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AfD-Beilagen

Kontext rät ab

AfD-Beilagen: Kontext rät ab
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Es ist immer das selbe Spiel: Bürgerliche Zeitungen jubeln ihren LeserInnen rechte Propaganda unter und wundern sich, wenn sie Prügel kriegen. Kontext erklärt ihnen, wie sich solche Fehler vermeiden lassen und warum Bio-Säfte die bessere Strategie sind.

Die Ausgangslage: Das Stuttgarter Pressehaus hat's getan, die "Badische Zeitung" und jetzt der "Südkurier". Angefangen hat die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), in deren Verbreitungsgebiet von Offenburg bis Coburg 16 Anzeigenblätter erscheinen. In Stuttgart heißt eines davon "Wochenende". Im August 2017 überraschte es mit dem beigelegten "Deutschland-Kurier", den man getrost ein braunes Hetzblatt nennen darf, herausgegeben vom "Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten".

Im Dezember 2020 folgte die "Badische Zeitung", deren Wochenzeitung "Der Sonntag" ein Produkt namens "Stadt im Blick" beigelegt war. Als Herausgeber zeichneten die AfD-Stadträte Detlef Uber und Dubravko Mandic, den man ungestraft einen Nazi nennen darf. Von der NPD unterscheide man sich vornehmlich durch "unser bürgerliches Unterstützerumfeld", schrieb Mandic auf Facebook, "nicht so sehr durch Inhalte".

Und jetzt also der "Südkurier" in Konstanz, der seine Kundschaft am 24. Februar 2021 mit der AfD-Beilage "Seesicht" beglückt. Sauber ausgewiesen auf der Titelseite mit dem Vermerk, dass die AfD für die Wahlwerbung verantwortlich und der "Sonderdruck" nicht Teil der Berichterstattung des "Südkurier" sei. Später schob der Marketingleiter Christian Wulf nach, der Inhalt spiegle nicht die "Haltung unseres Verlags" wider. Siehe dazu in dieser Kontext-Ausgabe den Artikel Werte im Ausverkauf.

Soweit die Faktenlage. Unübersehbar dabei ist die Blindheit des leitenden Personals, die dringend einer Heilung bedarf, um weiteren Schaden von der freien Presse abzuwenden. Vor diesem zutiefst demokratischen Hintergrund sind die Kontext-Ratschläge für die VerlegerInnen, ChefredakteurInnen, AnzeigenleiterInnen und Marketingfachleute zu sehen.

Erstens: Bevor solche Beilagen gedruckt werden – lesen. Wer mit einschlägigen Namen nichts verbindet, Kopp-Verlag, Mandic, Otterbach, kann Experten in der Redaktion fragen, die es immer noch gibt. Ein so erworbenes Grundwissen bewahrt vor Knoten im Gehirn und in Erklärungen, mit denen man sich eine erboste LeserInnenschaft wieder gewogen machen will. Meist mündet die argumentative Kraft der Chefs, aus welcher Abteilung auch immer, in der Auskunft, dass eine Demokratie viele Stimmen habe, deren Verlautbarung Aufgabe einer unabhängigen Presse sei. Das hinterlässt häufig einen schalen Geschmack beim Publikum, das bisweilen darüber rätselt, welche Stimmen der Zeitung gerade wichtig sind und welche nicht. Im Falle des Konstanzer OB-Kandidaten Luigi Pantisano entdeckte beispielsweise der "Südkurier" plötzlich solche, die diesen wegen verheimlichter Linksradikalität unwählbar machen sollten.

Zweitens: Bevor solche Beilagen gedruckt werden – rechnen. Das klingt jetzt komisch, weil den Pressefürsten, meist sind sie wirklich männlich, zumindest eines zugebilligt wird: eins und eins zusammenzählen zu können. In letzter Zeit hat man freilich seine Zweifel, etwa wenn die SWMH (Umsatz knapp eine Milliarde Euro) das Pressearchiv der vereinigten Stuttgarter Zeitungen (Personalkosten ca. 200.000 Euro) schließt und sagt, dies geschehe aus "wirtschaftlichen Gründen".

Marketingtechnisch, vom publizistischen Sündenfall ganz abgesehen, ist das ein No-Go. Es wird auch nicht besser, wenn steil abfallende Abo- und Reklameerlöse angeführt werden, die wiederum Redaktionsschließungen, -zusammenlegungen, Kurzarbeit und diverse andere Sparmaßnahmen in Millionenhöhe nötig machten. Das Beilegen des "Deutschland-Kuriers" hat dem Stuttgarter Pressehaus 10.000 Euro gebracht, die "Seesicht" dem "Südkurier", laut dem AfD-Verantwortlichen Thorsten Otterbach, 15.193 Euro.

Drittens: Bevor solche Peanuts aus den Ecken gekehrt werden – nachdenken. Über neue Strategien der Kundenbindung zum Beispiel. Bitte nicht immer nur neue Newsletter erfinden, oder neuerdings auf Tiktok-Seminare gehen, um die Generation Z zu erreichen. Und wie gesagt, die braunen Beilagen schmutzen nur. Weniger geeignet erscheinen auch ganzseitige Leserreisen-Anzeigen für eine "große Grönland-Expedition 2021" zu Reisepreisen zwischen 8.999 und 12.599 Euro. Die "Stuttgarter Zeitung" muss sich dann von der Kundschaft fragen lassen, ob sie so dicht am Abgrund stehe, dass sie von so "unanständigen Anzeigen" abhängig sei? Ausgerechnet in diesen Zeiten. Besser ist der Coup von SWMH-Geschäftsführer Christian Wegner. Er hat das Wohlfühlportal "7 Mind" gekauft, das sich der Meditation und Achtsamkeit verschrieben hat und nach anstrengender Zeitungslektüre ungeahnte Erholungseffekte haben kann.

Last, but not least: Inspiriert von "7Mind", das Zuhause als Zufluchtsort im Blick, könnte der verlegerisch uninteressierte Sohn von Christine Bechtle-Kobarg, der Ex-Eigentümerin der "Eßlinger Zeitung", ins Reich der SWMH heimgeholt werden. Als Gründer des Münchner Startups "Antidote" (Gegengift) müsste es Sebastian Kobarg doch gefallen, wenn die dort hergestellten Bio-Säfte weitere Verbreitung fänden.

Wie geschaffen dafür wäre die ausgefeilte Vertriebsstruktur der SWMH, insbesondere die konzerneigene "BW-Post". Letztere hätte dadurch einen erheblichen Imagegewinn, das Gesamtunternehmen einen grünen Anstrich und das Drucken von braunen Beilagen womöglich ein Ende. Mit Bio-Säften müsste doch richtig Geld zu verdienen sein.


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1 Kommentar verfügbar

  • Jürgen Michels
    am 04.03.2021
    Antworten
    Eine "ausgefeilte Vertriebsstruktur der SWMH" kann ich nicht bestätigen: Ich hatte bei der "Eßlinger Zeitung" ein 14tägiges Probeabo, das Dienstag, 02.02.2021 auslief. Geliefert wurden aber nur zwei Exemplare der "Eßlinger Zeitung" und zwölf der "Stuttgarter Nachrichten" mit ihrer…
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