KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Kasernen zu Wohngebieten

Kasernen zu Wohngebieten
|

Datum:

Ob die USA tatsächlich ihre Truppen in Deutschland abbauen, ist noch nicht sicher. Aber wenn sie dies täten, böte sich vor allem in Stuttgart eine riesige Chance, endlich bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Meint der Vorsitzende des Mietervereins.

ZurückWeiter

"The liar tweets tonight" – der Lügner twittert heut' Nacht: Die Parodie des US-Kabarettisten Roy Zimmerman auf den bekannten, ursprünglich südafrikanischen Song aus dem Musical "Der König der Löwen", hat sich in Windeseile im Netz verbreitet – nicht zuletzt wegen der abgewandelten Zeile "vote him away" – wählt ihn ab. Aber auch die Plattform Twitter selbst distanziert sich mittlerweile vom US-Präsidenten. Ob dieser seine Ankündigung wahr machen und 9.500 Soldaten aus Deutschland wegverlagern wird, scheint alles andere als sicher.

Insofern erscheint die Reaktion des Mietervereins Stuttgart ein wenig voreilig. Dessen Vorsitzender Rolf Gaßmann hat Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) angeschrieben und ihn aufgefordert, die Chance, die ein Abzug der Truppen böte, zu nutzen, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Trumps eigene Verbündete im Kongress haben den Präsidenten aufgefordert, seine Pläne zu überdenken. Und wer würde allen Ernstes das europäische Kommando der Amerikaner Eucom, das sich in den Patch Baracks in Stuttgart-Vaihingen befindet, und das Africom in den Möhringer Kelley Baracks aufs Spiel setzen?

Andererseits: ungefähr die Hälfte der Amerikaner in Deutschland sind nach einem Bericht der "Stuttgarter Nachrichten" in der Region Stuttgart stationiert. 25.000 Menschen sollen es sein, Zivilisten mitgerechnet. Insgesamt gibt es in Deutschland knapp 35.000 amerikanische Soldaten, dazu rund 15.000 zivile Angestellte der US Army. Wenn Trump also auch nur einen Teil seiner Aussage wahr machen würde, könnte es durchaus sein, dass auch Stuttgart betroffen wäre.

Der Burgholzhof: Stuttgarts größte Konversionsfläche

Neben Eucom und Africom gibt es in Stuttgart die Robinson Baracks, mittlerweile ein Wohngebiet für Angehörige des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Die Hälfte des Areals am Burgholzhof, 13,5 Hektar, haben die Amerikaner bereits 1993 aufgegeben. In den zwölf Jahren danach entstand dort ein neues Wohngebiet für rund 2.500 Menschen: bis heute die größte Konversionsfläche in Stuttgart. Auch im Römerkastell, der Kaserne am Hallschlag, waren die Amerikaner bis 1990 ansässig. Allerdings entschied sich die Stadt an dieser Stelle gegen Wohnungsbau.

Landesweit sind insbesondere nach dem Fall der Berliner Mauer zahlreiche amerikanische, französische und deutsche Militärstandorte aufgelöst und einige der größten und interessantesten Bauprojekte verwirklicht worden. Das Französische Viertel in Tübingen auf dem Areal der früheren Loretto-Kaserne und das Vauban-Viertel in Freiburg gelten als wegweisende ökologische Wohnviertel: gemischte Quartiere für Wohnen und Arbeiten, nicht nur für Gutverdiener. Mehr als 2.000 Bewohner leben in dem Tübinger Quartier, mehr als 5.000 sind es in Freiburg, und das ganz ohne Autoverkehr.

In Ludwigsburg entstanden 2.780 Wohnungen für 7.000 Einwohner in Pattonville, weitere 800 Wohnungen für 1.800 Bewohner in der früheren Flakkaserne auf der Hartenecker Höhe. Das Wohngebiet Rotbäumlesfeld auf dem elf Hektar großen Gelände der Kaserne Krabbenloch mit 610 Wohnungen erhielt 2004 den Deutschen Bauherrenpreis – für hohe Qualität zu tragbaren Kosten. Die Jägerhofkaserne hat die städtische Gesellschaft Wohnbau Ludwigsburg erworben, um dort 170 Wohnungen zu errichten, davon gut die Hälfte Sozialwohnungen. In andere Kasernen ist die Kultur eingezogen: in die Reinhardtkaserne das Film- und Medienzentrum, während das Kunstzentrum Karlskaserne elf Kulturinstitutionen Platz bietet.

Weiter außerhalb gibt es riesige Areale wie den 65 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatz Münsingen, heute Kerngebiet des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. In der Eberhard-Finckh-Kaserne in Engstingen, Landkreis Reutlingen, wo einst Atomsprengköpfe lagerten, befindet sich heute der Gewerbepark Haid, in ehemaligen Kasernen in Ellwangen und Meßstetten wurden Landeserstaufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete eingerichtet.

Nur eine Utopie?

Neben dem ersten Stuttgarter Flugplatz, halb auf Böblinger, halb auf Sindelfinger Gemarkung, wo derzeit auf 80 Hektar ein gemischtes Wohn- und Gewerbequartier mit 4.000 Wohnungen und 7.000 Arbeitsplätzen emporwächst, sind vor allem in Mannheim und Heidelberg in neuerer Zeit riesige Areale für neue Nutzungen frei geworden. Acht Kasernen sind es in Mannheim auf 500 Hektar, mehr als 15.000 Wohnungen sollen entstehen. In Heidelberg soll allein das Patrick-Henry-Village als "Wissensstadt der Zukunft" und "Leuchtturmprojekt der IBA" 10.000 bis 15.000 Menschen als Wohn- und Arbeitsraum dienen. Die Architektenkammer hat dazu einen eigenen Arbeitskreis eingerichtet.

Und Stuttgart? Die teuersten Mieten der Republik, jedes Jahr wächst die Notfallkartei des Wohnungsamts, die inzwischen die 5.000er-Marke überschritten haben dürfte, obwohl sich längst nicht alle melden, die dazu berechtigt wären, in einer Sozialwohnung zu wohnen. Die verfügbaren Flächen sind begrenzt. Dazu kommt, dass sich die Stadt jahrzehntelang eher von Immobilien getrennt hat, statt eine kluge Bodenvorratspolitik zu betreiben. Selbst die städtische Wohnungsgesellschaft SWSG spielt eher mit im Wohnungspoker, reißt ab und baut neu, zu viel höheren Preisen, ähnlich manche Genossenschaften.

Die Militärareale der US-Streitkräfte belegen laut Gaßmann 184 Hektar: mehr als das Doppelte des Rosensteinviertels, wo auf angeblich 85 Hektar, Gaßmann zufolge, 7.500 Wohnungen entstehen sollen. Auch im vergangenen Jahr habe die Stadt nur 41 Prozent des notwendigen Neubaubedarfs geschaffen, moniert der Mietervereinsvorsitzende. "Schon ein Teilabzug aus den Robinson-Baracks könnte, nach Kenntnis des Mietervereins, eine Fläche von 65 Hektar für Stuttgarts Bürger nutzbar machen."

Vielleicht eine Utopie. Doch wenn es dazu käme, hätte Stuttgart eine seltene Gelegenheit, mit seinem Wohnungsproblem einen großen Schritt weiter zu kommen. Allerdings nur, wenn sich die Stadt endlich entschließt, dies als ihre eigene Aufgabe zu betrachten.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


6 Kommentare verfügbar

  • Ruby Tuesday
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Etwas Positives am Sonntag. Ein Klick auf den Link macht deutlich, was allen verloren geht, wenn wir dem US-Militär nicht endlich Good Bye sagen. Die Waldbrände in Russland haben inzwischen den Umfang der Größe von 2xBayern. Der Nahe Osten liegt unter Trümmern. Und Afghanistan?
    Wer denkt denn…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!