Freitags nun auch in Esslingen: Schülerdemo für Klimaschutz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Freitags nun auch in Esslingen: Schülerdemo für Klimaschutz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 419
Gesellschaft

Lernen auf der Straße

Von Gesa von Leesen
Datum: 10.04.2019
In fast 70 deutschen Städten sind in der vergangenen Woche am Freitag wieder SchülerInnen für Klimaschutz auf die Straße gegangen. Zum ersten Mal in Esslingen. Inzwischen spitzt sich die Debatte um Bußgelder für die Protestierenden zu.

Mehr als 100 SchülerInnen kamen zur ersten Fridays for Future-Demo in Esslingen. Und sie hatten sich gut vorbereitet. "Klimaschutz statt Kohleschmutz", "There is no planet B!" stand auf den Schildern, der 12- bis 18-jährigen Jugendlichen. Es sei doch "echt wichtig, was zu tun", fanden Moritz, David und Carl, alle aus der siebten Klasse des Georgii-Gymnasiums. Auf ihrem Schild stand "We don´t want your hope, we want your panic" – ein Zitat der Schwedin Greta Thunberg, die bekanntlich die Fridays-for-Future-Demos losgetreten hat. "Wenn man sich anschaut, was passiert, wenn die Temperatur um drei oder vier Grad steigt ...", fängt David an und Moritz ergänzt: "Wenn die Pole schmelzen, dann können die Reichen auch nicht mehr jedes Jahr Urlaub in der Karibik machen. Die gibt es dann nämlich nicht mehr." Dass am Freitagvormittag demonstriert wird, ist für die drei nur konsequent. "Samstag kann ja jeder", sagt Moritz. "Aber dann würden die Leute nicht so auf uns achten."

Im Internet wird derweil ordentlich über die demonstrierenden Schüler hergezogen. Auf der Facebook-Seite der Eßlinger Zeitung, die die Demo mit einem Live-Blog begleitete, waren Zitate wie diese zu lesen: "Ich hoffe, das hat Konsequenzen. Man sollte alle Klassenarbeiten Freitags schreiben und wer nicht da ist: 6", schreibt einer. Der nächste: "Und diese Woche jammern es fliegen immer mehr beim Abi durch." Und: "Schön weiterhin .... Kaffee to Go kaufen – Mc Donalds Müll unterstützen oder mal eben nen Döner ? Ich glaube die weißen wissen gar nicht warum sie überhaupt auf die Straße gehen Hauptsache sie müssen nicht die Schulbank drücken." (sic) Und: "Wehe ich höre nochmals Klagen zum Thema Stundenausfall."

Stundenausfall wegen Demo? Nö – wegen Lehrerausflug

Gutes Stichwort: Stundenausfall. Wie sieht´s damit eigentlich aus? In Esslingen dürfte der sich am vergangenen Freitag in Grenzen gehalten haben. Denn: Die fünfte und sechste Stunde fielen am Georgii-Gymnasium, von dem die meisten Demo-TeilnehmerInnen kamen, sowieso aus, wegen des jährlichen Lehrerausflugs, der in diesem Jahr auf die Schwäbische Alb führte. Geplanter Unterrichtsausfall also. Der wird wahrscheinlich statistisch gar nicht erfasst werden.

Matthias Dinkela, 16, spricht am Marktplatz in Esslingen.

Ansonsten scheinen sich die Schülerinnen und Schüler von heute mit einem gewissen Stundenausfall arrangiert zu haben. "Der morgendliche Weg zum Vertretungsplan ist tägliche Routine", erzählt Matthias Dinkela, 16. Sein Schülersprecher Moritz Friedrich verdeutlicht: Ich schätze, es fällt jede Woche was aus." Ayla Klink aus der Elften, ebenfalls Schülersprecherin am Georgii, hat eine pragmatische Sicht auf den Stundenausfall. "Wenn Stunden ausfallen, ist das nicht so schlimm, da haben wir mehr Zeit zu lernen." Sie lacht. Übrigens sei erst kürzlich der Unterricht eines ganzen Tages ausgefallen, weil die Lehrer "pädagogischen Tag", also Fortbildung hatten.

Dass in Baden-Württemberg viel Unterricht ausfällt, ist hinreichend bekannt. Zuletzt veröffentlichte das Kultusministerium im Januar eine Statistik, in der der Ausfall einer Woche im November erfasst war. Demnach konnte an den staatlichen Schulen im Südwesten jede 11. Stunde nicht wie geplant gegeben werden, weil der Lehrer fehlte. Auf Platz Eins beim Unterrichtsausfall stehen dabei die Berufsschulen, gefolgt von den Gymnasien.

Ayla Klink, elfte Klasse, Schülersprecherin, gibt praktische Tipps zum Umweltschutz.

Statistisch nicht erfasst werde allerdings "wenn Klassen mitbeaufsichtigt werden, also man die Tür zur Nachbarklasse aufmacht, den Schülern eine Aufgabe zum Selbstlernen gibt und darauf achtet, dass es ruhig bleibt", erklärt David Warneck, Vorsitzender des GEW-Kreisverbands Esslingen. Tatsächlich dürfte der Ausfall von Unterricht mit dem richtigen Fachlehrer also höher sein.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ist das Dilemma durchaus klar. Ihr Haus hatte im Februar errechnet, dass bis 2030 zusätzlich 10 600 Lehrerstellen benötigt werden. Wann und ob diese Stellen überhaupt geschaffen werden, ist allerdings unklar. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erklärte in Richtung Eisenmann: "Diese Berechnung bedeutet jedenfalls nicht, dass wir jetzt auch 10 600 neue Stellen schaffen."

Neben Grandparents und Scientists nun auch Educators for Future 

Die Schülerinnen und Schüler, die ihre Sorge um das Klima freitags auf die Straße treibt, sehen sich also folgerichtig nicht für Unterrichtsausfall verantwortlich. Zumal sie eine Menge lernen. Auf der Straße. Das zeigten auch die Rednerinnen und Redner beim Demo-Auftakt in Esslingen. Der Schüler Matthias Dinkela ging das Thema Klimaschutz philosophisch an: Immer wieder hätte die Menschheit die Möglichkeit gehabt zu wählen, zum Beispiel zwischen Krieg und Frieden. Leider hätte sie sich oft falsch entschieden. Heute aber hätte die Menschheit nicht die Wahl. Denn wenn jetzt nicht endlich entschieden gegen den Klimawandel angekämpft werde, werde "ein schrecklicher Preis gezahlt werden", unter dem "unsere Kinder und Enkelkinder leiden werden. Wir haben keine zweite Chance. Wir haben die Pflicht das Klima zu schützen", rief Matthias und erntete großen Applaus.

Schülersprecherin Ayla Klink ging es in ihrer Rede darum, was jede und jeder fürs Klima tun kann. "Ich gebe euch ein paar Tipps", sagte sie und zählte Konkretes auf: Bambuszahnbürsten verwenden, bei Klamotten darüber nachdenken, ob man sie braucht und wie sie hergestellt werden, weniger Fleisch essen, Früchte von hier, keine Mama-Taxis, mehr Bus und Bahn und Fahrrad fahren. Ähnliche Anliegen hatten Eftalia Calik und Zoal Amiri, beide 7. Klasse vom Georgii. Sie rechneten vor, wieviel Plastik die Weltmeere vermüllt und appellierten an ihre Mitschüler, Plastik zu meiden.

Politik gefordert

Am Montag (8. April) haben Sprecher von Fridays for Future (FfF) erstmals konkrete Forderungen an die Politik vorgelegt. Um die Ziele des Pariser Abkommens noch einzuhalten und die Erwärmung des Klimas auf 1,5 Grad zu begrenzen, lauten die Forderung für Deutschland unter anderem: Bis Ende dieses Jahres ein Viertel der Kohlekraft abschalten, keine Subventionen mehr für fossile Energieträger und die Einführung einer CO2-Steuer. Bis 2030 soll der Kohleausstieg komplett sein, bis 2035 die gesamte Energieversorgung zu 100 Prozent erneuerbar sein. „Fangt endlich an, auf die Wissenschaft zu hören“, sagt Sana Strahinjić von FfF in Richtung Politik.

Alle Forderungen sowie eine Aufzeichnung der Pressekonferenz im Berliner Naturkundemuseum hier.

(gel)

Nicht nur das Engagement der jungen Leute, auch deren Wissen um den Klimawandel beeindrucken immer mehr Erwachsene. Mittlerweile haben sich "Parents für Future" ("Eltern für die Zukunft") sowie "Grandparents für Future" ("Großeltern für die Zukunft") gegründet. Mit "Scientists for Future" (Wissenschaftler) unterstützen mehr als 12.000 Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum die Schülerinnen und Schüler. "Jetzt haben sich auch "educators for future" gegründet", berichtet der GEW-Mann Warneck. "Also Pädagogen, Erzieher, Sozialarbeiter." Seine Gewerkschaft stünde selbstverständlich auch hinter den streikenden Schülerinnen und Schülern. "Wir freuen uns, dass die Jugendlichen sich politisch engagieren. Da steht das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung höher als die Schulpflicht."

Auch in Baden-Württemberg wird mit Bußgeldern gedroht

Die Jugendlichen von "Fridays for Future" bestärkt das, zumal sie selbst immer mehr werden. Mehr als 370 Ortsgruppen verzeichnet aktuell die Webseite von "Fridays for Future". Dass am vergangenen Freitag in nahezu 70 deutschen Städten SchülerInnen auf die Straße gingen, fanden Rebecca, Melinda und Sophie, zwölf und 13 Jahre alt, "total cool". Die Freitagsdemo in Esslingen ist ihre erste Demonstration. "Anfangs war es komisch. Da haben wir uns nicht so getraut, die Slogans zu rufen. Aber dann schon", erzählen sie. Die drei strahlen, denn sie sind Teil einer großen Bewegung.

Ob diese Bewegung es schafft, die deutsche Klimapolitik zu ändern, ist noch unklar. Ihr schlägt viel Widerstand entgegen. Nicht nur von Protagonisten, von denen man es erwartet, wie dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner. Der bezeichnet Schulschwänzen als "Regelbruch", der von einigen Politikern "heiliggesprochen" werde, und ist gegen feste CO2-Einsparziele.

Gegenwind kommt auch von unerwarteter Seite. So hat Winfried Kretschmann, Grüne, zwar noch beim politischen Aschermittwoch in Biberach erklärt, es mache Mut, zu sehen, was die jungen Leute tun. Doch mittlerweile hat der Ex-Lehrer seine Meinung geändert. Nach einem Treffen mit Schülern der Fridays-for-Future-Bewegung befand er, während der Schulzeit zu streiken, könne "nicht ewig so weitergehen". Zwar sei die Sorge der Schüler um das Klima berechtigt, aber wenn Regeln verletzt würden, müsse man mit Sanktionen rechnen.

Jugendliche Demonstranten mit selbst gebastelten Plakaten.

Die gibt es in Baden-Württemberg (noch) nicht. In Bayern dagegen, genauer an einem Münchner Gymnasium wurde nun angekündigt, dass "künftig unentschuldigtes Fehlen mit Ordnungsmaßnahmen und möglicherweise auch über das Referat für Bildung und Sport mit Bußgeld geahndet werden wird". Die GLS-Bank hat daraufhin eine Spendensammlung gestartet, bei der vor einigen Tagen bereits 13 000 Euro eingegangen sind. In Bayern kann ein Bußgeld maximal 1000 Euro kosten.

Im Südwesten sollen laut Kultusministerin Eisenmann (CDU) keine Bußgelder verhängt werden. Allerdings sollten ihrer Ansicht nach die Schüler in ihrer Freizeit demonstrieren. Die Schülerinnen und Schüler, denen das Weltklima derzeit wichtiger ist, als der Unterricht am Freitag, dürfte das nicht weiter beeindrucken. Markus Gauch, 17, vom Orga-Team des Esslinger Protests erklärte auf die Frage nach dem freitäglichen Unterrichtsausfall trocken: "Unterricht kann man nachholen." An seiner Schule hätten viele Lehrer indirekt Unterstützung signalisiert. "Eventuell werden halt Fehlstunden eingetragen", sagt er und zuckt mit den Schultern.


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