KONTEXT Extra:
Weitere Sammelabschiebung nach Afghanistan

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg ruft für Mittwoch zu Protesten gegen die mittlerweile sechste Sammelabschiebung nach Afghanistan auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch Baden-Württemberg sich daran beteiligen," heißt es in einer Mitteilung. Die Proteste zeigten, "dass die von der Landes- und Bundesregierung vermutlich erwünschte Normalisierung dieser Abschiebungen nicht eingetreten ist", so Seán McGinley, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates. Schon jetzt sei die Resonanz auf den Aufruf so groß wie nie zuvor. Nach wie vor gebe es "eine große Anzahl von Menschen, die das Unrecht von Abschiebungen in eines der gefährlichsten Länder der Welt nicht klaglos hinnehmen wollen".

McGinley erinnerte daran, wie "katastrophal die Lage in Afghanistan unverändert ist". Erst kürzlich sei eine deutsche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation im vermeintlich sicheren Kabul zusammen mit einem Wachmann getötet und ihre finnische Kollegin wurde entführt worden. Vergangene Woche habe ein Bombenanschlag in der Provinz Herat, die seitens der deutschen Behörden ebenfalls als sicher bezeichnet werde, zehn Menschen in den Tod gerissen: "Unter diesen Umständen sind Abschiebungen nach Afghanistan verantwortungslos und menschenverachtend."

Protestaktionen gibt es am 31.5 in Heilbronn (15 Uhr, Kiliansplatz), Wiesloch, (17 Uhr, Evangelischer Kirchplatz), Schwäbisch Hall (17 Uhr, Milchmarkt), Karlsruhe (17.30 Uhr Ludwigsplatz), Stuttgart (18 Uhr, Schlossplatz), Ravensburg (18 Uhr Marienplatz), Gammertingen (18.30 Uhr Stadtbrunnen, Sigmaringer Straße) und Tübingen (18.30 Uhr, Holzmarkt). (29.5.2017)


AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


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"Der Feldberg ist unser Sehnsuchtsort." Fotos: Joachim E. Röttgers

"Der Feldberg ist unser Sehnsuchtsort." Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 181
Gesellschaft

"Man sollte die EnBW filetieren"

Von Susanne Stiefel
Datum: 17.09.2014
Die Stromrebellen aus Schönau ziehen sich zurück. Ursula und Michael Sladek sitzen im kommenden Jahr nicht mehr im Vorstand der Netzkauf Schönau EWS. Doch Rosenzüchten und Klappe halten steht nicht in ihrem Lebensplan. Ein Gipfelgespräch auf dem Belchen, dem Hausberg der Sladeks, über die Stuttgarter Stadtwerke, konkrete Utopien und Sehnsuchtsorte.

Frau Sladek, Herr Sladek, Sie sind für viele die Garanten für Unabhängigkeit von Energiekonzernen und für sauberen Strom. Nun ziehen Sie sich zurück. Stuttgarter, die zu den hiesigen Stadtwerken gewechselt haben, fürchten nun, dass es aus ist mit dem sauberen Strom.

Michael Sladek: Überhaupt nicht. In unserem Gesellschaftervertrag mit den Stadtwerken Stuttgart steht klar, dass wir über die Stuttgarter Vertriebsgesellschaft mbH weiter die gleiche gute, atomstromfreie Qualität liefern, für den die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) stehen.

So klar war das offensichtlich nicht. Frau Sladek, Sie haben kürzlich einen klärenden Brief an die Stuttgarter EWS-Kunden geschrieben.

Ursula Sladek: Es ist durch unsere Beschwerde beim Bundeskartellamt viel diskutiert worden über das Stromnetz und die Beteiligung der EnBW und das hat die Leute verwirrt. Es ist mir ein Anliegen, unseren EWS-Kunden klar zu machen, dass wir mit der EnBW nichts zu tun haben. Denn das Netz und der Vertrieb sind zwei vollkommen getrennte Dinge. Wir sind in den Stadtwerken Stuttgart Partner im Vertrieb, die EnBW ist Partner im Netzbetriebe und dazwischen gibt es einen dicken, roten Strich.

Trotz dickem, rotem Strich: Nun sitzen die Stromrebellen, die einst in Schönau das Netz gekauft haben, mit der EnBW, einem der vier großen deutschen Energiegiganten, unter dem gemeinsam Dach der Stadtwerke.

Michael Sladek: Unser Wunsch war es, dass die Stuttgarter Stadtwerke nicht nur den Vertrieb, sondern auch das Netz in Eigenregie übernehmen. Nun haben die Stadtwerke Stuttgart die Netzkonzession zusammen mit der EnBW bekommen. Der Hickhack, der jetzt um Netz-Übergabestellen läuft, war vorauszusehen und wäre mit einem anderen Partner besser zu lösen gewesen. Die Energiewende wird durch den Sachverstand der Bürger möglich, nicht durch die Energiekonzerne, die die Entwicklung weg von den fossilen Brennstoffen und weg von der Atomenergie verschlafen haben.

Ursula Sladek: Es sind die Bürger, die die derzeit 25 Prozent aus erneuerbaren Energien geschaffen haben. Jede zweite Kilowattstunde erneuerbare Energie stammt heute aus Bürgerhand. Und die Bürger werden sich nicht bremsen lassen, auch wenn die Politik im Moment eher rückwärtsgewandt ist statt nach vorne zu gehen. Wir brauchen Energiegenossenschaften, dezentrale Energieversorgungsstrukturen und Bürgerbeteiligung.

Auch die Belchenbahn fährt mit Rebellenstrom.
Auch die Belchenbahn fährt mit Rebellenstrom.

Das hört sich nicht nach Ruhestand an, nach Rosenzüchten, Ruhe geben und Klappe halten.

Michael Sladek: Wenn man ein rebellisches Gen hat, kann man das nicht so einfach ablegen. Außerdem bin ich, wenn es unser EWS-Vorstand so will, weiterhin einer von zwei Geschäftsführern der Vertriebsgesellschaft der Stadtwerke Stuttgart.

Ursula Sladek: Ende des Jahres sind wir beide nicht mehr im Vorstand der EWS. Aber das heißt doch nicht, dass ich jetzt Rosen züchte. Ich arbeite gerade an einem Studienprojekt zur Stromeinsparung. Denn wenn wir die Energiewende umsetzen wollen, müssen wir die Energieverschwendung in den Griff bekommen. Das liegt mir seit dem Beginn unseres Engagement, seit dem Atomunfall von Tschernobyl 1986, sehr am Herzen. Und jetzt, wo ich aus dem Alltagsgeschäft der EWS zum Ende des Jahres raus bin, hab ich dafür Zeit.

Mit welchem Forschungsinstitut arbeiten Sie zusammen?

Es handelt sich um ein renommiertes Forschungsinstitut in Deutschland, mehr kann ich heute nicht sagen.

Sie ziehen sich aus der EWS zurück, Ihre Söhne übernehmen. Man könnte meinen, die EWS sei ein Familienunternehmen und keine Genossenschaft.

Ursula Sladek: Wir, und damit meine ich die gesamte EWS mit Aufsichtsrat und Geschäftsführung, haben lange Zeit nach Nachfolgern gesucht. Und am Ende haben sich unsere Söhne als die beste Wahl erwiesen. Die wurden auf Herz und Nieren geprüft und für gut befunden. Bei ihnen ist am besten gewährleistet, dass der Geist der EWS fortgeführt wird. Die EWS strebt schließlich nicht nach Profitmaximierung, sondern will möglichst viel bewegen.

Was qualifiziert die Söhne dazu? Das ererbte Rebellengen oder dass sie schon als Kinder mit dem Kampf gegen Atomstrom aufgewachsen sind?

Michael Sladek: Meine Söhne Sebastian und Alexander kommen aus ganz anderen Bereichen. Der eine hat Archäologie studiert und promoviert, bevor er in die EWS eingetreten ist. Der andere hat sich der Philosophie zugewandt.

"Die Grünen denken nicht groß genug."
"Die Grünen denken nicht groß genug."

Das klingt nach exotische Voraussetzungen, um Vorstand eines alternativen Energieunternehmens zu werden.

Michael Sladek: Das sind die besten Voraussetzungen, um grundsätzlich über Strukturen nachzudenken, denn die EWS hat nicht nur einen energie-, sondern auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag. Da kann Philosophie nicht schaden. Außerdem haben beide Söhne Betriebswirtschaft studiert. Ich hab immer gesagt: Ihr könnt studieren, was ihr wollt, aber Betriebswirtschaft muss dabei sein. Sebastian ist im Moment Geschäftsführer im Vertrieb und hat das gesamte Gasgeschäft aufgebaut. Und ab kommenden Jahr hat er Ensinger Sprudel als Großkunden gewonnen. Unsere Söhnen sind keine Kopien ihrer Eltern, sie setzen schon ihre eigenen Duftmarken. Darauf bin ich stolz.

Ursula Sladek: Und Alexander ist derzeit Geschäftsführer der EWS Energie GmbH, die Wind- und Fotovoltaikanlagen aufbaut und hat außerdem ein viel besseres IT-Verständnis als wir. Man kann sagen, er ist der Innenminister und Sebastian ist der Außenminister der EWS.

Seit Tschernobyl sind Sie beide beharrliche Kämpfer für eine saubere Stromversorgung. Sie haben gegen Atomstrom gekämpft, 1997 das Stromnetz in Schönau gekauft, sie haben die EWS gegründet, die heute fast 100 Mitarbeiter beschäftigt und nun sind Sie im Vertrieb der Stuttgarter Stadtwerke aktiv. Woher nehmen Sie die Energie für dieses Engagement?

Ursula Sladek: Erst kürzlich hat ein Besucher gesagt: Es ist so schön hier, da versteht man, warum ihr euch für die Umwelt einsetzt. Das ist sicher ein Impuls. Aber die Energie ist ein Thema, das mehr ist als die schöne Landschaft. Es geht darum, wie unsere Kinder und Kindeskinder, wie die Menschen in Zukunft leben werden. Das halte ich für ein sinnvolles Ziel und das gibt mir Kraft.

Michael Sladek: Wir haben in unserem Kampf faszinierende Menschen getroffen, die Gespräche und der Austausch über Energie-, aber auch über Zukunftsfragen, das hat mich immer wieder fasziniert. Mit Professor Nico Paech von der Uni Oldenburg diskutiere ich derzeit über Postwachstums-Fragen. Es ist auch der Gedankenaustausch, etwa über die Sinnhaftigkeit des Geldes, der die Energie bringt, weiterzumachen.

Ursula Sladek: Wir haben das Ehepaar Ritter kennen gelernt, das nicht nur gute Schokoloade herstellt, sondern dafür schon seit Jahren Strom von der EWS bezieht und sich künstlerisch und sozial engagiert. Aber auch die Gespräche mit viele unserer EWS-Kunden, die nicht so bekannt sind, sind anregend und bringen immer wieder neue Ideen und Bestätigung. Es baut auf, wenn man sieht, dass auch andere an der Veränderung der Welt arbeiten und dabei pfiffige Ideen haben.

1996 Ökomanager, 1999 Nuclear-Free Future Award in Los Alamos, 2007 Deutscher Gründerpreis und last but not least Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg: Die Ehrungen waren sicher auch Rückenwind und haben Sie, Frau Sladek, sogar bis ins Oval Office geführt. Wie ist es, dem mächtigsten Mann der Welt die Hand zu schütteln?

Ursula Sladek: Vor drei Jahren habe ich den Goldman Environmental Prize verliehen bekommen. Im Oval Office zu stehen, wo die Fäden der Macht zusammenlaufen, war schon beeindruckend. Ich habe die Gelegenheit genutzt, Barack Obama eine Broschüre zu überreichen, in der wir zusammen mit einem Fachjournalisten 100 Gründe zusammengetragen hat, die gegen Atomstrom sprechen. Das haben wir vorher natürlich auf englisch übersetzen lassen.

Im Weißen Haus wird Sicherheit groß geschrieben. Wie haben Sie es geschafft,  Ihr subversives Geschenk an den strengen Kontrollen vorbei zu schmuggeln?

Ursula Sladek: Ich hab mich einfach drauf gesetzt. Damals saß ich im Rollstuhl, weil ich mir kurz zuvor das Bein gebrochen hatte. Ich hoffe mal, Barack Obama hat das inzwischen gelesen. Denn die Amerikaner machen sich ja Gedanken, wie sie mehr Klimaschutz erreichen können und denken dabei an Atomkraft. In unserer Broschüre steht, warum das der falsche Weg ist.

Nach Tschernobyl sind Sie als Neulinge in ein Geschäft eingestiegen, von dem Sie bis dato keine Ahnung hatten. Damals, also 1986, wurden Sie als Utopisten bezeichnet. Es war als Beschimpfung gedacht, hat aber im Blochschen Sinne der konkreten Utopie eine kleine Veränderung der Gesellschaftsverhältnisse bewirkt. Wie wichtig ist dabei gute Laune oder mit Ernst Bloch gefragt: Braucht es für diesen Kampf militante Optimisten?

"Mehr Energiesparen, weg von den großen Konzernen."
"Mehr Energiesparen, weg von den großen Konzernen."

Ursula Sladek: In der heutigen Zeit ist militant ein schwieriges Wort. Aber wenn es bedeutet, dass man durchsetzungsstark und mit dem Willen nach Veränderung ein Ziel erreichen will, bin ich damit einverstanden.

Michael Sladek: Militant würde ich gerne ersetzen durch stur und konsequent. Veränderungen fallen einem nicht in den Schoß, man muss schon die Ärmel hochkrempeln und man darf die gute Laune nicht verlieren.

Das Prinzip Hoffnung hat Sie also beflügelt?

Michael Sladek: Wer keine Hoffnung hat, wird ohnmächtig und ist gelähmt. Wir haben die Ohnmacht nach Tschernobyl erlebt, da hat man gespürt, diese Technik überrollt alles. Aber aktiv zu werden und die Ohnmacht überwinden, das ist wichtig.

Man muss ins Gelingen verliebt sein, und nicht ins Scheitern. Auch das ist von Ernst Bloch.

Michael Sladek: Optimismus, Zuversicht und Hoffnung, das ist wichtig. Ebenso wie das Lachen, sonst ist man schon vorzeitig tot. Es gibt ein Leben vor dem Tod und das hat viel mit Lust und Freude zu tun. Lust an der Natur, an den Herbstfarben des Waldes, das ist Lebensfreude und ganz wichtig für mich. Alles andere macht krank.

Wie sieht Ihre konkrete Utopie, Ihre Hoffnung auf die Zukunft aus?

Ursula Sladek: Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, die Menschen nicht nur von unserem sauberen Strom, sondern auch von unserer Zukunftsvision zu überzeugen. Dass wir sie mit einem positiven Virus infizieren. Der soll eine Diskussion und ein Engagement entfachen, wie wir in Sachen Energiewende und Bürgergenossenschaften weiterkommen. Und wenn sich mehr Menschen engagieren, für die Energieversorgung in Bürgerhand kämpfen, sich auch sonst für ihre Belange einzusetzen im Sinne von Mitgestaltung und Beteiligung, dann ist die Utopie schon sehr konkret geworden.

Sehen Sie dabei in den Grünen in Baden-Württemberg Bündnispartner oder eher Bremser?

Michael Sladek: Die Grünen nehmen die Energiewende sehr ernst. Sie wurden von der Realität eingeholt, als sie die Regierung übernommen haben und ihnen die EnBW dabei in den Schoß, aber eher auf die Füße gefallen ist. Was soll man jetzt mit einem landeseigenen Energiegiganten machen, der dazuhin noch auf Atomstrom ausgerichtet war? Konsequent wäre es aus meiner Sicht, die EnBW als Vergangenheit zu sehen. Denn es reicht nicht, die Energieproduktion nur auf Grün zu stellen. Wir brauchen auch andere Strukturen.

Ursula Sladek: Wir müssen weg von den großen Konzernen, hin zu dezentralen Strukturen und wir müssen Energiesparen mehr einbeziehen in unsere Energieversorgung. Das geht nur ohne die großen Konzerne.

"Unsere Visionen lassen sich nicht von vermeintlich unüberwindlichen Realitäten abschrecken."
"Unsere Visionen lassen sich nicht von vermeintlich unüberwindlichen Realitäten abschrecken."

Hübsche Idee. Aber nun haben wir vier großen Energieriesen in Deutschland. Die EnBW gehört auch zu diesem Quartett und ist außerdem ein landeseigenes Unternehmen. Was erwarten Sie von den Grünen im Land?

Michael Sladek: Ich schätze Herrn Kretschmann und Herrn Kuhn sehr und ich sehe auch, in welchem Dilemma sie sich mit der EnBW befinden. Aber die Grünen denken nicht groß genug. Man darf keine Angst haben, auch die Strukturen in Frage zu stellen. Ich bin kein Politiker, aber eigentlich müsste man sich überlegen, die EnBW zu filetieren. Die guten Teile, die es ja auch gibt, nimmt man und mit dem Rest macht man einen Bad-Energieversorger wie bei einer Bad-Bank. Das ist nicht einfach, aber ich wünsche mir von den Grünen dabei mehr Mut und Veränderungsbereitschaft. Denn die EnBW verwandelt sich nicht einfach in ein grünes Unternehmen, nur weil die Grünen jetzt an der Regierung sind.

Ursula Sladek: Sie sehen das jetzt bei den Verhandlungen mit der EnBW, ob es um das Wasser oder um das Stromnetz geht. Die Zentralisten werden, wie die Jahrzehnte zuvor schon immer, um ihre Interessen kämpfen und, wie in Stuttgart, lukrative Teile des Stromnetzes nicht herausgeben wollen. Die Grünen müssten den Mut haben, diese Strukturfragen anzugehen. Aber auch da bin ich optimistisch und habe die Hoffnung nicht aufgegeben.

Michael Sladek: Wenn wir jetzt vom Belchen runter schauen, sehen wir weitere Projekte, die uns Hoffnung machen. In Schopfheim etwa, wo wir dabei sind, Windräder aufzustellen. Oder dort im Wiesental, wo wir einen Netzbetrieb in Bürgerhand aufbauen.

Und dennoch schauen Sie immer wieder begehrlich rüber auf den höchsten Gipfel dort im Osten, auf den Feldberg.

Michael Sladek: Der Feldberg ist ein Sehnsuchtsort. Dort haben wir die windhöffigste Lage...

 ....dort bläst der Wind am stärksten...

 ....in ganz Baden-Württemberg. Sieben Windräder dort würden etwa 30 Windräder im Land ersetzen.

Vorsicht, Naturschutzgebiet, eines der ältesten in Baden-Württemberg. Da ist der Milan und das Auerhuhn vor.

Ursula Sladek: Naturschützer sagen, der Auerhahn hält das Windrad für einen Raubvogel und ist dauernd in Alarmbereitschaft. Aber dafür sorgen schon längst die vielen Ausflügler auf dem Feldberg. Hier auf dem Belchen haben wir einen sanften Tourismus, auf dem Feldberg nicht. Der ist längst versaut. Und die Windräder wären gut für eine saubere Energie.

Sie geben die Hoffnung wohl nie auf?

Ursula Sladek: Nein, als sture Rebellen haben wir schließlich einen Ruf zu verlieren.

Michael Sladek: Unsere Visionen lassen sich nicht von vermeintlich unüberwindlichen Realitäten abschrecken. Wir haben mit der Übernahme des Schönauer Stromnetzes schon einmal erlebt, dass das scheinbar Unmögliche möglich wurde. Das hält die Hoffnung wach.

 

Gipfelgespräch auf dem Belchen: Ursula und Michael Sladek mit Kontext-Redakteurin Susanne Stiefel.anne Stiefel.
Gipfelgespräch auf dem Belchen: Ursula und Michael Sladek mit Kontext-Redakteurin Susanne Stiefel.

Der Belchen ist der Hausberg der Sladeks. Dorthin sind sie mit ihren fünf Kindern hinauf gewandert im Sommer und im Winter konnten sie mit ihren Skiern von oben direkt vor die Haustür fahren. Außerdem beliefern die Elektrizitätswerke Schönau die Belchenbahn seit vielen Jahren mit sauberem, atomenergiefreien Strom. Von hier oben aus sehen die Stromrebellen nicht nur den Sehnsuchtsort Feldberg, den sie am liebsten mit sieben Windrädern bestücken würden, sondern auch auf das Schweizer AKW Leibstadt und das französische Fessenheim. Das schreckt Ursula und Michael Sladek nicht, ist es für sie, die sich selbst als "sture Optimisten" bezeichnen, doch nicht mehr als ein Fossil aus der Vergangenheit. Sie zeigen lieber auf die Schwarzwaldgipfel, auf denen demnächst EWS-Windräder stehen sollen oder ins Wiesental, wo sie die Energieversorgung in Bürgerhand aufbauen. Und weiter sehnsüchtig auf den "windhöffigen" Feldberg, wo es besonders stark bläst.


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