KONTEXT Extra:
NSU: Maulkorb für Drexler

Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des ersten und des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag, soll seine massive schriftliche Kritik am ARD-Film zum Mord an Michèle Kiesewetter vorerst nicht wiederholen. Der frühere SPD-Fraktionschef und Landtagvizepräsident hatte die Produktion, die am Montag ausgestrahlt wurde und für die der SWR mitverantwortlich zeichnet, als "grob falsch, unsachlich und anstößig" bezeichnet. Jetzt liegt der Landtagsverwaltung ein mehrseitiges Schreiben eines Rechtsanwalts vor, in dem Drexler zur Unterlassung etlicher Aussagen aufgefordert wird.

Drexler hatte sich per Pressemitteilung nach der Trauerfeier zum zehnten Jahrestag des Terroranschlags geäußert. Auf dieser habe er Kollegen getroffen, die wie er selbst den Fernsehbeitrag "mit Bestürzung" verfolgt hätten. Ein Punkt von vielen: Es sei suggeriert worden, die Polizistin habe selbst Heroin konsumiert und sei davon abhängig gewesen. Das verstoße "nicht nur gegen das Gebot journalistischer Sachlichkeit", sondern sei gerade zum jetzigen Termin "unpassend und für die Angehörigen belastend, wie etwa die ebenfalls verwendeten Bilder der grausam Ermordeten im Badeanzug". Er halte "derartige gänzlich unbewiesene Anwürfe für grob anstößig". Für Heroinkonsum hätten sich in der "intensiven mehrjährigen Aufklärungsarbeit" keine Hinweise ergeben.

Als "ähnlich perfide" bezeichnet der frühere Landtagsvizepräsident und SPD-Fraktionsvorsitzende die Versuche, "trotz ausführlicher Widerlegung, unmittelbare Kontakte zu Rechtsextremen zu unterstellen". Zudem irritiere, "dass die Verfasser sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht hätten, die Protokolle oder wenigstens die Abschlussberichte der Untersuchungsausschüsse des Bundestags und des Landtags von Baden-Württemberg zur Kenntnis zu nehmen. Etwa wenn es um das Umfeld der beiden Opfer in ihrer Einheit gehe, auch würden die mittlerweile erfolgten teilgeständigen Einlassungen von Beate Zschäpe, die die Täterschaft von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auch an der Tat von Heilbronn einräumt, vollständig ignoriert, ebenso wie etwa das Bekennervideo des NSU und seine Entstehung bereits bis Ende 2007". Mündlich wiederholen mochte der Ausschussvorsitzende seine Kritik einen Tag vor den nächsten Zeugenvernehmungen nicht. Die Landtagsjuristen prüfen gegenwärtig das Schreiben des Anwalts. (27.4.2017)


Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 148
Gesellschaft

Aktionsbündnis auf Schrumpfkurs

Von Annette Ohme-Reinicke
Datum: 29.01.2014
Am 21. 1. dieses Jahres haben vier Gruppen das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" verlassen: der BUND Regionalverband Stuttgart, der VCD Landesverband Baden-Württemberg und der PRO BAHN Regionalverband Region Stuttgart – alle drei den Grünen nahe stehend. Ausgetreten ist auch der Stuttgarter Kreisverband der Grünen. Das bedeutet: Die Grünen haben sich offiziell vom außerparlamentarischen Protest gegen Stuttgart 21 verabschiedet.

Die Stuttgarter Ereignisse werden in den Medien mit erstaunlicher Dramatik begleitet. Dies geschieht, seitdem der Stuttgarter Ordnungsbürgermeister Schairer (CDU) Ende November letzten Jahres kurz vor der 200. Montagsdemonstration den Versuch unternahm, die Demonstrationen vom Herd des Konflikts, dem Stuttgarter Hauptbahnhof, zu entfernen. Die "Süddeutsche Zeitung" mutmaßte am zweiten Dezember: "Der vielleicht bekannteste Bürgerprotest der Republik steht vor einer symbolträchtigen Zäsur." Nachdem sich am 14. Januar über tausend Demonstranten einer ordnungsamtlichen Vorgabe widersetzten, eigenmächtig eine Demoroute wählten und die Ordnung verletzten, konstatierte die Lokalpresse, nun sei der "Frieden in der Stadt" gefährdet.

Acht Tage später traten die Grünen mit den drei anderen Gruppen aus dem Aktionsbündnis aus. Die Lokalpresse berichtete, jetzt auf Seite eins, von "autonom agierenden Aktivisten", und selbst die DKP, die in den Protesten wahrlich keine Rolle spielt, wurde bemüht, um Stereotype zu generieren. Die Grünen seien gar "in die Propagandamaschine radikaler Aktivsten geraten", aus der sie sich gerade noch rechtzeitig befreit hätten, so die "Stuttgarter Nachrichten". Die Botschaft ist deutlich: Die Protestbewegung gegen Stuttgart 21 habe sich gespalten in Realisten hier und Unbelehrbare dort. Während die Grünen, knapp davongekommen, die Plätze des öffentlichen Protests verlassen, blieben nur noch Extremisten übrig. Der Austritt war sogar eine dpa-Meldung wert, und die Zeitung "Die Welt" fragte umgehend: "Verläuft der Widerstand gegen das Bahnprojekt nun im Sande?"

Die einen wollen weiter Widerstand leisten, die anderen fachlich arbeiten

Nach eigenem Bekunden tendieren die vormals im Aktionsbündnis vereinten Gruppen in zwei Richtungen. Die einen wollen "Facharbeit" leisten, sich etwa in Genehmigungsverfahren einmischen oder auf den Artenschutz achten. Die anderen wollen weiterhin "aktiven Widerstand" leisten und ihren Protest in den öffentlichen Raum tragen. Während Letztere davon überzeugt sind, dass Stuttgart 21 an sich selbst zusammenbrechen werde, erheben Erstere keinen "Anspruch mehr darauf, das Projekt zu stoppen", so Gerhard Pfeifer vom BUND gegenüber Kontext.

Selbst nach dem Austritt der Grünen-nahen Vereinigungen besteht das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 aus zehn Gruppen. Vertreten sind die aktiven Parkschützer, der Parkschützerrat, die "Gewerkschafter gegen Stuttgart 21", die Gruppe "SPDler gegen Stuttgart 21", die Schutzgemeinschaft Filder, die "Architekten gegen Stuttgart 21", das Architekturforum von Roland Ostertag, die Gruppe "Bürgerbahn statt Börsenbahn", die Linkspartei und das Wählerbündnis SÖS. Die beiden Letzteren sind wiederum im Gemeinderat vertreten. Das ist immer noch ein breites Bündnis. Auch die Zahl der Montagsdemonstranten war nach dem Austritt nicht geringer als vorher. Warum also plötzlich die große mediale Aufmerksamkeit?

Aktionsbündnis in Aktion. Foto: Martin Storz
Aktionsbündnis in Aktion. Foto: Martin Storz

An der Zustimmung zu Stuttgart 21 sei momentan nicht zu rütteln, meint Gerhard Pfeifer. Sie sei schon länger "politisch eingefädelt" worden, nämlich durch die Volksabstimmung und vor allem durch die Aufsichtsratssitzung der Bahn im vergangenen Jahr, als Staatssekretär Pofalla noch die Fäden zog. Die Volksabstimmung war freilich das Projekt der Grünen, und die "politische Einfädelung" wurde von denen betrieben, um deren Koalitionsgunst sich die Grünen vorausschauend auf Bundesebenen bemühen: der CDU.

Endlich die "Versöhnungslinie" Winfried Kretschmanns anerkennen

So erzählt man sich auf den Fluren des BUND angeblich, die im Aktionsbündnis verbliebenen Grünen-nahen Zusammenschlüsse seien vornehmlich von der BUND-Landeschefin, Brigitte Dahlbender und "dem Staatsministerium" gedrängt worden, nun endlich die "Versöhnungslinie" Winfried Kretschmanns anzuerkennen. Diese besagt: Stuttgart 21 sei zuzustimmen, als Legitimation diene die umstrittene Volksabstimmung. Pikanterweise wurde der Austritt weder des BUND, des VCD, noch der Grünen mit deren jeweiliger Basis abgesprochen, sodass für Krach innerhalb der Verbände gesorgt sein dürfte. Stadtrat Tom Adler, ebenfalls Mitglied des Aktionsbündnisses, meint, das Austreten der vier Gruppen aus dem Aktionsbündnis sei nichts anderes als der Versuch, "den Protest auf der Straße zu schwächen" und den Weg frei zu machen für "Kretschmanns Orientierung auf Schwarz-Grün".

Die Differenzen innerhalb des Bündnisses klangen auch aus den eigenen Reihen bereits im Dezember letzten Jahres an. So bemerkte Volker Lösch in einer Rede: "Wer Partei- und Machtinteressen denen des Widerstands gegen S 21 vorzieht; (...) wer sich von den Zielen der Bürgerbewegung in Raten distanziert: Der soll wenigstens so ehrlich sein, das offen auszusprechen und die längst fälligen Konsequenzen daraus ziehen!" Gemeint waren die Grünen. Im selben Monat schrieb Clarissa Seitz, in Personalunion Stadträtin der Grünen, Kreisvorsitzende des BUND Stuttgart und bis vor Kurzem Sprecherin des Aktionsbündnisses: "Stuttgart 21 ist politisch nicht zu stoppen. Dazu fehlen die Mehr­heiten in allen Parlamenten. Wir Grünen sind realistisch genug, die Mehrheiten in allen Parlamenten für S 21 zu erkennen." Parlamentarische Mehrheiten sollten der Argumentation zufolge ein "realistisches" Kriterium für erfolgreichen Protest sein.

Misstrauen in Parteien und Parlamenten dynamisierte den Protest

Die parlamentarischen Mehrheiten gegen Stuttgart 21, die Clarissa Seitz als Bedingung für erfolgreiche Proteste anführt, hat es allerdings nie gegeben. Es war nicht das Vertrauen, sondern das Misstrauen in Parlamente und etablierte Parteien, das die Bewegung gegen Stuttgart 21 dynamisierte und einen "Druck der Straße" erzeugte, vor dem Angela Merkel und Dieter Hundt bald warnten. Die protestierenden Bürger haben intuitiv das praktiziert, was die Grundlage des klassischen Politikbegriffs, zumal des kommunalen, per se ist: Sie beanspruchten, dass die Bürger die öffentliche Sache, hier den Bahnhof, in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung stellen und, unabhängig von Parteizugehörigkeiten, als res publica verhandeln. Sie waren nicht parteiisch, sondern agierten unabhängig von Parteizugehörigkeiten.

Damit ging die implizite Kritik an einem Parteiensystem einher, das vielen als bloße Simulierung von Politik erscheint und selbst von renommierten Wissenschaftlern als "postdemokratisch" bezeichnet wird. Die Menschen haben dagegen eigene Formen der Repräsentation gefunden. Solchermaßen aktive Bürger werden unkalkulierbar für Parteien jedweder Couleur, weil sie deren Logik nicht gehorchen, aber gleichwohl zu einem politischen Faktor werden können.

Hier offenbart sich das aktuelle Dilemma der Grünen gegenüber der Bürgerbewegung: Die Grünen beharren auf den repräsentativen Parlamentarismus, während die Bürger gerade die Erfahrung gemacht haben, dass sie erst dann wahrgenommen werden, wenn sie außerparlamentarisch aktiv sind. Eine Erfahrung, aus der heraus die Partei der Grünen übrigens selbst entstanden ist. Der geforderte "Realitätssinn", sich "Mehrheitsverhältnissen" zu unterwerfen, wird als Vortäuschung politische Rationalität verstanden. Denn das real existierende politische System stellt immer wieder aufs Neue seine Irrationalität unter Beweis. Etwa dann, wenn sehenden Auges für viel Geld und mit großem ideologischen Getöse technische Großprojekte in die Welt gesetzt werden, die keinerlei Sinn für die Gesellschaft haben. Eine Ironie dabei ist, dass neuste Umfragen (Kontext, Stadt Stuttgart) tatsächlich eine Mehrheit gegen Stuttgart 21 ermittelten.

Kretschmann: "Mehrheit wichtiger als Wahrheit." Foto: Martin Storz
Kretschmann: "Mehrheit wichtiger als Wahrheit." Foto: Martin Storz

Den geltenden Maßstab grüner Parteipolitik offenbart Winfried Kretschmann. Während einer Montagsdemonstration im August 2010 hielt er den Aussagen, Stuttgart 21 sei von den Stadtgremien demokratisch befürwortet worden, entgegen: "Aber: Zu solch einem Verfahren gehören Wahrheit, Klarheit und Offenheit." Damit sprach er dem Projekt die Legitimation ab, obwohl es den formalen Gang durch die parlamentarischen Institutionen genommen hatte. Vor der Bundestagswahl lautete das Credo des Regierungspolitikers Kretschmann: "Mehrheiten sind wichtiger als die Wahrheit." Auf den öffentlichen Streit um die Sache, den er vehement gefordert hatte, soll nun zugunsten von Mehrheiten unbedingt verzichtet werden.

Macht der Bürgerbewegung gegen Machtgewinn im Parlamentarismus

Der tiefere Grund des Ausstiegs der Grünen und ihrer Verbündeten aus dem Aktionsbündnis liegt folglich in grundverschiedenen Politikformen: Eine misst Erfolge an parteipolitischem Machtgewinn innerhalb des repräsentativen Parlamentarismus, die andere setzt auf die Macht der Bürgerbewegung. Das ist historisch nichts Neues. Schon die viel zitierte Hannah Arendt beschreibt den Konflikt zwischen Parteien und "Aktionsorganen" als ein immer wiederkehrendes Phänomen im Verlauf politischer Auseinandersetzungen.

Doch der Stuttgarter Bürgerbewegung fehlt es derzeit auch an überzeugenden Perspektiven. Immer wieder hört man von einem "Tropfen", der das Fass zum überlaufen bringe, und davon, dass das Projekt "an sich selbst scheitern" werde, weil dessen Realisierung technisch gar nicht machbar sei. Der feinste Riss in der Mauer eines von Bauarbeiten betroffenen Hauses wird als quasi schicksalhaftes Zeichen gedeutet, dass es nun bald so weit sei und das ganze Gebäude Stuttgart 21 in sich zusammenbrechen werde, "jetzt, wo die Sackgassen des Projekts immer deutlicher werden", schrieb ein Mitglied des Aktionsbündnisses noch vor zwei Wochen.

Man fühlt sich an Diskussionen erinnert, die mithilfe ökonomischer Gesetzmäßigkeiten den Glauben an den zwangsläufigen Zusammenbruch des Kapitalismus nährten und die Überzeugung fütterten, unumstößlich auf der Gewinnerseite zu sein – wenn nicht jetzt, so doch sicher irgendwann. So ein Zustand kann jedoch lange andauern, und es scheint, als ersetze der tiefe Glaube an einen Zusammenbruch des Projekts Stuttgart 21 eine Diskussion um eigene politische Ziele. Während die Grünen und ihnen nahestehende Organisationen um Mehrheiten taktieren, schaut offenbar die Masse der Stuttgart-21-Gegner eindimensional auf den Bahnhof.

Aber da ist noch etwas, das nervt. Nämlich die allmontäglichen Demonstrationen, seit inzwischen sage und schreibe über vier Jahren. Zwar stellen die Stuttgart-21-Gegner längst keine Bedrohung mehr für irgendeine Regierung dar. Aber diese "laute, zähe, selbstbewusste Minderheit", wie der "Spiegel" vor gut vier Wochen schrieb, hat die Wirkung einer Fliege, die am Einschlafen hindert. Denn sie hält in penetranter Weise Erinnerungen wach. Die protestierende Minderheit nervt die CDU, weil sie an deren größte Niederlage in Baden-Württemberg erinnert: dem Verlust der Regierungsmacht. Der Protest nervt die SPD, weil er erhebliche Diskussionen und Zerwürfnisse innerhalb der Partei provozierte und diese – trotz "Infrastrukturpartei"-Bekenntnis – nur auf Platz zwei der Regierungshierarchie gelandet ist.

Der Protest ist eine Fliege, die am Einschlafen hindert

Der Protest nervt die Grünen, weil er sie nicht als Wortführer anerkennt, ihnen das letzte Wort in Sachen Stuttgart 21 abspricht und sie peinlich daran erinnert, dass ihnen die Protestbewegung längst zur Manövriermasse um Mehrheiten geworden ist, mit der sie ein unredliches Spielchen treiben, ja aus ihrer parteipolitischen Logik treiben müssen. Der Protest nervt auch manche resignierten Stuttgart-21-Gegner, weil sie an ihre Enttäuschung, das Projekt nicht verhindert zu haben, nicht erinnert werden wollen. Und er nervt selbstverständlich einige Autofahrer, die montags eine halbe Stunde im Stau stehen. Aber diese Autofahrer können nach Hause fahren und sind ihn los, die Parteien dagegen nicht. Kurz: Die montäglichen Demonstrationen erinnern daran, dass trotz Verboten des Ordnungsamts in dieser Stadt nicht alles in Ordnung ist und sich diese Form der Unordnung offenbar weder verbieten lässt noch parlamentarisch repräsentiert werden will.

Als die Grünen 2007 dem Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 beitraten, begann ihr politischer Aufstieg in Baden-Württemberg: Sie wurden bald größte Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat und waren fortan Hoffnungsträger selbst für konservative Wähler. Ohne die Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 wären die Grünen in Baden-Württemberg kaum an die Regierung gekommen. Längst haben sich zahlreiche enttäuschte Wähler abgewandt. Selbst der frühere Direktor des Stuttgarter Hauptbahnhofs und ehemaliges CDU-Mitglied, Egon Hopfenzitz, erklärte vor der Bundestagswahl, nun die Linkspartei zu wählen.

In wenigen Monaten wird wieder ein Stuttgarter Gemeinderat gewählt. Etliche Gemeinderäte der Grünen treten nicht mehr an. Auch die Stuttgart-21-Gegner dürften sich andere Adressaten suchen. Aus wahltaktischen Gesichtspunkten wäre es deshalb für die Grünen das Angenehmste, es gäbe diese Bürgerbewegung gar nicht mehr. Da könnte der Vorstoß des Ordnungsbürgermeisters und der medial inszenierte Dämon "systemgefährdender Extremisten", die sich mit der Demokratie nicht vertragen würden, gerade recht gekommen sein.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!