Ausgeträumt: Marx, Engels und Co. auf einer Erster-Mai-Demo-Flagge in Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 351
Gesellschaft

Asozial im feinen Zwirn

Von Gastautor Paul Schobel
Datum: 20.12.2017
Hungerküchen, Vesperkirchen und Wärmestuben könnten problemlos geschlossen werden – wenn Reiche ihre Steuern zahlen würden. Unser Autor fragt, wie viele Skandale denn noch aufgedeckt werden sollen, bis die Politik endlich für Gerechtigkeit sorgt.

Vom Paradies auf Erden träumten einst Karl Marx und Genossen. Das gab ein böses Erwachen. Heute sind ganz andere Paradiesvögel unterwegs. Sie verstecken ihre goldenen Eier in Steuer-Oasen rund um den Globus. Lange Jahre saßen sie ziemlich sicher im Nest. Bis investigative Journalisten Witterung aufnahmen und in aller Stille, zum Teil unter Lebensgefahr, Daten und Fakten in den Panama-Papers gebündelt hatten. Oh, welch klingende Namen! Nun ist ein neues Konglomerat aufgeflogen. Auch die Paradise-Papers verraten dieselbe Handschrift: Briefkasten-Firmen, abenteuerliche Finanz-Konstrukte, von ganzen Anwalts- und Beraterindustrien kunstvoll zurecht gezimmert, um Abgaben und Steuern zu vermeiden. Steuervermeidung, Steuergestaltung - was für hübsche und arglose Wortschöpfungen. Ob grade noch legal oder schon illegal: Man erkennt die Absicht und ist verstimmt. Gesellschaft und Gemeinwohl wird vorenthalten, was ihnen gebührt. Ob am Ende der Staatsanwalt ermittelt, ist eigentlich schnuppe.

Steuerhinterziehung ist Teil der kapitalistischen Logik. Steuern kosten Geld und schmälern den Profit. Das geht gar nicht! Gleichzeitig aber kann man mit Steuerbetrug dem Staat, dem lästigen Störenfried, eins auswischen. Der kommt einem mit seinen Regulativen ständig in die Quere. Also heißt es, ihn auszuhungern. Wenn eine Regierung die Wirtschaft in die Pflicht nehmen will, um Wohlstand für alle zu organisieren, ist das anmaßend! Den Staat betrügerisch hinters Licht zu führen, ist die eine Masche, allerdings etwas plump und riskant. Die andere ist raffinierter, nämlich die Sachwalter in den Ministerien mit Lobbyisten zu umgarnen, sie freundlich zu stimmen und ihnen Einblick zu gewähren ins gelobte Land eigener Vorteile, wenn sie wenigstens ihre Ermessensspielräume ausschöpfen und ein wenig entgegenkommen. Das hatte anno dunnemal schon der Prophet Jesaja durchschaut: "Deine Fürsten sind Kumpane der Diebe geworden."

Besonders perfide sind die Akteure, die ohne rot zu werden und Steuern zu zahlen, die Vorteile eines intakten Staatswesens in vollen Zügen genießen. Kitas und Schulen für die lieben Kleinen, Universitäten, eine solide Infrastruktur, ausgebaute Verkehrswege, Rechtssicherheit, Bildung und Kultur. Alles aber fremdfinanziert.

Steueroasen müssen trockengelegt werden

Die Asozialen von heute kommen im feinen Zwirn daher. Wahrhaftig arm sind in der Bibel all jene, die ihr Vermögen für sich behalten. "Die Reichen sollen ihren Reichtum gerne mit anderen teilen. So schaffen sie sich ein sicheres Fundament, um das wirkliche Leben zu gewinnen", schreibt Paulus.

Gewiss: Manche der Vermögenden tun dies sogar und gehen stiften. So lindern sie Not, fördern kulturelle, soziale oder ökologische Projekte. Dabei bestimmen die Stifter freilich selbst die Richtung, statt diese der demokratischen Willensbildung zu überlassen. Aber wenigstens schlägt in denen noch so was Ähnliches wie ein soziales Gewissen. Um die andere Gruppe ist es in den vergangenen Jahren etwas still geworden: Jener Club vermögender Millionäre, die immer wieder fordern, sie doch endlich stärker zu besteuern.

Nun ist die Politik am Zug. Sie kann nicht weiterhin mit zweierlei Maß messen. Immer wieder begegnen mir Arbeitslose, die einen geringen Mehrverdienst nicht angegeben hatten. Sie werden wie Kriminelle vorgeführt, zu Schadenersatz verdonnert und darüber hinaus auch noch sanktioniert. Natürlich ist auch die Erschleichung von Sozialleistungen Missbrauch. Aber der steht in keinem Verhältnis zur Steuerhinterziehung. Offensichtlich wird die Steuerfahndung an der kurzen Leine geführt. Sie sei auch permanent unterbesetzt, hört man, und bekäme kein zusätzliches Personal. Aus Kostengründen? Lächerlich, denn Steuerfahnder amortisieren sich in kürzester Zeit!

Wie viele Papers sind denn noch notwendig, damit endlich gehandelt wird? Gut, dass mutige Journalistinnen und Journalisten Dampf auf den Kessel bringen, indem sie unter erheblichem Risiko Steuersünder entlarven, überführen und brüskieren. Das setzt auch die Strafverfolgung unter Druck. Die Steueroasen, auch die in Europa, sind endlich trocken zu legen und die Maschen enger zu knüpfen, damit die dicksten Fische nicht ständig entwischen. Wer mit Steuerehrlichkeit überfordert ist, muss Steuergerechtigkeit erfahren.

Gerechtigkeit ist für viele zur Lachnummer verkommen

Gerechtigkeit ist in den Ohren vieler Menschen lange eine Lachnummer, ein Reizwort. Da hat eine Arbeiterin ihr Leben lang in einem Textilbetrieb in Schicht und Akkord gejobbt, bis die Bude hops ging. Zwischendurch waren zwei Kinder großzuziehen, auch kein reines Unterhaltungsprogramm. Ebenso wenig wie die Scheidung. Vom Job-Center bekam die Frau dann soviel Druck, dass sie für die letzten drei Jahre noch einen Mini-Job als Reinemachefrau annehmen musste. Jetzt kam der Rentenbescheid: Keine 1000 Euro pro Monat sind das Ergebnis der lebenslangen Schinderei.

Statt die Ernte ihres Lebens einzufahren, Zeit zu haben für die Enkelkinder oder für ihren Freundeskreis, stehen immer mehr alte Menschen täglich im Tafelladen an, gucken nach Schnäppchen und Gelegenheits-Jobs. Manche rücken sogar aus, um Flaschen zu sammeln und damit ihr kümmerliches Salär aufzubessern. Doch da verteidigen bereits Platzhirsche ihre Reviere. Das Alter ist für jene, denen es geschenkt ist, die vorletzte Herausforderung. Wenn die letzten Jahre noch ein wenig Glanz entfalten sollen, dürfen sie doch nicht überschattet sein von materiellen Sorgen.

Die Rente muss auf einer verlässlichen Plattform neu aufgestellt werden. Alle müssen rein, ohne Ausnahme. Und ran müssen alle Einkommen, nicht nur die aus Arbeit, sondern gerade die aus großen Vermögen. Dass nur die umlagenfinanzierte Altersversorgung sicher ist, hat die Finanzkrise dramatisch erwiesen. Wer heute noch auf private Vorsorge setzt, darf sich nicht wundern, wenn seine Rente beim nächsten Crash an den Kapitalmärkten verbrennt. Das gibt ein lustiges Feuerchen.

Immer mehr Menschen von Armut bedroht

Inzwischen bekennt der letzte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kleinlaut, dass fast 16 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet sind, die Quote steigt seit Jahrzehnten. Und das in einem reichen Land! Wird der Winter hart, stehen die Ärmsten täglich vor der Entscheidung, ob sie heute lieber hungern oder frieren. Sich satt zu essen und es gleichzeitig gemütlich zu haben, geht nicht. Im letzten Winter begegnete mir eine alte Frau, die – per Sozialticket – die kalten Tage in der S-Bahn verbrachte. Zuhause hatte man ihr bereits den Strom abgedreht.

Stellt man die aktuellen Social-Papers den schamlosen Panama- und Paradise-Konvoluten gegenüber, entsteht das erbärmliche Bild einer gespaltenen Gesellschaft. Steuer- und Abgabengerechtigkeit vorausgesetzt, wäre es ein Leichtes, einen soliden Sozialstaat zu finanzieren. Dann könnten wir die Tafelläden, Hungerküchen, Vesperkirchen und Wärmestuben morgen schließen und zu Begegnungsorten machen, in denen es um Leben geht – in seiner ganzen Vielheit und Schönheit, und nicht mehr um das Überleben.

Nun steht Weihnachten im Kalender, die große Geburtstags-Sause. Als solche wird dieses Fest in der Gesellschaft allenfalls noch wahrgenommen. Was gibt es da eigentlich zu feiern? Eine Karriere nach unten, nämlich den heruntergekommenen Gott – in des Wortes Zweideutigkeit. Jesus von Nazareth, geboren als eines Zimmermanns Sohn in einem Stall in Bethlehem, politischer Flüchtling und dann später umgeben von Armen, Aussätzigen, zwielichtigen Gestalten und vielen, die es damals schwer hatten. Jesus von Nazareth – sein Name ist Programm für eine gerechte, geschwisterliche Gesellschaft. Schön, dass das Fest seiner Geburt noch viele Herzen anrührt und man die Not in dieser Welt an sich heranlässt. Die Werke der Barmherzigkeit können sich sehen lassen. Aber Liebe will mehr: Sie schreit nach Gerechtigkeit.


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13 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 23.12.2017
    Sehr geehrter Herr Schobel , meine Meinung :
    Zunächst Dank für ihren Artikel . Ich erlaube mir einige Hinweise , die ihre Hoffnung auf diese "Politik" und unsere dahinterstehende "Wirtschaftselite" pulverisiert :
    Schon vor den Panama-und Paradise - Papers gab es viele solcher Skandale . Z.B. zur Erinnerung ca. 2 Jahre vor "Panama" der deutsche/schweizer Anlageberater aus Südafrika der über die ungeheuren Ausmaße der Steuerhinterziehung der Superreichen auspackte . Damals ca. 10 Tage in den Medien . Gedöns , "jetzt passiert was" bei den "Bürgerlichen".
    Es passiert jedesmal genau nichts . Die einzige logische Antwort ist , daß die "Politik" in Händen dieser Eliten ist (spricht Seehofer sogar bei Pelzig klar aus ) , oder die Politiker hochkorrumpierte Zuarbeiter sind (m.E. CDU/Adenauer/Kohl-Spendenaffären u.a. Parteien), die für die entsprechenden Gesetze sorgen (man denke an den Hype mit den"gestohlenen Steuer-CDs" und Legalisierungs-/Amnestie-Bemühungen dieser Kriminalität (CH/Schäuble/Kretschmann) bis zur Abwehr , -erst im Bundesrat !
    (Siehe auch Dolata/Pelzig bei youtube oder der italienische Staatsanwalt Roberto Scarpinato in Lettre International No.113 "Degeneration der Macht" uva.).
    Schon bei der Flick-Affäre , u.a.mit einem bayrischen Bäderkönig , stellte sich doch heraus . daß sich der (nur?) Finanzminister Bayerns auf eine steuerliche Vorzugsbehandlung mit dem "König" einließ . Umsonst wird es nicht gewesen sein . Es besteht ein "föderaler"
    Steuersenkungs- und Bevorzugungswettstreit zwischen den Bundesländern.
    Im übrigen wird die Leistungsfähigkeit der FAs kurz gehalten , bzw. direkt sabotiert (Youtube "Ein Beamter packt aus"/Hessen-Banken-Frankfurt/M. , Psychiatrischer Gutachter wegen vorsätzlichem Falschgutachten verurteilt - , hervorragende rehabilitierte Steuerfahnder werden auch in anderen Bundesländern nicht mehr eingestellt/Kontext(?) , im exakt gleichen Skandal durch den "Dienstherr" , indirekt durch Politik/Justiz/Sachverständige (Fall Mollath) oder durch Einführung umständlicher und unausgereifter Software , wiederholter Einführung neuer Programme kurz vor Jahresfrist(en), in die sich die Mitarbeiter erst intensiv einlernen müssen und so in ihrer eigentlichen Arbeit erst einmal behindert werden. Dazu permanente Änderungen im Steuerrecht . Dazu Arbeitsüberlastung und Personalmangel.
    (Bei der Polizei das gleiche Spiel ). Die Verantwortung tragen die Verantwortlichen . Et cui bono ?
    Das Phänomen der Tafeln , der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer , die Belobigung der Ehrenamtlichen (Vereinen, Hospizen ,egal wo) durch Politiker ist eine bodenlose Frechheit und Verhöhnung diesen Engagements . Schließlich sind dies alles Aufgaben des Staates , wie auch Politik für eine solide Altersrente . Und die "Wirtschaft" und die "Medien" und die "Wirtschaftsweisen/-wissenschaftler (Bofinger ausgenommen ; dieser wurde ja argumentationslos von seinen "Kollegen"diffamiert/Süddeutsche) schreien schon wieder nach unserer neofeudalen("liberalen") Blaupause USA/diesmal als Trump-Versteher.
    Sehen nicht schon unsere Städte so aus , "entwickeln" sich nicht auch unsere Verkehrssysteme(DB) und Sozialsysteme , unsere Wohnungs- und Sozialwohnungbau-Politik in die gleiche Richtung ? Die Arbeitsmarktpolitik ? Die Steuerpolitik ? Auf einmal spielt eine EU-Steuerpolitik keine Rolle . den Kommentatoren kann ein nationaler Alleingang in Folgschaft von Trump`s Steuerreform nicht schnell genug gehen .
    Gerade hat man sich aufgeregt über Amazon , Apple, Facebook , Google und Co.,
    die kaum Steuern in der EU zahlen , hat man noch nicht mal angefangen diese auch in Irland/NL/Luxenburg und auch in Deutschland , geschweige der EU , anzugehen ....
    wird wieder das Credo von neuen Steuersenkungen in die Gehirne gehämmert .
    P.S.: Warum wurde bei den Panama-Papers Putin als erster erwähnt , obwohl es doch nur Personen aus seinem Umkreis betraf , den britischen Premier Cameron (EU !) u.a. direkt Betroffene zunächst gar nicht ? US-Bürger ? Firmen ? Banken?
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 23.12.2017
    Asozial – zuerst _unsozial_, aus dem sich asoziales Denken und Verhalten entwickelt; so es zugelassen wird sich entwickeln zu können!!

    Ja Paul Schobel, die römisch katholische Kirche ist einer der wesentlichen Betreiber der [b][i]Einführung[/b][/i] von [b]Ungleichheit[/b] und ihrer [b]Aufrechterhaltung[/b]!
    Gegründet, die röm.-kath. Kirche, in Rom vom Kaiser und Senatoren die Sklaverei aufrecht zu erhalten; ja sogar weiter ausdehnend auf Völker, die bisher nicht _unterjocht_ waren.
    Übrig geblieben vom "Römischen Reich" ist die röm.-kath. Kirche – als Taktgeber dafür, wer sich bilden darf und wer davon ausgeschlossen bleiben soll. Was durfte in der Vergangen der Öffentlichkeit an Informationen zur Verfügung stehen? Nichts von dem, was sichtbar werden muss, um eigenverantwortliche Entscheidungen, für ein eigenverantwortliches Leben, leben zu können – bevormundet eben von [b]selbsternannten[/b] _E l i t e n_.

    Der Schreiber dieser Zeilen "SdZ" wurde röm.-kath. getauft – ungefragt!!
    Der "SdZ" ging Woche für Woche in die Kindermesse, jede Woche morgens um 7.30 Uhr -bei jedem Wetter- beginnend im Jahr 1957.
    Der "SdZ" hat dabei viel erkennen und lernen können. :-)

    Nicht, dass hier ein Missverständnis entsteht: Von dem, wie MANN es nicht machen darf, kann ungemein viel gelernt werden – oftmals viel mehr als von …
    http://www.parkschuetzer.de/statements/196657 #Streit-Kultur - Magazin für Kommunikation
    Kommentar 19.06.2017 um 00:09 • 25.05.2015 http://www.parkschuetzer.de/statements/182763
    Betriebsseelsorger Paul Schobel „... Ein umstrittenes Großprojekt stürzte die Bevölkerung unserer Landeshauptstadt in ein tiefes Zerwürfnis. Man verstand jahrelang nur noch Bahnhof. Gegner und Befürworter verstehen sich bis heute noch nicht. Obwohl sie dieselbe Sprache sprechen. Von einem Großprojekt ist auch in der Bibel die Rede. ...“
    In der PDF-Datei O-Ton Paul Schobel "2015.05.25_Mo._Pfingsten_Von_Zungen_und_Sprachen_SWR_1.pdf"
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 27.12.2017
      „Gerechtigkeit ist für viele ...“
      Zuerst war das WORT! – Und was kommt dann?

      Gerade jetzt an den Feiertagen und zwischen den Feiertagen werden viele Worte hinausposaunt, die dann im NEUEN Jahr verklungen sein werden
      Je weiter von der "Jetztzeit" sich entfernt wird, um so bedeutungsloser das sich selbst versprochene WORT, das hehre Ziele ankündigte! Sie haben sich halt versprochen – was soll's!!

      Bundespräsident, Bischöfe und … Verantwortung übernehmen – Mail ins SWR1 Studio am 26.12. http://up.picr.de/31348822xb.pdf

      01.04.2017 http://www.parkschuetzer.de/statements/195733 SWR2 Hörspiel
      Unterwerfung (1/2): Rocamadour | Nach dem Roman "Soumission" von Michel Houellebecq
      Unterwerfung (2/2): Das römische Reich
  • Karin Elsterfindt
    am 22.12.2017
    Sehr geehrter Herr Schobel,
    und was macht die Kirche, Ihr einstiger Arbeitgeber, mit ihrem unfassbar großen Geld-Vermögen?
    ein Tipp zur Lektüre:
    http://blog.schlechtmensch.de/2016/10/06/kirchen-sorget-nicht-um-euer-leben/
  • Christian M.
    am 21.12.2017
    ... es ist ja oft gar nicht mehr so, dass es den Besitzenden so einfach gemacht wird, ihr Geld noch "ordentlich" hier zu versteuern. Inzwischen können ja schon Banken in Haftung genommen werden, wenn sie bei ihren Kunden nicht bis an die letzte legale steueroptimierte Grenze der Geldanlage gehen. Und auch die Beratung der Kunden geht in diese Richtung. In etwa so, dass den Kunden bei einer regulären Versteuerung in Deutschland ein "finanzieller Schaden" entstehen könnte. So bekommen diese vermeintlichen Steueroasen schon aus dem Druck heraus, ja keine Nachteile haben zu wollen oder keine Haftungsfälle zu produzieren diesen unglaublichen Zulauf. Auch die Optimierungsalgorithmen der Computer für Anlagestrategien kennen nur die "optimalste Anlage". Moralische Kategorien sind ihnen fremd. Für mich ist klar: Steueroasen sind politisch staatsübergeifend von den Geldeliten gewollt, sonst wären sie schon längst abgeschafft. Der untere Teil der Gesellschaft zahlt kaum Steuern, der obere verabschiedet sich zunehmend davon und bin gespannt wie lange die Mittelklasse, die bei uns noch ein wenig langsamer erodiert als in den südlichen Ländern, diese Steuerlast noch tragen kann.
    • Schwa be
      am 21.12.2017
      Ich denke das die Hauptlast der Steuern heute durch die Einkommenssteuer aufgebracht wird, also auf den Schultern der lohnabhängig Beschäftigten liegt. Die Einkommensteuer wird von jedem Beschäftigten sozusagen zwangseingezogen - da hilft kein Einspruch oder Steuerverhinderungsberater.
      Danach kommen m.E. die Autofahrer (Mineralölsteuer+KFZ-Steuer) und die Einkaufswütigen Endverbraucher (Mehrwertsteuer). Die Steuerlast des Staates wird also - ganz im Sinne des steuerflüchtigen Establishments - hauptsächlich vom Ottonormalverbraucher gestemmt - läuft!
  • Schwa be
    am 21.12.2017
    "Steueroasen müssen trockengelegt werden" sagt Paul Schobel (was ich genau so sehe)!
    7,9 Billionen Euro wurden von den Reichen dieser Welt in Steuerparadiese geschafft. Ausgeschrieben: 7.900.000.000.000!
    Es braucht keine Paradise Papers, um zu wissen das die Konzerne und die Kapitalbesitzer gierig sind (und die wahren Sozialschmarotzer). Aber der Leak hat gezeigt - nach den Panama Papers im letzten Jahr - welche Dimensionen Steuerflucht annimmt und das alles größtenteils mit rechten Dingen zugeht - was aus meiner Sicht u.a. der Lobbyarbeit zuzuschreiben ist.
    Dieser ganz legale Betrug offenbart den kapitalistischen Normalzustand. Kapitalbesitzer machen aus der Arbeit von Millionen lohnabhängig Beschäftigten Geld, aus diesem Geld machen sie mehr Geld - und machen damit dann nichts was für die Gesellschaft sinnvoll wäre. Sondern sie horten es, lassen es "arbeiten", spekulieren, tun alles, damit es nur in ihrem persönlichen Interesse und nicht im Interesse der (Welt)Bevölkerung eingesetzt wird (abgesehen von freiwilligen Spenden/Almosen bzw. Wohltätigkeitsveranstaltungen um sich ein soziales Mäntelchen umzuhängen).
    Und sie können das so machen, weil sie den entscheidenden Einfluss auf Staaten und deren Gesetzgebung haben (auch Lobbyismus genannt) und weil diese Staaten selbst(insbesondere Deutschland) kapitalistische Staaten (unter politisch bürgerlich kapitalistischer Herrschaft) sind, die im Interesse des Establishments handeln. Jede Empörung von Politikern der sogenannten (erweiterten) "Mitte" ist reine Heuchelei. Wolfgang Schäubles Heuchelei schießt dabei den Vogel ab. Er bezeichnet den Kampf gegen die Steuerhinterziehung als "Kampf gegen die Hydra". Er verschweigt aber nicht nur, dass er als in Verantwortung stehender bürgerlicher Politiker selbst Teil der Hydra ist und mit der Betonung auf die Aussichtslosigkeit der Bekämpfung verteidigt er gewissermaßen noch die Steuerhinterziehung - ein Schelm der böses dabei denkt.
  • Rolf Schmid
    am 20.12.2017
    Vorzüglich, Ihr Artikel, sehr geehrter Herr Schobel,
    den ich gerne "Anklageschrift gegen Steuerbetrug" nennen würde, wenn nicht auch "unser Staat", der offensichtlich inzwischen den Reichen&Mächtigen gehört, dabei durch Wegschauen und Unterlassen von Regeln die greifen, dabei seit Jahren aktiv mitspielen würde! Immerhin hatte das Wahlvolk vor kurzem wieder einmal die Möglichkeit, diesem einvernehmlichen Treiben zu seinen Lasten durch die Wahl der einzigen Partei mit einem konkreten Besteuerungs-Programm, nämlich Die LINKE, endlich einen Riegel vorzuschieben. Diese Chance wurde noch nicht einmal von den statistisch 30% Armen im Land genutzt, also - zu wiederholten Mal - vertan! Die "Uns geht`s doch gut" - Partei hat zwar Federn gelassen, wird aber trotzdem weiter "wursteln", d.h. statt endlich mit UM-Verteilung von Oben nach Unten zu beginnen, die Verdoppelung der Ausgaben für Aufrüstung betreiben! DAS ist bereits jetzt klar, egal ob es wieder zu einer GroKo oder zu Neuwahlen kommt! Aber dieses Land braucht dringend mehr als
    noch länger "weiter so" !
  • Der Anarchrist
    am 20.12.2017
    Toller Artikel von Paul. Danke vielmals.

    Ich weiss nicht, ob es noch aktuell ist, aber noch vor 30 Jahren konnte man nicht selten in Presse und Dikussionsrunden die Meinung lesen, dass unsere Sozial(hilfe)systeme sozialen Frieden fuer Reiche und Besserverdiener 'erkaufen', weil es Armutsaufstaende u.a. wegen Hungers passiv zu verhindern vermag.

    So, wie wir beim Sozialabbau voranhetzen, moechte man meinen, unsere Eliten und Anhang waehnen sich inzwischen in dem Glauben, sie koennen sich ausreichend schuetzen im Falle eines Arbeiter- und Armenaufstandes.

    Ist das so und haben sie uns womoeglich schon komplett im Sack und selbst gewaltsame radikale Gegenwehr waere nicht mehr im Stande etwas zu aendern?
    ---
    Ich bin wirklich kein Freund von Gewalttaetigkeiten, weiss aber auch, dass die 'linken' Werte, von denen wir heutzutage (noch) schoepfen koennen, blutig und unter enormen Verlusten insbesondere in den vergangenen 2 Jahrhunderten erkaempft worden waren.
    Und mit Gewalttaetigkeiten meine ich nicht Autos anzuenden und Steine werfen, was ich als konterrevolutionaer empfinde, da es das Meinungsbild unentschlossener Buerger fuer uns Linke sehr negativ zu praegen vermag. Ich meine mit Gewalttaetigkeiten jene, die es z.B. in der franz. Revolution von 1792 gab, bloss ohne Kopfabhacken etc.

    In Gedanken sehe ich 20 Millionen Menschen in Berlin, die einfach weiter laufen und sich nicht aufhalten lassen, komme was wolle, und letztendlich Kanzleramt und Ministerien besetzen, um anschliessend den Ausbeutern ihr Raubgut aus den Haenden zu reissen.
    (Bringt sehr viele enorme Gefahren mit sich, im Inneren und von innen wie auch von aussen.)

    Ob das was zum Guten hin aendern wuerde oder ist der langsame Weg der bessere?
    (Birgt die Gefahr in sich, dass das Ziel des Weges verloren gehen kann aufgrund des grossen und daher unuebersichtlichen Aktionszeitraumes.)

    Der sanfte Weg ist der von mir favorisierte, ich bin mir aber nicht mehr so sicher wie noch vor 20 Jahren, dass er keine Sackgasse darstellt. Ueber Antworten und Meinungen dazu (jedweder Coleur) wuerde ich mich sehr freuen.
    • Rock Hill
      am 21.12.2017
      20 Mio. , die ihr Erspartes am selben Tag abheben und ihr Bankkonto kündigen wäre z.B. effektiv. Man könnte sich im Anschluß zuhause vor den Fernseher hocken und über ein Pils belustigt den Krisenmanagementbemühungen eines restlos überforderten, aufgescheuchten Kapitalisten-Hühnerhaufens zusehen.

      Die 20 Mio. könnten auch einfach und gewaltlos den kleinen Schalter im Hirn umknipsen, der die uralte menschliche Ganglie namens 'Gewissen' reaktiviert.
      Sodann wäre es ganz leicht und konsequent, der Ausbeuter- und Elitenkaste den Rücken zu kehren, also ihre ganzen Spielregelchen nicht mehr schlucken, inklusive ihrer Spielgeldscheine und Plastikkarten-Scan-Scam-Spam-Modelle. Sprich, sie schlicht nicht mehr mitspielen zu lassen im echten Leben, und sie als die kurzsichtigen, egoistischen Dumpfbacken, die sie nunmal sind, auf der Ersatzbank sitzen zu lassen, bis es auch in ihren Ganglien mal zu klackern und zu blubbern beginnt oder eben nicht.
      So eine Aktion, ein friedvolles, lächelndes Tabula Rasa, grob koordiniert, und der Fisch wäre schon geputzt.
  • Schwa be
    am 20.12.2017
    Ein trauriger Artikel - aber aus meiner Sicht dennoch auf eine Art wohltuend. Traurig deshalb, weil er Wahrheiten ausspricht welche die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland betrifft - auch wenn viele dies nicht wahr haben wollen bzw. (noch) erfolgreich verdrängen! Wohltuend deshalb, weil der Artikel mir zeigt das es noch Menschen, Autoren (hauptberufliche Journalisten?) gibt die diese Wahrheiten deutlich aussprechen - doch es sind viel zu wenige!
    "Unser Autor fragt, wie viele Skandale denn noch aufgedeckt werden sollen, bis die Politik endlich für Gerechtigkeit sorgt." - eine sehr berechtigte Frage! In Verbindung mit der von ihm etwas weiter unten getätigten und richtigen Aussage "Steuerhinterziehung ist Teil der kapitalistischen Logik." erkennt man einfache/logische Wahrheiten - wenn man es sehen will. Nämlich, dass das schützen vom Großkapital/des Establishments (also auch der Steuerhinterziehung) die Haupttätigkeit bürgerlich Politik ausmacht - insofern es unter herrschender bürgerlicher Politik niemals zu der vom Autor weiter oben geforderter Gerechtigkeit kommen wird. Jedenfalls wird sich unter bürgerlicher Politik dahingehend nichts grundlegend ändern - maximal sogenannte "Reformen", also Placebos!
    • Der Anarchrist
      am 20.12.2017
      Erkenne zwar nichts buergerliches an der vorherrschenden Politik, denn die Staatsmacht liegt in den Haenden einiger weniger und nicht in den Haenden der Buerger im allgemeinen, bin aber ebenso traurig und entsetzt wie Du ueber die Lage.

      Meinst Du evtl. buergertuemlich, als Adjektiv zum Buergertum in der fortgeschrittenen Staendegesellschaft? Denn der Begriff buergerlich bezieht sich im allgemeinen Sprachgebrauch "auf Alle" Staatsangehoerigen, was man dann Buerger nennt. Du kannst natuerlich deine eigene Sprache bilden und pflegen, schaffst dadurch aber unnoetig Potential falsch verstanden zu werden.

      Erzaehl doch mal bitte, worauf Du hinaus willst mit deinem Mantra vom boesen 'buergerlichen'. Anarchie? Direktdemokratie? Faschismus unter einer 'guten' Elite?

      Welches Adjektiv soll dort stehen, wo Du IMMER UND IMMER WIEDER 'buergerlich' schreibst?

      Und wie soll der Wandel dahin vollzogen werden? Mit Gewalt oder ohne? Sofort und absolut oder in kleinen moderaten Schritten?

      Wie wehrst Du dich dagegen, was gerade passiert?
      ---
      Ich hoffe Du erkennst, dass ich wirklich versuche Dich zu verstehen.
  • Kornelia A.
    am 20.12.2017
    Wir haben doch einen gut funktionierenden Sozialstaat!
    Mit Sozialhilfe werden Unternehmen gepampert,
    mit Sozialhilfe die Bahn 'unterstützt',
    mit Sozialhilfe die Fussballer noch reicher gemacht,
    mit Sozialhilfe ups Diäten genannt, die Bedarfsgemeinschaft Politiker notversorgt,
    mit Sozialhilfe die Öffentlich Rechtlichen in eine Bedarf-und Teilhabe Form geschickt,
    mit Sozialhilfe die Spielsucht der cumcums, der panama papers etc abgefedert,
    mit Sozialhilfe wird die upperclass Bildung der ReichenZukunft abgesichert,
    mit Sozialhilfe sind die Kirchen in eine besonders caritativen Form gebracht,
    mit Sozialhilfe werden die Sklavenhaltertümer komplett ausgebaut: man nennt das Förderung von Ehrenamt und Engagement,
    mit Sozialhilfe werden die armen Unternehmen 'aufgestockt', die sich gute Löhne einfach nicht mehr leisten können.
    mit Sozialhilfe werden Innovationshemmnisse abgebaut: Grundstücke für'n Apel und Ei!
    mit Sozialhilfe werden ganze Bodenschätze, ganze Eigentumsareale für den Investor vorbereitet,

    Dank unseres Sozial- und Wohfahrtsstaates müssen die Banker, die Börsianer, die Finanziers, dir Versicherer, die Marketing und Werber, die Waffenindustrie, die Atomfreunde, die Lobbyisten aller Art die nicht Hunger leiden!
    Sie müssen auch nicht an Feinstaubkreuzungen und sonstigen menschenverachtenden Belastungsgegenden hausieren!
    Dank der "Lebensgemeinschaft" Demokratie wird ihnen eine geniale Infrastruktur incl Sonderkonditionen zur Verfügung gestellt, so dass ihren Arbeitsaufnahmen , incl ihrer Beteiligung an der Gesellschaft beste Rahmembedingungen gegeben werden!

    Dank Sozialstaat werden Reichen immer reicher und immer fordernder!
    Hier funktioniert das bedingungslose "Grundeinkommen" auf höchstem Niveau! Und so wie es sein muss! Keine Kontrollen, keine Sanktionen, keine Bestrafungen, keine Rückforderungen, keine Abzüge: es könnte ja die Bedarfsgemeinschaft unterhalb des Lebensbedarfes bringen!

    Nein, nein: wer wenig hat dem kann auch noch das Wenige weggenommen werden! (Haben wir Deutschen ja eingeübt! Wußte schon Goebbels)
    Aber wer viel hat dem muss gegeben werden, denn sonst ist er nicht "leistungsfähig"! (Kennen wir auch aus Königs- Kaisers- und Papstzeiten!)

    Nee, wir haben den besten aller Sozialstaaten!
    Die Idee mit der Demokratie davor war genial!

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