KONTEXT:Wochenzeitung
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Veranstaltung zum Rechercheprojekt gegen Rechts

"Einmal mussten wir rennen"

Veranstaltung zum Rechercheprojekt gegen Rechts: "Einmal mussten wir rennen"
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Am vergangenen Sonntagabend hat Kontext im Stuttgarter Kulturcafé Merlin die Broschüre zur Rechtsextremismus-Serie vorgestellt. In einem Podiumsgespräch plauderten die Autor:innen aus dem Nähkästchen. Und Rehkitz-Poesie gab's auch.

Nach kurzem Kampf mit dem Beamer erscheint das erste Bild der Präsentation. Darauf zu sehen: Udo Stein, AfD-Abgeordneter und -Kandidat zur Landtagwahl im Wahlkreis Hohenlohe, mit einem süßen gepunkteten Reh-Baby im Arm. Seine Recherche, erzählt Kontext-Autor Timo Büchner, habe eigentlich "mit einer Standardsuche" begonnen. Stein, Jäger, aktuell wegen psychischer Probleme aber waffenlos, habe etwa 2018 die Kitzrettung für sich entdeckt und gemeinsam mit dem AfD-Abgeordneten Rainer Balzer einen Rehkitzrettungsverein gegründet, mit dem er aktuell auch Wahlkampf macht. 

An den Verein kann man spenden, ihn buchen, falls einer mit einer Drohne ein Rehkitz retten will. Vier Amtsgerichte, die Vereinsregister verwalten, hat Büchner angeschrieben, um herauszufinden, ob der "e.V." tatsächlich ein eingetragener Verein ist. Gefunden hat er nichts. Im Laufe der Recherche hat er Dutzende Mails verschickt – an Jägervereinigungen, an andere Kitzretter:innen, Funktionäre und Privatleute, um herauszufinden, ob es diesen Verein auch wirklich gibt. Stein selbst äußerte sich gegenüber Kontext nicht, zu linksversifft. Rainer Balzer versicherte in einer Mail, man müsse sich "keine Sorgen machen", es gebe den Verein auf alle Fälle. Eine Vereinsregisternummer? Pustekuchen. Eine Satzung? Nichts. Ein Gründungsprotokoll? Schickt er nicht. "Dann haben wir rausgefunden, dass das Konto des Vereins ein Privatkonto von Rainer Balzer ist", berichtet Büchner. Der Rehkitzrettungsverein – ein Phantomverein. Diese Recherche, klein aber fein, für die Rechtsextremismus-Serie von Kontext habe ihn wirklich Nerven gekostet, erzählt der Autor mit einem Grinsen. 

Ein Gedicht! 

Seit November 2025 veröffentlicht Kontext unter Federführung von Kontext-Redakteur Minh Schredle jede Woche eine Recherche zur extremen Rechten in Baden-Württemberg. Kurz vor der Landtagswahl ist eine Auswahl der besten Geschichten aus der Reihe als Broschüre erschienen. Am vergangenen Sonntag wurde das Heft im Kulturcafé Merlin im Stuttgarter Westen präsentiert. 

Mit dabei drei der Autor:innen: Linda Roth, freie Journalistin und von 2023 bis 2025 Mitarbeiterin der Dokumentationsstelle Rechtsextremismus am Generallandesarchiv in Karlsruhe. Timo Büchner, der seit vielen Jahren zur extremen Rechten in Baden-Württemberg recherchiert. Und Andrea Röpke, seit mehr als 30 Jahren Fachjournalistin für Rechtsextreme Umtriebe und mehrfach preisgekrönt. Minh Schredle moderierte. 

Der Phantom-Verein des Udo Stein

"Udo ist Jäger mit eigenem Revier
Mit Büschen, Bäumen und Getier

 Rehkitzretten mag der Udo auch
Und Rehe schießen, so ist es Brauch.

Waffen, die mag der Udo sehr
Pistolen, Messer und Gewehr

Sogar im Landtag hatte er sie stehn
In einem Rucksack, kaum zu übersehn.

Für Udo war das gar ein Schreck.
Denn seine Waffen, die sind alle weg.

Beschlagnahmt von der Polizei
Das ist ihm gar nicht einerlei.

Alle weg - bis auf eine nicht
Verloren wohl, im Dickicht.

Mit dem Leben habe er die Polizei bedroht
Ich bring euch um, ich schieß euch tot.

So habe er es gesagt. Ob es so sei?
Ich weiß es nicht, ich war nicht dabei.

Der Udo hat ein neues Hobby
Gehört er nun zur Tierschutz-Lobby

Mit dem Bambicopter geht er auf Jagd
Rettet Kitze vor der ersten Mahd

Zum Kitze retten gründet er zum Schein
Den "Rehkitzrettung eingetragener Verein"

Denn eingetragen ist er nicht.
Weder beim Notar noch bei Gericht.

Der Phantom-Verein
Des Udo Stein"

Im Merlin gab es sogar eine lyrische Einlage: Der nicht-existente Rehkitzrettungsverein des Udo Stein hat die Omas gegen Rechts Schwäbisch Hall zu einem Gedicht veranlasst (siehe Kasten) – vorgetragen von Gesa von Leesen mit radiogeschulter Stimme. Dafür erntete sie Applaus und eine Menge Lacher.

Für die Kontext-Serie und -Broschüre hat Andrea Röpke den AfD-Ministerpräsidentenkandidaten Markus Frohnmaier portraitiert. Und das auf eine ganz andere Art, als man erwarten würde, nämlich aus der Ferne statt von Nahem. "2014 bin ich bei der AfD das erste Mal rausgeflogen", erzählt Röpke. "So richtig mit Sicherheitsdienst." Seitdem sei sie etwas gehandicapt bei ihren Recherchen zu der rechtsextremen Partei, Antworten auf Anfragen bekäme sie grundsätzlich nicht. Taz und Kontext bescheinigt sie einen mutigen und selbstbewussten Umgang mit der AfD, den sie bei anderen Redaktionen oft vermisse. Rechtsextremismus sei in den Medien noch immer "ein Nischenthema", sagt Röpke. 

Völkisch geschulter Nachwuchs 

Bevor Trump an die Macht kam, habe sich die AfD noch lustig gemacht über die dekadenten USA, die transatlantischen Bündnisse. Heute dagegen ist beispielsweise Frohnmaier häufig in den Staaten, aber auch in Russland, schreibt dort für staatlich kontrollierte Zeitungen. Frohnmaier sei ein "gehorsamer" Typ, sagt Röpke. Einer, der immer bediene, was die Partei von ihm will. Schredle: "Das ist schon komisch. Früher war man halt für die USA oder für Russland. Heute ist es egal, Hauptsache autoritär." 

Für ihre Recherchen schlägt Röpke sich schon mal in die Büsche, um die zu beobachten, die auf keinen Fall beobachtet werden wollen. Vor allem ihr Thema: Völkische Siedler wie die der Heimattreuen deutschen Jugend, die "eigentlich überall" die völkische Erziehung von Kindern und Jugendlichen "in der Hand" hatte, bevor sie verboten wurde und recht schnell eine Nachfolgeorganisation übernahm. Der so geschulte Nachwuchs wird dann strategisch günstig verteilt. Laurens Nothdurft beispielsweise gehörte dazu, "und dann war er irgendwann als Mitarbeiter der AfD im baden-württembergischen Landtag". Kinder und Jugendliche, die in solchen Strukturen aufwachsen und sozialisiert werden, völkische Lager und Freizeiten besuchen, werden "radikalisiert und immunisiert gegen Demokratie", erzählt Röpke. "Sie werden der liberalen Gesellschaft regelrecht entzogen." 

Ungefährlich sind solche Recherchen nicht. "Einmal mussten wir rennen", berichtet Röpke, kurz darauf sei sie vom Anführer einer völkischen Gruppe niedergeschlagen worden. "Großartig, dass du das machst, auch unter Bedrohung und dann auch noch für wenig Geld", sagt Moderator Schredle. Denn: welche Zeitung, welches Magazin oder welcher Sender ist heute noch bereit, all diese Expertise und Recherche zu bezahlen? Da sieht es dünn aus. Röpke ärgert sich vor allem über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der es sich finanziell problemlos leisten könnte, lange Recherchen zu finanzieren. Macht er aber nicht, generell nehme gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen die Bereitschaft ab, sich mit dem Thema Rechtsextremismus zu befassen. Kolleg:innen in Bayern beim BR hätten momentan Probleme, weil sie als freie Journalist:innen teils auch für antifaschistische Zeitungen schreiben. Ein Raunen geht durch die Reihen, unfassbar. 

Linda Roth hat sich während ihrer Zeit bei der Dokumentationsstelle Rechtsextremismus auf Portraits spezialisiert. "Ich möchte den Recherchen ein Gesicht geben", sagt sie, mit Emotionen die Lesenden berühren. "Das sind ja alles Menschen, um die es da geht." Für die Broschüre hat sie Thomas Stöckle portraitiert, den Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, einem Ort, an dem Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung in der NS-Zeit von den Nazis ermordet wurden. Wie kam sie zu diesem Thema? Roth erzählt, wie sie auf einer Wahlkampfveranstaltung eine Frau im Rollstuhl traf, die klagte, sie habe Angst vor der AfD. "Da ist mir aufgefallen, dass Menschen mit Behinderung eigentlich in unseren Geschichten gar nicht vorkommen." Daraufhin hat sie Stöckle besucht auf der Schwäbischen Alb. Und gedacht: "Das ist ja wunderschön hier. Dabei war das mal ein so schrecklicher Ort." Heute leben dort, wo früher so viele getötet wurden, wieder Menschen mit Behinderung, die bei ihrem Besuch, so erzählt Roth, mit bester Laune in der Einrichtung unterwegs waren. "Das hat mich sehr berührt.”

Von kleinauf gegen Medien sozialisiert

Moderator Minh Schredle hat selbst für die Broschüre einen Beitrag über schlagende Studentenverbindungen geschrieben. Und zu kämpfen mit wirklich Haarsträubendem: "Dann hat man alle seine Ergebnisse in einem riesigen Text zusammengefasst, und was passiert? Die Redaktion sagt: Jetzt kürz das mal um die Hälfte." Allgemeines Gelächter. Rechtsextreme Burschenschaften seien zwar immer mal wieder in den Schlagzeilen, erzählt Schredle, allerdings selten auf dem Schirm der Polizei. Manchmal gebe es sogar Bilder aus den Häusern, die Hitlergrüße zeigen, da passiere in der Regel aber wenig – weil nicht öffentlich. Dabei habe die AfD offiziell doch eine Nulltoleranzhaltung gegenüber Straftaten, das stand sogar einmal auf Wahlplakaten. 

Während die Rehkitz-Recherche Büchner den letzten Nerv geraubt habe, habe ihn die zu Straftaten von AfD-Politiker:innen die meiste Zeit gekostet, sagt er auf dem Podium. Mehr als 60 Anfragen habe er gestellt, berichtet Büchner, seine Ergebnisse sind nicht in der Broschüre zu lesen, dafür aber in der aktuellen Kontext-Ausgabe

Dann geht's schon mit dem Mikro ins Publikum. "Wie oft könnt ihr Texte nicht veröffentlichen wegen Abmahnungen, die euch vorher erreichen?", will ein Gast wissen. Andrea Röpke erzählt, wie sie mal über die Beerdigung eines Nazis schreiben wollte (" Da war das who is who der Szene") und plötzlich Post bekam von zweien, die ihr bei Veröffentlichung eines Artikels darüber juristische Konsequenzen androhten. "Das war sehr interessant. Ich wusste erst durch dieses Schreiben, dass die beiden auch dagewesen sind." Laute Lacher im Saal, so kann es halt auch mal laufen. Wie reagieren denn Rechte auf Recherchen gegen sie? Röpke weiß von Aussteiger:innen, dass dann zumindest in den völkischen Gruppen helle Aufregung herrscht. Und dass auch Leute von ihren Arbeitgebern entlassen werden, weil sie Teil einer solchen völkischen Gruppe sind oder waren. Einen bekannten Anwalt nennt sie, einen Manager habe es bereits auch getroffen. Das habe dann zur Folge, dass Kinder und Jugendliche in völkischen Gruppen von klein auf beigebracht werde, dass zuvorderst der Staat abgelehnt werden müsse und dann Journalist:innen und Medien. "Ich habe mal gehört, dass sogar die Namen der Journalist:innen an die Kinder weitergegeben werden, damit die sie sich gleich merken können." 

Letzte Frage: Haben die Recherchen denn Auswirkungen? Und wenn ja, wie zeigen sich die? Kurz ist Stille auf dem Podium. Noch immer habe man es nicht geschafft, dass völkische Erziehung als Kindeswohlgefährdung eingestuft werde, das sei eben Sisyphusarbeit, sagt Röpke. Allerdings seien ihre Recherchen aus der Szene immer wieder Bestandteil Kleiner Anfragen in Parlamenten, und manche Gruppen würden auch tatsächlich verboten. Timo Büchner berichtet von einem Haus in Herboldsheim im Kreis Schwäbisch Hall, ein Rechtsradikalen-Treff, über den er immer wieder berichtete.  Mittlerweile seien die Aktivitäten dort zurückgegangen, und es habe sich ein Bündnis gegen dieses Haus gegründet, in dem nahezu alle Vereine des Ortes und viele Einzelpersonen zusammengeschlossen seien. "Das ist schon ein großer Erfolg." Linda Roth berichtet, wie sie mal den Kriminaltechniker portraitierte, der mit dem Mord an Michelle Kiesewetter durch den NSU betraut war. "Damals hat das offenbar die ARD gelesen – und dann einen Film über den Mann gemacht." Zudem dürfe auch nicht vergessen werden, wie viele Leute aktuell gegen den Rechtsruck auf die Straße gehen. Auch, weil Journalist:innen recherchieren und berichten. Als Beispiel ist da die Correctiv-Recherche zum klandestinen Potsdam-Treffen zu nennen, die Hunderttausende deutschlandweit auf die Straße brachte. "Wir Journalistinnen sollten selbstbewusster agieren", sagt Andrea Röpke zum Schluss. "Wir sollten mehr Haltung zeigen statt weniger!" Wer da mitmachen will, dem sei die Kontext-Broschüre "Recherche gegen Rechts" zu empfehlen. Die gibt’s unter der Mailadresse verwaltung--nospam@kontextwochenzeitung.de zu bestellen, gerne gegen eine Spende von fünf bis zehn Euro. 

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