Ausgabe 150
Gesellschaft

Für umme unterwegs

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 12.02.2014
Zum Nulltarif gibt es heute höchstens Brillen und Hörgeräte. Umsonst könnte aber auch das Bus- und Bahnfahren sein. In Frankreich ist das möglich. Zaghafte Diskussionen gibt es auch in Deutschland, wo die Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs neu geregelt werden muss.

Alexander Dobrindt verspricht viel. Bei seiner Antrittsrede im Bundestag verkündete der neue Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur gar ein "Grundrecht auf Mobilität". Ein Begriff, den man vor allem von den Linken kennt. Fehlt nur noch, dass der CSU-Mann aus Weilheim in Oberbayern eine Flatrate für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Aussicht stellt oder den Slogan "Liberté, égalité, gratuité" einführt, den er in Frankreich finden könnte.

Der Busbahnhof in Aubagne, einer Stadt vor den Toren der südfranzösischen Metropole Marseilles: Hier träg jeder Bus den Schriftzug "Liberté, égalité, gratuité". Und die Leute steigen tatsächlich ohne Fahrschein, Monats- oder Jahreskarte ein. Ein Gärtner, der bei der Stadt arbeitet, ist begeistert. Und er bestätigt, dass auch einige Kollegen und Freunde vom Auto auf den öffentlichen Personennahverkehr umgestiegen seien oder den Bus zumindest viel häufiger benutzen würden. Auch er selbst habe kein Auto mehr. Ähnlich positiv die Einschätzung einer Mutter, die mit ihren drei Kindern gerade auf den Bus wartet. Und ein Busfahrer verkündet stolz: "Wir haben unsere Fahrgastzahl verdoppelt." Da hat der Mann noch untertrieben. Nach Angaben der Stadt stieg das Fahrgastaufkommen von 2008 bis 2012 sogar um 155 Prozent.

Aubagne und der Landkreis Pays d'Aubagne et de l'Etoile haben den Nulltarif 2009 eingeführt und damit eine Verkehrswende eingeleitet. Pleite ging die von einem kommunistischen Oberbürgermeister regierte Stadt deshalb nicht. Mit dem Verzicht auf Tickets spart man die Kosten für Fahrscheinverkauf und Kontrolle. Das mache circa zehn Prozent der Gesamtkosten, sagt Marie Burdy vom Verkehrsverbund. 40 Prozent der verbleibenden Ausgaben würden über eine Nahverkehrsabgabe bestritten, die "versement transport", die die Firmen der Region abführen müssen. 60 Prozent steuerten die beteiligten Gemeinden aus ihrem Haushalt bei. Sie konnten deshalb teure Straßenbauprojekte einsparen, da der Autoverkehr zurückging.

Erfolg mit Nulltarif in Belgien

Auch in der belgischen Stadt Hasselt, 60 Kilometer von Aachen entfernt, hat man die Vorteile des Nulltarifs erkannt. Eigentlich hätte die Stadt in den Neunzigerjahren eine vierspurige Ringstraße bauen müssen, doch dafür fehlte das Geld. Stattdessen baute man unter dem populären Oberbürgermeister Steve Stevaert den ÖPNV aus und führte den Nulltarif ein. Statt einer Ringstraße ließ Stevaert für Fußgänger und Fahrradfahrer einen mit 400 Bäumen gesäumten Boulevard anlegen, die Einkaufsstraßen wurden Fußgängerzonen, die Innenstadt verkehrsberuhigt.

Schon nach zehn Jahren, im Jahr 2006, hatten sich die Fahrgastzahlen in der flämischen Stadt mehr als verzehnfacht. Mittlerweile befördern die Stadtbusse über vier Millionen Fahrgäste. Das Verkehrskonzept hat dazu geführt, dass bis zu 30 Prozent mehr Menschen aus dem Umland in die Stadt kommen, die Umsätze des Einzelhandels sind gestiegen. Auch die Zahl der Besucher in den Krankenhäusern nahm zu. Und die Diskussionen des städtischen Krankenhauses über einen neuen Parkplatz zu Lasten der Stadtkasse erübrigten sich. Pflegerinnen und Ärzte kommen nun überwiegend mit dem Bus. Auch für Oberbürgermeister Steve Stevaert hat sich der Einsatz gelohnt: Er wurde Verkehrsminister in der Hauptstadt Brüssel und Vorsitzender der Sozialistischen Partei.

Der Erfolg in Hasselt erforderte allerdings einen ständigen Ausbau der ÖPNV-Angebote. Vor einem Jahr sah sich die Stadt deshalb gezwungen, wieder die Fahrkarte einzuführen. Der Preis ist moderat: 60 Cent pro Fahrt. Jugendliche fahren frei.

In Aubagne gilt der Nulltarif dagegen nach wie vor. Als erste französische Stadt hatte ihn Châteauroux in Zentralfrankreich schon 2001 eingeführt. Mittlerweile gilt er in 23 französischen Verkehrsverbünden. Die politische Couleur spielt dabei keine Rolle.

In Frankreich zahlt die Wirtschaft

Im Gegensatz zu Deutschland darf in Frankreich jede Kommune mit mehr als 20 000 Einwohnern von den ansässigen Unternehmen mit mehr als neun Beschäftigten eine ÖPNV-Abgabe erheben, die sich aus der Lohnsumme errechnet. Mit diesem Geld werden in den französischen Verkehrsverbünden inzwischen im Durchschnitt 44 Prozent der kommunalen Ausgaben für Bus und Bahn finanziert.

Diskussionen über einen Nulltarif gab es auch in Deutschland immer wieder. Anfang der Siebzigerjahre forderten ihn Schüler und Studenten, später Teile der Umweltbewegung, die damit Straßenbahnen und Busse attraktiver machen wollten.

Die Bausparkasse Schwäbisch Hall hat ihn für ihre Beschäftigten in den Neunzigern als erstes Unternehmen umgesetzt und zugleich dafür gesorgt, dass das regionale ÖPNV-Angebot verbessert wird – noch heute ein Erfolgsmodell. Die Angestellten müssen in den Bussen nur ihren Firmenausweis vorzeigen. Und die Bausparkasse hat sich den Bau eines teuren Parkhauses in der historischen Innenstadt gespart.

Das Hamburger ÖPNV-Modell

Ein Bisschen Frankreich herrscht auch in Hamburg. Der Verkehrsverbund (HVV) betreibt schon seit vielen Jahren ein Jobticket-Modell, bei dem die Unternehmen einen kleinen Zuschuss zahlen müssen. Im Gegenzug werden die Betriebe von städtischen Auflagen, etwa im Bereich der Parkplatzbereitstellung befreit. Folge: In der Hansestadt nutzen rund 40 Prozent der Berufspendler öffentliche Verkehrsmittel, in Stuttgart sind es weniger als die Hälfte. Abgesehen davon ist der ÖPNV in Hamburg wesentlich pünktlicher als das Angebot in Stuttgart, Frankfurt oder München.

Das Hamburger Modell wurde in der Region Stuttgart zeitweise auch von einigen Betriebs- und Personalräten, von der IG Metall und dem gewerkschaftsnahen Auto Club Europa (ACE) gefordert. Meist allerdings erfolglos. Nur wenige Unternehmen zahlen Zuschüsse, zum Beispiel die Firma Kärcher in Winnenden, die damit schon vor über zehn Jahren begonnen hat. Grund war auch hier die Parkplatznot.

Beispiele wie in Schwäbisch Hall oder Winnenden müssten Schule machen, schrieb der Gewerkschafter Dieter Knauß Anfang der Nullerjahre an die IHK Stuttgart. Der damalige Sprecher der IG Metall Region Stuttgart hatte an die Wirtschaft appelliert, sich mehr für den ÖPNV einzusetzen. Denn in vielen Betrieben der Region seien "Geschäftsleitungen oder Personalabteilungen nicht einmal bereit, die Abwicklung der Bestellung und Bezahlung eines Firmentickets zu übernehmen".

Sanfter Druck auf die Wirtschaft in Stuttgart

Über zehn Jahre später könnte sich in der ersten Landeshauptstadt, die von einem grünen Oberbürgermeister regiert wird, etwas ändern. Die Mehrheit des Gemeinderates hat zumindest für die 19 000 städtischen Beschäftigten eine spürbare Subventionierung der Jahreskarte des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) beschlossen und damit ein Signal an die örtliche Wirtschaft gesandt. In den Neunzigerjahren wäre dies in Stuttgart undenkbar gewesen. Damals demonstrierten Porsche-Beschäftigte noch im großen Saal des Rathauses für die Genehmigung weiterer Parkflächen.

Die Stadt Stuttgart lässt sich die Bezuschussung der Jahreskarte ihrer Beschäftigten jetzt 2,1 Millionen Euro im Jahr kosten. Die Karte für die beiden innerstädtischen Zonen soll ab April 2014 rund 30 Euro im Monat kosten, etwa die Hälfte des heutigen Preises.

Auch der Verkehrsverbund der Region hat seine Spielregeln geändert. Ab April gibt es für Firmentickets, die das Unternehmen mit mindestens zehn Euro pro Monat bezuschusst, zehn Prozent Rabatt. Bisher gab es nur sieben Prozent. Wenn die Firma keinen Zuschuss gewährt, sinkt der VVS-Rabatt von sieben auf fünf Prozent.

Damit werde ein wichtiger Anreiz geschaffen, dem Beispiel der Stadt zu folgen, erklärt Grünen-Fraktionschef Peter Pätzold. Und wenn die Gewerkschaften sowie die Personal- und Betriebsräte dies begreifen, dann werden sie in den nächsten Monaten heftig Druck machen, damit ihre Leute vergleichbare Vergünstigungen erhalten, sagt er. Einige Interessenvertreter seien schon auf den Verkehrsverbund zugekommen, berichtet VVS-Geschäftsführer Horst Stammler. Schließlich stehen in den Betrieben und Verwaltungen Neuwahlen an.

Die Landesverkehrsminister sind gefragt

Trotzdem werden in der Region jedes Jahr neue Parkhäuser gebaut. Und genehmigt. "Wie jüngst das Parkhaus für das Porsche-Forschungszentrum in Weissach", berichtet der Regionalrat Christoph Ozasek (Die Linke). "Ich war der Einzige, der dagegen gestimmt hat".

Die Linken und das Parteifreie Bündnis Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS) stört aber noch etwas anderes: Es fehle bei der Bezuschussung von Jobtickets die soziale Komponente, sagt Ozasek. Deshalb habe man im Stuttgarter Gemeinderat durchgesetzt, dass das Modell für die städtischen Angestellten auf die Menschen übertragen wird, die keine Arbeit haben oder nur von sehr wenig Geld leben müssen.

Im Gegensatz zu Frankreich ist die Zukunft der Bezuschussung des ÖPNV in Deutschland ungewiss: Die Bundesmittel für den Nahverkehr nach dem Bundesverkehrsfinanzierungsgesetz gehen 2019 zu Ende und damit ein großer Teil der Finanzierung. Jetzt ist die Politik in einer Zwickmühle. Einige Grüne wollen über eine Nahverkehrsabgabe diskutieren. Dafür könnten Landesverkehrsminister wie der Stuttgarter Winfried Hermann (Grüne) die rechtlichen Voraussetzungen schaffen, und dann wäre auch das französische Nulltarifmodell möglich.

Die Linken schlagen als Ziel eine solidarisch finanzierte "ÖPNV-Flatrate" vor. Doch auch für sie ist klar, dass dies nur stufenweise geht. Ein Teil der Finanzierung könne wie in Frankreich erfolgen oder über die Erhöhung der Gewerbe- und Grundsteuer. Der Weg zur Durchsetzung eines "Grundrechts auf Mobilität" wird noch lang sein. Man darf gespannt sein, was dem neuen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt dazu einfällt.


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9 Kommentare verfügbar

  • Wolfgang Schmidt
    am 23.02.2014
    Ich würde vorschlagen, dass alle Bürger eine Öffentlichkeitspauschale von 20,- bis 30,- Euro pro Monat bezahlen unabhängig von eigenem Pkw.
    Dann würden garantiert viele in der Stadt vom Auto auf die Bahn umsteigen.
    Auf dem Land ist der öffentliche Verkehr wieder deutlich auszubauen statt immer mehr zu kürzen.
  • Frank B.
    am 14.02.2014
    @Wolle
    >Es sind nicht nur die Fahrpreise<. Ich gebe Ihnen vollkommen Recht. Ich könnte hier seitenweise haarsträubende Vorfälle schildern.

    Diese sehr schlechten Erfahrungen von mir beziehen sich i.d.R. auf den ÖPNV außerhalb der Stadtkreiszonen 10 und 20, also i.d.R. auf Gebiete die mit dem ÖPNV nur rudimentär versorgt sind (die SSB möchte ich hiervon - abgesehen von den zu hohen Fahrpreisen - ausnehmen). Das heißt, dass man in diesen Gebieten sein Leben (ohne Auto) auf Sonntags z.B. insgesamt nur 5 Busse abzustimmen hat oder der letzte Bus fährt unter der Woche abends um 20:15 Uhr, so dass es einem nicht einmal möglich ist in Stuttgart abends z.B. ins Kino zu gehen.

    Hier nur ein paar Kostproben (keine Einzelfälle):
    Sonntagnachmittag (2 Busse). Ich war 4 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt auf dem Weg zur Bushaltestelle (ca. 50 m davor) als der Bus kommt. Ich winke(!) um zu signalisieren das ich mit möchte. Der Bus hält auf der Strasse(!) an, läßt mich einsteigen und fährt an der Haltebucht - noch immer zu früh - vorbei! Was wenn 1 bis 2 Minuten später jemand an der Bushaltestelle eintrifft, dieser Bus nicht kommt (weil er schon durch ist) und dieser Person (ohne Auto) die komplette Tagesplanung über den haufen geworfen wurde?
    S-Bahn wie oft üblich so spät das sie die planmäßige Abfahrt des Busses nicht einhalten kann (Puffer 6 Minuten). Wenn man Glück hat warten die Busse 1-2 Minuten länger. Kommen dann die Fahrgäste abgehetzt z.T. ältere Leute oder mit Eingekauftem, rollen die Busse öfters schon leicht an mit offener Tür so nach dem Motto "jetzt beeilt euch mal, ich muss nicht auf euch warten"! Aufgrund dieser Tatsache das die S-Bahn regelmäßig zu spät kommt hab ich mich schon nicht mehr getraut den "letzten" Bus um z.B. 20:15 Uhr zu nehmen.
    Ein Rücksichtsloser Fahrstiel und Geschwindigkeitsüberschreitungen sind Standart. Von einem verantwortungsvollen Beruf der Menschen befördert ist nicht mehr viel übrig (m.E. hängt dies stark mit dem Lohndumping zusammen).

    Verantwortlich für all diese und weitere haarsträubenden Vorkommnisse ist der Verkehrsverbund VVS mit all seinen Partnern (privaten, gewinnorientierten Busunternehmern - billige Fahrer einstellen oder trotz Fahrpreiserhöhungen bei Fahrplanwechsel diesen dennoch "ausdünnen") und Aufgabenträgern (z.B. der VRS - verantwortlich für die S-Bahn und die Finanzierung, die Landratsämter, das Land Baden Württemberg, die Stadt Stuttgart und andere Gemeinden) und deren insgesamt innewohnendes Desinteresse am reibungslosen Ablauf eines ÖPNV. Auszubaden haben diese katastrophalen Zustände die (finanzierenden) Fahrgäste/Kunden und die Busfahrer - verrückte von Lobbyisten kapitalgesteuerte Welt!
  • Wolle
    am 13.02.2014
    Es sind nicht nur die Fahrpreise. Seit der Einführung des Vordereinstiegs zuletzt in Stuttgart und Esslingen (in anderen Kreisen war er schon früher da) fühle ich mich als Jahreskarteninhaber regelrecht drangsaliert. Alles ist nun wesentlich unkomfortabler, ständig muss ich über Kinderwagen klettern, oder mich mit Leuten ausseinandersetzen, die vorne im Bus stehenbleiben, während hinten viel Platz übrige ist.

    Busse halten in den Buchten nun wo Sie wollen, Ausstiegstüren werden mit Verzögerung erst dann geöffnet wenn die meisten Einsteiger schon im Bus oder zumindest an der Vordertür sind, die dann zur Verbesserung der Kontolle auch nur einfach statt doppelt geöffnet wird.

    Die Fahrpläne wurden auf längere Fahrzeiten umgestellt, und dann doch nicht eingehalten und die vermeintlichen Vorteile für den Fahrgast sind nur vom Amt gedroschene Phrasen.

    Ich bin also grundsätzlich für freien ÖPNV, allerdings befürchte ich dann noch mehr Ungemach, denn das System VVS ist heute schon an der Grenze seiner Kapazität, vor allem was die Schiene anbetrifft. Dort wird sich kurzfristig wohl keine Kapazitätserhöhung realisieren lassen.

    Nahverkehrsabgaben sind ein gutes Mittel, in Ortschaften, in denen ein gutes Angebot herrscht darf sie gern höher sein, als in Dörfern, die nur dreimal am Tag einen Bus sehen. Und ein Euro Abgabe je belegtem Hotelbett je Tag.
  • Frank B.
    am 13.02.2014
    Das die Autolobby und deren politische Helfer bewußt und zugunsten des für sie Milliarden schweren individuellen Autoverkehrs alles, aber auch wirklich alles daran setzen den ÖPNV zu verteuern (sprich zu privatisieren und damit der Gewinnmaximierung zu unterwerfen), zu vernachlässigen, ihn klein zu halten und wo möglich (mit Steuergeldern) zurück zu bauen, ist jedem klar der sich intensiv und kritisch mit diesem Thema auseinandersetzt. Das hierdurch herbeigeführte, mittlerweile katastrophale Image des ÖPNV tut sein übriges.
    Das die intensive und kritische Auseinandersetzung mit dem ÖPNV - gemessen an dem m.E. gar nicht wichtig genug einzuschätzenden Thema - relativ wenig bzw. viel zu wenig Menschen tun (damit sich etwas ändert) liegt m.E. schlicht und ergreifend an der Tatsache, dass es um das eigene Verhalten/Auto geht und die Werbung was von "Freie Fahrt für freie Bürger faselt". Dabei läßt jeder Staukilometer, jedes anfahren/abbremsen die diversen Kassen der Profiteure klingeln.

    Immer wieder höre ich das Argument "Ein Leben ohne Auto kann ich mir nicht vorstellen".

    Wer schon einmal (am besten über einen längeren Zeitraum hinweg) in den Genuss gekommen ist, sich innerhalb der Stadtgrenzen von Stuttgart (Zonen 10 und 20) mit dem ÖPNV (SSB) stressfrei und schnell überall hin fortzubewegen, weiß, dass dieses Argument keines ist. Er bekommt eine Ahnung davon wie phantastisch sich ein integraler und flächendeckender Taktverkehr kreis-, landes- bzw. bundesweit anfühlen könnte und das dies eine echte gesellschafts- und umweltverträglichere Alternative zum Autofahren/zur Autoindustrie darstellt!
    Nicht der Gewinnmaximierung unterworfen (also in öffentlicher Hand und max. kostendeckend geführt) könnte so ein mit Millionen anständiger Arbeitsplätzen versehener, sozial verträglicher, günstiger, riesiger und nachhaltiger(er) Industriezweig entstehen, der die Autoindustrie daneben wie eine groteske Farce aussehen läßt.

    Ich habe alle Führerscheine und war leidenschaftlicher Autofahrer (zeitweise sogar Trucker - 40 Tonnen quer durch Europa). Seit vielen Jahren arbeite ich in Stuttgart (u.a. im Außendienst ausschließlich innerhalb des Stadtkreises). Mein Wohnort liegt rd. 30 km von Stuttgart und rd. 6 km von der nächsten S-Bahn entfernt.
    Vor ca. 5 Jahren habe ich meinen PKW verkauft. Ich habe mich weitestgehend ausgeklingt aus der unfassbaren Dimension an Ausbeutung und Zerstörung von Mensch und Umwelt (Leiharbeit, Werkverträge, Ölförderung /-katastrophen (zukünftig evtl. durch Fracking)) die der andauernde, (m.E. überholte) individuelle Autofahren mit fossilen Brennstoffen zwangsläufig mit sich bringt.

    Außerhalb der Stadtgrenzen von Stuttgart (den Zonen 10 und 20) kann der ÖPNV in jeder Hinsicht (Preise, Pünktlichkeit, Anschlüße, Sauberkeit, Taktung, Ziele, etc.etc.) nur als kundenunfreundlich bezeichnet werden. Je weiter man sich vom Ballungsraum/von der S-Bahn entfernt desto schlechter wird der ÖPNV und stellt keine Alternative mehr zum individuellen Autoverkehr dar (so wie innerhalb der Zonen 10 und 20). Etwas überspitzt formuliert fühle ich mich außerhalb des Stadtkreises Stuttgart wie in ein immobiles Zeitalter zurückversetzt.

    Dies alles muß nicht so sein nur weil die Politik und die Medien dies so darstellen (alternativlos).
  • EiDerDaus
    am 13.02.2014
    Für die Idee des "Fahrscheinlosen" ÖPNV wurden die Piraten verlacht und angefeindet und nu kommen die Etablierten mit der gleichen Idee?

    Erstaunlich!

    Wann werden die Etablierten wohl das "Grundeinkommen" als Thema aufnehmen ;-)
  • sabine
    am 12.02.2014
    Anmerkung für den Redakteur:
    Es gibt keine Brillen und Hörgeräte zum Nulltarif. Der erste Satz kaut eine fiese Werbelüge wieder, da hätte ich doch mehr erwartete.
    zur Info (das ist kein "Einzelfall")
    Meine letzte Hörgeräte-Zuzahlungs-Rechnung ist gerade eine Woche alt und beläuft sich auf knapp 1100€ - nicht für Luxus sondern nur damit ich mit den Geräten auch telefonieren kann. Für Brillen gilt das gleiche: eine simple Entspiegelung der Gläser (die absolut notwendig ist) kostet schon um 39€
    pro Glas, da ist das Gestell noch nicht bei, also viel Spaß beim Fielmann-Nulltarif jagen, da gibts dann ein häßliches Gestell mit dicken Gläsern in denen man seine eigenen Augen gespiegelt sieht :-(
    Ich würde mich freuen, wenn mal etwas über die fette Profite die mit Hörgeräten gemacht werde gebracht würde, über "Kind" & Co und wie sie sich bereichern. Danke.
  • Oberpleitemetropolist
    am 12.02.2014
    Ich wiederhole mich zwar, aber es ist ja so:
    Der RXX (Rhein- Ruhr- Express) sollte zur WM 2006 zwischen Düsseldorf und dem Ruhrgebiet fahren. Neulich ging die Ausschreibung für die Jahre 2018, dem Start, bis 2023 erst raus.
    Im Land, in dem der Verkehrsministerposten eher die Resterampe ist, kann man lange auf Veränderungen warten. Was bleibt vom Ramsauer? Fahrradhelm und Punktekatalog.
  • FernDerHeimat
    am 12.02.2014
    Im Gegenteil! Gerade "unsere" Wirtschaft und Industrie in Gestalt der über den Klee gelobten und von der Politik in den Arsch gekrochenen Automobilindustrie wird den Teufel tun und die ungeliebten "Öffis" attraktiver machen wollen.

    "Freie Fahrt für freie Bürger" und den teuersten Bahnhof Zentraleuropas finden die viel mehr im Sinne ihrer eigenen Agenda als solche "kommunistischen Ideale" wie das Gemeinwohl. "Sollen sie doch Auto fahren, wenn sie wohin kommen wollen!"
  • Tom
    am 12.02.2014
    Ja klar, super Modell. Wieviel Autobauer haben wir in Stuttgart? Wieviel Geld wird mit "Auto- und Benzinsteuern" eingenommen? 40 Milliarden im Jahr in Deutschland?
    Alles schön und gut mit kostenlosem ÖPNV, leider in unserem Land mit den Regierungspfeifen ein Ding der Unmöglichkeit. Die bekommen ja nichts gebacken, weder im Ländle noch im Land.
    Genmais für alle sag ich da nur...

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