Ungefährlich sind solche Recherchen nicht. "Einmal mussten wir rennen", berichtet Röpke, kurz darauf sei sie vom Anführer einer völkischen Gruppe niedergeschlagen worden. "Großartig, dass du das machst, auch unter Bedrohung und dann auch noch für wenig Geld", sagt Moderator Schredle. Denn: welche Zeitung, welches Magazin oder welcher Sender ist heute noch bereit, all diese Expertise und Recherche zu bezahlen? Da sieht es dünn aus. Röpke ärgert sich vor allem über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der es sich finanziell problemlos leisten könnte, lange Recherchen zu finanzieren. Macht er aber nicht, generell nehme gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen die Bereitschaft ab, sich mit dem Thema Rechtsextremismus zu befassen. Kolleg:innen in Bayern beim BR hätten momentan Probleme, weil sie als freie Journalist:innen teils auch für antifaschistische Zeitungen schreiben. Ein Raunen geht durch die Reihen, unfassbar.
Linda Roth hat sich während ihrer Zeit bei der Dokumentationsstelle Rechtsextremismus auf Portraits spezialisiert. "Ich möchte den Recherchen ein Gesicht geben", sagt sie, mit Emotionen die Lesenden berühren. "Das sind ja alles Menschen, um die es da geht." Für die Broschüre hat sie Thomas Stöckle portraitiert, den Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, einem Ort, an dem Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung in der NS-Zeit von den Nazis ermordet wurden. Wie kam sie zu diesem Thema? Roth erzählt, wie sie auf einer Wahlkampfveranstaltung eine Frau im Rollstuhl traf, die klagte, sie habe Angst vor der AfD. "Da ist mir aufgefallen, dass Menschen mit Behinderung eigentlich in unseren Geschichten gar nicht vorkommen." Daraufhin hat sie Stöckle besucht auf der Schwäbischen Alb. Und gedacht: "Das ist ja wunderschön hier. Dabei war das mal ein so schrecklicher Ort." Heute leben dort, wo früher so viele getötet wurden, wieder Menschen mit Behinderung, die bei ihrem Besuch, so erzählt Roth, mit bester Laune in der Einrichtung unterwegs waren. "Das hat mich sehr berührt.”
Von kleinauf gegen Medien sozialisiert
Moderator Minh Schredle hat selbst für die Broschüre einen Beitrag über schlagende Studentenverbindungen geschrieben. Und zu kämpfen mit wirklich Haarsträubendem: "Dann hat man alle seine Ergebnisse in einem riesigen Text zusammengefasst, und was passiert? Die Redaktion sagt: Jetzt kürz das mal um die Hälfte." Allgemeines Gelächter. Rechtsextreme Burschenschaften seien zwar immer mal wieder in den Schlagzeilen, erzählt Schredle, allerdings selten auf dem Schirm der Polizei. Manchmal gebe es sogar Bilder aus den Häusern, die Hitlergrüße zeigen, da passiere in der Regel aber wenig – weil nicht öffentlich. Dabei habe die AfD offiziell doch eine Nulltoleranzhaltung gegenüber Straftaten, das stand sogar einmal auf Wahlplakaten.
Während die Rehkitz-Recherche Büchner den letzten Nerv geraubt habe, habe ihn die zu Straftaten von AfD-Politiker:innen die meiste Zeit gekostet, sagt er auf dem Podium. Mehr als 60 Anfragen habe er gestellt, berichtet Büchner, seine Ergebnisse sind nicht in der Broschüre zu lesen, dafür aber in der aktuellen Kontext-Ausgabe.
Dann geht's schon mit dem Mikro ins Publikum. "Wie oft könnt ihr Texte nicht veröffentlichen wegen Abmahnungen, die euch vorher erreichen?", will ein Gast wissen. Andrea Röpke erzählt, wie sie mal über die Beerdigung eines Nazis schreiben wollte (" Da war das who is who der Szene") und plötzlich Post bekam von zweien, die ihr bei Veröffentlichung eines Artikels darüber juristische Konsequenzen androhten. "Das war sehr interessant. Ich wusste erst durch dieses Schreiben, dass die beiden auch dagewesen sind." Laute Lacher im Saal, so kann es halt auch mal laufen. Wie reagieren denn Rechte auf Recherchen gegen sie? Röpke weiß von Aussteiger:innen, dass dann zumindest in den völkischen Gruppen helle Aufregung herrscht. Und dass auch Leute von ihren Arbeitgebern entlassen werden, weil sie Teil einer solchen völkischen Gruppe sind oder waren. Einen bekannten Anwalt nennt sie, einen Manager habe es bereits auch getroffen. Das habe dann zur Folge, dass Kinder und Jugendliche in völkischen Gruppen von klein auf beigebracht werde, dass zuvorderst der Staat abgelehnt werden müsse und dann Journalist:innen und Medien. "Ich habe mal gehört, dass sogar die Namen der Journalist:innen an die Kinder weitergegeben werden, damit die sie sich gleich merken können."
Letzte Frage: Haben die Recherchen denn Auswirkungen? Und wenn ja, wie zeigen sich die? Kurz ist Stille auf dem Podium. Noch immer habe man es nicht geschafft, dass völkische Erziehung als Kindeswohlgefährdung eingestuft werde, das sei eben Sisyphusarbeit, sagt Röpke. Allerdings seien ihre Recherchen aus der Szene immer wieder Bestandteil Kleiner Anfragen in Parlamenten, und manche Gruppen würden auch tatsächlich verboten. Timo Büchner berichtet von einem Haus in Herboldsheim im Kreis Schwäbisch Hall, ein Rechtsradikalen-Treff, über den er immer wieder berichtete. Mittlerweile seien die Aktivitäten dort zurückgegangen, und es habe sich ein Bündnis gegen dieses Haus gegründet, in dem nahezu alle Vereine des Ortes und viele Einzelpersonen zusammengeschlossen seien. "Das ist schon ein großer Erfolg." Linda Roth berichtet, wie sie mal den Kriminaltechniker portraitierte, der mit dem Mord an Michelle Kiesewetter durch den NSU betraut war. "Damals hat das offenbar die ARD gelesen – und dann einen Film über den Mann gemacht." Zudem dürfe auch nicht vergessen werden, wie viele Leute aktuell gegen den Rechtsruck auf die Straße gehen. Auch, weil Journalist:innen recherchieren und berichten. Als Beispiel ist da die Correctiv-Recherche zum klandestinen Potsdam-Treffen zu nennen, die Hunderttausende deutschlandweit auf die Straße brachte. "Wir Journalistinnen sollten selbstbewusster agieren", sagt Andrea Röpke zum Schluss. "Wir sollten mehr Haltung zeigen statt weniger!" Wer da mitmachen will, dem sei die Kontext-Broschüre "Recherche gegen Rechts" zu empfehlen. Die gibt’s unter der Mailadresse verwaltung--nospam@kontextwochenzeitung.de zu bestellen, gerne gegen eine Spende von fünf bis zehn Euro.
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