Ausgabe 434
Debatte

Klassenkampf auf Schienen

Von Minh Schredle
Datum: 24.07.2019
Die S-Bahnen sind bis zum Bersten gefüllt. Doch nicht überall: Die Wagen der 1. Klasse nutzt kaum jemand. In Hamburg entpuppte sich das als Verlustgeschäft – arm subventioniert reich. Wie sieht das in Stuttgart aus? Die Deutsche Bahn rückt lieber keine Zahlen raus.

Gerade in den Morgenstunden kann es kuschlig werden in den Stuttgarter S-Bahnen. Nach einer Umfrage des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) empfinden es Fahrgäste als unangenehm, wenn in Langzügen mit drei Waggons mehr als 138 Menschen stehen müssen. Doch jeden Tag gibt es laut Statistik 14 Zugfahrten in der Landeshauptstadt, bei der etwa 280 Personen keinen Sitzplatz finden. Dann wird's eng.

Doch ab wann ist ein voller Zug zu voll? Hierfür gebe es "unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe", wie es in einer Vorlage für den Verkehrsausschuss der Stuttgarter Regionalversammlung heißt. Dort wurde am 17. Juli darüber debattiert, wie die S-Bahn-Fahrzeuge in der Metropolregion rund um die Landeshauptstadt bis 2027 "redesignt" werden sollen. Gemessen an der Zahl der Sitzplätze, teilt die Verwaltung mit, ist nach den Angaben des Herstellers Bombardier eine Auslastungsquote von bis zu 268 Prozent zumutbar – heißt also, dass auf jeden Sitzenden fast zwei Leute stehen können sollen.

Die Fahrgäste selbst sehen das ein wenig anders. Für sie ist bereits eine kritische Grenze überschritten, wenn diese Quote 125 Prozent übersteigt. Das ist in Stuttgart, insbesondere im Berufsverkehr der Morgenstunden, regelmäßig der Fall, und der Stehplatzanteil stieg 2018 im Vergleich zum Vorjahr: Viele Züge sind bis zum Bersten gefüllt.

Allerdings nicht überall.

Selbst zwischen 7 und 8 Uhr, der Stunde mit dem höchsten Fahrgastaufkommen, wird in der 1. Klasse der S-Bahnen nur jeder Dritte Sitzplatz genutzt. Über den Tag verteilt sinkt die Auslastungsquote auf zehn Prozent. In manchen Regionen wird das Angebot so gut wie gar nicht nachgefragt. Auf den vier Stationen von Backnang nach Marbach etwa verkehren an einem durchschnittlichen Werktag nur fünf bis sieben Personen erstklassig. Nicht pro Zugfahrt, sondern insgesamt.

So überflüssig wie der Adel?

Angesichts dieser Zahlen hält Christoph Ozasek von der Linken für "schwierig vermittelbar", wenn die 1. Klasse in den Stuttgarter S-Bahnen auch bei hohem Fahrgastaufkommen völlig oder weitestgehend leer bleibt. Er will sie daher abschaffen. Die Kapazitätszuwächse wären überschaubar, räumt Ozasek ein – pro Langzug geht es um 48 Sitzplätze. "Aber anstatt in der Rushhour Luft zu transportieren, ist es doch besser, sie Menschen zur Verfügung zu stellen." Bei der SPD sieht man das ähnlich: "So wenig wie eine Gesellschaft den Adel braucht, braucht die S-Bahn eine Tarifaristrokratie", zitierten die StZN den Ditzinger Oberbürgermeister Michael Makurath Ende Mai. Die Mehrheit der Regionalversammlung kam am 17. Juli jedoch zu einem anderen Urteil: Mit Stimmen von CDU, FDP, Freien Wählern und Grünen entschied sich der Verkehrsausschuss dafür, die Klassentrennung beizubehalten.

Einerseits, erläuterte Bernhard Maier von den Freien Wählern, sei das Reisen in der 2. Klasse häufig "kein Vergnügen". Wer bereit sei, für mehr Komfort draufzuzahlen, dem wolle man diese Möglichkeit nicht nehmen. Eva Mannhardt von den Grünen sieht zudem "keinen vernünftigen Grund", die erste 1. Klasse abzuschaffen und auf die zusätzlichen Einnahmen zu verzichten, welche die 1. Klasse erwirtschaftet. Diese beziffert die Verwaltung der RV mit etwa 0,5 Millionen Euro im Jahr. Was keinen gewaltigen Brocken darstellt, sondern laut Vorlage vielmehr die "insgesamt eher verhaltene Nutzung der 1. Klasse bestätigt".

Hinzu kommt: Ertrag ist nicht mit Gewinn gleichzusetzen. Und daher ist durchaus fraglich, ob der Betrieb einer 1. Klasse in den Stuttgarter S-Bahnen überhaupt rentabel ist. In Hamburg nämlich handelte es sich um ein Verlustgeschäft: "Die deutlich unterfrequentierten 1.-Klasse-Mittelwagen der Züge", berichtete die "Welt" schon 2010, "machten sich für die S-Bahn GmbH schmerzlich-defizitär bemerkbar." Der hanseatische Senat entschied daher, dem ein Ende zu setzen: nur noch eine Klasse.

Darauf nimmt auch der regelmäßig mit der Bahn reisende Journalist Bernd Kramer in einem Kommentar auf "Spiegel Online" Bezug. Er sprach sich im Oktober 2016 generell für eine Abschaffung der 1. Klasse bei der Deutschen Bahn aus, weil er die soziale Trennung für einen Anachronismus hält. Besonders ärgern ihn solche S-Bahnen und Regionalzüge, in denen "nur noch die Farbe der Sitzbezüge die erste und zweite Klasse trennen – und eine Glastür zwischen den Wagen". Eine Beschreibung, die auch auf Stuttgart zutrifft. "Ökonomisch geht das nicht immer auf", schreibt Kramer: "Im Zweifel subventionierten hier die Fahrgäste in der zweiten Klasse mit ihren Tickets die vielen freien Plätze in der ersten."

Nur, ist das auf Stuttgart übertragbar? Wie kommt die Bahn dazu, im Verkehrsausschuss von einem "Mehrertrag von mehr als 500 000 Euro" zu sprechen, die sie mit der 1. Klasse erziele? Ein Mehrertrag im Vergleich zu was? Gibt es eine Berechnung, die sich dem theoretischen Szenario einer klassenlosen S-Bahn widmet und zu dem Befund kommt, dass potenzielle Kundenzuwächse durch freigewordene Kapazitäten zu normalen Tarifen den Einnahmenverlust nicht kompensieren könnten? Wie hoch ist der erwirtschaftete Gewinn?

Ein Sprecher der S-Bahn Stuttgart, angesiedelt bei der Deutschen Bahn, erklärt auf Anfrage von Kontext: "Wir können dazu keine Zahlen mitteilen." Er bekennt sich aber zu einer "breiten Produktpalette", die sie im Nahverkehr anbieten und verweist auf Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit ihre Ruhe wollen. Also noch einmal konkret gefragt: Ist der Betrieb der 1. Klasse defizitär? "Dazu äußern wir uns nicht."

Solidarität mit den Erstklässlern

Deshalb nachgehakt bei der S-Bahn in Hamburg. Dort heißt es, es lasse sich nur schwer ein Vergleich zur Landeshauptstadt ziehen: "Die regionalen Rahmenbedingungen der Systeme in Hamburg, Stuttgart beziehungsweise anderen Städten sind dafür zu verschieden." Der Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart betont gegenüber Kontext: "Von einer Subventionierung der 1. Klasse kann nicht die Rede sein. Es ist zu sehen, dass der Nahverkehr insgesamt defizitär ist." Zahlen werden hier aber auch keine genannt.

In jedem Fall bleibt offen, ob sich die Umsätze durch klassenlose Waggons nicht verbessern lassen könnten. Denn wenn die durchschnittliche Auslastung der 1. Klasse in Stuttgart nur bei zehn Prozent liegt und die Tickets etwa 50 Prozent teurer sind, würden die ausfallenden Einnahmen bereits ab einer geringfügigen Steigerung der Nachfrage kompensiert werden.

Die grüne Verkehrsexpertin Eva Mannhardt geht allerdings davon aus, dass mehr Sitzplätze in der zweiten Klasse gar nicht zu mehr Fahrgästen führen würden. In der Verwaltungsvorlage zur Regionalversammlung heißt es zwar: "Ein wesentliches Element, um den starken Nachfragespitzen zu begegnen, ist eine Erweiterung von Kapazitäten." Doch Mannhardt entgegnet auf Anfrage: "Zeigen Sie mir nur einen Autofahrer, der nach Abschaffung der 1. Klasse mit der S-Bahn fahren würde." Für sie wäre es sogar irrelevant, wenn die Reisenden zweiter Klasse die der ersten subventionieren würden. "Denn letztlich wird der Nahverkehr ja gemeinschaftlich-solidarisch finanziert." Und daher will sie nicht zwischen verschiedenen Gruppen von Fahrgästen unterscheiden.


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11 Kommentare verfügbar

  • Markus
    vor 3 Wochen
    Zitat in dem Artikel : "Die S-Bahnen sind bis zum Bersten gefüllt. Doch nicht überall: Die Wagen der 1. Klasse nutzt kaum jemand. In Hamburg entpuppte sich das als Verlustgeschäft – arm subventioniert reich."

    Das ist definitiv nicht so!

    In Hamburg würde in den S-Bahnen S1, S2, S3, S11, S21, S31 im November 2000 die Klasse abgeschafft!

    https://www.welt.de/print-welt/article531666/S-Bahn-faehrt-ab-1-November-klassenlos.html

    Bitte mal besser Recherchieren. Das findet man mit einmal Google sofort raus.
  • Matti Illoinen
    am 25.07.2019
    Wenn ich fliege, gibt es auch mehere Klassen, und die teuren Klassen, finanzieren die Sitze in der billigen Klasse mit. Auch auf Schiffen, zumindestens auf großen gibt es ein Schiff im Schiff, wo eben auch mehr Geld verdient wird. Darfür auch teurer sind. Wer bereit ist dafür zu zahlen, dem sei das gegönnt.
    • Ricci
      vor 3 Wochen
      @Matti.... "teuren Klassen, finanzieren die Sitze in der billigen Klasse mit. "
      Dieser Satz wird seit Jahr und Tag den unteren Klassen vorgehalten.... doch soweit ich es seit Jahrzehnte verfolge, liegt darüber der wirtschaftliche Faktor des Schweigens! Genau da wird dann gern die "NeidKeule" rausgeholt, oder die Leistungselite, oder oder...

      Aber
      genau darüber hätte ich gerne fundierte Statistiken....
      Und analog S21 hätte ich gern Gesamtkostenberechnungen!

      Wenn in der 1.Klasse nur einer sitzt, finanziert er garantiert nicht die 2.Klasse mit, eher zahlt 2.Klasse und auch alle Nichtfahrer die 1.Klasse!
  • yzx
    am 25.07.2019
    Ich empfehle einfach mal, die Kommentare zum oben verlinkten SPON-Artikel von Bernd Kramer zu lesen. Die behandeln das nicht existente Problem erschöpfend, weswegen denen ist nichts mehr hinzuzufügen ist.

    Außer dass das Zitat eben dieses Artikels diesen Artikel hier - formulieren wir es diplomatisch - deutlich abwertet. Das Dingens auf SPON ist wirklich einer der schlechtesten Bahn-Artikel der letzten 10 Jahre.

    Allerdings ist Erste Klasse Fernzug DB nicht Erste Klasse S-Bahn oder Regionalexpress. Außer beim Ticketpreis. Was sicherlich zum dargestellten Nutzungsverhalten beiträgt.
  • Ruby Tuesday
    am 25.07.2019
    Beamte, die im Zug gern Dienstliches erledigen sehen sich außerstande das auch in der 2. Klasse zu tun. Die Bahnverbindung an den Bodensee etwa eignet sich nicht dazu, weil die Züge in der 2. Klasse so voll seien, dass man keinen Platz für seine Unterlagen hat. Das Lesen DER ZEIT oder ähnlicher Großformatblätter dürfte so auch schwierig sein. Ebenso müsste man auf den angenehmen Vollservice in den DB-Lounges mit gratis Getränken bis zum kann-nicht-mehr und kostenlose Tageszeitungen verzichten. Dass die Betroffenen in überfüllten Bahnen etwa freitags in der 1. Klasse besser arbeiten können und so frisch und erholt ihren Zweitwohnsitz am See erreichen, es sei ihnen Ministerial gegönnt. Auch wenn der Spass 35 Millionen jährlich kostet. So viel gab das Land bisher für Dienstreisen seiner Beschäftigten aus. Übrigens Lehrer, Polizisten kommen, scheint es, nicht so leicht in den Genuss der 1. Klasse Bahnfahrten.
  • Rikki
    am 24.07.2019
    Danke für diesen längst überfälligen Klassen-Blick....
    Ich habe mich immer gefragt, warum es kein "Sozial-Atlas Deutschland" gibt...
    Wie viel Sozialklimbim- Geld und geldwerte Vorteile hat jede Gesellschaftsklasse? ...
    meine Behauptung: ähnlich wie bei Ressourcen/CO2 Verbrauch....
    wird hier mehr 'gebraucht'!

    In nahezu ganz Deutschland fahren 1.Klasse Waggons....die meisten wenig bis gar nicht belegt sind.....
    Wirtschaft.Logik geht eigentlich anders .... Feudalismus seit eh und je genauso so!

    (Aber eigentlich auch ein Synonym: 1.Klasse kostet oft mehr .... (s.auch die vielen Flughäfen, oder auch andere ReichenSonderKonditionen!)
    Sanders redet von Reichen Sozialismus!)
  • Wolfgang Helbig
    am 24.07.2019
    Der VVS bietet drei Sitzplätze zum Preis von eineinhalb, also zum halben Preis/Platz. Und nimmt dabei Ressourcenverschwendung und Ungerechtigkeit billigend in Kauf. Ein dem Gewinn verpflichtetes Unternehmen muß so handeln, wenn es sich rechnet, ein dem Gemeinwohl verpflichtetes Unternehmen darf so nicht handeln, auch wenn es sich nicht rechnet. Dafür sind die Grünen nicht gewählt worden!
  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 24.07.2019
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    die 1.Klasse in unseren Zügen und S-Bahnen ist eine wichtige Institution und darf auf keinen Fall abgeschafft werden - ich finde es bereits sehr unglücklich, dass es in Bussen und Stadtbahnen keine 1.Klasse gibt! Es kann doch nicht sein, dass redliche, wichtige, schlaue und erfolgreiche Menschen wie ich gezwungen werden, mit dem Pöbel zu reisen - wenn wir schon unser als von gierigem Staat, faulen Angestellten und garstigen Gewerkschaften geschundene Unternehmer sauer verdientes Geld in eine Bahnfahrt investieren!

    Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass die Reise in der 2.Klasse fast unzumutbar ist! Die 2.Klasse ist mir nämlich nicht unbekannt - bekanntlich kontrolliere ich regelmäßig die Fahrausweise in der 2.Klasse und kassiere von kriminellen Schwarzfahrern EUR 60,-- erhöhtes Beförderungsentgelt, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Ich kann Ihnen sagen: Was für Leute sich in der 2.Klasse aufhalten - da fehlt mir jede Beschreibung! Neben kriminellen Schwarzfahrern muss man sich hier regelmäßig mit hurenhaft bekleideten Metzen, schreienden Kleinkindern (nebst mit ihrer Erziehung überforderten Müttern - ein paar Hiebe mit dem Rohrstock, und es wäre Ruhe im Karton!) und krachmusikhörenden Bengeln und Gören herumärgern! Die erste Klasse ist dagegen ein Hort der Ruhe und Redlichkeit, da sie nur von anständigen, redlichen und fleißigen Menschen genutzt wird. Ihre Abschaffung würde dazu führen, dass ich - außer zur Fahrausweiskontrolle - nicht mehr mit der Bahn fahren würde.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Diethelm Gscheidle
    (Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
    • Matti Illoinen
      am 25.07.2019
      Das kann doch nur sarkastisch gemeint sein. Anders ist dieser Artikel nicht zu ertragen. Wie sagte jemand einmal: "Hinter jedem großen Vermögen, steht ein großes Verbrechen"
  • Thomas
    am 24.07.2019
    Da ich oft dienstlich in Stuttgart bin und dort die S-Bahn nutze, ist mein Eindruck das die 1. Klasse nahezu nicht genutzt wird. In Berlin hatte man bei der Entwicklung der BR481/482 die 1. Klasse baulich vorbereitet, aber glücklicherweise nie eingeführt.
    Eine S-Bahn in Ballungsräumen ist ein Massentrasportmittel und somit ist eine 1. Klasse hier überflüssig. Bei S-Bahnen die eher Regionalbahn sind, nimmt eine 1. Klasse in der Regel auch keinen Platz weg.
    Kleines Schmankerl am Rande:
    Auf der Tür zur 1. Klasse bei der Stuttgarter S-Bahn steht "Koffer verboten", also werden Fern- bzw. Flugreisende ausgesperrt, somit ist die 1. Klasse noch unsinniger.
    Mitleidende Grüße aus Berlin.
    • Martin
      am 24.07.2019
      Koffer sind keineswegs verboten in der 1. Klasse. Das Zeichen zeigt nur an, dass die Koffer nicht die Tür blockieren dürfen.

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