KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

AfD-Bürgerdialog

Ein absurdes Paralleluniversum

AfD-Bürgerdialog: Ein absurdes Paralleluniversum
|

Datum:

Die "verrücktesten Politiker der Welt" hätten sich verschworen, um Deutschland zu sabotieren, erzählen AfD-Abgeordnete beim "Bürgerdialog" in Stuttgart-Bad Cannstatt. Sie prangern mangelnden Respekt an und pöbeln auf Kindergartenniveau.

Bevor die Abgeordneten der AfD von ihrer Liebe zum deutschen Volk, zum deutschen Auto und zum deutschen Verbrenner reden können, kommt es zur Störung im Betriebsablauf. Auf der A81 gab es eine Massenkarambolage, noch fehlen der Moderator sowie Malte Kaufmann, MdB aus Mühlhausen bei Heidelberg. Es ist kurz nach 19 Uhr am Freitag, dem 27. Oktober. Die Rechtsaußen-Partei mit Umfragewerten von 20 Prozent in Baden-Württemberg hat in den Cannstatter Kursaal geladen.

Eine handvoll Stühle ist noch frei und zwei Gäste überlegen, ob das an der Wagenknecht liegt? "Die zieht bestimmt viele", murmelt eine grimmige Dame und äußert ihren Verdacht, dass die ganze Sache ein abgekartetes Spiel sei: Der Streit in der Linken nur vorgegaukelt, um der AfD zu schaden. Ihr Gesprächspartner, ein Mann Anfang 30, findet die These plausibel. Immerhin sei der "Regenbogenfaschismus" inzwischen überall. Er bedauert, dass ein heterosexueller Weißer heute keine Führungskraft mehr werden könne, das habe er am eigenen Leib erlebt. Er wundert sich zudem, warum sich die Unternehmen noch nicht alle auf die Seite der AfD geschlagen haben, wo doch die Grünen Industrie und Wohlstand ruinieren und einzig die AfD an einer Rettung des Landes interessiert sei. Die Gesprächspartnerin runzelt die Stirn, das habe sie sich auch schon oft gefragt. Sie ist sich sicher, dass da "mächtige Kreise am Wirken sind im Hintergrund".

Mit etwa 20 Minuten Verspätung trifft schließlich Andreas Mürter vom Kreisverband Stuttgart ein, gelernter Maschinenbaumeister und erfolgloser Kandidat bei der Landtagswahl 2021. Er übernimmt die Moderation an diesem Abend, entschuldigt sich für den Verzug und schildert seine Leidensgeschichte auf dem Weg hierher. Erst der Höllenstau auf der Autobahn. "Auch Umwege fahren funktioniert in Deutschland nicht mehr, weil die Seitenstraßen alle zu sind im Industriekernland. Dann fahr ich nach Stuttgart rein: alle Ampeln rot, weil die Regierung grün ist." Dieser Witz gefällt ihm so gut, dass er ihn nur ein paar Sätze später wiederholt – im Kontext der Frage, woher die AfD den Mut nimmt, die AfD zu sein. "Warum tun wir uns das an? Warum fahre ich durch die roten Ampeln, durch Stuttgart bei einer grünen Regierung? Ganz einfach: weil wir von Leuten regiert werden, die das alles nicht kennen und können. Sie kennen keine Arbeit, sie kennen keine Bildung, sie kennen keine Wertschöpfung, sie kennen keinen Respekt und sie kennen keine Liebe zum eigenen Volk."

Es fehlt eigentlich nur noch der explizite Vorwurf des "Vaterlandsverrats", ansonsten hat Mürter die Checkliste der rechtsradikalen Agitation vollständig abgehakt. Die Regierung habe sich "ersichtlich gegen den Willen des deutschen Volkes verschworen", werde "Verbrennungsmotoren abschaffen, den Menschen ihr Auto wegnehmen, Arbeitsplätze vernichten und den Wohlstand unseres Landes vollständig auflösen". Die Ampel sei " toleranzbesoffen, vom Staat fett gefüttert, ohne Bildung und Bindung zur Heimat", "unser Land wird systematisch hingerichtet, Schritt für Schritt", am schlimmsten dabei: natürlich die Grünen. "Heute noch tanzen die Grünen vor abgeschalteten Atomkraftwerken und morgen schon stehen wir alle im Dunkeln."

Irre sind immer die andern

Mürters Laune bessert sich, als er den ersten Redner anmoderieren kann, "unseren Dirk Spaniel", den kennt er "natürlich gut, hab ihn schon mehrfach vorgestellt, aber ich mach's gern wieder, gar kein Thema". Trotzdem verläuft das Verlesen des Lebenslaufs dann etwas holprig, beim Auflisten der Stationen streut der Moderator die aufrichtig irritiert klingende Frage ein: "Öh, was hat der alles gemacht?" Bis schließlich als Krönung der Vita die Dissertation im Fach Maschinenbau bei DaimlerChrysler folgt. Mürters Kommentar: "Doktor Ingenieur – die Grünen würden davon träumen. Ja. Die Grünen würden von so einer Vita träumen, allesamt. Nicht nur die Abgeordneten, sondern sogar die Mitglieder. Ich weiß nicht, wie viele Mitglieder die Grünen haben. Aber ich bin mir sicher, dass da niemand mithalten kann." Zur Info: 2022 zählten die Grünen etwas mehr als 126.000 Mitglieder, die AfD 29.000.

"Wir erleben eine irre Politik", beginnt Spaniel dann und als verkehrspolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion macht er diesen Wahnsinn konkret fest am beabsichtigten Verbot von Verbrennungsmotoren, Folge "der Klimahysterie". Er erzählt vom jüngsten Bericht des Weltklimarats, "der hat 2.500 Seiten auf englisch, den müssen sie nicht lesen". Spaniel hat nämlich eine kompakte Zusammenfassung auf deutsch entdeckt, erster Kritikpunkt: Es wird ja gar nicht geprüft, ob es den menschengemachten Klimawandel überhaupt gibt, weil die Themen von der UNO gesteuert werden. Trotzdem hat er die verschiedenen Szenarien unter die Lupe genommen und kommt zum Fazit: Ob die globalen Emissionen bis 2030 auf Null sinken oder sich bis 2040 verdoppeln, macht keinen nennenswerten Unterschied. "Ja, es gibt eine Klimaerwärmung. Das bestreitet auch keiner in der AfD. Wenn sie Null Co2 bis 2030 erreichen, haben sie bis 2040 1,5 Grad mehr. Und wenn sie das CO2 verdoppeln, haben sie 1,6 Grad mehr. Die Differenz zwischen 'Wir machen uns komplett kaputt' und 'Wir machen eigentlich, was wir wollen', ist 0,01 Grad."

Merkel und die Grünen lassen ihnen keine Ruhe

Während weniger gut gebildete Menschen angesichts dieser Rechenkünste vielleicht schon anfangen, grün vor Neid zu werden, überlegt der Doktor Ingenieur noch einmal: "Ne, 0,1 Grad. Also es spielt sich alles Realistische in einem ganz, ganz kleinen Temperaturfenster ab, das praktisch für alle von uns völlig irrelevant ist. Und warum kommt da keiner drauf?" Vielleicht ja, weil Menschen mit Basiswissen zur Klimaforschung klar ist, dass sich jedes Hundertstel Grad bemerkbar macht und die Erhitzung des Planeten nicht einfach 2040 aufhört, wenn man bis dahin die Emissionen verdoppelt.

Doch weil Spaniel am Verständnis der Grundlagen scheitert, ist seine Laienanalyse Ausgangspunkt einer drastischen Diagnose: Die Politik der Regierung ist "mindestens fahrlässig, im schlimmsten Fall Sabotage". Denn es gebe die "einfache Lösung", am Verbrennungsmotor festzuhalten. Ebenso gibt es laut Spaniel übrigens einen "einfachen Grund", warum die Deutsche Bahn in einem schlechten Zustand ist: zu wenig Geld. In der Schweiz gäben sie das Vierfache pro Kopf aus, aber ob die AfD das wirklich will, weiß er auch nicht. Er ist sowieso nicht dafür, Menschen in den öffentlichen Nahverkehr zu zwingen, sondern für Wahlfreiheit. Dann sagt er nicht ohne Stolz: "Wir sind die einzige Interessenvertretung des Autos im Land" und vollendet seine von Falschbehauptungen und Halbwahrheiten gespickten Ausführungen mit dem Bonmot: "Die Verlogenheit in der Politik, diese Heuchelei: Das ist der Grund, warum es uns gibt und warum wir so wichtig sind."

Moderator Mürter ist hellauf begeistert und kündigt nun "Mister Hammelsprung" an. Jürgen Braun, Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Waiblingen, sorgte Ende 2018 für Schlagzeilen, als er die Beschlussfähigkeit des Bundestags anzweifelte, wenn auch ohne Erfolg. Braun war mal Ressortleiter der Themen Umwelt und Wirtschaft beim MDR und unterrichtete als Dozent Journalismus. Er ist überzeugt, dass Deutschland von "den verrücktesten Politikern der Welt" regiert wird, denn eine "grüne Weltuntergangssekte" sei an der Macht, nicht erst seit der Ampel: "Angela Merkel war die erste grüne Kanzlerin", ohnehin werde ganz Deutschland insgeheim von den Grünen regiert, und die AfD sei die einzige Partei seit Jahrzehnten, "die sich traut das Gegenteil von dem zu fordern, was die Grünen wollen". Wenn er Kretschmann hört, wird ihm schlecht, sagt Braun und versucht sich an einer Imitation, die eine Menge Gelächter unter den etwa 50 Anwesenden einheimst. Dann erzählt er das Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Alle hätten mitgemacht, bis ein mutiges Mädchen die Wahrheit ausgesprochen hat. "Das ist der AfD-Moment", meint Braun. "Unsere Politiker sind nackt."

Niemand nimmt dieser Frau ihre Schweinshaxe weg

Das Publikum feixt und johlt, auch der Moderator wirkt zufrieden. Er hält auch nicht viel von Kretschmann, versichert Mürter, ist sich aber nicht sicher, ob es besser wird, wenn "der alte Opa" bald in Rente geht. "Eine Nachfolgerin soll ja auch schon auserkoren sein: Backnang. Die Frau Ricarda Lang hat ja schon ihre Ambitionen angekündigt. Und ich dachte immer, die fetten Jahre sind vorbei." Nie war das Gelächter an diesem Abend lauter als bei dieser Kombination von Lüge und Beleidigung. Entsprechende Ambitionen hat Lang allerdings nie formuliert und unter Kenner:innen der Landespolitik gilt die grüne Parteivorsitzende und Bundestagsabgeordnete nicht gerade als die wahrscheinlichste Nachfolgerin.

Zuletzt hat Katrin Ebner-Steiner ihren Auftritt, Abgeordnete im Münchner Landtag. Sie macht klar, dass ihr Robert Habeck nicht die Schweinshaxen wegnehmen wird. In breitem Dialekt arbeitet sie die Parallelen zwischen Schwaben und Bayern heraus, von der Liebe zum Bier bis zur Leidenschaft für Technologie: "Schwaben und Bayern können verdammt gute Autos bauen mit den besten Verbrennern der Welt." Die AfD wären die einzigen, die aufstehen gegen die regierende "Beutegemeinschaft der Abgehalfterten und Ahnungslosen". Die Schwarzen seien im Inneren vergrünt, sagt sie über die politische Landschaft, und die Freien Wähler aus Bayern seien am Ende des Tages eben auch nur Systemlinge. Wobei dem Vorsitzenden Hubert Aiwanger die "einzige Funktion" zukomme, "kritische Bürger wieder ins System zurückzuholen".

Eigentlich hätte auch noch der Abgeordnete Kaufmann reden sollen. Aber er muss sich entschuldigen. Obwohl seine Parteifreund:innen alles für die Autobahn tun, dieses angebliche Symbol der Freiheit, schaffte er es nach vielen Stunden im Stau nicht mehr in den Kursaal. 


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


2 Kommentare verfügbar

  • Buchkremer Stephan
    am 04.11.2023
    Antworten
    Ein absurdes Paralleluniversum: "Sie (AFD) prangern mangelnden Respekt an und pöbeln auf Kindergartenniveau."
    Es zeugt von "hohem Respekt", den Menschen im Zusammenhang mit Kindergärten ein AFD Niveau anzudichten. Pöbeln Kindergartenkinder oder ihre Eltern und Erzieher generell auf AFD Niveau.?…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!