Identitäre auf der sogenannten Demo für alle 2014 in Stuttgart. Foto: Martin Storz

Identitäre auf der sogenannten Demo für alle 2014 in Stuttgart. Foto: Martin Storz

Ausgabe 357
Politik

Völkischer Nachwuchs

Von Andrea Röpke
Datum: 31.01.2018
In völkischen Jugendorganisationen wird seit Jahren extrem rechter Nachwuchs herangezogen. Inzwischen gehen die Sprösslinge in der Identitären Bewegung auf, die gute Kontakte zur AfD pflegt.

"Datt du mien Leevsten büst, datt du wohl weest", singen sie und tanzen dazu im Reigen, die Röcke der jungen Frauen wiegen sanft. Musikalisch wird das niederdeutsche Volkslied von drei Frauen in Dirndl begleitet, sie spielen hingebungsvoll Geige und Akkordeon. Passanten bleiben neugierig stehen und lauschen den heimatlich anmutenden Klängen am Jungfernstieg in Hamburg.

Doch der Auftritt ist kein Privatvergnügen, sondern rechter Aktionismus. Die Identitäre Bewegung (IB) Hamburg und Niedersachsen postete das kurze Video Ende 2016, es ist immer noch online. Im Januar 2017 hielten die norddeutschen Sektionen der Identitären Bewegung zudem ihr erstes "Volkstanzwochenende" an geheimen Ort in der Lüneburger Heide ab. Wo einst die Wiking-Jugend ihr Zentrum hatte, liegt heute wieder ein Schwerpunkt extrem rechter Jugendaktivität. Dort wo es ein kaum überschaubares Geflecht völkischer Familienverbände gibt, deren Kontakte bis in die AfD und NPD reichen, wird Brauchtum mit Sonnenwenden, Härtemärschen oder Volkstänzen gepflegt.

Edda Schmidt aus Bisingen

"In unseren Festen ist trotz der Überfremdung die Weltanschauung des nordischen Menschen im Kern erhalten geblieben." So beschrieb Edda Schmidt 2010 die Feiern der rechten Jugendbünde in der NPD-Monatszeitung Deutsche Stimme, in der sie regelmäßig über Feste und Bräuche schreibt. Schmidt, ist eine NPD-Politikerin aus Bisingen. Sie ist eine der ältesten aktiven Nationalistinnen in Deutschland. Ihre Schwester war lange Bundesmädelführerin in der 1994 verbotenen Wiking-Jugend, Schmidt selbst war Gaumädelführerin, später gründete sie deren Abspaltung den Sturmvogel – deutscher Jugendbund mit.

Wegen Aufstachelung zum Rassenhass und Volksverhetzung durch den Verkauf von NS-Literatur wurde Schmidt vom Stuttgarter Landgericht 1997 zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Bis 2012 war die Mutter von vier Kindern – Irmhild, Ortrun, Diethelm und Herwart - Bundesvorsitzende des "Rings Nationaler Frauen". Schmidt ist Beisitzerin im NPD-Landesvorstand Baden-Württemberg, zuständig für "Brauchtum, Familie und Erziehung". Ihre in Niedersachsen lebenden Töchter gaben das Erlernte weiter, deren Kinder besuchen die Lager des Sturmvogels bis heute. (ana)

Es ist kein Zufall, dass deutsches Volkstum und entsprechende Rituale Einzug bei den identitären Hipstern halten. Nicht nur unter den Tänzern und Musikern ihres Werbevideos sind eben jene jungen Leute, die wie Hildburg, Irmhild, Meinolf oder Alf deutschtümelnde Namen tragen, weil sie Sprösslinge nationalistischer Familien sind. Politisch sozialisiert nicht nur in ihren "Sippen". Rechte Organisationen wie die Heimattreuen Deutsche Jugend (HDJ), der Sturmvogel – Deutscher Jugendbund oder der Freibund e.V. haben Vorarbeit geleistet. Gerhild Drescher, die ehemalige Bundesführerin des Deutschen Mädelwanderbundes, ist heute ebenso bei Veranstaltungen der IB wiederzufinden wie der Mitbegründer des Sturmvogels aus Mecklenburg-Vorpommern, Rudi Wittig. In der Identitären Bewegung Deutschlands findet weitaus mehr völkischer Nachwuchs eine neue politische Heimat als bisher bekannt. Drill und Erziehung wider den Zeitgeist tragen Früchte.

Auch Yelka, 21 Jahre alt, und ihre 17-jährige Halbschwester lieben Volkstanz. 2017 besuchten die beiden blonden Mädchen den "Maiball" im Haus der antisemitischen Sekte "Bund für Gotterkenntnis – Ludendorffer" im brandenburgischen Kirchmöser. Gemeinsam mit Jugendlichen von Sturmvogel und Freibund schwangen die beiden das Tanzbein. Nur wenige Wochen später dann beteiligen sich die beiden am Aufmarsch der Identitären Bewegung im Juni 2017 in Berlin. Auf die Frage einer Reporterin, warum sie mit marschiere, sagte die Jüngere von beiden: "Wir halten es für das Richtige, hier für Deutschland zu kämpfen." Ob Deutschland bedroht sei, hakte die Interviewerin nach. "Ja, schon vom großen Austausch. Dass hier das deutsche Volk gegen andere Kulturen ausgetauscht wird."

Von der Jugendgruppe zu den rechten Hipstern

Yelka, die ältere, war nach Recherchen des Fachportals "lsa-rechtsaußen" bereits ein Jahr zuvor an der IB-Blockade der CDU-Zentrale in Berlin dabei. Der Weg von der rechten Jugendgruppe zu den rechten Spontis scheint vorgezeichnet. Denn Vater beziehungsweise Stiefvater der jungen Frauen ist kein geringerer als der "Spiritus Rector" der Identitären Bewegung, der Ravensburger Götz Kubitschek. Das junge Mädchen selbst berichtete 2017 vor laufender Kamera, dass sie durch ihre Familie politisch "geprägt" und "widerständig" erzogen worden sei. Der umtriebige Stratege lebt heute mit seiner Ehefrau und sieben Kindern in Schnellroda, Sachsen-Anhalt. Er war selbst aktiv im Freibund und einst auch Sprecher der Deutschen Gildenschaft. Im Kreise zahlreich angereister Völkischer nahm Götz Kubitschek dann 2010 an einem Neonazi-Aufmarsch in Dresden teil. Auf Anfrage von Kontext teilt Kubitschek mit, dass seine Töchter "wohl" in Kirchmöser auf dem Maiball im Hause der Antisemiten zu Gast gewesen seien, "weil Freunde dort waren, ich habe dorthin keine Kontakte."

Götz Kubitschek 2015 bei Pegida.
Götz Kubitschek 2015 bei Pegida. Foto: Metropolico.org/Wikimedia, CC BY-SA 2.0

Kubitschek, einer der Architekten der Neuen Rechten, ist Mitgründer des "Instituts für Staatspolitik" (IfS). Ende Januar fand dort die "18. Winterakademie" statt – Thema "Wirtschaft: Hegung und Entgrenzung". Da trafen sich zum Gedankenaustausch Mitglieder der "Alternative für Deutschland", deren Jugendorganisation "Junge Alternative" (JA) und "Identitäre" aus Schwaben, Schleswig-Holstein, Zwickau und Dresden. Auch Kubitscheks Töchter waren dabei. Und Simon Kaupert, der für die extrem rechte Vernetzungsorganisation "Ein Prozent für unser Land" an flüchtlingsfeindlichen Aktionen im Mittelmeer ("Defend Europe") teilgenommen hatte.

Auch der JA-Aktivist Jean-Pascal Hohm ist gekommen, der noch 2017 in einer TV-Dokumentation des WDR erklärt hat: "Mit der Identitären Bewegung gibt es keinerlei Kooperationen, es gibt eine klare Grenze zwischen der Jungen Alternative und der AfD und der Identitären Bewegung." Jörg Meuthen, ehemaliger Fraktionschef der AfD im Baden-Württembergischen Landtag und heute EU-Abgeordneter für seine Partei, hat in der Vergangenheit immer wieder ähnliches behauptet: "Mit einer Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, machen wir uns nicht gemein" (Zeit Online), "Wir wollen mit der Identitäten Bewegung nichts zu tun haben" (Deutschlandfunk). Mittlerweile ist vielfach bekannt: Die Realität an der Basis sieht anders aus.

Bisher scheute der nationalistisch geprägte Teil der völkischen Jugend allzu viel Aufmerksamkeit. Erst mit dem Durchstarten der neuen AfD-Vorfeldjugend sind sie wieder öffentlich anzutreffen. Wie die niedersächsischen Schwestern Hildburg und Irmhild, Töchter einer szenebekannten völkischen Familie. Die beiden besuchten bereits als Jugendliche mit dem Vater Aufmärsche der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen in Dresden. 2009 gab es eine Hausdurchsuchung in dem Dorf in dem sie wohnen, wohl im Zusammenhang mit dem erfolgten Verbot der Heimattreuen Deutschen Jugend. Es wurde ruhiger um die Familie. Heute sind sie für die IB aktiv. Die beiden Schwestern zeigen sich, musizierend und tanzend, auf dem Werbe-Video an den Hamburger Landungsbrücken.

Götz Kubitschek aus Ravensburg

Götz Kubitschek, 1970 geboren im Oberschwäbischen Ravensburg, ist Mitbegründer der neurechten Denkfabrik Institut für Staatspolitik (IfS), Geschäftsführer des Antaios-Verlags, verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift "Sezzesion", Duzfreund von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und André Poggenburg. Mit seinem Institut, den Identitären, dem "Compact"-Magazin von Jürgen Elsässer und dem Kopp-Autor Karl Albrecht Schachtschneider hat er die rassistische Kampagne "Ein Prozent für unser Land" initiiert.

AfD-Gründer Bernd Lucke hatte eindringlich gewarnt, als Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza 2015 in die AfD eintreten wollten. Die Partei dürfe "Leuten wie ihm keine Plattform geben", zitiert die FAZ eine Lucke-Mail. Heute ist Lucke raus und das Paar aus Schnellroda hat großen Einfluss auf die AfD und vor allem deren Jugend. Dabei sei die Partei, so zitiert die FAZ Götz Kubitschek, "'nur ein Baustein eines Milieus, das plötzlich breiter dasteht, als es die Leute von außen geahnt haben'. Kubitschek raunt, die von Schnellroda ausgehende geistige Bewegung sei 'wie ein Gewebe, wie ein Netz, das sich über die Dinge legt'." (ana)

Vor allem die 2009 vom Bundesinnenministerium verbotene Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) hatte ähnlich ihrem Vorbild der Wiking-Jugend die neonazistische Elite von morgen heranzüchten wollen. Mit Erfolg. HDJ-Zöglinge wie Nils Altmieks führen heute die Identitäre Bewegung mit an oder zeigen wie Alf Börm Zustimmung bei deren Demonstration in Berlin.

Die pädagogische Arbeit der Heimattreuen Deutschen Jugend, unter anderem "Rassenkunde" um "die Blutreinheit wieder herzustellen", war von Anfang an nicht ausschließlich auf den eigenen Nachwuchs gerichtet, sondern auf "die ganze Nation". Es ging darum "kompromisslos für die Verbreitung" ihrer Ideologie auf "breiter Front" zu sorgen. Das geht aus der Verbotsverfügung des Bundesinnenministeriums hervor. Ebenso, dass es in der HDJ einen "eindeutigen Appell" gegeben habe, "in Schule Ausbildung, Studium und Beruf mit Ehrgeiz und Ausdauer entscheidende Positionen zu besetzen".

Auch harmlos anmutende, aber äußerst konspirativ agierende Gruppen wie der Sturmvogel liefern eine "umfassende Schulung, die eine ideologische Festigung nach sich zieht", erklärt der Potsdamer Privatdozent Gideon Botsch. Der Politikwissenschaftler des Moses Mendelssohn Zentrum weist darauf hin, dass bereits die beiden inzwischen verbotenen Gruppierungen Wiking-Jugend und HDJ bündische Elemente mit nationalsozialistischen Grundwerten verbanden. "Gruppen wie sie versuchen, die historische Jugendbewegung für sich zu vereinnahmen", erklärt Botsch. Es gehe darum, Kinder und Jugendliche gegen die bundesdeutsche Gesellschaft zu immunisieren.

Identitäre rekrutieren sich aus rechten Familien

Diese Generation völkischer Nationalisten begeistert sich für die Identitäre Bewegung als politisches Sammelbecken. Obwohl die sich seit etwa 2014 gern als moderne, fröhliche Patrioten präsentieren und verkünden: "Unser Weg ist demokratisch, bodenständig und weltoffen". Stringente Verbindungen ins Geflecht völkischer Familien und deren Erziehungs-Organisationen könnten die Identitären allzu schnell mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen. Das wollen sie vermeiden, denn die extrem rechten Hipster um den Wiener Martin Sellner ziehen ihre Attraktivität vor allem daraus, etwas Neues und Provokantes zu bieten. Ihre Inszenierungen wie die Besetzung der CDU-Parteizentrale in Berlin oder die Kletteraktion auf das Brandenburger Tor sollen frisch und frei erscheinen und einen Bruch zum althergebrachten Nationalismus suggerieren, um salonfähig zu erscheinen.

Viele Kinder aus rechten Familien, aufgewachsen mit einem Leben für die "Volksgemeinschaft" stellen demnach ein ideales Rekrutierungspotenzial dar. Yelka und ihre Schwester, Hildburg und Irmhild sind verlässlicher Bestandteil politischer Arbeit und dienen insbesondere in der Öffentlichkeit als "eyecatcher", weil sie unbelastet scheinen. Ebenso die Schwestern Inka und Wiebke – Töchter einer völkischen Zahnarzt-Familie, die früher Lager der HDJ besuchten und heute eng verbunden sind mit der Identitären Bewegung. Eine der Schwestern ist verheiratet mit einem bayrischen IB-Anführer.

Identitäre auf einer AfD-Demo 2016 im oberbayerischen Geretsried.
Von wegen nicht verbandelt: Identitäre auf einer AfD-Demo 2016 im oberbayerischen Geretsried. Foto: Metropolico.org/Wikimedia, CC BY-SA 2.0

Vom Erfolg der AfD profitieren nicht nur die Identitären, sondern eben auch Organisationen, aus denen der Nachwuchs stammt. Dazu gehören neben Burschenschaften, Korporationen oder Deutscher Gildenschaft auch völkisch-nationalistische Organisationen. Es stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum ist kaum etwas bekannt über deren politische Vorarbeit an Kindern und Jugendlichen?

Die bereits 1994 wegen ihrer Wesenverwandtschaft zum Nationalsozialismus verbotene militante Wiking-Jugend hätte Warnung genug sein können. Durch ihre harte und militärische Schule gingen nach eigenen Angaben rund 15 000 Jugendliche, viele sind bis heute in der Neonazi-Szene führend aktiv, wie Thorsten Heise oder Stefan Köster. "Wer frühzeitig Zeltlager, Drill, Gewaltmärsche oder Mutproben der Nachfolgeorganisation HDJ erlebte, gilt als politisch gefestigt und ist für nationalistischen Aktionismus besonders geeignet", bestätigt auch Wissenschaftler Gideon Botsch. Verbote können die pädagogische Arbeit der Völkischen nicht aufhalten, immer noch ist zum Beispiel trotz Verbotes der HDJ im Jahr 2009 ein Ableger im sogenannten "Hermannsland" in Ostwestfalen sehr aktiv.

Eindrucksvoll hat Heidrun Benneckenstein in dem Buch "Ein deutsches Mädchen" über ihre von nationalsozialistischen Denken und Fanatismus geprägte Kindheit und den Lagern der HDJ berichtet. Wie andere betroffene Kinder wuchs sie mit Feindbildern als wichtiger Bestandteil elterlicher Pädagogik heran. "Kleine Kameraden" erhalten ungefiltert die volle Dröhnung an NS-Gedanken- und Liedgut und fühlen sich als Teil einer deutschen "Schicksalsgemeinschaft". Wehrhaftigkeit und Maskulismus, wie er auch bei den Identitären propagiert wird, stoßen insbesondere beim völkischen Nachwuchs auf Zuspruch. Frühsport und "Trainingslager", wie sie die IB immer wieder durchführen, sind sie längst gewohnt.

Fernab der Aufmerksamkeit von Polizei, Verfassungsschutz oder Öffentlichkeit werden Kinder aus den Reihen deutschtümelnder Sippen zu verschworenen Mitglieder einer elitären "Volksgemeinschaft" geformt. Unbehelligt können sich Organisationen wie der "Sturmvogel – Deutscher Jugend" des Nachwuches annehmen, obwohl längst bekannt ist, dass Holocaust-Leugner und NPD-Aktivisten in deren Reihen zu finden sind. Bekannte Namen der Neuen Rechte, wie der Gründer des Jugendmagazins "Blaue Narzisse" Felix Menzel, gehörten zum Freibund – Bund heimattreuer Jugend (heute: Der Freibund).

Durch den Erfolg der AfD verspürt auch diese Szene Aufwind. Immer mehr Völkische, zu deren Hauptaufgaben vorher die Stärkung der Gemeinschaft nach innen sowie die kommunale Verwurzelung zählte, unterstützen Partei oder Identitäre Bewegung öffentlich. Der organisierte Kinderdrill aber soll unantastbar bleiben und weiterhin im Verborgenen laufen. Die Präsidentin des niedersächsischen Verfassungsschutz, Maren Brandenburger, räumte in der TV-Dokumentation "Völkische Siedler – Schattenwelten auf dem Land" ein, dass sich HDJ und Sturmvogel-Veranstaltungen ähneln würden und ihre Behörde das daher "sehr ernst" nähme. Doch passiert ist bisher nichts. Warnungen und Aufklärung vonseiten der Behörden sucht man vergebens.

Kontext schaut nach den Rechten

Wer sich als Alternative für Deutschland anpreist, muss Lösungen anbieten. Kontext lässt sich durch politische Nebelkerzen und dreiste Lügen nicht einlullen, sondern checkt die Fakten.

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