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Hirnquarantäne

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Es war in den Anfangstagen der Seuche, als ich auf dem schnellsten Weg über den Fangelsbachfriedhof zur Markus-Buchhandlung eilte, weil dort 'Der kleine Herr Tod' auf mich wartete. Dieses Buch von Christian Y. Schmidt erzählt von einem liebenswerten Typen, der als Unterwelt-Angestellter dafür zuständig ist, die Seelen verstorbener Hühner abzuholen. Der Job beschert ihm einen Burn-out und eine Auszeit. Wir lernen, was es mit dem Spruch "Du siehst aus wie der Tod auf Urlaub" auf sich hat.

Diese lebensfreudige Unterwelt-Poesie mit ihren Ausflügen in die Death-Metal-Tiefen ist eigentlich dazu da, uns zu trösten. Bei der Lektüre ging mir allerdings auf, wie sehr mein Hirn in der Corona-Quarantäne gefangen ist. Fast wäre ich geneigt, mich abholen zu lassen wie ein Huhn, um im Hades etwas Frieden zu finden.

Ich bin kein Flaneur, der universell das Um-sich-herum beschreiben kann, nur ein Spaziergänger, dessen Gedanken trotz aller Gemächlichkeit beim Gehen und Denken von einer üblen Sprunghaftigkeit gelenkt werden. Hielte die mentale Corona-Quarantäne nicht meine Hirnzellen in Schach, würde ich nach meinem Gang über den Fangelsbachfriedhof hier und jetzt in aller Breite die Geschichte vom "Affenwerner" erzählen. Von Stuttgarts erstem Zoodirektor, der seit 1870 in meiner Nachbarschaft begraben liegt.

Eigentlich hieß er Gustav Werner, aber sogar auf seinem Grabstein in besagtem Gebeinsgarten ist der Künstlername Affenwerner verewigt.

In den Revolutionswirren der Vierzigerjahre des 19. Jahrhunderts richtet er neben seinem Gasthaus auf dem Gelände des heutigen Hotels Royal einen Privatzoo mit exotischen Tieren ein; auch tritt er als Dompteur auf und wird von seinem Löwen Said einmal so schwer verletzt, dass er Urlaub braucht wie unser Hühner-Sensenmann in seiner Sinnkrise. Wegen seiner demokratischen Gesinnung landet er fast im Knast: Affenwerner hat seinen Papageien beigebracht, den Schlachtruf auf den Anführer der Revoluzzer zu krächzen: "Hecker hoch! Hecker hoch!" Den Soldaten in der Stadt ist es deshalb streng verboten, auch nur in die Nähe seiner Schänke zu kommen.

Hirnsprünge im Corona-Käfig

Während ich diesen Text tippe, leuchtet vor meiner Nase im Offizierston die Mail eines Bekannten auf, man möge doch gefälligst alle um ihre Grundrechte besorgten Menschen ernst nehmen. Wie soll sich in diesem Coronakäfig einer unbesorgt dem kleinen Herrn Tod oder dem Affenwerner widmen?

Neulich schaute ich aus historischen Gründen kurz in "Der blaue Engel", erkannte aber nicht Marlene Dietrichs überirdische Gabe des Abholens, sondern nur den mangelhaften Abstand zu ihren Mitmenschen.

Zur Ablenkung vom Friedhof, dem einzigen Erholungsort meines Lebens, bin ich im Wald. Als ich auf dem Rückweg die Hasenbergsteige hinuntergehe, komme ich an einer alten Backsteinvilla vorbei. Vor dem Haus sitzen einige junge Menschen im Garten, ich frage sie, ob sie schon mal von der "Vollmöller-Villa" gehört hätten. Ja, sagt eine Frau, so heiße ihr Haus, sie wisse aber nicht, warum.

Jetzt wäre hier der Moment gekommen, ausführlich über die Familiengeschichte der Vollmöllers und ihre Trikotagenfabrik im Stadtbezirk Vaihingen zu berichten – ich mache es aber kurz, quasi im Vorbeigehen. Ein Sohn der Fabrikantenfamilie war der 1878 geborene Karl Vollmöller, der sich angesichts seines globalen Wirkens später Vollmoeller schrieb. Mehrfach habe ich in Zeitungskolumnen auf den weltmännischen Autor und Kulturmanager hingewiesen, allerdings ohne jede Resonanz.

Vor Kurzem erinnerten Cineasten an die Premiere des legendären Films "Der blaue Engel" am 1. April 1930 im Berliner Gloria-Palast am Kurfürstendamm, und schon sind wir wieder mitten in Stuttgart. 2019 hat der Berliner Autor Edgar Rai seinen Roman "Im Licht der Zeit" über die Entstehung des Films veröffentlicht, zu seinen Hauptfiguren gehört das Universalgenie Karl Vollmoeller, einer der Drehbuchautoren. Der Romanautor sagt über ihn: "Das ist jemand, der in unserem Bewusstsein überhaupt keine Rolle mehr spielt. Aber aus dem Berliner Kunstleben der Weimarer Jahre war er überhaupt nicht wegzudenken. Er hat einfach alles gemacht und war überall, hatte wahnsinnig viele Verbindungen, auch ins Ausland. Er war selbst Theatermacher, hat ein Stück geschrieben, das sogar am Broadway lief. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, diesen Film zu machen - ohne selbst davon zu profitieren-, und zwar mit den Leuten, die er sich dafür gedacht hat. Er hat diesen Film möglich gemacht."

Karl Vollmoeller starb 1948 in Hollywood, seine Leiche ließ die Berliner Schauspielerin Ruth Landshoff-Yorck 1951 nach Stuttgart überführen. Das Familiengrab der Vollmöllers findet man auf dem Pragfriedhof.

Martha Gellhorn in Stuttgarter Weltkriegsbibliothek

Über dieses Thema ließe sich noch viel erzählen, wäre mein Hirn besser gelüftet und nicht auf die womöglich nächste Katastrophe fixiert. Als mir bei einem Spaziergang durch den Rosensteinpark beim Blick auf die Bänke, den Raststätten meines Müßiggangs, die Gefahr der Arbeitslosigkeit und der drohende Aufwind für die Faschisten durch den Kopf geht, fällt mir eine Geschichte der großen amerikanischen Reporterin und Schriftstellerin Martha Gellhorn ein. In der Edition Tiamat ist kürzlich ihre Textsammlung "Das Gesicht des Friedens. Reportagen 1960–1987" erschienen. "Eine bösartige Kampagne gegen die Arbeitslosen wächst durch Mundpropaganda und in der Presse. Man will uns glauben machen, dass die Arbeitslosen Schmarotzer, wenn nicht geradezu Betrüger sind, die lieber von staatlichen Geldern leben als ehrliche Arbeit verrichten", schreibt sie 1977 in einem Artikel für The Observer.

Jetzt kann man fragen, wie ich in meinem von heftigen Sprüngen gepeinigten Hirn ausgerechnet auf Martha Gellhorn, die zeitweilige Ehefrau Ernest Hemingways, komme. Es ist nur ein kleiner Schritt. Im Schloss Rosenstein war einst die berühmte, 1944 bei einem Luftangriff zerstörte Stuttgarter Weltkriegsbücherei untergebracht, und in einem ihrer Briefe berichtet die Schriftstellerin, wie sie in den Dreißigerjahren "zum Arbeiten und Recherchieren in der Weltkriegsbibliothek in Stuttgart" weilte.

Ich werde noch oft über meinen Friedhof spazieren müssen, bis ich die Gedanken aus der Corona-Quarantäne befreien und ein paar Dinge in Abwesenheit des großen Herrn Hirntod zu Ende erzählen kann.


Alle 14 Tage stürzt sich Joe Bauer für Kontext ins Straßenleben. Lustvoll folgt er dabei einem Mantra als Fußreisender: lieber zu weit gehen als gar nicht.


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