Marine Le Pen nach ihrer Vereidigung. Zeichnungen aus: François Durpair, "Die Präsidentin", Jacoby & Stuart, 2016

Ausgabe 317
Kultur

Vorausschauende Mahnung

Von Rupert Koppold
Datum: 26.04.2017
Dürfen wir nach dem ersten Wahlgang in Frankreich schon aufatmen? Hat der Front National schon verloren? Bleibt unser Nachbarland also demokratisch? In dem Comic "Die Präsidentin" ist es noch nicht vorbei.

In knapp zwei Wochen, also am Sonntag, den 7. Mai 2017, gewinnt Marine Le Pen mit 50,41 Prozent die Stichwahl der beiden übrig gebliebenen Kandidaten und wird Präsidentin der französischen Republik. "Je ne suis pas Marine!", so titelt das Magazin Charlie Hebdo in ohnmächtigem Zorn. Le Pens unterlegener Konkurrent heißt hier allerdings nicht Emmanuel Macron, sondern François Hollande. Denn dieser Sieg des Front National (FN) ist der fiktive Ausgangspunkt des 2015 in Frankreich erschienenen Comic-Bands "Die Präsidentin", in dem die rechtspopulistische Politikerin sofort mit dem radikalen Umbau des Landes beginnt.

Der Szenarist François Durpaire und der Zeichner Farid Boudjellal haben ihre mit dem FN-Parteiprogramm unterfütterte Geschichte entworfen, um deren Realisierung zu verhindern. "Damit niemand sagen kann, er habe davon nichts gewusst", so steht es auf dem Buchrücken der deutschen Ausgabe des Bandes, die im vergangenen Jahr vom Verlag Jacoby/Stuart herausgebracht wurde.

Die Was-wäre-wenn-Frage wird auch vom "Alternative History"-Genre durchgespielt, also von jenen Geschichten, in denen etwa Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hat. In Romanen wie Philip K. Dicks "The Man in the High Castle", Len Deightons "SS-GB" oder Robert Harris' "Fatherland" aber geht es quasi um rückblickendes Schaudern, in Durpaire und Boudjellals "Die Präsidentin" dagegen um vorausschauendes Mahnen.

Noch ist diese Geschichte keine "alternative Historie", noch könnte Madame Le Pen tatsächlich an die Spitze des Staats gewählt werden. Und so versteht sich dieser Comic auch als wütender Gegenentwurf zu Michel Houellebecqs ebenfalls 2015 publizierter Fiktion "Unterwerfung", in dem die Konservativen und die Sozialisten im Jahr 2022 ein Bündnis mit einer Muslim-Partei eingehen, um den Wahlsieg des FN zu verhindern.

Dass Marine Le Pen die Wahl am 7. Mai tatsächlich gewinnt, scheint so gut wie ausgeschlossen. Aber wie oft haben die Meinungsforschungsinstitute in letzter Zeit versagt! Den Brexit zum Beispiel haben sie nicht kommen sehen, in "Die Präsidentin" dagegen ist er schon vollzogen. Das vor ein paar Monaten noch ganz und gar Unwahrscheinliche hat allerdings auch dieser Comic nicht wahr werden lassen: Marine Le Pen verhandelt hier mit der US-Präsidentin Hillary Clinton und nicht mit Donald Trump. Auf Seite 59 fliegt Le Pen dann gen Osten und verkündet selbstbewusst in einer Sprechblase: "Und nun zu uns beiden, Madame Merkel, Kaiserin von Deutschland!" Wobei die hier mit großer Sympathie gezeichnete Kanzlerin die patzige Präsidentin gleich darauf hinweist, dass sie mit ihrer Politik nicht Europa in den Abgrund stoßen werde, sondern Frankreich. Und Merkel patzt auch zurück: "Studieren Sie bitte ihre Unterlagen besser!"

Le Pen aber geht ihren Weg weiter. Ihre Postenangebote an rechte Konservative, die sie für eine Parlamentsmehrheit und eine Regierung braucht, werden gern angenommen, Premier wird der antiislamische, homophobe und real existierende Gerard Longuet. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind bald durch finanzielle Austrocknung erledigt, der Ausstieg aus dem Euro wird vollzogen, in den Schulen gehört das Absingen der Marseillaise zum Pflichtprogramm, und in den Rathäusern werden der Präsidentin nachgebildete Marianne-Büsten aufgestellt. "Frankreich zuerst" heißt nun das Motto, auch was Wohnungen und Arbeitsplätze betrifft. Migranten werden verhaftet und abgeschoben, von allen Bürgern Überwachungs-Dossiers angelegt.

"Die Wiederbelebung der Ideologie des Nationalismus", so schreibt François Durpaire in seinem Vorwort, "wird von dem Gefühl genährt, dass die alten Nationen hinter dem Rest der Welt zurückfallen, von der Idee der wirtschaftlichen Konkurrenz, von dem Schaudern vor der demographischen Entwicklung, die die eigene Identität durch die ,Vermischung der Rassen' in Frage stellt, und vor der Angst vor dem Terrorismus". Was Durpaire hier aufzählt, setzt er in seinem Comic allerdings voraus - und leider nicht um. So genau "Die Präsidentin" auch die Realisierung des FN-Programms beschreibt: die Gründe für den Le-Pen-Sieg bleiben ausgespart.

In einem sehr pathetischen und eher misslungenen Erzählstrang zeigt der Band dagegen den Widerstand, der sich in der Wohnung der 94-jährigen Ex-Résistance-Kämpferin Antoinette und ihrer blogschreibenden Freunde und Enkel ("resistance.fr") formiert. Die zum Teil mit Migrationshintergrund ausgestatteten Protagonisten werden nicht zu Charakteren, sie bleiben eindimensionale und mit Sprechblasen gefüllte Helden, Opfer oder Wunscherfüllungen. Überhaupt ist dieser Comic recht textlastig geraten und – jedenfalls für deutsche Rezipienten – auch sehr kleinteilig. Diese vielen Namen von Parteimitgliedern, TV-Moderatoren, Schauspielern, Journalisten, Philosophen oder Rappern verlangen jedenfalls sehr gute Einblicke in die Politik- , Medien- und Kulturwelt des Nachbarlands.

Auch an der ästhetischen Umsetzung der Story muss ein wenig herumgekrittelt werden. Die Protagonisten und ihre Umgebung wirken so, als wären sie Fotos nachgezeichnet (und sind dies wohl auch), ein Verzicht auf Abstrahierung also, der freilich nicht zu großer Lebendigkeit führt, sondern im Gegenteil zu einer gewissen Starre. Was natürlich nicht heißt, dass Durpaire und Boudjellal das falsche Medium gewählt haben. Wie ein Polit-Comic mit reduziertem Strich das Maximale an Charakteren herausholen kann, das zeigt zum Beispiel der 2012 erschienene und großartige Band "Quai d'Orsay", in dem der Szenarist Abel Lanzac und sein Zeichner Christophe Blain erzählen, wie der französische Minister Alexandre Taillard de Vorms alias Dominique de Villepin vergeblich versucht, den Irak-Krieg zu verhindern.

Aber zurück zu dem Comic, der den Sieg von Marine Le Pen verhindern will. Stark ist er, wenn er Strategie und Taktik der FN-Politik schildert und auch deren Konsequenzen. Genauso wie in der manchmal sarkastisch fortgeschriebenen Haltung der üblichen (und auch nicht so üblichen) Verdächtigen. Beim Sommerfest zum Nationalfeiertag etwa versammelt sich in den Gärten des Élyséepalasts allerhand Prominenz. Der Autor Jean Raspail spricht vom früheren "Getue um die Menschenrechte", der Philosoph Alain Finkielkraut hebt sein Glas und antwortet: "Aber das hat jetzt endlich ein Ende." Michel Houellebecq gehört auch dazu, ist aber mit Trinken beschäftigt. Ein anderes Trio setzt sich zusammen aus Alain Delon ("Ich habe Marine schon immer unserer Miss France vorgezogen."), Brigitte Bardot ("Sie ist unsere neue Jeanne d'Arc.") und Jean-Luc Godard. Godard? Ja, tatsächlich: Godard. Er spricht hier zwar nicht, aber wer ihm nachgoogelt, der findet eine seltsame Aussage zu Marine Le Pen, die vielleicht nicht nur als Provokation gedacht war.

Am Ende kommt es zu Aufständen und Marine Le Pen hat das Land abgewirtschaftet. Es könnte aber noch schlimmer kommen: Die Präsidentin wird erpresst von der Identitären Bewegung, die auf bürgerliche Fassaden verzichtet und endlich den offenen Faschismus durchsetzen will. Also tief durchatmen. Am 7. Mai 2017 wird Marine Le Pen aller Vorhersagen nach gegen Emmanuel Macron verlieren. Andererseits: In Frankreich ist inzwischen die Fortsetzung des Comics "Die Präsidentin" erschienen. Sie beginnt im Dezember 2021.

 

"Die Präsidentin"ist im Verlagshaus Jacoby & Stuart erschienen. Das Heft hat 104 Seiten und kostet 19,95 Euro.


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