KONTEXT:Wochenzeitung
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Im Gegensatz zu Invasion (Vorsicht, Asylentenschwemme, vor allem vor Wahlen) oder Integration (Du deutsche Pass wolle?) wird hier über Inklusion gewettert. Gemeint ist die Teilhabe von Menschen mit einem Handicap am gesellschaftlichen Leben. Vor acht Jahren nahmen die UN, die Generalversammlung der Vereinten Nationen, die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen an. Deutschland unterzeichnete die Konvention.

2009. Das Dokument ist damit so rechtsgültig wie eine Wahl oder eine Volksabstimmung. Bei Artikel 9 allerdings – Barrierefreiheit – verstehen die meisten nur Bahnhof. Dort heißt es unter anderem, dass die Leut mit Handicap ein selbstbestimmtes Leben führen sollen. Dazu gehört etwa der Zugang zur physischen Umwelt, zu Transportmitteln, öffentlichen Einrichtungen, Schulen, Wohnhäusern und Arbeitsstätten.

Auf die versprochenen und längst abgesegneten "geeigneten Maßnahmen", die all dies ermöglichen sollen, wartet Henri vergeblich. Denn das eine sind die großen, schönen Worte vor Wahlen, Versprechungen, bei denen meine Omi Glimbzsch in Zittau den ollen Goethe zitieren tät: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie! Denn wenn's drauf ankommt, wenn's zum Schwur kommt, zur Praxis, zum Leben, dann sehen Henri, seine Eltern und alle anderen mit Handicap ziemlich alt aus. Wenn sie auf ihr gutes Recht vertrauen, merken sie, dass es ein schlechtes Recht ist, kaum einen Pfifferling wert. Es wird, sagen Experten, gewiss noch mal 20 Jahre dauern, bis Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden können. Das Schöne daran: Henri & Co. sind dann keine Kinder mehr, aber Wähler. Ob sie dann freilich die barrierefreie Wahlurne noch benutzen wollen? Mal schauen.

All included: Versprechen kosten nix – außer Vertrauen. Das ist dann hin, wie der Krippenplatz. Denn auch viele der Kinder, denen per Gesetz heute ihr Platz versprochen wird, werden ihn erst überüberübermorgen kriegen – dann, wenn sie selbst Kinder kriegen können. Vielleicht können sie sich den Krippenplatz ja bis dahin rechtlich warmhalten für die eigenen Stecklinge? Insoweit hat eben auch die Gesamtgesellschaft ihr großes Handicap. Man bekommt allemal schneller 40 000 Soldaten als 40 000 Erzieherinnen. Helmpflicht für die Krippe – das wär doch die Lösung. Und mit Barrierefreiheit, was das Geld angeht.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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