Ausgabe 354
Editorial

400 Montage gegen Lug und Trug

Von unserer Redaktion
Datum: 10.01.2018

Stuttgart – die Hauptstadt des Protests. So hieß es landauf, landab, weil aus dem Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 eine Massenbewegung wurde. Zehntausende zogen einst durch die Straßen und wollten "oben bleiben". Architektinnen, Juristen, Landschaftsgärtnerinnen, Geologen, Ingenieure, Pfarrerinnen, viele kluge Leute. Es gibt hunderte StuttgarterInnen, die mittlerweile so viel Ahnung von der Materie haben, dass sie mit einiger Wahrscheinlichkeit einen besseren Bahnknoten bauen könnten, als es die Bahn versucht. Die Montagsdemo ist bei alledem immer ein Mittelpunkt gewesen. In der kommenden Woche steigt die 400. Zum Jubiläum haben wir den Schwerpunkt dieser Ausgabe auf Stuttgart 21 gelegt.

Seit Jahren prophezeien die S-21-Gegner eine Reihe von Problemen. Vom Anhydrit im Stuttgarter Untergrund über die Kostensteigerungen bis zur Anbindung des Flughafens. Und immer wurden sie flankiert von Alternativen. Aber kaum ein Alternativvorschlag hat im Laufe der Jahre Eingang gefunden in die Planungen des Projekts. Und jetzt, wo in Baden-Württemberg viele angefangene Löcher klaffen, wo die Stuttgarter Mitte ausgehoben worden ist, treffen nach und nach alle Prophezeiungen ein.

"Mit ihrer aktuellen Ankündigung, im Fernverkehr täglich nur drei Zugpaare am künftigen Filderbahnhof halten zu lassen, bringt die Deutsche Bahn sogar glühendste Stuttgart-21-Fans gegen sich auf", schreibt unsere Autorin Johanna Henkel-Waidhofer. Und tatsächlich titelten selbst die eher als tiefbahnhoffreundlich bekannten "Stuttgarter Nachrichten" gestern mit "Die Bahn bricht ihr Wort". Und das nicht zum ersten Mal, sondern schon nahezu gewohnheitsmäßig. 

Stuttgart 21 hat nicht nur planerische Schwächen, S 21 ist auch ein Lehrstück dafür, wie eine Behörde mit Kritikern umgeht. Akten und Unterlagen werden nur geschwärzt zugänglich gemacht oder müssen langwierig eingeklagt werden, Gutachten werden geschönt oder vorenthalten, Gesetze übertreten, Zusagen nicht eingehalten, Informationen vorenthalten. Winfried Wolf hat einiges davon für Kontext noch einmal zusammengefasst.

Der Tiefbahnhofsgegner und Schauspieler Walter Sittler sagte vor kurzem in einem Kontext-Interview: "Niemand würde das Gesicht verlieren, wenn man vernünftig sagen würde: Leute, wir zahlen den Architekten aus, und wir bauen etwas, das zukunftsfähig ist." Und tatsächlich fragt sich der normal begabte Mensch, warum keiner die Reißleine zieht? Stattdessen zieht das Staatsunternehmen Bahn wegen der Übernahme von Mehrkosten gegen die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg vor Gericht. Denn die beharren auf dem vereinbarten Kostendeckel. Oliver Stenzel hat den Stuttgarter Rechtsanwalt Roland Kugler gefragt, was er davon hält.

Die 400. Montagsdemo wird am kommenden Montag, um 18 Uhr, vor dem Hauptbahnhof stattfinden. Ulrich Stübler wird auch da sein. Er stand schon sehr oft vor dem Bahnhof und hat demonstriert, das erste Mal am 26. Oktober 2009, bei der allerersten Montagsdemo gegen Stuttgart 21. Anna Hunger hat recherchiert, wie es dazu kam. 

Die Zeitungen feiern sich – Kontext dankt seinen SpenderInnen 

Ja, es stimmt. Selbst die "Stuttgarter Nachrichten" sind sauer. Das wird doch nicht mit der neuen Imagekampagne der Zeitungsverleger zusammen hängen. In ihren Blättern versprechen sie ganzseitig: "Jedes Wort wert". Hier stünden die "wahren Informationen", was im Zeitalter der Fake News der Populisten von entscheidender Bedeutung sei. Und damit nicht genug. Ihre Kundschaft könne weiter Qualität, Recherche, Unabhängigkeit und somit ein unbestechliches Urteil erwarten. Sagen Leute wie der Reutlinger Zeitungspräsident Valdo Lehari jr., dessen Generalanzeiger sehr dünner Natur ist.

Nun kann es geschehen, dass bei uns freie AutorInnen anrufen und erzählen, dass Ihnen gerade ein Termin für 49 Euro fuffzig angeboten wurde. Hundert Kilometer hin und hundert zurück und achtzig Zeilen Text. Das Honorar könne auch noch durch ein Foto, sagen wir für 20 Euro, aufgebessert werden. Es sei ziemlich bitter, sagen die KollegInnen, wenn sie die Verlegerprosa sähen: "Hält Wort" – "Macht schlau" – "Gibt Durchblick" – "Schafft Relevanz".

In Kontext ist dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, das taktische Verhältnis der Zeitungsherren zur Wahrheit, oft beschrieben worden. Gerne auch im Zusammenhang mit Stuttgart 21. Diese Freiheit nehmen wir uns. Das tun wir, weil wir es können – und müssen. Für unsere Leserinnen und Leser, die sich das Gehirn nicht vernebeln lassen wollen.

Wir haben den Eindruck, dass sie das zu schätzen wissen. Dieses Bemühen, die Dinge so zu beschreiben, wie sie sind. Ohne Rücksicht auf Verlegerdarsteller, Anzeigenkunden und den vermeintlichen common sense, der nichts anderes ist als die herrschende Meinung. Auch diesmal haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese Arbeit honoriert. Ihre Spenden an Kontext waren wieder so zahlreich, dass wir guten Mutes ins Jahr 2018 schauen können. Dafür wieder einmal herzlichen Dank.


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8 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 12.01.2018
    Sehr geehrter Herr Jackson ,
    ich zitiere Sie ." Am besten man engagiert sich in der Entscheidungsphase. Und nicht wenn die Bagger kommen. Das führt nur zu Frust."
    Ich finde eine pervertierende Aussage. Wissen Sie nicht , daß es eine "Schlichtung" gab ?
    Wissen Sie nicht , daß in dieser Schlichtung überwiegend Experten für die S 21 Gegner
    aufgelaufen sind . HopfenTzitz/Vieregger & Partner usw.
    Selbst wenn Sie unterstellen diese usw- seien ausschließlich Rentner und Hausfrauen
    ( diese Personen wie die gesamte K-21 Bewegung diffamieren Sie damit synonym als Ahnungslose und Dummköpfe , - sind Sie ein Hausfrauenhasser und Rentnerhasser ?
    Blicken Sie auf deren Lebenserfahrungen herab ? Halten Sie diese , z.B. ingenieure im Ruhestand , für beruflichen Ausschuß ? Sind all diese Menschen nicht fähig logisch zu denken oder ihre Lebenserfahrungen bzgl. Umgang der Politik und der "Wirtschaft" mit ihren Steuergeldern nicht einschätzen zu können ?) ,
    wenn es wahr wäre , dann müssten Sie ihre "damaligen und heutigen Experten", die sich reihenweise verdünnisieren mit Begriffen wie Vollidioten , Kriminelle und Schlimmeres titulieren , um die ihrer Meinung nach hohe Wissens-und Befähigungsdiskrepanz angemessenen darstellen zu können.
    Nehmen Sie alleinig die regelmäßigen Kostensteigerung bis dato als Argument gegen ihre "Experten".
    Man hat das Gefühl Sie sind erst seit kurzem mit dem Thema und mit "Befriedung" befasst .
    • D. Hartmann
      am 12.01.2018
      Sehr geehrte Frau Müller,

      Ihre sehr engagierte Erwiderung zu Herrn Jacksons Bemerkungen geht bei Herrn Jackson sicher ins Leere. Er hat hier ein Lehrbuchbeispiel des Dunning-Kruger-Effekts abgeliefert. Wenn Sie Herrn Jackson helfen wollen, sollten Sie ihm Nachhilfe in Logik geben.

      Mehr zum Dunning-Kruger-Effekt z. B. unter: http://www.20min.ch/wissen/history/story/Warum-sich-Inkompetente-fuer-kompetent-halten-29003823
  • Colin Jackson
    am 11.01.2018
    Nunja, es ist das Leichteste im Leben Kritik zu üben.
    Wenn ein Mensch die Stimme eines Frosches hat ist er in der Lage den Gesang eines Opernsängers zu kritisieren.
    Selbst wenn man keine zwei Schritte geradeaus laufen kann ist es möglich den Freistoßschützen zu kritisieren, der den Ball aus dreißig Meter wenige Zentimeter neben das Tor setzt.
    Und wenn man keinen Nagel unfallfrei in die Wand schlagen kann so ist es ein Leichtes, dem Nachbar beim Hausbau zuzuschauen und über jeden Handgriff zu lästern.

    Je geringer das eigene Leistungsvermögen, desto ausgeprägter ist häufig das Kritikverhalten.

    Man könnte sich ja mal fragen, warum die anderen die Macher und Gestalter sind. Und warum man es selbst nur zum kritisierende Zuschauer geschafft hat.
    Aber Achtung: Selbstreflexion ist für viele anstrengender als mit dem Finger auf andere zu zeigen.
    • Ignaz Wrobel
      am 11.01.2018
      Wie schön, daß Sie Ihr Verhalten offenbar doch selbstkritisch beleuchten können-wenn Sie wollen.
      Oder sollte die von Ihnen als Kritik getarnte ,wiederholt generalisierende Beschreibung eines imaginären „man „ am Ende doch nur auf Verharren im schlagwortgeschwängerten Dunstkreis Jener bestehen, die blinden Aktionismus für sinnvolle gestalterische Tatkraft halten ?
      Ihre zirkelschluß-basierten Aussagen sprechen – weil Sie sie ad hominem und nicht auf Fakten richten – eher für letzteres. Es sei denn, Sie sprechen ständig mit sich im pluralis majestatis.
      Was für sich genommen auch schon bedenklich ist. Wie ganz Schilda 21.
    • Daniel S
      am 11.01.2018
      Oho, die Macher und Gestalter! Ja haben ehct großartiges geleistet... nicht!

      Wenn der Opernsänger einen schlechten schlechten Auftritt hinlegt, wieso sollte ihn dann keine Froschstimme kritisieren dürfen? Kritik jetzt nur noch von Experten oder was? Wer legt fest, wer sich dann zu was äußern darf?!

      Schaun sie mal ins GG, das ist schon sinnvoll was da steht.
      Kann sein, dass es leicht3er ist, Kritik zu üben. Na und? Soll man es deswegen bleiben lassen?! In dem Fall ist es ja ganz offensichtlich mehr als angebracht!

      Haben sie sich die Argumente mal ernsthaft angehört?Kommen ja durchaus auch von Leuten die Ahnung haben. Die ganz genau begründen können und auch extrem einleuchtend, warum sie das Projekt ablehnen. Nü?

      Es ist iene extrem anti-demokratische Haltung wenn man das Recht zur Kritik nur denen zusprehcen will, die für etwas verantwortlich sind. Dem Bundestrainer zum Beispiel. Denn das immunisiert jeden Mist gegen die Kraft des vernünftigen Arguments, von dem egal ist, wer es sagt weil entscheidend ist, WAS gesagt wird.
  • Colin Jackson
    am 10.01.2018
    Natürlich könnten die Hausfrauen und Rentner einen besseren Bahnknoten bauen.
    Es ist wie auf der Haupttribüne beim VfB. Der der den größten Kessel hat und noch nie einen Ball ins Tor geschossen hat schreit und bruddelt am lautesten. Und hat am meisten Ahnung. Und in der Eckkneipe kann jeder locker den Job von Angela Merkel oder António Güterrestaurant machen.
    Haben Sie schon Mal etwas von Dunning-Kruger-Effekt gehört? ;-)
    • D. Hartmann
      am 10.01.2018
      Herr Jackson,

      wie kommen Sie denn darauf, die Hausfrauen und Rentner dächten, sie könnten einen besseren Bahnknoten bauen?

      Das ist nämlich gar nicht notwendig, da der bessere schon exisitiert, wie die von Ihnen angesprochen Hausfrauen und Rentner wissen. Der vorhandene (Kopf-) Bahnhof war bereits bestens geeignet, alle bahnverkehrlichen Anforderungen auch in Zukunft zu erfüllen. Dies hat der Stress-Test vor Jahren klar gezeigt.

      Vielleicht war diese Erkenntnis Ihnen bisher nicht bekannt, weil Sie erst vor Kurzem in die Diskussion eingestiegen sind. Aber Sie liefern damit ein "nettes" Beispiel für Dunning-Kruger-Effekt. Sie unterschätzen die Kompetenz anderer, hier der Hausfrauen und Rentner. Letztere haben natürlich auch den Vorteil, im Alltag mehr Zeit für Informationsgewinnung und -verarbeitung zu haben.
    • Ignaz Wrobel
      am 10.01.2018
      Dunning-Kruger-Effekt . Ähnlich wissenschaftlich valide und unumstritten wie " Dr.Horst-Kevin"-Postulate ( Ihrem alter ego ? Alternativen: s.u. ) in den Kommentaren der Wissenschaftspublikation erster Provenienz " Stuttgarter-Zeitung ", welche sich seit 19.12.17 wegen offensichtlich geahnter Katastrophenszenarien und folglich publikationspflichtiger, jahrelang vertretener Irrtümer aus der „Fachdiskussion“ vermittels Einstellung der Leserkommentarfunktion verabschiedet hat. Ein Dominoeffekt erfaßte zunächst Top-Manager und Top-Meinungsbildner ( Kefer 12/16, Grube 01/17 und Ostermann-Pseudonyme 08/16 ), seit Herbst 2017 dann auch die „akademischen Wasserträger „aus der Projektbefürworter-„Forschungsgruppe“( „Stuttgart 21 -1 Finger auf 5 Schirmen müssen reichen „) um Selbstpromovierte, FH Diplomösen, Peters, Maiers, Freys, Heines, Stephans, Zahns ,Kruses, Moses`, Brauns, Bayers, Hubers, Webers, Biberles, Steinerts, Krauses et al.
      Deren Auftrag ( S 21- oder die Quadratur des Kreises ) ist –wie die Veröffentlichung schnöder Realitäten der letzten Tage zu Durchbindungen, Verkehrsbedarf am Flughafen und auf der Neubaustrecke , Baubarkeit eines Flughafenbahnhofs , Nichtvorhandensein elementarer Planungen zu Brandschutz und Entfluchtung oder Preisexplosion des Gesamtprojektes zeigen,- krachend gescheitert.
      Bevor Sie also hier vorwissenschaftliche Argumentationen führen, sollten Sie die Validität der von Ihnen für Ihre Thesis benutzten Eingangsparameter sorgfältig prüfen : Da die von Ihnen kritisierten erkennbar recht hatten-und dies seit über 7 Jahren auch öffentlich bekannt hatten – waren es eben keine „ Hausfrauen und Rentner „. Oder -um die abwertend-despektierliche Titulierung Ihres Postulates nicht noch unnötig aufzuwerten – diese Kritiker hatten nicht nur „mehr auf der Pfanne „ als die vermeintlichen Fachleute, sondern neben logischem Denkvermögen noch eine alte, scheinbar ganz „aus der Mode „ gekommene Eigenschaft : Sie dachten konsequent und waren ehrlich.
      Zumindest die letzten beiden Eigenschaften scheinen Ihnen eher abzugehen.

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