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Meiler mit Macken

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Block B des Kernkraftwerks Gundremmingen an der Donau macht wieder Probleme. Der letzte Reaktor vom Typ Fukushima in Deutschland, betrieben von den Energieriesen RWE und EON, stand wegen "meldepflichtiger Ereignisse" zwei Wochen lang still. Umstritten ist auch das Zwischenlager; es soll jetzt eine weitere Schutzmauer erhalten.

"Im Kernkraftwerk Gundremmingen sorgen Tausende Schalter für einen zuverlässigen Betrieb", verkündete die Pressestelle Anfang Januar. Nur vier Tage danach, am 7. Januar, musste Block B des Atomkraftwerks in Gundremmingen an der Donau zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres heruntergefahren werden – wegen desselben Defekts: Von einer der acht Messlanzen des Reaktor-Druckbehälters war Wasser getropft. Beim schrittweisen Abschalten des Siedewasserreaktors kam es, wie erst jetzt bekannt wurde, zu einem zweiten "meldepflichtigen Ereignis", so Kraftwerksprecher Tobias Schmidt gegenüber Kontext.

Nach der Trennung von Generator und Transformatoren vom Stromnetz sei es zu einer Störung der betrieblichen Speisewasserregelung gekommen, weshalb sich die Leistung schneller reduziert habe als vorgesehen. Dies wiederum habe eine Automatik ausgelöst. Üblicherweise wäre von Hand gesteuert worden. Das sei passiert durch ein "Sammeleinfahren der Steuerstäbe", was aber nicht mit einer Schnellabschaltung zu vergleichen sei. Dies bestätigte auch das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz. Die beiden Störfälle hätten "keine unzulässigen Auswirkungen auf den Anlagenbetrieb und die Umgebung" gehabt. Eine Gefährdung der Bevölkerung habe nicht bestanden.

Bei Föhnwetter scheinen die beiden Kühltürme von Gundremmingen direkt hinter dem Ulmer Münster zu stehen. Mit 160 Meter Höhe und einem Basisdurchmesser von 130 Metern sind sie so groß, dass das Wahrzeichen der Donaustadt darin gut Platz fände. Das Kraftwerk im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben ist Deutschlands größter und – nach Meinung der Kritiker in der Region – auch Deutschlands gefährlichster Atomstromerzeuger. Es deckt nach Angaben der Geschäftsführung ein Viertel des Strombedarfs in Bayern. Die Gemeinde Gundremmingen ist stolz auf den extrem guten Gewerbesteuerzahler. Sie hat das Atomsymbol sogar ins eigene Wappen aufgenommen. Sozialdemokraten, Grüne oder gar Linke haben im Gemeinderat keinen Sitz.

Die Energieriesen RWE (75 Prozent) und EON (35 Prozent) betreiben in der Gemeinde im Landkreis Günzburg die einzigen noch verbliebenen Siedewasserreaktoren, Reaktoren vom Typ Fukushima. Acht der einst zehn deutschen Siedewasserreaktoren sind bereits stillgelegt. 20,5 Milliarden Kilowattstunden Strom lieferten die beiden knapp 30 Jahre alten 1344-Megawatt-Blöcke 2013. Und wenn es nach den Plänen der Chefetage der Essener RWE AG gegangen wäre, würde die Atomstromproduktion 2014 und in den Folgejahren noch erhöht werden. So wollte man zusätzlich etwa 90 Millionen Euro Gewinn einfahren. Aber dann kam es doch anders.

Protest in Bayern und Baden-Württemberg

Rückblick: Schon seit Jahren hat RWE, der zweitgrößte deutsche Energieversorger, versucht, eine Genehmigung dafür zu erhalten, das AKW Gundremmingen aufzurüsten. Selbst Angela Merkels Energiewende nach dem GAU in Fukushima 2011 hat an den Plänen nichts geändert. Gegner protestierten deshalb Mitte vergangenen Jahres mit Tausenden von Unterschriften für eine Landtagspetition. Eine weitere Unterschriftenaktion folgte im Dezember. Zudem findet seit Jahren jeden Sonntag ab 15 Uhr eine Mahnwache vor dem Kernkraftwerk statt.

Auch im nahen Baden-Württemberg regte sich Protest. So sprach sich die Vertreterversammlung der Landesärztekammer gegen den RWE-Plan aus. Und der Ulmer Landtagsabgeordnete Jürgen Filius (Grüne), dessen Wahlkreis gerade mal 30 Kilometer von Gundremmingen entfernt liegt, forderte das bayerische Umweltministerium auf, dem Antrag nicht zuzustimmen. Die Leistungserhöhung sei nach dem Atomgesetz nicht genehmigungsfähig, da dies nicht dem vorgeschriebenen aktuellen Stand der Technik entspreche. Doch die Bayern waren anderer Meinung. Das Umweltministerium hatte bereits 2012 einen überarbeiteten Genehmigungsentwurf mit der Bitte um zügige Prüfung nach Berlin geschickt.

Schwerwiegende Sicherheitsmängel

Die regionalen Atomkritiker, die sich im Forum Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik zusammengeschlossen haben, konnten Ende 2013 noch eine brisante Studie vorlegen, die sie bei einem ungewöhnlichen Experten in Auftrag gegeben hatten: bei Wolfgang Renneberg, dem früheren Leiter der Atomaufsicht im Bundesumweltministerium. Der Wissenschaftler und sein Koautor Dieter Majer haben schwerwiegende Sicherheitsmängel aufgezählt: So sei die Stabilität des Reaktordruckbehälters in Gundremmingen und damit auch der Einführungen für die Steuerstäbe fraglich. Das Notkühlsystem der beiden Kraftwerksblöcke sei nicht nur veraltet, es verfüge nicht einmal über die gesetzlich vorgeschriebenen Reserven an Not- und Nachkühlsystemen. Auch die Daten zur Berechnung der Erdbebensicherheit seinen veraltet. "Beide Reaktoren", resümiert Raimund Kamm, der Sprecher der Bürgerinitiative, "könnten heute nicht mehr genehmigt werden." (Die Studie als PDF-Download.)

RWE und die Leitung des Kraftwerks berufen sich dagegen auf den EU-Stresstest für Atomkraftwerke vom September 2012, der Gundremmingen "ein ausgewiesen hohes Sicherheitsniveau" attestiere. (Der Stresstest-Bericht als PDF-Download.)

Es handle sich zwar wie in Fukushima um Siedewasserreaktoren, die Sicherheitstechnik sei jedoch nicht vergleichbar. Die beantragte Leistungserweiterung, so RWE, habe "gutachterlich bestätigt keine sicherheitstechnische relevanten Auswirkungen". Dennoch zog RWE Ende 2013 den Antrag zurück. Grund: Die bayerische Staatsregierung, sehe "in der Leistungserhöhung für Kernkraftwerke ein falsches politisches Signal in Zeiten der Energiewende". Tatsächlich hatte sich Ministerpräsident Horst Seehofer eine Woche zuvor von dem Vorhaben mit genau dieser Begründung distanziert. Sicherheitsaspekte, so die Kraftwerkbetreiber, hätten bei ihrem Rückzug keine Rolle gespielt.

Zwei AKW-Mitarbeiter getötet

Wie gefährlich die Reaktoren in Gundremmingen sein können, zeigt die jüngste Abschaltung. Doch die war nur einer von vielen, teilweise viel schwereren "Zwischenfällen". So sind in Block A, ebenfalls einem Siedewasserreaktor, bei einem Unfall 1975 zwei Menschen getötet worden. 265 Grad Celsius heißes Wasser hatte die Schlosser Otto Huber (34) und Josef Ziegelmüller (46) mit hohem Druck erfasst und schlagartig verbrüht. Es waren die ersten Todesopfer in einem westdeutschen Atomkraftwerk. Zwei Jahre später führte eine Schnellabschaltung zu Fehlsteuerungen. Kurze Zeit danach stand im Reaktorgebäude drei Meter hoch radioaktiv verseuchtes Wasser, was die Anlage großflächig kontaminierte. Es war der erste und bisher einzige Großunfall eines Atomkraftwerks mit Totalschaden in Deutschland. RWE nahm den Block aus wirtschaftlichen Gründen nie mehr in Betrieb. Die Kosten für die Demontage: über zwei Milliarden Euro, nach Angaben der Kraftwerksleitung rund eine Milliarde Euro.

Große Gefahren sehen die Kernkraftgegner auch bei der Entsorgung. Allein 2013 sind 45 000 Kilogramm hoch radioaktiver Müll entstanden. In Gundremmingen lagert derzeit oberirdisch weit mehr Atommüll als an jedem anderen Ort in Deutschland. Denn obwohl in der Gemeinde seit 1966 Atomstrom und somit auch radioaktiver Müll erzeugt werden, wurde noch kein Kilogramm ordentlich entsorgt.

Größtes Atommülllager in Deutschland

Ein Teil der Abfälle wird in Ahaus, Gorleben, Lubmin und Sellafield zwischengelagert. Nahezu die Hälfte des inzwischen erzeugten Atommülls lagert auf dem Kraftwerksgelände, denn im Rahmen des Atomausstiegs war ab Mitte 2005 der Transport abgebrannter Brennelemente zur Wiederaufbereitung untersagt worden. Die Abklingbecken in Gundremmingen liegen im Reaktorgebäude, aber nicht innerhalb des Sicherheitsbehälters, kritisieren Kraftwerkgegner. Bei allen anderen noch in Deutschland laufenden AKW, so Forum-Sprecher Kamm, "werden die Abklingbecken zumindest durch die Sicherheitsbehälter zusätzlich geschützt". Neben der Sorge vor Großunfällen warnen die Kritiker vor Terroranschlägen, denen das Lager nicht standhalten könne. Auch aus diesem Grund soll das Zwischenlager jetzt mit zusätzlichen Mauern an den Längsseiten der Lagerhalle geschützt werden: Höhe zehn Meter, Länge 105 Meter, Stärke 85 Zentimeter. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat den Antrag, der bereits vor drei Jahren gestellt worden war, vor wenigen Tagen atomrechtlich genehmigt. Nur noch der baurechtliche Segen des Günzburger Landratsamts steht aus.

Mittlerweile sind im Block B alle acht Messlanzen ausgetauscht und die 784 Brennelemente überprüft worden. Im November hatte es einen Hinweis auf einen Brennelemente-Defekt gegeben. Am vergangenen Dienstag (21. Januar 2014) ließ die Kraftwerksleitung Block B wieder hochfahren. 2017 soll er endgültig vom Netz gehen, Block C als einer der letzten deutschen Atomreaktoren vier Jahre später.


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3 Kommentare verfügbar

  • Michael Meissner
    am 23.01.2014
    Antworten
    Bedenken Sie mal, was auf die Bewohner der Region Fukushima für Verteilungskämpfe zukommen! Unverseuchtes Wasser, unverseuchte Fische etc. und das auch in Zukunft. Aber Hauptsache ist, die arme Industrie muss nicht leiden.
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