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Armin Laschet hat seine Qualitäten, zweifellos. Der nordrhein-westfälische CDU-Ministerpräsident ginge als so idealtypischer Repräsentant des rheinischen Frohsinns durch, dass man sich mitunter fragt, ob es sich nicht um einen Androiden des Aachener Fremdenverkehrsverbands handelt. Sagt Laschet auf einem Podium nur drei Worte in seinem anheimelnden Singsang, ergänzt das Hirn schon automatisch den dreifachen Karnevals-Tusch. Und Laschet bestätigt auch immer wieder, was der als Kabarettist camouflierte Soziologe Konrad Beikircher mal so schön formulierte: Der Rheinländer an sich hat et gern geschmeidig.

Sehr geschmeidig, ob rheinländisch oder nicht, geht die CDU bekanntlich seit jeher mit der Industrie um, und ganz in diesem Sinne präsentierte sich der Kanzlerkandidat vergangene Woche beim Arbeitgeberverband Südwestmetall. Die Anpassung an die Klimakrise dürfe den Unternehmen nicht zu sehr weh tun, forderten deren Vertreter, sie bräuchten Unterstützung und wenig Einmischung, und Laschet versprach, obacht: "Entfesselungspakete". Tätää, tätää, tätää, is dat härrlisch. Wobei, nein, das meinte er wohl ernst, wie Kontext-Redakteurin Gesa von Leesen berichtet.

Nun ist die Politik kein ewiger Rosenmontagszug, und eine Katastrophe wie die verheerenden Überflutungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mit vielen Toten schon ganz und gar nicht. Da war Laschet als Krisenmanager gefragt, den Frohsinn unterdrücken konnte er aber auch da nicht, was ihm einige Häme eingebracht hat. Ganz untypisch schlechte Stimmung bekommt der Aachener aber, wenn man ihn fragt, was er in den letzten Jahren gegen den Klimawandel getan habe und weiterhin zu tun gedenke. Braunkohlefreund Laschet hat da wenig auf der Haben-Seite, wie die meisten Mitglieder von CDU-Regierungen in der Republik, wie Kontext-Autorin Johanna Henkel-Waidhofer nachzeichnet.

Die Flutkatastrophe war eine Katastrophe mit Ansage, nicht nur in Bezug auf die schlecht funktionierende Warn-Kette, sondern auch auf die Klimakrise, wegen der ExpertInnen seit Langem gebetsmühlenartig darauf hinweisen, dass Extremwetterphänomene – extreme Niederschläge, Stürme, Hitze – deutlich zunehmen werden. Bekannt ist auch seit Langem, dass deshalb zwei Strategien verfolgt werden müssen: Treibhausgase so weit wie möglich reduzieren, um die Erwärmung abzubremsen, und Maßnahmen zur Klimaanpassung finden. Denn selbst bei augenblicklichem Ende jeglichen CO2-Ausstoßes werden die Temperaturen wegen der bereits erfolgten Emissionen und der durch die Erwärmung in Gang gesetzten Prozesse noch jahrzehntelang steigen.

An den Strategien hakt es noch gehörig, nicht nur in Sachen Hochwasserschutz, sondern auch im Umgang mit Extremtemperaturen – siehe Hitzewellen der vergangenen Jahre. Auch das ist seit Langem bekannt und wurde in Kontext immer wieder thematisiert. Das im Kessel liegende Stuttgart hat bei Starkregen und Hitzestau bekanntlich nicht die besten Karten, und der ehemalige Stadtklimatologe Jürgen Baumüller hat schon 2018 gegenüber Kontext mehr Anstrengungen für Klimaanpassung angemahnt.

Noch länger zurück liegt die erste Kontext-Veröffentlichung einer Vision, wie ein Leben dereinst aussehen könnte: Im Juli 2015 erschien die Karikatur "Klimawandel in Stuttgart" erstmals in Kontext, eine Urform datiert sogar aufs Jahr 2007. Und täglich grüßt das Murmeltier, ist man versucht zu sagen, oder in diesem Fall: das Krokodil.

Zu den großen Rätseln der menschlichen Existenz gehört, dass alle Folgen und möglichen Strategien gegen den Klimawandel im Grundsatz schon in den 1990er-Jahren bekannt waren. Damals wurden sogar einige kleine Autos mit extrem geringem Verbrauch und vernünftig bemessener Motorenleistung, etwa der VW Lupo, konstruiert – nur damit um die Jahrtausendwende das Phänomen der tonnenschweren, absurd großen und übermotorisierten SUVs beginnen konnte. Die Fahrzeuggattung wurde auch in Kontext schon gebührend gewürdigt (etwa hier und auch hier), und nun auch vom Tübinger OB Boris Palmer: Der Quartals-Borderliner, der in seinen Social-Media-Pausen bisweilen richtig gute Ideen hat, möchte die Besitzer der Karosserie gewordenen Unzurechnungsfähigkeit künftig mit 360 Euro pro Jahr fürs Anwohnerparken zur Kasse bitten. Mittelklassewagen sollen nur die Hälfte, Elektroautos nur 120 Euro kosten. Ist doch mal ein Anfang. Aber womöglich nicht ganz das, was sich Laschet unter einem Entfesselungspaket vorstellt.


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1 Kommentar verfügbar

  • Fridolin
    vor 6 Tagen
    Antworten
    Der Vorschlag des Tübinger Bürgermeisters geht in die richtige Richtung. Aber für 360 Euro pro Jahr Anwohnerparken wäre der Tübinger Mietpreisspiegel sehr deutlich abzusenken!

    Vielmehr rechnet sich die Parkplatzmiete nach aktuellen Preisen wie folgt, wenn Autofahrer und Wohnungsmieter gleich…
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