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Hauptstätter Straße

Zum Brüllen

Hauptstätter Straße: Zum Brüllen
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Es gibt Tage, hat Mickey Spillane geschrieben, die hängen über der Stadt wie eine unsichtbare Kneifzange, die alles zusammenquetscht, bis man kaum mehr Luft kriegt. Er meinte Manhattan, aber egal. Wer auf meine Art die Straße entlanggeht, macht das ja in der Illusion, sie führe ihn hinaus aus dem Kaff, in dem der Friedhof auf ihn wartet.

Die Straße ist ein Mythos. In Liedern, Filmen, Büchern. Straßen sind mit Geschichten gepflastert. Mit Geld, mit Unglück, mit Protest. Ich romantisiere meine Herumgeherei nicht, die wirkliche On-the-road-Story steht mir nicht. Ich bin ein Reisemuffel und habe mir deshalb angewöhnt, in jedem Schlagloch und Scheißhaufen die ganze Welt zu sehen. Dann brülle ich, so laut ich kann: "Hit the road Jack."

Am heißesten Tag seit Beginn der Corona-Seuche schleppe ich mich die Hauptstätter Straße entlang. In Wahrheit ist sie eine Stadtautobahn, die sich von üblichen Autobahnen unterscheidet, weil in ihrem Dreck und Lärm Menschen wohnen, damit sie nicht auf der Straße stehen. Viele Häuser sehen aus, als sei der letzte Krieg nur ein paar Jahre her. Einige stehen noch schön und verschnörkelt da, weil die Bomber der Alliierten und die Parkplatzplaner im Rathaus sie verfehlt haben.

Weg vom Fenster!

Ein Freund, der den alten Kohlenpott noch erlebt hat, erzählte mir neulich, wie man in seiner Gegend den Ausdruck "Weg vom Fenster" deutet. Früher saßen die Bergleute nach der Schicht oder schon in Frührente an einem Fenster ihrer Wohnung, um ihrer Staublunge halbwegs frische Luft zuzuführen. Wenn eines Tages einer nicht mehr am Sims gesehen wurde, sagten die Kumpel: "Jetzt ist er weg vom Fenster." Dann war er tot.

Ich schlurfe bei sengender Hitze die Stadtautobahn entlang und denke mir beim Blick auf die Hauswände: Freunde, bleibt bloß weg vom geöffneten Fenster. Andernfalls seid ihr schneller tot, als ein Porsche von null auf hundert beschleunigt.

Ich bin regelmäßig an der Hauptstätter Straße unterwegs, um im sogenannten Süden der Stadt ein Restaurant in einem verfallenen Haus aufzusuchen. In diesem Lokal sprechen die Gäste nie Deutsch. Sie antworten mir auf Deutsch, wenn ich sie was frage, unterhalten sich untereinander aber immer in ihrer Sprache. Das ist mir sehr angenehm. Sie geben mir das Gefühl, mein Spaziergang im Elend hätte mich aus der heimischen Kneifzange befreit. Wenn du kein Wort verstehst, weißt du nicht, ob du unter Freunden oder Feinden, unter Sozialisten oder Faschisten bist oder unter ganz normalen Übergeschnappten. Diese Ungewissheit lässt im Wissen um die bevorstehende Revolution etwas Hoffnung auf Verbündete keimen. "Keine Straße ist zu lang mit einem Freund an deiner Seite", sage ich mir dann in Anlehnung an ein japanisches Sprichwort. Und drücke meinen kleinen Rucksack.

Die Hauptstätter Straße heißt so, weil sie einst in der Mitte unseres Nests, auf dem Wilhelmsplatz, zu dem Ort führte, an dem man jahrhundertelang Delinquenten mit dem Schwert das Haupt abschlug. An dieser Richtstätte wurden mutige Revolutionäre einen Kopf kürzer gemacht. Irgendwelche Doofköppe des Event-Geschäfts fanden es später lustig, dort jährlich eine Saufgelage mit Rock 'n' Roll als "Henkersfest" zu promoten.

Verdruckste Großkopfete

Der Richtblock hatte einst die Form eines Käselaibs und wurde im Volksmund "Käs" genannt. Diesem Begriff hat inzwischen ein schwäbisches Oberhaupt der Grünen sein ureigenes Aroma verpasst, als er Stuttgart 21 in den Darm der Geschichte zu sabbern suchte: "Dr Käs isch gässa."

Fälschlicherweise wird "Hauptstätter Straße" heute getrennt geschrieben und nicht – was korrekt wäre – "Hauptstätterstraße". Immer noch denken viele, sie führe in ein verschwundenes Zentrum und habe mit einer ehemaligen Hauptstadt zu tun. Und nicht mit der Todesstrafe, wie sie Demokraten bis heute praktizieren. Mit der Giftspritze, deren Wirkung du dir nirgendwo besser ausmalen kannst als auf einem Spaziergang an der Hauptstätter Straße.

Längst wurde auch vergessen, dass Stuttgart sich tatsächlich mal als "Hauptstadt" beworben hat, nicht nur auf läppischer Landesebene. 1948/49, als die Deutschen einen neuen Regierungssitz brauchten, weil Berlin in Zonen aufgeteilt war und ähnlich aussah wie heute die Gegend um die Stuttgarter Stadtautobahn. Es wurde eine Ortschaft gesucht, die eine Art Hauptstadtfunktion der neuen Bundesrepublik erfüllen konnte. Es bewarben sich Frankfurt, Bonn, Kassel – und das ausgebombte Stuttgart.

Auffallend an der Hauptstadt-Wahl war weniger die später vom "Spiegel" aufgedeckte, bis heute übliche Bestechung von Abgeordneten. Als wegweisend für die verdrucksten Großkopfeten Stuttgarts erwies sich schon damals die Strategie der vollendeten Halbherzigkeit. Letztendlich boten sie mangels Unterstützung aus der Bevölkerung an, als deutsche Hauptstadt nur dann einzuspringen, wenn sich keine Dümmeren fänden. Damit waren sie weg vom Fenster.

Entschlossenheit beim Wegducken

Diese Entschlossenheit beim Wegducken erinnert an die Stuttgarter Bewerbung im Jahr 2003 als Olympiastadt 2012. Als seinerzeit der amtierende Schultes Schuster mit seiner charismatischen Wahnsinnspower die Parole "Moskau, Paris, Nui Jorg – wir kommen!" zum Schrecken der Gegner ins Mikrofon nuschelte, dachte die Welt nicht mehr an die Spiele. Sondern an einen Dritten Weltkrieg.

Der Zuschlag ging dann an London, was Stuttgart nach der peinlichsten Bewerbung in der Geschichte Olympias nicht auf sich sitzen ließ. So wurden die Politiker zwischen Wald- und Rebläusen bald von den Baulöchern für einen U-Bahnhof inspiriert, ihren schwäbischen Kessel in einer Webekampagne als "Das neue Herz Europas" aufzupumpen. Bei dieser Erinnerung lässt mich Mickey Spillanes Kneifzange schmerzhaft spüren, wohin mich meine Straße führt: mitten in den Arsch der Welt. Falls ich nicht rechtzeitig in mein Restaurant abbiege. Mein wunderbares Babylon.

In dieser portugiesischen Kneipe, deren Namen ich aus Selbstschutzgründen nicht verrate, fühle ich mich aufgehoben, ich bin im Schoß der Welt. Zuvor habe ich mir als Rache für die Stadtautobahn mit fuckin' Vergnügen so viele üble Unflätigkeiten ausgedacht, dass ich mit meinem Lieblingsschriftsteller Richard Ford am Ende meines Weges sagen darf: "Die Sprache imitiert das Gebrüll der Straße. Und wie soll man das Leben heutzutage denn finden, wenn nicht zum Brüllen?"


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Zum Brüllen – oder auch: Zum Zerzweifeln.

    Ja Dr Käs, der ällaweil net gässa isch!
    Da erinnert der Richtblock¹ doch an eine Zeit, in der in Stuttgart diese Gegend nicht zu den bevorzugten gehörte.

    Dabei ist die Feststellung anzumerken - Die Entschlossenen sich Wegduckenden haben einen…
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