KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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"Der Feldberg ist unser Sehnsuchtsort." Fotos: Joachim E. Röttgers

"Der Feldberg ist unser Sehnsuchtsort." Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 181
Gesellschaft

"Man sollte die EnBW filetieren"

Von Susanne Stiefel
Datum: 17.09.2014
Die Stromrebellen aus Schönau ziehen sich zurück. Ursula und Michael Sladek sitzen im kommenden Jahr nicht mehr im Vorstand der Netzkauf Schönau EWS. Doch Rosenzüchten und Klappe halten steht nicht in ihrem Lebensplan. Ein Gipfelgespräch auf dem Belchen, dem Hausberg der Sladeks, über die Stuttgarter Stadtwerke, konkrete Utopien und Sehnsuchtsorte.

Frau Sladek, Herr Sladek, Sie sind für viele die Garanten für Unabhängigkeit von Energiekonzernen und für sauberen Strom. Nun ziehen Sie sich zurück. Stuttgarter, die zu den hiesigen Stadtwerken gewechselt haben, fürchten nun, dass es aus ist mit dem sauberen Strom.

Michael Sladek: Überhaupt nicht. In unserem Gesellschaftervertrag mit den Stadtwerken Stuttgart steht klar, dass wir über die Stuttgarter Vertriebsgesellschaft mbH weiter die gleiche gute, atomstromfreie Qualität liefern, für den die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) stehen.

So klar war das offensichtlich nicht. Frau Sladek, Sie haben kürzlich einen klärenden Brief an die Stuttgarter EWS-Kunden geschrieben.

Ursula Sladek: Es ist durch unsere Beschwerde beim Bundeskartellamt viel diskutiert worden über das Stromnetz und die Beteiligung der EnBW und das hat die Leute verwirrt. Es ist mir ein Anliegen, unseren EWS-Kunden klar zu machen, dass wir mit der EnBW nichts zu tun haben. Denn das Netz und der Vertrieb sind zwei vollkommen getrennte Dinge. Wir sind in den Stadtwerken Stuttgart Partner im Vertrieb, die EnBW ist Partner im Netzbetriebe und dazwischen gibt es einen dicken, roten Strich.

Trotz dickem, rotem Strich: Nun sitzen die Stromrebellen, die einst in Schönau das Netz gekauft haben, mit der EnBW, einem der vier großen deutschen Energiegiganten, unter dem gemeinsam Dach der Stadtwerke.

Michael Sladek: Unser Wunsch war es, dass die Stuttgarter Stadtwerke nicht nur den Vertrieb, sondern auch das Netz in Eigenregie übernehmen. Nun haben die Stadtwerke Stuttgart die Netzkonzession zusammen mit der EnBW bekommen. Der Hickhack, der jetzt um Netz-Übergabestellen läuft, war vorauszusehen und wäre mit einem anderen Partner besser zu lösen gewesen. Die Energiewende wird durch den Sachverstand der Bürger möglich, nicht durch die Energiekonzerne, die die Entwicklung weg von den fossilen Brennstoffen und weg von der Atomenergie verschlafen haben.

Ursula Sladek: Es sind die Bürger, die die derzeit 25 Prozent aus erneuerbaren Energien geschaffen haben. Jede zweite Kilowattstunde erneuerbare Energie stammt heute aus Bürgerhand. Und die Bürger werden sich nicht bremsen lassen, auch wenn die Politik im Moment eher rückwärtsgewandt ist statt nach vorne zu gehen. Wir brauchen Energiegenossenschaften, dezentrale Energieversorgungsstrukturen und Bürgerbeteiligung.

Auch die Belchenbahn fährt mit Rebellenstrom.
Auch die Belchenbahn fährt mit Rebellenstrom.

Das hört sich nicht nach Ruhestand an, nach Rosenzüchten, Ruhe geben und Klappe halten.

Michael Sladek: Wenn man ein rebellisches Gen hat, kann man das nicht so einfach ablegen. Außerdem bin ich, wenn es unser EWS-Vorstand so will, weiterhin einer von zwei Geschäftsführern der Vertriebsgesellschaft der Stadtwerke Stuttgart.

Ursula Sladek: Ende des Jahres sind wir beide nicht mehr im Vorstand der EWS. Aber das heißt doch nicht, dass ich jetzt Rosen züchte. Ich arbeite gerade an einem Studienprojekt zur Stromeinsparung. Denn wenn wir die Energiewende umsetzen wollen, müssen wir die Energieverschwendung in den Griff bekommen. Das liegt mir seit dem Beginn unseres Engagement, seit dem Atomunfall von Tschernobyl 1986, sehr am Herzen. Und jetzt, wo ich aus dem Alltagsgeschäft der EWS zum Ende des Jahres raus bin, hab ich dafür Zeit.

Mit welchem Forschungsinstitut arbeiten Sie zusammen?

Es handelt sich um ein renommiertes Forschungsinstitut in Deutschland, mehr kann ich heute nicht sagen.

Sie ziehen sich aus der EWS zurück, Ihre Söhne übernehmen. Man könnte meinen, die EWS sei ein Familienunternehmen und keine Genossenschaft.

Ursula Sladek: Wir, und damit meine ich die gesamte EWS mit Aufsichtsrat und Geschäftsführung, haben lange Zeit nach Nachfolgern gesucht. Und am Ende haben sich unsere Söhne als die beste Wahl erwiesen. Die wurden auf Herz und Nieren geprüft und für gut befunden. Bei ihnen ist am besten gewährleistet, dass der Geist der EWS fortgeführt wird. Die EWS strebt schließlich nicht nach Profitmaximierung, sondern will möglichst viel bewegen.

Was qualifiziert die Söhne dazu? Das ererbte Rebellengen oder dass sie schon als Kinder mit dem Kampf gegen Atomstrom aufgewachsen sind?

Michael Sladek: Meine Söhne Sebastian und Alexander kommen aus ganz anderen Bereichen. Der eine hat Archäologie studiert und promoviert, bevor er in die EWS eingetreten ist. Der andere hat sich der Philosophie zugewandt.

"Die Grünen denken nicht groß genug."
"Die Grünen denken nicht groß genug."

Das klingt nach exotische Voraussetzungen, um Vorstand eines alternativen Energieunternehmens zu werden.

Michael Sladek: Das sind die besten Voraussetzungen, um grundsätzlich über Strukturen nachzudenken, denn die EWS hat nicht nur einen energie-, sondern auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag. Da kann Philosophie nicht schaden. Außerdem haben beide Söhne Betriebswirtschaft studiert. Ich hab immer gesagt: Ihr könnt studieren, was ihr wollt, aber Betriebswirtschaft muss dabei sein. Sebastian ist im Moment Geschäftsführer im Vertrieb und hat das gesamte Gasgeschäft aufgebaut. Und ab kommenden Jahr hat er Ensinger Sprudel als Großkunden gewonnen. Unsere Söhnen sind keine Kopien ihrer Eltern, sie setzen schon ihre eigenen Duftmarken. Darauf bin ich stolz.

Ursula Sladek: Und Alexander ist derzeit Geschäftsführer der EWS Energie GmbH, die Wind- und Fotovoltaikanlagen aufbaut und hat außerdem ein viel besseres IT-Verständnis als wir. Man kann sagen, er ist der Innenminister und Sebastian ist der Außenminister der EWS.

Seit Tschernobyl sind Sie beide beharrliche Kämpfer für eine saubere Stromversorgung. Sie haben gegen Atomstrom gekämpft, 1997 das Stromnetz in Schönau gekauft, sie haben die EWS gegründet, die heute fast 100 Mitarbeiter beschäftigt und nun sind Sie im Vertrieb der Stuttgarter Stadtwerke aktiv. Woher nehmen Sie die Energie für dieses Engagement?

Ursula Sladek: Erst kürzlich hat ein Besucher gesagt: Es ist so schön hier, da versteht man, warum ihr euch für die Umwelt einsetzt. Das ist sicher ein Impuls. Aber die Energie ist ein Thema, das mehr ist als die schöne Landschaft. Es geht darum, wie unsere Kinder und Kindeskinder, wie die Menschen in Zukunft leben werden. Das halte ich für ein sinnvolles Ziel und das gibt mir Kraft.

Michael Sladek: Wir haben in unserem Kampf faszinierende Menschen getroffen, die Gespräche und der Austausch über Energie-, aber auch über Zukunftsfragen, das hat mich immer wieder fasziniert. Mit Professor Nico Paech von der Uni Oldenburg diskutiere ich derzeit über Postwachstums-Fragen. Es ist auch der Gedankenaustausch, etwa über die Sinnhaftigkeit des Geldes, der die Energie bringt, weiterzumachen.

Ursula Sladek: Wir haben das Ehepaar Ritter kennen gelernt, das nicht nur gute Schokoloade herstellt, sondern dafür schon seit Jahren Strom von der EWS bezieht und sich künstlerisch und sozial engagiert. Aber auch die Gespräche mit viele unserer EWS-Kunden, die nicht so bekannt sind, sind anregend und bringen immer wieder neue Ideen und Bestätigung. Es baut auf, wenn man sieht, dass auch andere an der Veränderung der Welt arbeiten und dabei pfiffige Ideen haben.

1996 Ökomanager, 1999 Nuclear-Free Future Award in Los Alamos, 2007 Deutscher Gründerpreis und last but not least Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg: Die Ehrungen waren sicher auch Rückenwind und haben Sie, Frau Sladek, sogar bis ins Oval Office geführt. Wie ist es, dem mächtigsten Mann der Welt die Hand zu schütteln?

Ursula Sladek: Vor drei Jahren habe ich den Goldman Environmental Prize verliehen bekommen. Im Oval Office zu stehen, wo die Fäden der Macht zusammenlaufen, war schon beeindruckend. Ich habe die Gelegenheit genutzt, Barack Obama eine Broschüre zu überreichen, in der wir zusammen mit einem Fachjournalisten 100 Gründe zusammengetragen hat, die gegen Atomstrom sprechen. Das haben wir vorher natürlich auf englisch übersetzen lassen.

Im Weißen Haus wird Sicherheit groß geschrieben. Wie haben Sie es geschafft,  Ihr subversives Geschenk an den strengen Kontrollen vorbei zu schmuggeln?

Ursula Sladek: Ich hab mich einfach drauf gesetzt. Damals saß ich im Rollstuhl, weil ich mir kurz zuvor das Bein gebrochen hatte. Ich hoffe mal, Barack Obama hat das inzwischen gelesen. Denn die Amerikaner machen sich ja Gedanken, wie sie mehr Klimaschutz erreichen können und denken dabei an Atomkraft. In unserer Broschüre steht, warum das der falsche Weg ist.

Nach Tschernobyl sind Sie als Neulinge in ein Geschäft eingestiegen, von dem Sie bis dato keine Ahnung hatten. Damals, also 1986, wurden Sie als Utopisten bezeichnet. Es war als Beschimpfung gedacht, hat aber im Blochschen Sinne der konkreten Utopie eine kleine Veränderung der Gesellschaftsverhältnisse bewirkt. Wie wichtig ist dabei gute Laune oder mit Ernst Bloch gefragt: Braucht es für diesen Kampf militante Optimisten?

"Mehr Energiesparen, weg von den großen Konzernen."
"Mehr Energiesparen, weg von den großen Konzernen."

Ursula Sladek: In der heutigen Zeit ist militant ein schwieriges Wort. Aber wenn es bedeutet, dass man durchsetzungsstark und mit dem Willen nach Veränderung ein Ziel erreichen will, bin ich damit einverstanden.

Michael Sladek: Militant würde ich gerne ersetzen durch stur und konsequent. Veränderungen fallen einem nicht in den Schoß, man muss schon die Ärmel hochkrempeln und man darf die gute Laune nicht verlieren.

Das Prinzip Hoffnung hat Sie also beflügelt?

Michael Sladek: Wer keine Hoffnung hat, wird ohnmächtig und ist gelähmt. Wir haben die Ohnmacht nach Tschernobyl erlebt, da hat man gespürt, diese Technik überrollt alles. Aber aktiv zu werden und die Ohnmacht überwinden, das ist wichtig.

Man muss ins Gelingen verliebt sein, und nicht ins Scheitern. Auch das ist von Ernst Bloch.

Michael Sladek: Optimismus, Zuversicht und Hoffnung, das ist wichtig. Ebenso wie das Lachen, sonst ist man schon vorzeitig tot. Es gibt ein Leben vor dem Tod und das hat viel mit Lust und Freude zu tun. Lust an der Natur, an den Herbstfarben des Waldes, das ist Lebensfreude und ganz wichtig für mich. Alles andere macht krank.

Wie sieht Ihre konkrete Utopie, Ihre Hoffnung auf die Zukunft aus?

Ursula Sladek: Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, die Menschen nicht nur von unserem sauberen Strom, sondern auch von unserer Zukunftsvision zu überzeugen. Dass wir sie mit einem positiven Virus infizieren. Der soll eine Diskussion und ein Engagement entfachen, wie wir in Sachen Energiewende und Bürgergenossenschaften weiterkommen. Und wenn sich mehr Menschen engagieren, für die Energieversorgung in Bürgerhand kämpfen, sich auch sonst für ihre Belange einzusetzen im Sinne von Mitgestaltung und Beteiligung, dann ist die Utopie schon sehr konkret geworden.

Sehen Sie dabei in den Grünen in Baden-Württemberg Bündnispartner oder eher Bremser?

Michael Sladek: Die Grünen nehmen die Energiewende sehr ernst. Sie wurden von der Realität eingeholt, als sie die Regierung übernommen haben und ihnen die EnBW dabei in den Schoß, aber eher auf die Füße gefallen ist. Was soll man jetzt mit einem landeseigenen Energiegiganten machen, der dazuhin noch auf Atomstrom ausgerichtet war? Konsequent wäre es aus meiner Sicht, die EnBW als Vergangenheit zu sehen. Denn es reicht nicht, die Energieproduktion nur auf Grün zu stellen. Wir brauchen auch andere Strukturen.

Ursula Sladek: Wir müssen weg von den großen Konzernen, hin zu dezentralen Strukturen und wir müssen Energiesparen mehr einbeziehen in unsere Energieversorgung. Das geht nur ohne die großen Konzerne.

"Unsere Visionen lassen sich nicht von vermeintlich unüberwindlichen Realitäten abschrecken."
"Unsere Visionen lassen sich nicht von vermeintlich unüberwindlichen Realitäten abschrecken."

Hübsche Idee. Aber nun haben wir vier großen Energieriesen in Deutschland. Die EnBW gehört auch zu diesem Quartett und ist außerdem ein landeseigenes Unternehmen. Was erwarten Sie von den Grünen im Land?

Michael Sladek: Ich schätze Herrn Kretschmann und Herrn Kuhn sehr und ich sehe auch, in welchem Dilemma sie sich mit der EnBW befinden. Aber die Grünen denken nicht groß genug. Man darf keine Angst haben, auch die Strukturen in Frage zu stellen. Ich bin kein Politiker, aber eigentlich müsste man sich überlegen, die EnBW zu filetieren. Die guten Teile, die es ja auch gibt, nimmt man und mit dem Rest macht man einen Bad-Energieversorger wie bei einer Bad-Bank. Das ist nicht einfach, aber ich wünsche mir von den Grünen dabei mehr Mut und Veränderungsbereitschaft. Denn die EnBW verwandelt sich nicht einfach in ein grünes Unternehmen, nur weil die Grünen jetzt an der Regierung sind.

Ursula Sladek: Sie sehen das jetzt bei den Verhandlungen mit der EnBW, ob es um das Wasser oder um das Stromnetz geht. Die Zentralisten werden, wie die Jahrzehnte zuvor schon immer, um ihre Interessen kämpfen und, wie in Stuttgart, lukrative Teile des Stromnetzes nicht herausgeben wollen. Die Grünen müssten den Mut haben, diese Strukturfragen anzugehen. Aber auch da bin ich optimistisch und habe die Hoffnung nicht aufgegeben.

Michael Sladek: Wenn wir jetzt vom Belchen runter schauen, sehen wir weitere Projekte, die uns Hoffnung machen. In Schopfheim etwa, wo wir dabei sind, Windräder aufzustellen. Oder dort im Wiesental, wo wir einen Netzbetrieb in Bürgerhand aufbauen.

Und dennoch schauen Sie immer wieder begehrlich rüber auf den höchsten Gipfel dort im Osten, auf den Feldberg.

Michael Sladek: Der Feldberg ist ein Sehnsuchtsort. Dort haben wir die windhöffigste Lage...

 ....dort bläst der Wind am stärksten...

 ....in ganz Baden-Württemberg. Sieben Windräder dort würden etwa 30 Windräder im Land ersetzen.

Vorsicht, Naturschutzgebiet, eines der ältesten in Baden-Württemberg. Da ist der Milan und das Auerhuhn vor.

Ursula Sladek: Naturschützer sagen, der Auerhahn hält das Windrad für einen Raubvogel und ist dauernd in Alarmbereitschaft. Aber dafür sorgen schon längst die vielen Ausflügler auf dem Feldberg. Hier auf dem Belchen haben wir einen sanften Tourismus, auf dem Feldberg nicht. Der ist längst versaut. Und die Windräder wären gut für eine saubere Energie.

Sie geben die Hoffnung wohl nie auf?

Ursula Sladek: Nein, als sture Rebellen haben wir schließlich einen Ruf zu verlieren.

Michael Sladek: Unsere Visionen lassen sich nicht von vermeintlich unüberwindlichen Realitäten abschrecken. Wir haben mit der Übernahme des Schönauer Stromnetzes schon einmal erlebt, dass das scheinbar Unmögliche möglich wurde. Das hält die Hoffnung wach.

 

Gipfelgespräch auf dem Belchen: Ursula und Michael Sladek mit Kontext-Redakteurin Susanne Stiefel.anne Stiefel.
Gipfelgespräch auf dem Belchen: Ursula und Michael Sladek mit Kontext-Redakteurin Susanne Stiefel.

Der Belchen ist der Hausberg der Sladeks. Dorthin sind sie mit ihren fünf Kindern hinauf gewandert im Sommer und im Winter konnten sie mit ihren Skiern von oben direkt vor die Haustür fahren. Außerdem beliefern die Elektrizitätswerke Schönau die Belchenbahn seit vielen Jahren mit sauberem, atomenergiefreien Strom. Von hier oben aus sehen die Stromrebellen nicht nur den Sehnsuchtsort Feldberg, den sie am liebsten mit sieben Windrädern bestücken würden, sondern auch auf das Schweizer AKW Leibstadt und das französische Fessenheim. Das schreckt Ursula und Michael Sladek nicht, ist es für sie, die sich selbst als "sture Optimisten" bezeichnen, doch nicht mehr als ein Fossil aus der Vergangenheit. Sie zeigen lieber auf die Schwarzwaldgipfel, auf denen demnächst EWS-Windräder stehen sollen oder ins Wiesental, wo sie die Energieversorgung in Bürgerhand aufbauen. Und weiter sehnsüchtig auf den "windhöffigen" Feldberg, wo es besonders stark bläst.


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