht einfach aus dem Amt drängen, das man selbst gerne hätte – da werfen dör Hörr eben den Bettel hin. Ist ja jetzt auch keiner mehr da, der schützend die große Hand über ihn hält. Und wer sich ein wenig ausführlicher mit Hitz’ Vergangenheit beschäftigt, dem wird vielleicht auch auffallen, dass unter seiner tätigen Mitwirkung eine Kolumne mit dem Titel "Alles außer Fußball" bei der Onlineausgabe der "Zeit" entstanden war, die viele Jahre lang sehr gut angenommen wurde, die sicherlich ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zum permanent betreuenden Redakteur mit sich brachte – das schlagzeilenträchtige Outing erfolgte aber bei den Kollegen vom Print des gleichen Mediums, völlig ansatzlos, wie branchenintern zu vernehmen war.

Immer wieder nach außen, nach vorne lächeln, auf vertrauensvolle Zusammenarbeit machen – und dann der Move nach ganz woanders. Kein Wunder hatten manche häufig ein ungutes Gefühl, da stimmte irgendetwas nicht, nie konnte man sich sicher sein, woran man war beim Thomas. Und wenn ein Wolfgang Dietrich ein Unsympath war, eiskalt und skrupellos und dabei völlig schmerzfrei, man aber immer wusste, woran man bei ihm war, so ist Thomas Hitzslperger? Ja was ist er denn, wie ist er denn als Funktionär? Ist er, Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, etwa einfach ein falscher Fuffziger, der nett lächelt und nicht wirklich etwas kann – außer sich sicher zu sein, dass ihn ohnehin niemand kritisiert? Und als Spieler, war er da nicht auch schon überschätzt? Was meinen Sie, was meint die werte Leserschaft?


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7 Kommentare verfügbar

  • Michael Haas
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Über die wahren Motive von Thomas Hitzlsperger vermag ich wenig zu sagen – vielleicht erliegt er mittlerweile einer Selbststilisierung? –, was jedoch Stuttgarts Architektur-Tristesse betrifft, so findet Christian Prechtl in jedem Fall nicht nur starke Metaphern, sondern trifft auch die richtige…
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