Natürlich war es eine wahltaktische Heuchelei, über die sich die Grünen pflichtschuldig heftig empört haben: Ausgerechnet CDU und FDP, nicht gerade Klimaschutzparteien, beantragten eine Sondersitzung des Umweltausschusses im baden-württembergischen Landtag. Es ging um den Umgang der Landesumweltministerin Thekla Walker (Grüne) mit dem Treibhausskandal bei dem Bad Wimpfener Chemieproduzenten Solvay: Jahrelang hat dieser tonnenweise Schwefelhexaflourid (SF6) in die Atmosphäre geblasen, das Gas ist 24.000-mal klimaschädlicher als CO2 (Kontext berichtete).
Aber so durchsichtig das Motiv von CDU und FDP auch gewesen sein mag, eines haben die zweistündigen Befragungen der Ministerin und der Stuttgarter Regierungspräsidentin in schonungsloser Klarheit offengelegt: Der Klimaschutz, eines der grünen Urthemen, genießt längst nicht mehr die Priorität, die ihm in Sonntagsreden und grünen Parteiprogrammen zugedacht wird. Noch vor wenigen Jahren hätte man es für unmöglich gehalten, dass sich ausgerechnet eine grüne Umweltministerin von einer konservativen Interessenkoalition Vorwürfe machen lassen muss, sie hätte einen Skandal nicht nur verschleiert, sondern sei sich der Dimension lange nicht bewusst gewesen und habe viel zu langsam reagiert. Als Begründung für das jahrelange Behördenversagen hört man von Walker Ausflüchte, die samt und sonders aus dem Vokabular ihrer konservativen Vorgänger stammen könnten.
Ein Glück nur, dass die wackeren Hüter des umweltpolitischen Durchblicks während der Sitzung gar nicht gemerkt haben, wie sie von der Ministerin und der Stuttgarter Regierungspräsidentin Susanne Bay (ebenfalls Grüne) eingeseift worden sind. Ohne ihn direkt beim Namen zu nennen, bemühten beide geradezu mantraartig den Birkel Flüssigei-Skandal aus den 1980er Jahren zur Rechtfertigung für die nicht erfolgte Information von Landtag und Öffentlichkeit. Damals sei das Land wegen Geschäftsschädigung zu einer hohen Schadenersatzzahlung verdonnert worden. Das wolle man nicht noch einmal riskieren. Die beiden Spitzenpolitikerinnen haben freilich verschwiegen, dass sich am Ende herausstellte, dass die Vorwürfe berechtigt waren und das Land viel zu früh juristisch kapituliert hatte. Was damals von Abgeordneten einer noch jungen Partei, der Grünen, heftig kritisiert worden ist. Wie sich die Zeiten doch ändern!
Alles so schwierige Materie
Doch jenseits ihrer rechtlich verbrämten Ausflüchte sind bei den Statements von Walker und Bay rasch die eigentlichen Probleme beim Umgang mit dem SF6-Skandal ans Tageslicht gedrungen. Nachdem der Frankfurter Atmosphärenchemiker Andreas Engel im Frühjahr 2023 mit Unterstützung des hessischen Umweltministeriums erstmals die baden-württembergische Behörde alarmiert hat, dass da im Großraum Heilbronn-Stuttgart eine riesige Menge des Klimakillergases SF6 anscheinend unkontrolliert in die Luft geblasen wird, wurde Ministerin Walker nach eigener Aussage erstmals im Frühjahr 2024 in diese Angelegenheit "eingebunden". Das muss man sich einmal vorstellen: Da entweicht irgendwo im Land in riesigen Mengen das weltweit klimaschädlichste Treibhausgas – und die grüne Ministerin erfährt davon erst ein ganzes Jahr später! “Ja, gut. Im Nachhinein hätten wir schneller reagieren müssen... aber schwierige Rechtslage... komplizierte Materie... neuartiges Messverfahren... Verursacher unklar...”




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