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"Shtisel" auf Netflix

Der Rabbi und der Luftmensch

"Shtisel" auf Netflix: Der Rabbi und der Luftmensch
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Die Netflix-Serie "Shtisel" erzählt von jüdisch-orthodoxem Leben in Jerusalem – und dies überraschend erfolgreich. Gerade ist die dritte Staffel dieser Familiengeschichte angelaufen, die um den Rabbi Shulem und seine Kinder und Enkelkinder kreist. Alles in einer Welt ohne Fernsehen und Internet, in die wir uns trotzdem einfühlen können.

Halt! Nicht weiterlesen! Sie wollen doch nicht wirklich hineinschauen in diese ultraorthodoxe Gemeinde in Jerusalem, in diese kleine, patriarchalisch geprägte Welt charedischer Juden, in der die Männer schwarze Mäntel und Bärte und Schläfenlöckchen tragen und über der Kippa auch noch runde Hüte, die nicht auf den Köpfen sitzen, sondern über diesen zu schweben scheinen? Was könnte Sie daran schon interessieren, etwa an diesen Tora-Lehranstalten, in denen kopfnickende Frömmler sich jahrelang über Bücher beugen, während ihre Frauen den Haushalt besorgen und oft auch noch arbeiten gehen? Oder an dieser orthodoxen Grundschule, in welcher Rabbi Shulem Shtisel unterrichtet, der gerade Witwer geworden ist und sich nun von der Schulsekretärin bekochen lässt?

Sie lesen ja immer noch weiter? Sind Sie wirklich interessiert an diesem Rabbi auf Freiersfüßen, der in entscheidenden Momenten immer das Freien vergisst, aber nie das Essen? Sie trauen sich auch zu, sich das alles in der Originalfassung mit Untertiteln anzuschauen, also in einem mit jiddischen Brocken durchsetzten Hebräisch? Und Sie wollen jetzt auch noch Shulem Shtisels Familie kennenlernen, vor allem den jüngsten Sohn Akiva, der noch beim Vater wohnt, gern auf der kleinen Terrasse hockt, raucht und vor sich hinträumt und so gar nicht zum Aushilfslehrer taugt, weil er lieber in sein Notizbuch zeichnet als Noten zu vergeben? Die "Jerusalem Review of Books" fasst die erste Staffel der israelischen TV-Serie "Shtisel" so zusammen: "… a twenty-something haredi luftmensch named Akiva (Michael Aloni) lives alone with his widowed father, Reb Shulem Shtisel (Doval’e Glickman)."

Ein Luftmensch also. Ja, so kann man diesen sanft lächelnden Akiva beschreiben, der von seinem robusten Rabbi-Vater gegängelt und, wie es der Brauch ist, mittels eines Heiratsvermittlers zum Anbahnungsgespräch mit einer potentiellen Braut geschickt wird, und zwar, wie es sich gehört, in das Foyer des Kings Hotel, einen zwar weltlichen, aber eben auch öffentlichen Ort, weil nämlich ein Mann eine unverheiratete Frau nicht in einem geschlossenen Raum treffen darf. Überhaupt darf ein ultraorthodoxer Mann im Altstadtviertel Geula – man kennt sich, man sieht sich, man beobachtet sich! – vieles nicht. Und eine ultraorthodoxe Frau noch viel weniger. Andererseits lupft sich der Luftmensch Akiva manchmal über Regeln hinweg, zunächst freilich eher in Gedanken als in Taten.

Verboten, aber beliebt

Aber bei dieser Elisheva Rotstein (Ayelet Zurer), die ein bisschen älter ist als er, zweifache Witwe, Mutter eines kleinen Sohnes und nicht ganz so fromm, wie es sich ein Rabbi-Vater wünschen würde, da hat es schwer gezündet. Per Aushang und zum Gedenken an den Todestag seiner Mutter hat Akiva den kostenlosen Verleih von Heizstrahlern angekündigt, und da steht Elisheva nun in der Tür, und er holt ihr ein Gerät, und das muss er erst noch ausprobieren, und jetzt warten die beiden und es glühen nicht nur die Drähte. Das passiert übrigens schon in der ersten Folge ("Everybody is looking for Love") der ersten Staffel dieser Serie, die 2013 Premiere hatte und in der auch von den Familien der beiden verheirateten Shulem-Kinder Giti (Neta Riskin) und Zvi Arye (Sarel Piterman) und von der im Heim lebenden Oma erzählt wird.

Die zweite Staffel der bei uns auf Netflix gezeigten "Shtisel"-Story kam 2015/2016 heraus. Und jetzt ist die dritte Staffel dieser Geschichte angelaufen, deren weltweiten Erfolg – inzwischen wird schon von "Shtisel-Mania" gesprochen! – auch (und gerade) bei einem säkularen Publikum niemand vorhersehen konnte. Noch überraschender ist aber wohl, dass sich auch orthodoxe Juden für diese Serie begeistern – obwohl sie diese eigentlich gar nicht sehen dürften. Zumindest in der Gemeinde, in der Rabbi Shtisel und die Seinen leben, ist das Fernsehen nämlich verpönt oder sogar verboten. Die Oma freilich hält sich nicht daran, sie beschafft sich ein TV-Gerät und lebt nun mit und in US-Familienserien. Zwar reißt ihr der dogmatische Zvi Arye mal den Stecker raus, aber er kann seine Oma nur vorübergehend zur Fernseh-Abstinenz zwingen.

Dieser Zvi Arye, der sich nach Dreißig-Jahre-in-die-Tora-Stieren einen verengten Blick bewahrt hat, sagt in der dritten Staffel zu seiner Frau, er sei der Herr im Haus. Da hat er nämlich erfahren, dass sie ohne sein Wissen den Führerschein gemacht und auch gleich ein Auto gekauft hat. Und nun erklärt sie ihm, dass er da gar nichts reinzureden habe, sie verdiene schließlich das Geld und koche auch noch! Sie einigen sich schließlich darauf, dass wegen des Geredes der Nachbarn nicht vor dem Haus geparkt wird, er freundet sich mit dem Auto sogar an, bis er darin versehentlich von ihr eingeschlossen und vergessen wird. Aber ja, "Shtisel" hat Humor und immer wieder komische Momente. Zur Comedy aber wird die Serie nicht. Sie erzählt voller Empathie vom Leben in all seinen Facetten, von Hochzeiten und Todesfällen, von Lieben und Trennungen, vom Glück und vom Scheitern.

Politik bleibt außen vor

Und sie erzählt von ambivalenten und komplexen Charakteren. Von Akiva, der sich langsam der modernen Welt da draußen nähert und zum anerkannten Maler wird, sich aber doch nicht ganz aus dem Einflussbereich seines Vaters entfernen kann. Und von diesem Rabbi Shulem natürlich, der ein reaktionärer und egoistischer alter Mann sein kann, dem in der Schule schon mal die Hand ausrutscht, der mit seinem Bruder streitet ("A Stick Dreck!") und dessen Hochzeit torpedieren will, der auch Akiras neue Beziehung zu einer psychisch angeschlagenen Frau ablehnt: "Lege den gesunden Kopf nicht in ein krankes Bett!" Aber Shulem kümmert sich manchmal auch um andere, kann überraschend flexibel sein und mit alltagstauglichen Ratschlägen aufwarten. Die strengen Glaubensregeln werden in dieser Serie, die Gläubige respektiert, aber selber nicht glaubt, wenn schon nicht gebrochen, dann zumindest oft gebeugt. Fast immer sind das dann Szenen, in denen die Charaktere sich ein bisschen befreien aus einem starren Korsett. Und wenn man so gar nichts machen kann? Dann sagt der Shulem-Darsteller Dov Glickman, Stuttgarter Theatergängern aus Burkhard C. Kosminskis wunderbarer Produktion "Die Vögel" bekannt, jiddisch-lapidar: "Dos is dos!"

Erdacht wurde die Serie von Ori Elon und Yehonatan Indursky, zwei orthodox aufgewachsenen, nun aber säkular lebenden Juden. (In der dritten Staffel werden sie mal ironisch-selbstreflexiv und zeigen ein Filmteam, das mit ehemals orthodoxen, jetzt aber säkularen Statisten einen Film über orthodoxe Juden dreht.) Diese beiden "Shtisel"-Schöpfer werfen, auch wenn ihre Serie im Heute spielt, einen biografisch unterfütterten Blick zurück, nicht unkritisch, aber auch nicht im Zorn. Ein bisschen Melancholie zieht sich durch ihre Geschichte, vielleicht sogar ein bisschen Sehnsucht nach dieser Welt, die sich von allem abschotten will. Das andere und sozusagen offizielle Israel wird von der Gemeinde ja ignoriert, so gut es geht, wenn es sich einmischt, spricht man verächtlich von "den Zionisten". (Politische Diskurse, was etwa Palästina oder Siedler betrifft, spielen hier keine Rolle). Dass dies eine einfache, eine im materiellen Sinn auch ärmliche Welt ist – diese schmucklosen Wohnungen, diese alten Möbel, diese Plastiktischdecken! –, macht vielleicht sogar ihren nostalgischen Reiz aus. Hier gibt’s ja nicht mal Internet!

Aber je länger man sich in dieser eigenen und engen Welt umschaut, desto mehr erkennt man hinter ihrer Fassade doch auch die unsere. Wenn zum Beispiel die so fragil wirkende Shulem-Enkelin Ruchami (Shira Haas) einen Kassettenrecorder hervorholt, will man erst schmunzeln über dieses Technik-Fossil, aber wenn sie dann Bänder für ihre ungeborene Tochter bespricht, weil sie selber deren Geburt vielleicht nicht überleben wird, dann ist uns diese junge Frau plötzlich ganz nah. Ruchamis Vater Lippe (Zohar Strauss) hat übrigens mal Frau und Kinder verlassen, ist ausgebrochen aus der Gemeinde und hinaus in die moderne Welt, und immer noch, das sieht man ihm an, rumort in ihm der Wille zur Grenzüberschreitung.

Seine Tochter Ruchami aber hat sich im Griff, sie wird wohl bleiben und versuchen, sich innerhalb der Gemeinde ein gutes Leben zu erkämpfen. Anders übrigens als jene ebenfalls von der großartigen Shira Haas gespielte junge jüdische Frau in Maria Schraders "Unorthodox", die so ein Leben nicht mehr aushält und von ihrer Gemeinde in Brooklyn nach Berlin flieht. Diese auf den Memoiren der Aussteigerin Deborah Feldman basierende und ebenfalls auf Netflix zu findende Mini-Serie liefert die härtere Erzählung, den kritischeren Blick auf das orthodoxe Leben. Aber wenn Sie, liebe LeserInnen, immer noch dran sind an diesem Text und Sie immer noch Interesse haben an dieser scheinbar so verschlossenen Welt, dann seien Ihnen beide Serien wärmstens empfohlen.
 


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