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Wahn und Krise

Die Welt als Wille der Verschwörer

Wahn und Krise: Die Welt als Wille der Verschwörer
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Am Inhalt bemessen, mag der massenhafte Wahn in Krisenzeiten lachhaft erscheinen. Als soziales Phänomen muss er jedoch ernst genommen werden. Denn Verschwörungsideologien seien kein Fremdkörper in der Gesellschaft, meint unser Autor. Vielmehr handle es sich um eine extreme Form der erodierenden neoliberalen Mitte.

Oberflächlich betrachtet, scheint es sich bei der Szene der "Querdenker" und Corona-Leugner um eine Art Anomalie zu handeln: Mit abstrusen Hassreden und bizarren Verschwörungstheorien stehen ihre Positionen im krassen Kontrast zum öffentlichen Diskurs. In der Bewegung, die hinter der Pandemie eine Clique von allmächtigen Strippenziehern walten sieht, finden die wahnwitzigsten Ideen Verbreitung: Vom angeblichen Microchip-Impfer Bill Gates über den Q-Anon-Komplex bis zum Geraune über eine Reptiloiden- oder Satanistenherrschaft – die Szene ist für jeden Blödsinn offen, der sich die krisengebeutelte, spätkapitalistische Welt als eine ewige Verschwörung ausmalt.

Dass der Massenwahn – so lächerlich er auch wirken mag – hochgefährlich ist, machte nicht nur der Sturm von militanten Rechtsextremisten auf das Kapitol in Washington deutlich. Auch innerhalb der deutschen Bewegung lassen sich ähnliche Gewalt- und Umsturzphantasien finden. 

In Baden-Württemberg ist beispielsweise der Landtagsabgeordnete und ehemalige AfD-Mann Heinrich Fiechtner als dauerpräsente Figur in der "Querdenken"-Bewegung aktiv, in der unter anderem Mordphantasien gegenüber kritischen Journalisten zirkulieren. Der praktizerende Arzt, der für seine Eklats berüchtigt ist, musste mehrmals von der Polizei aus dem Plenarsaal des Landtags getragen werden, nachdem er wegen Provokationen und Hetzreden von den Sitzungen ausgeschlossen worden ist. In Fiechtners Telegram-Gruppe wurden "Einzeltäter" herbeigesehnt, die "jedem Regierungspolitiker eine Kugel" verpassen sollen, während der Abgeordnete selbst den rechen Parlamentssturm in Washington als "Showveranstaltung" verharmloste: "Wenn der Bogen überspannt wird, müssen die Bürger die Gesetzesbrecher, die Verfassungsbrecher vertreiben." Und da sei es seiner Meinung nach angebracht, "vielleicht ernst zu machen". Zudem beschimpft der rechtsradikale Verschwörundsideologe seine politischen Gegner mit Vorliebe als Nazis, etwa indem er Impfbefürworter als "Jünger Josef Mengeles" bezeichnet. 

Solche haarsträubenden Äußerungen, die mit einer Verharmlosung der NS-Terrorherrschaft einhergehen, sind als Basis einer Diskussion nicht ernst zu nehmen – im Gegensatz zum sozialen Phänomen des massenhaften Wahns, der in Krisenzeiten zuverlässig um sich greift und mit seinen gesellschaftlichen Ursachen in Zusammenhang gebracht werden muss. 

Dabei handelt es sich längst um einen Gemeinplatz, dass ausgesuchte Sündenböcke, wie absurd die Vorwürfe gegen sie im Einzelnen auch klingen mögen, für krisenhafte Entwicklungen verantwortlich gemacht werden: Der Jude George Soros finanziere und plane die globalen Flüchtlingsströme, der Milliardär Bill Gates steuere die Conona-Pandemie, eine mächtige Klimaverschwörung erfinde aus Profitgier die menschengemachte Erderwärmung – so einfach lassen sich Krisentendenzen, denen reale Probleme im Spätkapitalismus zugrunde liegen, per Verschwörungsnarrativ auf eingebildete Generalbösewichter abladen.  Die übliche Frage nach dem Cui Bono ("Wem nützt das?") ist dabei auch in Teilen der politischen Linken präsent, wo sie einen Anknüpfungspunkt an den neurechten Massenwahn darstellt.

Reale Verschwörungen als Vorlagen für Projektionen 

Was aber lässt so viele Menschen, nicht nur während der Corona-Pandemie, aber insbesondere in Krisenschüben, an eine allmächtige Gruppe glauben, die hinter den Kulissen die Strippen von Politik, Wirtschaft oder Medien zöge, um die Geschicke der Welt zu lenken? 

Ein Merkmal, das die verschiedenen Ausformungen des Verschwörungswahns gemeinsam haben, ist die Projektion: Dabei überträgt das Verschwörungsdenken konkret erlittene Herrschaftserfahrungen auf das große Ganze der Gesellschaft. Denn seit Herausbildung der Herrschaft des Menschen über den Menschen gibt es durchaus reale Verschwörungen. Sie bilden eine der ältesten Techniken zur Eroberung und Aufrechterhaltung von Macht. Sei es beim intriganten Karrierekampf im Politikbetrieb oder bei dubiosen Geschäftspraktiken im Streben um größtmögliche Rendite oder sogar auf staatlicher Ebene, wie etwa die geopolitischen Machenschaften im Watergate-Skandal zeigen (deswegen sind übrigens gerade im populistischen Politspektrum Verschwörungsideologien so populär: man projiziert seine eigenen Erlebnisse beim Postengeschacher auf die Gesamtgesellschaft). All das sind Alltagserfahrungen, auf denen Verschwörungsideologien aufbauen können. 

Bei der Übertragung dieser Verschwörungspraktiken auf das Weltsystem Kapitalismus erscheint dieses nun fälschlicherweise, als wäre es wie ein Unternehmen, ein Staat oder eine Partei strukturiert – wo es überall konkrete Interessen und Akteure gibt, wie auch konkrete Schuldige, die es zu verantworten haben, wenn etwas schiefläuft. Ein Krisenschub, eine Pandemie und letztlich jede weitere, wie auch immer geartete Verfehlung im Weltgeschehen muss in dieser Denkweise folglich von irgendwelchen Bösewichten verursacht worden sein, solange die zugrunde liegende Irrationalität des Systems ausgeblendet wird. 

Die verheerende Umweltzerstörung, die strukturelle Massenarbeitslosigkeit in den Peripherieregionen, Hungersnöte, Verelendung und die zunehmenden Fluchtbewegungen sind jedoch keine Phänome, die sich allein durch Inkompetenz oder Böswilligkeit von Einzelpersonen erklären ließen. Sie sind strukturelle Probleme. Denn tatsächlich ist die gesellschaftliche Realität unterm Kapital noch gruseliger als die absurdesten Verschwörungsideologien. Da ist niemand hinter dem Vorhang, der in letzter Instanz die Strippen zöge, um den Gang der Dinge bewusst zu steuern. Niemand sitzt im Fahrerhaus der blind auf einen Abgrund zurasenden Wirtschaftslokomotive, um an ein Bild des Philosophen Walter Benjamins anzuknüpfen, der den Griff zur Notbremse durch das "in diesem Zug reisende Menschengeschlecht" forderte. 

Allmachtsphantasien und realer Kontrollverlust

Ironischerweise bilden sich die Verschwörungsideologien in aller Regel schier allmächtige Strippenzieher ein, die das Weltgeschehen minutiös durchorchestrieren und nach ihren Vorstellungen formen – während die Menschheit im Kapitalismus einem krassen Kontrollverlust ausgesetzt ist. Dabei trägt gerade die alltäglich erfahrene Ohnmacht, das Gefühl der Heteronomie, der tatsächlich erfahrenen "Fremdbestimmung" (allerdings durch wirtschaftliche Sachzwänge), maßgeblich zur Ausformung von Verschwörungsideologien bei. Der spätkapitalistische Mensch ist gewissermaßen nicht Herr in seinem eigenen gesellschaftlichen Haus, er sieht sich naturwüchsig erscheinenden, sozialen Dynamiken ausgesetzt, die dem Alltagsbewusstsein unverständlich bleiben. 

Wie wenig der Mensch das Kapital kontrolliert, zeigt sich gerade in Krisenschüben, wenn mal wieder "Börsen- oder Marktbeben" ganze Volkswirtschaften verwüsten, Bevölkerungsmassen in die Verelendung treiben oder Schuldenberge explodieren lassen. Aktuell verdeutlicht die Corona-Pandemie in Extremform, wie wenig der permanent auf Expansion angewiesene Verwertungskreislauf der kapitalistischen Weltwirtschaft Stillstand oder auch nur Entschleunigug verträgt. Dabei ist keine Verschwörergruppe notwendig, um das Gefühl totaler Ohnmacht zu erzeugen: In letzter Instanz ist Herrschaft im Kapitalismus subjektlos. Aus dem Wachstumszwang der Wirtschaftsordnung resultiert der uferlose Automatismus, aus Geld mehr Geld machen zu müssen, der auf gesamtgesellschaftlicher, ja globaler Ebene eine verselbstständigte Eigendynamik annimmt – und vom dem die Lebensgrundlagen der auf Lohnzahlungen angewiesenen Arbeiter abhängen. 

Das Unvermögen der spätkapitalistischen Gesellschaften, ihre eigene Reproduktion bewusst zu gestalten, tritt gerade in den Krisenschüben, in denen sich die inneren Widersprüche des Kapitalverhältnisses manifestieren, krass zum Vorschein. Deswegen nimmt auch die Suche nach den "Schuldigen" für die konkreten sozialen Verwerfungen in Krisenzeiten zu, die dann zumeist in – oftmals antisemitisch konnotierte – Verschwörungsideologien mündet.

Verwechslung von Schein und Wesen

Die konkreten Interessen, die Machtkämpfe im Kapitalismus finden aber nur im Rahmen dieser irrationalen Eigendynamik statt: Sie drehen sich auf politischer wie auf wirtschaftlicher Ebene darum, diesen ökologisch wie sozial destruktiven Verwertungsprozess des Kapitals zu optimieren. Die subjektiven, "betriebswirtschaftlichen" Ausbeutungsinteressen der Kapitalisten bilden demnach nur den äußeren Schein, der das Wesen der irrationalen, subjektlosen Herrschaft des Kapitalverhältnisses auf "gesamtwirtschaftlicher" Ebene verdeckt. 

Alle Verschwörungen im Spätkapitalismus betreiben diese Verwechslung der äußeren Erscheinung mit dem inneren Wesen. Dem Wahn zufolge muss es also immer konkrete Akteure, Verschwörer geben, die selbst für Pandemien verantwortlich gemacht werden.

Das aktuelle Beispiel des Autozulieferers Eberspächer aus Esslingen kann die Funktionsweise einer Personifizierung von Krisenursachen gut erhellen: Es sind konkrete Unternehmer, die ihre Produktion gen Osten verlagern und viele Lohnabhängige in die Arbeitslosigkeit treiben. Aus dieser Krisenerfahrung, wo Schuldige eindeutig ausgemacht werden können, erwachsen quasi naturwüchsig Vorstellungen, wonach es sich überall ähnlich verhalte. Ausgeblendet wird dabei gerne die sich immer deutlicher abzeichnende Strukturkrise der Autoindustrie, die sich generell auf dem absteigenden Ast befindet – und die angesichts zunehmender Krisenkonkurrenz einzelne Kapitalisten dazu nötigt, mit brutalsten Mitteln Kosten zu reduzieren (und eben dies sind Menschen im Rahmen des Rentabilitätskalküls: Kostenfaktoren).

Letztendlich ist das massenhafte Aufkommen von Verschwörungswahn in Krisenzeiten unvermeidlich, solange die bestehende Wirtschaftsweise nicht grundlegend infrage gestellt wird. Wenn die eskalierenden inneren Widersprüche ausgeblendet werden, die das spätkapitalistische Weltsystem in immer größere Krisen treiben, wenn der Kapitalismus als eine prinzipiell funktionierende, widerspruchsfreie Gesellschaftsformation imaginiert wird, dann bleibt nur die Folgerung, dass es irgendwelche Schuldigen geben muss, irgendwelche Bösewichte, die für die zunehmenden globalen Verwerfungen verantwortlich seien. Ohne die Bereitschaft, strukturelle Krisenursachen anzuerkennen, bleibt in letzter Konsequenz nur der Abstieg in den Verschwörungswahn als eine extreme Form der erodierenden neoliberalen Mitte, deren Verwesungsprodukt er faktisch bildet.


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9 Kommentare verfügbar

  • Joachim Petrick
    am 22.01.2021
    Antworten
    Eigentlich leben wir doch, trotz Corona Pandemie 2020, nicht verkehrt, in friedlichen Zeiten, still ruht der Regierungssee, der nicht weiß, was er will, weil Kieselsteine fehlen, die beim Straßenbau verschwanden, in diesen zu werfen, damit er leise Kreise zieht, in solchen Zeiten waren Kaiser,…
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