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Sport unter Pandemiebedingungen

Joggen und Liegestütz

Sport unter Pandemiebedingungen: Joggen und Liegestütz
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Der Profisport läuft auf Hochtouren, der Breitensport schaut zu. Und dem Schulsport brennt die Hütte ab. So wird das nichts mit der Olympianorm, da können wir lieber gleich daheimbleiben.

In Japan beginnt die Kirschblüte so früh wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen vor mindestens 1.200 Jahren, das Klima macht weltweit Kapriolen, und die zuständigen Politikerinnen und Politiker schauen tatenlos zu. Was passiert eigentlich, wenn tatsächlich bald die prognostizierten, immer katastrophaleren klimatischen Verhältnisse herrschen – wie reagieren die vielen Menschen, die schon seit vielen Jahren vor genau diesen Verhältnissen gewarnt haben? Lassen sie die Verantwortlichen ungeschoren davonkommen oder wird wieder geteert und gefedert? Und was ist mit der schwierigen Beziehung zwischen Kanzleramt und Ländern in Deutschland? Sagen sich wegen unterschiedlicher Auffassungen zum Umgang mit der Pandemie bald die ersten Bundesländer von der BR Deutschland los und schließen sich in einer neuen demokratischen Republik zusammen? Sachsen, Sachsen-Anhalt, MeckPomm, Thüringen und Brandenburg womöglich? Das wäre ja wohl ein Ding.

Weil aber das hier eine Sportkolumne ist, müssen wir uns jetzt im Vollsprint den Leibesübungen zuwenden, die großen globalen Fragen hinter uns lassend. Nicht, dass es beim Sport anders wäre – auch hier viele Fragen. Zuvorderst, wie immer, die Fußball-Bundesliga. Kann die Saison trotz Pandemie zu Ende gespielt, das große Fernsehgeld eingestrichen werden? Natürlich kann sie. Wie auch immer. Selbiges gilt, eine Stufe supranationaler, auch für die Europameisterschaft im Juni/Juli, und zwar ganz egal, in wie vielen Ländern sie ausgetragen wird. Aber gespielt wird sie. Natürlich. Wie und wo auch immer. Darüber haben die Herren Čeferin (UEFA) und Söder (Bayern/Deutschland/Welt/Universum) offenbar bereits in der vergangenen Woche Einigung erzielt.

Und global so? Da ist es schwierig momentan, und da scheint es auch nicht leichter zu werden im Hinblick auf die im Sommer in Japan geplanten Olympischen Spiele. Also dort, wo die Kirschen allzu früh geblüht haben. In Sachen Olympia ist die Weltgemeinschaft ungefähr so entscheidungsfreudig wie die Ministerpräsidenten der deutschen Länder in der Frage einer gemeinsamen Linie wider das Virus. Also gar nicht. Es wird geschwiegen und herumgedruckst, und niemand außer den Nordkoreanern, die ja quasi eh außer Konkurrenz laufen, traut sich das auszusprechen, was alle längst wissen: IOC-Chef Thomas Bach kann sich seinen Friedensnobelpreis sonstwohin stecken, das wird nichts werden. Nicht mit dem Friedensnobelpreis und nicht mit Olympischen Sommerspielen heuer. Zumindest nicht mit richtigen Spielen. Höchstens mit so Pseudospielen nach dem Prinzip "Last Man Standing". Or Woman, natürlich. Wer halt nicht positiv getestet ist, darf mitmachen. Und wer durchgeimpft ist. Und wer trotz der Unsicherheiten so gut abgesichert war, dass er/sie halbwegs durchtrainieren konnte. Und das Geld hatte für den Flug und die ganze Orga. Und so weiter. Wird sicher super. Und nicht zuletzt ist es ja auch ein großes Fest für die gastgebende Nation. Wie man hört, sind die Japaner schon ganz außer sich vor Freude.

Ohne Training ist Olympia ganz schwer

Vielleicht sollten wir es ohnehin lieber ganz lassen mit Olympia. Zumindest für ein paar Jahre. Denn mittelfristig haben wir ja überhaupt keine Athletinnen und Athleten mehr, die da mitmachen könnten. Oder wie sollen unsere jungen Leute jemals wieder eine Olympianorm in ihren Sportarten erfüllen, wenn sie nicht mal mehr in der Schule Sport haben? Geschweige denn in ihren Vereinen? Sind ja alle seit gut 14 Monaten dicht, kein Training, nirgends, außer Joggen und Liegestütz nichts gewesen. Und Spesen, um im Wortspiel zu bleiben, gab es auch schon vorher nicht, was durchaus betont werden darf in diesem Zusammenhang. Da konnte sich glücklich schätzen, wer in einem kleineren Ort geboren und aufgewachsen ist, in dem sich alles um den einen Verein drehte, in den Neugeborene quasi noch im Kreissaal angemeldet wurden und in dem sie dann in einer gut ausgestatteten Sportanlage diese eine Sportart betreiben, die alle im Ort betreiben. Bis sie eben wegziehen: Studium, Beruf, Leben. Und wer diese eine Sportart nicht betreibt, der wird Nerd. Oder Punk. Oder heutzutage vielleicht lieber Nazi, dafür gibt’s mehr Aufmerksamkeit.

Breitensportliche Förderung in Richtung Leistungssport war jedenfalls schon immer, also auch zu "guten" Zeiten, also auch vor Corona, hauptsächlich in Händen engagierter Ehrenämtler – Verband Fehlanzeige. Dementsprechend ist von den Verbänden, jetzt in der Not, nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu lesen von Konzepten, die von mächtigen Funktionären dem Söder ins Gesicht geschrien werden. Oder dem Seehofer. Oder sonstwem. Alle komplett abgetaucht, obwohl sie doch als Verbandsobere der Förderung ihrer jeweiligen Sportart verpflichtet sind. Da muss man schon anerkennen, dass der Profifußball einfach die besseren, die erfolgreicheren Interessenvertreter am Start hat.

Ach, und jetzt hätte ich doch um ein Haar den Schulsport vergessen. Und die zuständigen Ministerinnen und Minister mitsamt ihrer Apparate in den Amtsstuben. Die haben sich auch vor der Pandemie genauso wenig eingesetzt für ihre Leute, für Schülerinnen und Schüler, für Lehrerinnen und Lehrer wie ihre Pendants in den Sportverbänden. Zum Beispiel war die Sporthalle einer großen Schule in unserer Stadt jahrelang so abgeratzt, dass alle Angst hatten, die dort Unterricht hatten. Irgendwann später hat die Stadt die Halle dann wegen Baufälligkeit geschlossen. Also stand sie leer, die Halle, sonst passierte ja nix. Alle Scheiben eingeschmissen natürlich, irgendwann wuchs ein Busch drin. Sportunterricht gab es in dieser langen Zeit nur sporadisch irgendwo, Pech. Irgendwann schmissen vermutlich ein paar Schüler dann einen Molotowcocktail rein, und die Halle brannte lichterloh. Und als der Brand gelöscht war, paar Tage später, da kamen plötzlich Männer in Schutzanzügen. Die Halle sei asbestverseucht und wenn das brennt, dann wird’s gefährlich, hieß es. Bald waren die Männer aber wieder weg, die Ruine steht traurig im Wohngebiet, direkt neben der großen Schule, manchmal liegt ein Brocken auf der Wiese, wo die Kinder spielen. Dann ruft irgendwer wieder die Männer in den Schutzanzügen, die das wegräumen sollen. Irgendwann soll abgerissen werden, dann mal schauen. So viel zum Schulsport.

Und jetzt könnte ich mich eigentlich den Folgen mangelnder Bewegung zuwenden, der Tatsache, dass alle immer fetter werden. Weil sie weder Sport haben, noch Sport machen, noch lernen, wie man sich halbwegs gesund ernähren kann. Ich könnte fragen, ob alle möglichen Viren vielleicht weniger Angriffsfläche hätten, wenn wir nicht so fett und hypertonisch wären. Aber das hier ist ja eine Sportkolumne, deswegen lassen wir das lieber mit den Viren. Leistungssport, Breitensport, Schulsport – wir hatten ja alles schon drin heute. Bis auf den VfB Stuttgart. Aber der ist ohnehin ein Thema für sich.


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1 Kommentar verfügbar

  • Stefan Urbat
    am 14.04.2021
    Antworten
    Auch wenn das im Profifußball am Extremsten ist: tatsächlich ist das nur die Spitze des Eisbergs, die Lage ist auch nicht wirklich anders z.B. im Volleyball oder anderen Teamsportarten. Dort laufen 1. und 2. Bundesliga weiter (s. heute Sport1 zweites Finalspiel der Meisterschaft der Frauen Stuttgart…
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