Ein warmer Spätsommertag im Allgäu. Im bei Einheimischen, Ausflüglern und Urlaubenden überaus beliebten Strandbad am Weißensee werden um die Mittagszeit die Plätze auf der Liegewiese langsam knapp. Das Thermometer erreicht auch hier auf 800 Metern Höhe noch Badetemperaturen, das Wasser ist angenehm warm, perfekt zum Schwimmen, Planschen, Stand-up-Paddeln. Der See liegt, abgesehen vom Gekräusel durch die Badenden, fast spiegelglatt da. Kaum vorstellbar, dass hier vor ein paar Stunden Windsurfer und Wingfoiler rasend schnell ihre Spuren durch schaumgekrönte Wellen gezogen haben. Der geheimnisvolle und sehr launische Morgenwind vom Weißensee, den noch niemand so wirklich ergründen konnte, macht’s möglich. Aber immer nur bei schönem Wetter, bei wolkenlosem Himmel.
"Da rätseln wir seit 30 Jahren", sagt einer der Surfer, denen es gar nicht so recht ist, wenn dieses stürmische Phänomen über ihre eingeschworene, gar nicht mehr so kleine Surf-Community hinaus bekannt gemacht wird. Die einen vermuten den Ursprung der Fallwinde im Tannheimer Tal, das gerade mal zwei Bergketten weiter ist – aber halt mehr als 2.000 Meter hohe Berge dazwischen. Andere spekulieren über Winde aus dem langgezogenen Lechtal, durch das der Lech immerhin 256 Kilometer lang von Lech am Arlberg durch Reutte in Tirol und Füssen im Ostallgäu in Richtung Donau fließt. Und so mancher Bergwanderer und manche Bergsteigerin hat schon auf den Gipfeln der Tannheimer Berge und Allgäuer Alpen nach dem Ursprung der Winde geforscht. "Das ist abseits aller gängigen Windströme", sinniert der dann doch nicht so ganz verschlossene Allgäuer Surfer. "Da gibt es viele Theorien, eine schlüssige Antwort gibt es aber nicht. Das weiß keiner so genau." Dann packt er sein Brett und läuft davon Richtung Parkplatz, die Arbeit ruft.
Bei wolkigem Himmel weht der Wind nicht
Wer auf dem Weißensee surfen will, muss früh aufstehen. Verdammt früh sogar. Martin ist an diesem Morgen aus Kempten gekommen, gute 40 Kilometer sind das mit dem Auto, eine halbe Stunde maximal, viel Verkehr ist um die Uhrzeit noch nicht. Um fünf Uhr hat er aus dem Fenster nach dem Wetter geschaut, auch in die Webcam. Das Hotel Seespitz am Seeende Richtung Pfronten hat eine, alle 60 Sekunden wird das Bild aktualisiert. Um fünf waren Wolken am Himmel, der See lag noch ruhig da, keine Wellen, kein Wind. "Wenn es bewölkt ist, geht es nicht", sagt er. Eigentlich hätte er sich also noch einmal im Bett umdrehen können, um halb sechs hat er doch nochmal geschaut. Da wehte er plötzlich los, der launische Wind vom Weißensee, und der Endfünfziger ist losgefahren.
Der Weißensee ist gut zwei Kilometer lang, etwa 600 Meter breit, 25 Meter tief. Mit seinen 1,35 Quadratkilometern Fläche ist er eigentlich ein bisschen klein für ein echtes Surfparadies, zumal der Wind nur die Füssen zugewandte Seehälfte aufwühlt. Seine Geschichte reicht weit zurück, bis zum einstigen Lechgletscher in der Eiszeit, zum fränkischen König Pippin und Augsburger Bischöfen. Im 17. Jahrhundert wurde im historischen Steinbruch direkt am hinteren, steilen Seeufer "Benkener Marmor" abgebaut, mühsam von Hand, heute zu finden unter anderem als Taufbecken in der Füssener St. Mang-Kirche. Der im hinteren Bereich weder für Fahrrad noch Kinderwagen taugliche Rundweg um den See ist gut sechs Kilometer lang, beliebt ist vor allem ein Felsentor, das nur gebückt passierbar ist. Morgens zwischen sechs und acht ist auf dem Weg auch bei schönem Wetter nicht viel los. Joggerinnen, Hundebesitzer beim ersten Rausgehen, Menschen auf dem Rad auf dem Weg zur Arbeit. Touristen sind um die Zeit noch nicht unterwegs, und wenn doch, geben sie sich unwissentlich als solche zu erkennen: Einheimische suchen den Blickkontakt, grüßen mit einem freundlichen "Guten Morgen" oder kurzen "Servus".
Voll wird es kurz nach Sonnenaufgang erst an dem eigentlich als Ruhebereich gekennzeichneten kleinen Halbinselchen unterhalb der Pfarrkirche St. Walburga. Bei der Kirche gibt es Parkplätze, der Weg zum See ist kurz, der Ein- und Ausstieg mit Surfbrett, Foilboard und Wing zwar auch nicht ganz einfach, aber machbar. Detlef bewältigt das problemlos, obwohl er als einer der wenigen noch mit dem guten alten Surfbrett über den See flitzt. Seine 84 Jahre sieht man ihm nicht an. Der gebürtige Wiener ist am Bodensee aufgewachsen, hat Jahrzehnte in Ravensburg gelebt und gearbeitet, ist längst zugezogener Füssener. "Ich bin eigentlich Drachenflieger", erzählt er. Aber genauso, wie die Drachen von den Gleitschirmen abgelöst wurden, geht es den klassischen Windsurfern mit den Wingfoilern. Er habe erst mit 78 mit dem Surfen angefangen, als sein Sohn es ausprobieren wollte. Da hat er einfach mitgemacht.
"Manchmal ballert es richtig", sagt einer
Er ist jetzt in der sechsten Saison auf dem Weißensee, wobei hier eigentlich ganzjährig gesurft wird, wenn Wetter und Wind mitmachen. Direkt beim Ruhebereich steht zwar ein großes Schild "Surfen verboten". Aber um diese Zeit ist es erlaubt und um halb neun, neun ist der Wind – und der Zauber – sowieso vorbei. Sogar das Kommunalunternehmen Füssen Tourismus und Marketing wirbt auf seiner Webseite für das morgendliche Surfen. Weil aber die Fischer am See um ihren Fang – Saibling, Renke, Forelle, Hecht, Zander und andere – fürchteten, stand tatsächlich immer wieder einmal ein generelles Surfverbot im Raum und auf der Tagesordnung des Füssener Gemeinderats. Genau deswegen hat die Surf-Community, die nicht nur auf dem Weißensee, sondern auch auf dem nahen Hopfensee und dem Forggensee unterwegs ist, vor einigen Jahren den Surfclub im Königswinkel gegründet. Sie hätten eine Lobby gebraucht, um sich gegen ein Verbot zu wehren, sagt einer vom Vereinsvorstand, der nicht namentlich genannt werden will. Aus dem eigentlich so gedachten kleinen, überschaubaren Kreis ist inzwischen ein Verein mit an die 100 Mitgliedern geworden. Sie kommen längst nicht nur aus Füssen und Umgebung, sondern auch aus Augsburg oder Bregenz, aus Kempten, Immenstadt, Ulm und sogar aus Stuttgart. Wenn es gut läuft und die Autobahn frei ist, sind es zweieinhalb bis drei Stunden von Stuttgart bis zum Weißensee, da muss der Wecker also noch ein bisschen früher klingeln. Wobei auch viele aus der Stuttgarter Gegend – an den Kennzeichen erkennbar – dort unten Ferienwohnungen haben oder sich eine mieten.
Sie kommen alle wegen der tollen Kulisse, den einmaligen Bedingungen, dem launischen und regelmäßig auch ziemlich ruppigen Wind. "Manchmal ballert es richtig", sagt einer, der gerade eine Stunde Highspeed auf dem See hinter sich hat und wie die meisten hier um die 60 ist. "Die Bedingungen sind schwierig, der Wind ist sehr bockig, böig. Für Anfänger ist das hier völlig ungeeignet." Dann sammelt auch er nacheinander sein Board und sein Segel Richtung Parkplatz. Spätestens ab neun Uhr herum glättet sich die Oberfläche des Sees langsam wieder, wenig später gehen am Strandbad die Ersten schwimmen. Und wenn mittags die Stand-up-Paddler gemütlich über das ganz ruhige Wasser gleiten, schütteln so manche Badegäste und Spaziergänger ungläubig den Kopf, wenn sie vom frühen, extrem launischen und immer noch namenlosen Wind vom Weißensee hören.




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