KONTEXT:Wochenzeitung
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Schwarz. Rot. Gold.

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Dass wir mal Papst waren, damals, unter Ratzinger, Gott hab ihn selig, war meiner Omi Glimbzsch aus Zittau so was von egal! Als gute Atheistin war sie sich des Himmels auch unter Pieck, Grotewohl, Ulbricht und Honecker ganz sicher – bei Helmut Kohl freilich zweifelte sie, zu Recht, wie wir heute wissen. Und kann mir lebhaft vorstellen, wie sie jubelte, als wir 2003 und 2007 Weltmeister wurden!

Von der grandiosen Europameisterschaft 1989 ganz zu schweigen: das Finale ausverkauft, alle im Siegesrausch, im Freudentaumel. Unglaublich, was da geleistet wurde. Und für den Sieger gab's ein 40-teiliges Kaffeeservice aus Meißner Porzellan, allerdings nur zweite Wahl. Was für Zeiten! Da saß die Omi Glimbzsch noch hinter Mauer und Stacheldraht, schenkte sich einen Nordhäuser Doppelkorn ein und sah das 4:1 gegen Norwegen illegal im Westfernsehen.

Freie Sicht auf die schwarz-rot-goldenen Siege gab es aber dann sofort nach dem Mauerfall – und was für eine Erfolgsserie für das wiedervereinigte Deutschland und den Fußball: Wir waren Europameister 1991, 1995, 1997, 2001, 2005, 2009, 2013! Und jetzt, in diesen Stunden, läuft die EM in Norwegen, Anfang August die Weltmeisterschaft in Kanada, und Omi bügelt schon mal fürs Public Viewing vor der Volksbank Zittau-Löbau ihr historisches Trikot mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz auf schwarz-rot-goldnem Grunde. Auf die Farben ist sie übrigens ganz schön stolz, die alte Glimbzsch, auf den März 1848 in Berlin, auf das Hambacher Fest und den Donnersberg, na ja, und wenn ich schon mal dabei bin, schließe ich mich ihr an: auf den 14. Juli 1789, den Sturm der Pariser Bürger auf die Bastille, auf das 125 Jahre alte Bundeslied für den Pariser Arbeiterkongress am 14. Juli 1889 des Stuttgarter Dichters Georg Herwegh: "Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!"

Nach dem November 1918 gingen sie in Berlin und Stuttgart noch mal auf die Straßen, für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auch für die mies bezahlten Schwestern. Die kriegen zwischen Baden-Württemberg und Sachsen im Monatsdurchschnitt nicht mal 2000 Euro. Brutto natürlich. Die Diätenerhöhung der Schwestern ist der kalte Kaffee fürs Service. Schau doch! Denn es gibt ein Leben nach dem Fußball – aber das meiste davon sieht man nicht, es lohnt sich nicht, dieses Leben. Keine Direktübertragung. Kein Public Viewing.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die Anstifter und spricht für die deutschen Frauen.


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