KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


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Erhard Eppler spricht bei Pulse auf Europe. Foto: Pulse of Europe/Uwe Flammer

Erhard Eppler spricht bei Pulse auf Europe. Foto: Pulse of Europe/Uwe Flammer

Ausgabe 323
Debatte

Letzte Chance

Von Gastautor Erhard Eppler
Datum: 07.06.2017
Am Pfingstsonntag war Erhard Eppler der Stargast bei Pulse of Europe in Stuttgart. Und er hatte eine kleine Überraschung im Gepäck: Die Deutschen sind nicht die tollen Europäer, für die sie sich halten. Sein kluges Plädoyer für mehr Solidarität hier im Wortlaut.

Stellen Sie sich einmal eine Umfrage in Deutschland vor, bei der gefragt wird, wer, welches der 28 Völker, die bis vor kurzem die Europäische Union gebildet haben, zu den Sorgenkindern dieser Union gehöre, wer besonders viel dazu beigetragen hat, dass es Europa offenkundig nicht so gut geht.

Da würden natürlich die Briten genannt, die nun einfach davonlaufen, obwohl viele dabei ein ungutes Gefühl im Magen haben, auch unter denen, die für den Brexit gestimmt haben. Da wäre von den Ungarn und Polen die Rede, deren Regierungen auf die Einwände aus Brüssel pfeifen, wenn sie ihre eigene Art von Demokratie ausprobieren. Da wäre von den ach so faulen Griechen die Rede, für die wir Milliarden ausgeben, ohne dass sie wieder auf die Beine kommen, von den Italienern, die eben nicht sparen können, den Spaniern, die keine Arbeit haben für ihre jungen Leute.

Wir Deutschen, so fürchte ich, kämen in dieser Liste gar nicht vor. Wir sind doch alle, auch alle Parteien außer den ganz Rechten, treue Europäer, wir halten nicht nur die Maastrichtkriterien ein, wir produzieren ausgeglichene Haushalte. Unsere Kanzler, von Adenauer angefangen, ob schwarz oder rot, waren die Freunde der französischen Präsidenten.

Die Deutschen sind keine Heiligen

Wenn wir Deutschen, wie Sie und ich, heute, am Pfingstsonntag etwas für Europa tun wollen, dann müssen wir all dies erst einmal vergessen. Der Heilige Geist ist nicht der Geist derer, die sich für Heilige halten. Dass wir die größten Profiteure der Europäischen Union sind, haben wir uns nicht ausgedacht, auch nicht erschlichen, aber es war vorauszusehen: Wären wir heute noch der souveräne Nationalstaat mit der Deutschen Mark als Währung, so wäre die Mark so überbewertet und unsere Exporte für andere so teuer, dass sie von selbst zurückgingen. Die gemeinsame Währung mit wirtschaftlich schwächeren Staaten verhindert, dass unser Export auf die sonst übliche Weise gebremst wird. Auch wenn dies nicht alle Deutschen wissen, unsere Nachbarn wissen es.

Allein auf weiter Finanzministerflur: Wolfgang Schäuble (CDU). Foto: Joachim E. Röttgers
Allein auf weiter Finanzministerflur: Wolfgang Schäuble (CDU). Foto: Joachim E. Röttgers

Ich gehöre nicht zu denen, die meinen, Angela Merkel sei eine machtgierige Dame, die Europa zu dominieren versuche. Aber es wurde eben immer wichtiger, was die deutsche Regierung von einer Sache dachte, und so wurde sie in eine Führungsrolle gedrängt. Aber gewollt oder gedrängt, führen kann man nur, wenn man gemeinsame Interessen ernster nimmt als das Eigeninteresse. Wenn die Führungsmacht – gewiss wie alle anderen – die eigenen nationalen Interessen vertritt, bleibt sie nicht lange Führungsmacht. Und wenn gegenwärtig ein Schuldenschnitt für die Griechen allein von Wolfgang Schäuble verhindert wird, weil er so etwas nicht vor der Bundestagswahl haben will, dann wäre doch eine Richtungsentscheidung der Kanzlerin, so sie denn Europa führen will oder soll, durchaus angemessen.

Bis vor kurzem hat unsere Kanzlerin, was Europa angeht, das Wort Solidarität vermieden. Und seltsamerweise sehr oft von Wettbewerbsfähigkeit gesprochen. Alle Länder müssten untereinander und mit denen außerhalb der Union wettbewerbsfähig sein. Ich habe dies nie ganz verstanden. Wettbewerb hat Sinn innerhalb einer Branche. Natürlich werden die Griechen auch im ganzen 21. Jahrhundert nicht so schöne Autos bauen wie wir Deutschen. Und wir werden nie so schönes Olivenöl oder gar so herrliche Strände anbieten können.

Es hat mit der neoliberal-marktradikalen Ideologie zu tun, dass wir allzu lange so getan haben, als müssten wir nur – mit der nötigen Härte – die Schwächeren "wettbewerbsfähig" machen. Aber eine Gemeinschaft baut man auf durch Solidarität, nicht durch Wettbewerb. Solidarität führt zusammen, weil sie den jeweils Schwächeren gilt. Wettbewerb trennt in Gewinner und Verlierer.

Für mich gibt es einen Zeitpunkt, von welchem es abwärts ging mit Europa. Es war der Streit um die Eurobonds. Der Gedanke war, nicht als Ersatz für nationale Anleihen, sondern als ausnahmsweise Ergänzung, Papiere an den Kapitalmarkt zu bringen, für die alle Europäer gemeinsam die Garantie übernehmen und die Zinsen zahlen.

Frühere Kanzler hätten Eurobonds als Motor Europas genutzt

Da ich seit Gründung der Bundesrepublik politisch tätig bin und im Bundestag noch Konrad Adenauer als Kanzler erlebt habe, behaupte ich, dass alle Kanzler der Republik, ob schwarz oder rot, damals zur Idee der Eurobonds gesagt hätten: "Eine interessante Idee, aber so weit sind wir noch lange nicht." Sie hätten dann wissen lassen, welche Fortschritte Europa vorher machen müsse, hätten den Wunsch nach Eurobonds so zum Motor ihrer Europapolitik gemacht. Angela Merkel aber hat, emotionaler als sonst, ausgerufen: "Nicht, solange ich lebe!"

Höchstens die Gewerkschaften treten für ein solidarisches Europa ein. Foto: Joachim E. Röttgers
Europainitiative der IG Metall in Stuttgart, 2014. Foto: Joachim E. Röttgers

Damals gab es auch Äußerungen, die sich explizit gegen ein solidarisches Europa wandten. Solidarität ist Hilfe auf Gegenseitigkeit: Ich helfe Dir, damit Du, wenn's mir dreckig geht, mir helfen kannst. Und Europa wird ein solidarischer Kontinent sein oder ein heillos zerstrittener.

Liebe Freunde, liebe Freundinnen! Jede Gemeinschaft bedarf der Solidarität. Dass die marktradikale Grundströmung der letzten Jahrzehnte dies nicht mehr wahrhaben wollte, ist der tiefere Grund für das, was wir heute in Europa erleben und erleiden.

Solidarität lässt sich schlecht predigen, man muss sie üben. Und wir haben jetzt, ganz ohne unser Zutun, noch eine Chance bekommen, wenigstens mit unserem wichtigsten Nachbarn ein Verhältnis aufzubauen, wo jeder am Wohl des anderen interessiert ist. Wenn es uns gelingt, mit dem Frankreich von Präsident Macron gegenseitige Rücksichtnahme und gegenseitige Hilfe zu praktizieren, dann könnte dies ansteckend wirken bis hin nach Polen oder Ungarn.

Alle außer Schäuble sind für einen Schuldenschnitt in Griechenland

Aber lassen Sie mich erst noch einmal zurückkommen zu Griechenland: Der Internationale Währungsfonds, ein strenger, harter Kreditgeber unter dem Einfluss der USA, will im Fall Griechenland nicht mehr mitspielen, wenn die Schulden des Landes nicht "geschnitten", also reduziert werden durch die Gläubiger, zu denen auch die Europäische Union gehört. Alle sind dafür, außer Wolfgang Schäuble. Er will warten bis ein Jahr nach der Bundestagswahl. Wenn die Europäische Union wirklich, wie alle Parteien sagen, eine Wertegemeinschaft ist, dann ist dies eine Schande, die niemand außer uns Deutschen bereinigen kann. Europa ist nicht von Ungefähr in Gefahr geraten. Es muss sich ändern, wenn es die gute Zukunft unserer Kinder, unserer Enkel – und für mich selbst füge ich hinzu, auch meiner acht Urenkel werden soll.

Der Puls Europas lauscht Eppler andächtig. Foto: Pulse of Europe/Uwe Flammer
Der Puls Europas lauscht Eppler andächtig. Foto: Pulse of Europe/Uwe Flammer

Was ist das für ein Europa, dessen 27 Staatspräsidenten samt den Regierungschefs brav stehend wie Rekruten zuhören müssen, wie ein amerikanischer Präsident ihnen sagt, was sie für die NATO zu zahlen haben, ohne ein Wort darüber, wozu es die NATO gibt und was seine Regierung von ihr hält! Die NATO entstand im Kalten Krieg, als in Europa die Furcht vor dem Kommunismus umging. Wie könnte eine NATO aussehen, die nicht angewiesen ist auf einen neuen Kalten Krieg? Müsste sie nicht zwei gleichberechtigte Schwerpunkte haben, einen europäischen und einen amerikanischen? Und müsste über die Sicherheitspolitik für Europa nicht in Europa entschieden werden? Wenn Europa die Loyalität seiner Bürgerinnen und Bürger gewinnen will, wenn es für uns alle so etwas wie das zweite Vaterland – oder das Mutterland – werden soll, dann kann doch seine Sicherheit nicht davon abhängen, ob es den Bürgern der USA gelingt, einen seriösen Präsidenten zu wählen.

Das bedeutet: In Europa Sicherheit zu schaffen, und zwar politisch, also auch im Gespräch mit der verbliebenen europäischen Weltmacht, ist unsere genuin europäische Aufgabe.

Die Deutschen profitieren von Europa am meisten

Angela Merkel hat im Januar einen Satz gesagt, der mich ermutigt, auch wenn er für mich mehr eine Hoffnung ausdrückt als einen Tatbestand: "Wir Europäer haben unser Schicksal selbst in der Hand." Ich würde etwas vorsichtiger formulieren: "Wir Europäer müssen, was unser Schicksal werden kann, selbst in die Hand nehmen." Es ist ja fast schon peinlich, wie wir darauf warten, dass ein Donald Trump uns gnädig so etwas wie eine Sicherheitsgarantie verpasst. Als ob man Sicherheit auf das Wort eines passionierten Lügners bauen könnte! Wir müssen in Europa die Spannungsherde ausräumen. Und dazu sind wir bisher nicht aufgestellt. Niemand ist bisher dafür zuständig, weil in Fragen der Sicherheit letztlich die NATO entscheidet.

Zu den Dogmen der Vergangenheit gehört auch, dass die Europäische Union keine Sozialunion sei. Natürlich sind die sozialen Sicherheitssysteme alle national entstanden, und sie haben individuelle Rechtsansprüche geschaffen, die niemand wegwischen kann oder will. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass alles, was nach Sozialpolitik riecht, verboten wäre. Keine Wertegemeinschaft kommt um die Frage herum, was man z.B. Familien zumuten darf und was nicht, wo der Punkt ist im Leben eines EU-Bürgers – oder einer Bürgerin –, wo der Sozialstaat einzugreifen hat.

Die Europäische Union ist das Kostbarste, was das Jahr 1945 hervorgebracht hat: den Willen der Europäer, nie mehr gegeneinander Krieg zu führen und gemeinsam und dann auch solidarisch für das Wohl eines friedfertigen Europa zu arbeiten. Heute sagt man, die abgehärmten Leute in der Mitte Europas, die 1945 verwundert darüber, dass sie das Gemetzel überlebt hatten, aus ihren Ruinen krochen, wirtschaftlich die Erfolgreichsten seien. Wenn das stimmt, dann wächst uns die Pflicht zu, nicht immer darauf zu achten, dass wir Deutschen nicht zu kurz kommen. Nur wenn wir endlich lernen, europäisch nicht nur zu denken, sondern auch zu handeln, sogar wenn es ein bisschen weh tut, hat Europa eine Chance. Und diese Chance ist auch Deutschlands – vielleicht letzte – Chance: endlich ein solidarisches Europa.


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