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Gestern. Heute. Vorgestern.

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Ein sehr bekannter Grüner gab kürzlich großen Blödsinn von sich. Da fiel es kaum auf, dass ein weniger bekannter Grüner auch Blödsinn von sich gab. Nun, es fiel möglicherweise auch deswegen weniger auf, weil es gewissermaßen realpolitischer, dem innerkoalitionären Interessenausgleich geschuldeter, strategisch motivierter Blödsinn war, und derlei hört man ja sehr oft. Im Grunde täglich. Beim sehr bekannten Grünen handelte es sich um den Tübinger OB Boris Palmer, beim weniger bekannten um Andreas Schwarz, den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag, von dem es heißt, er wolle einmal Kretschmann beerben.

Im Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" hatte sich Schwarz offensichtlich die Worte seines schwarzen Kollegen Manuel Hagel zum Vorbild genommen. Der hatte kurz nach seiner Wahl zum CDU-Fraktionschef den bemerkenswerten Satz formuliert, es sei wichtig, "dass wir das Morgen nicht im Gestern suchen". Der Grüne Schwarz übersetzte dies im Interview, gefragt nach Stuttgart 21 und der im grün-schwarzen Koalitionsvertrag festgeschriebenen Idee eines Ergänzungskopfbahnhofs nebst der damit verbundenen Gräben, folgendermaßen: "Es geht nicht mehr um einen ideologischen Streit." Und: "Die alten Debatten interessieren uns nicht mehr. Es geht nicht mehr wie vor zehn Jahren darum, wer recht hat." Und weiter: "Stuttgart 21 kommt. Jetzt muss man es besser machen."

Jawoll, wer will denn nicht Sachen besser machen? Ganz ohne das Gestern kommt man hier aber leider nicht aus, und das Gestern ist überdies verwirrend vielgestaltig. Denn die Entscheidung für einen Ergänzungsbahnhof beinhaltet – eigentlich – auch ein Eingeständnis des Scheiterns von S 21 vonseiten der Union. Die Abkehr von der ideologisch vorgetragenen Überzeugung, die von ihr so lange favorisierte Tunnelhaltestelle stehe für eine zukunftsträchtige Bahn-Infrastruktur. Stattdessen ist sie eine Idee von gestern. Kapazitätstechnisch sogar eine von vorvorgestern, weil unterlegen gegenüber dem Kopfbahnhof, also der Bahnhofsidee von vorgestern, die von der Leistungsfähigkeit aber nicht nur dem Heute, sondern auch dem Morgen noch ganz gut genügen würde. Besser jedenfalls als der mit Ergänzungskopfbahnhof kombinierte Tunnelhalt.

Stellt man fest, eine neue Lösung ist schlechter als die alte, wäre die logische Folge: Den neuen Quatsch stoppen, die alte Struktur aufmöbeln, in den schon gebohrten Tunnels Champignons züchten, Güter transportieren oder sonstwas, der Schnelle Brüter in Kalkar oder die WAA Wackersdorf konnten ja auch ganz passabel umgenutzt werden.

Aber so einfach geht das nicht. Weil in der Politik im Dienste des Morgen Köpfe gewahrt werden müssen, wird der alte Wahnsinn angereichert mit neuem Wahnsinn. Zum zu schrägen Tunnelhalt kommen nun noch zwei Fünftel des alten Kopfbahnhofs hinzu plus ein Gäubahntunnel. Die zwei Fünftel stehen aber nicht dort, wo sie jetzt noch stehen, sondern sollen erst abgerissen und eine Etage tiefer im Untergrund neu gebaut werden, weil oben ein neues Stadtviertel entstehen soll. Also morgen, übermorgen, ach, irgendwann.

Die Stadt Stuttgart sieht aber selbst bei dieser Variante ihre Stadtentwicklungsmöglichkeiten brutalst eingeschränkt und krakeelt – nicht nur in Person von OB Frank Nopper, sondern auch vom grünen Baubürgermeister Peter Pätzold. Der damit, wir erinnern wirklich immer wieder gerne daran, eine beachtliche Entwicklung hingelegt hat: Vor Jahren trommelte Pätzold noch dafür, dass die "wahre städtebauliche Chance" nicht beim Tiefbahnhof Stuttgart 21, sondern "eindeutig" bei einem modernisierten Kopfbahnhofkonzept liege. Seit einiger Zeit will aber auch er das Morgen lieber im Gestern suchen und ist dabei ganz im Heute angekommen.


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12 Kommentare verfügbar

  • Karl P. Schlor
    am 16.05.2021
    Antworten
    Interessant, sogar sehr! Dem Artikel sowie den Leserzuschriften dazu entnehme ich, daß zumindest die Baden-Württemberger Linken, die hier seit drei Wahlperioden dank der "Vater-
    Figur" Kretschmann herrschenden Grünen schon zur CDU verkommen sind! Und das wohl des=
    halb, weil die vielen ehemaligen…
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