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Slavoj Žižek

Der selbsternannte Perversling

Slavoj Žižek: Der selbsternannte Perversling
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Der Philosoph Slavoj Žižek setzt sich in den DVDs "The Pervert's Guide to Cinema" und "The Pervert's Guide to Ideology" mit dem Kino auseinander. Auf unterhaltsame Weise begibt er sich in den Untergrund der Fantasieproduktion.

"Das Kino ist die ultimative perverse Kunst. Es erfüllt keine Wünsche, es zeigt dir, wie du wünschen sollst." (Slavoj Žižek)

Fangen wir mal harmlos an. Mit Blumen zum Beispiel. Da wässert also der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Žižek mit einem Schlauch ein Tulpenbeet, so wie es vor ihm ein anderer Mann in dem Film "Blue Velvet" getan hat. Und der bärtige Herr Žižek, ein schwerer Kerl mit noch schwererem Akzent, erklärt in seinem zischelnden Englisch, dass seine Beziehung zu Tulpen so sei wie die des Regisseurs David Lynch, nämlich "lynchean". Diese Blumen seien widerlich, sie seien so etwas wie 'vagina dentata', also zahnbewehrte Vaginas, "die dich zu verschlucken drohen ..., das ist im Grunde eine offene Einladung an alle Insekten und Bienen: 'Kommt und fickt mich'... Ich denke, dass Blumen für Kinder verboten sein sollten."

So. Nachdem die Blumen erledigt wären, probieren wir es mal mit der großen Liebe. Da sitzt also Herr Žižek nachts in einem offenen Boot und erklärt uns, was es mit dem Film "Titanic" auf sich hat. Die Frau aus der Upper Class und der arme Junge vom Unterdeck, beide im kalten Wasser treibend, er schließlich versinkend durch Selbstopfer, seufz! Aber die wahre Katastrophe wäre es gewesen, sagt Žižek ungerührt, wenn beide überlebt hätten. Es sei nämlich so, dass sich die da oben zwar gern mal Energie von unten holten, die Beziehung aber hätte den Klassenunterschied nicht überwunden, der Eisberg kam gerade rechtzeitig, um üble Konsequenzen zu verhindern und die Liebe in der Ewigkeit einzufrieren.

Tja, nun wird auch klar, warum die beiden Filme, welche die Regisseurin Sophie Fiennes mit Slavoj Žižek gedreht hat, "The Pervert's Guide to Cinema" (2006) und "The Pervert's Guide to Ideology" (2012) heißen. (Die beiden DVDs, letztere eine Neuauflage, sind im englischen Original mit deutschen Untertiteln erhältlich.) Der selbsternannte Perversling, dessen riesige Augenringe auf tausend Sitzungen in dunklen Sälen schließen lassen, begibt sich in den Untergrund des Kinos und entdeckt dort verheimlichte und unheimliche Dinge. Er zeigt dabei aber nicht nur Sequenzen aus Werken wie "Vertigo", "Taxi Driver" oder "Triumph des Willens", er platziert sich auch selbst in deren Landschaften, Straßen oder Sets. Und wenn er von dort aus als schlampig angezogener Mann mit expressiven Gesten wild-assoziatives Denken vollführt, dabei verblüffende Verbindungen herstellt und steile Thesen raushaut, dann wirkt das so, als spräche er nicht nur über Filme, sondern direkt aus diesen heraus.

Žižek fördert Unheimliches und Ideologisches zu Tage

Am liebsten widmet Žižek sich Filmen, die zur psychoanalytischen Betrachtung geradezu herausfordern, also solchen von David Lynch und Alfred Hitchcock. Bei Lynch sieht er immer wieder höllische Orte und phallisch-böse Vaterfiguren, bei Hitchcock dominante Mütter, die ihre Söhne nicht loslassen wollen. Was bedeuten die aggressiven Vögel im gleichnamigen Hitchcock-Thriller, fragt Žižek sich und uns, während er in einem Boot auf der Bodega-Bay tuckert, dem Drehort des Films. "Sie sind rohe inzestuöse Energie!", so beantwortet er seine Frage. In "Psycho" könne man in der Architektur das Freudsche Modell erkennen, das Motel stelle das "Ich" dar, der erste Stock des Hauses auf dem Hügel das "Über-Ich", und der Keller, in den Norman Bates seine mumifizierte Mutter schließlich versetzt, sei das "Es". Das leuchtet ein, ja, jedenfalls mehr als Žižeks Versuch, dasselbe Modell auf die drei Marx-Brothers zu übertragen. Dass der kindlich-aggressive Harpo für das "Es" herumlüstert, okay, aber will man den anarchischen Groucho wirklich als Verkörperung des "Über-Ichs" akzeptieren?

Nein, es überzeugt nicht jeder Satz des deutungsfreudigen Freudianers, zumal seine mitunter euphorisch delirierenden Gedanken oft mehr an- als ausdeuten. Aber Spaß macht dieser Interpretations-Galopp durchs Kino schon, auch weil er immer wieder auf überraschende Pfade und Seitenwege führt. Wenn Žižek sich etwa über Sprache auslässt und die Stimme als "fremden Eindringling" bezeichnet, dann führt ihn das vom Horrorfilm "Der Exorzist" über "Alien – Resurrection" bis hin zu Chaplins "Der große Diktator". Und wenn er sich mit Musik befasst, dann lässt er Beethovens "Neunte" als Nazi-Begleitung, als EU-Hymne oder in Kubricks "Clockwork Orange" ertönen, nur um dann zu konstatieren, dass diese für alle möglichen und unmöglichen Bilder verwendete Symphonie letztlich doch ideologiekritisch sei.

Im Kern von Žižeks Theorien geht es um unsere Wünsche, unsere falschen Träume, unsere Fantasieproduktion – und darum, wie sich diese im Kino wiederfinden und was das Kino mit ihnen anstellt. "Wir haben den perfekten Namen für eine realisierte Fantasie. Man nennt es Alptraum.", sagt Žižek, der dies unter anderem an Hitchcocks "Vertigo" demonstriert, dem Film, in dem der Held eine Frau genau so sehen will wie eine andere, in die er verliebt war und die er tot glaubt. So versucht er, sich eine Frau zuzurichten, bis sie seiner Projektion entspricht. "Wenn wir jemanden lieben", so Žižek, "dann akzeptieren wir ihn oder sie allzu oft nicht als das, was diese Person ist... Deshalb kann Liebe, wenn wir unseren Fehler entdecken, schnell in Gewalt umschlagen. Es gibt nichts Gefährlicheres, nichts Tödlicheres für die geliebte Person, als geliebt zu werden nicht für das, was er oder sie ist, sondern weil man einem Ideal entspricht."

Kapitalismus, Religion und Klodeckel kommen vor

Natürlich knöpft sich der linke Philosoph Žižek auch den Kapitalismus vor. Den John-Carpenter-SF-Thriller "Sie leben – They live" (1988), in dem der Held eine Brille findet, mit der er hinter Werbung versteckte Botschaften wie "Gehorche" oder "Unterwirf dich" entdeckt, kürt er zu einem Meisterwerk. Ein Freund des Helden weigert sich im Film, diese Brille aufzusetzen, er will "die Realität gar nicht als das erkennen, was sie ist." Die Wahrheit sei so stark, dass sie nicht zumutbar sei, das hätten schon Plato und Kant so gesehen. Auch eine Demokratie brauche deshalb Lügen, sagt Žižek, und er zeigt Bush, Blair und Rumsfeld bei jener falschen Massenvernichtungswaffen-Behauptung, die in den Irak-Krieg führte. In der Batman-Saga sieht er den Joker als jenen Mann, der Lügen aufzudecken droht und damit das System zerstören könnte.

Noch ein paar Sätze zur Religion? In Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow" werde gesagt, dass Gott nötig sei, weil ohne Gott alles erlaubt wäre. Žižek widerspricht. Das Gegenteil sei richtig: Mit Gott sei alles erlaubt, weil sogar Terroristen wie Bin Laden sich als dessen ausführende Diener verstünden. Im Bild stürzen die Türme des World Trade Centers zusammen. Auf so vieles mehr verweist uns dieser zischelnde Denker in seinem abgehackten Englisch, vom immer durstiger machenden Coca-Cola über Stalins Liebe zum Musical bis hin zu "West Side Story", dessen fiktive aufbegehrende Jugend er mit den echten Riots in London zusammengebringt.

Und was noch auffällt: Wenn Žižek sich in Filmszenen platziert, dann hockt er – von "Psycho" bis "Full Metal Jacket" – oft auf einem Klodeckel. Was wiederum passt zu einer seiner Theorien: "Wenn wir Zuschauer im Kino sitzen und auf die Leinwand schauen ... Sie erinnern sich, ganz am Anfang, bevor es losgeht, ist da eine schwarze, dunkle Leinwand, und dann wird darauf Licht geworfen. Starren wir da im Grunde nicht in eine Kloschüssel und warten darauf, dass Dinge aus der Toilette zurückkehren? Und ist die ganze Magie eines auf der Leinwand gezeigten Spektakels nicht ein trügerischer Köder, der die Tatsache verbergen soll, dass wir im Grunde Scheiße anschauen?" Hmm. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber gut, dass er mal darüber geredet hat.


Sophie Fiennes' "The Pervert's Guide to Cinema" und "The Pervert's Guide to Ideology" sind als DVDs im englischen Original mit deutschen Untertiteln erhältlich.


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