Belastungstest bestanden: die neue Trambrücke über den Rhein.

Belastungstest bestanden: die neue Trambrücke über den Rhein.

Ausgabe 317
Überm Kesselrand

Eine Tram für Europa

Von Johannes Pimpl
Datum: 26.04.2017
Auch wenn bei der Frankreich-Wahl der sozialliberale Emmanuel Macron den ersten Wahlgang gewonnen hat – 7,6 Millionen Franzosen wählten Marine Le Pen und damit den Nationalismus der geschlossenen Grenzen. Der Alltag in der Region Kehl-Straßburg sieht ganz anders aus. Da werden Barrieren beseitigt, anstatt geschaffen.

Emmanuel Macron vertrat als Kandidat der französischen Präsidentschaftswahl offensiv einen proeuropäischen Kurs. Die Nationalistin Marine Le Pen will den Frexit. Etablierte PolitikerInnen dies- und jenseits des Rheins sind auch deshalb erleichtert über das Ergebnis des ersten Wahlgangs. Eine Präsidentin Le Pen hätte wohl noch weitaus zerstörerische Folgen für die Europäische Union als der Brexit.

Da ist diese Nachricht für Europaliebhaber ganz besonders erfreulich: Am Wochenende zwischen den beiden Wahlgängen nimmt die grenzüberschreitende Tramverbindung ihren regulären Betrieb auf. Und weil bekanntlich nur der frühe Vogel den Wurm fängt, pünktlich am Samstagmorgen um 4.30 Uhr.

Der Straßburger Bürgermeister Roland Ries (links, Parti socialiste) und sein Kehler Kollege Toni Vetrano (CDU) auf der neuen Rheinbrücke.
Der Straßburger Bürgermeister Roland Ries (links, Parti socialiste) und sein Kehler Kollege Toni Vetrano (CDU) auf der neuen Rheinbrücke.

Zwischen 6 und 20 Uhr fahren dann zwei Tramlinien alle 15 Minuten zwischen dem Straßburger Stadtzentrum und dem Kehler Bahnhof. Bis 2018 sollen zwei weitere Stationen auf deutscher Seite dazukommen, damit die Straßburger BahnfahrerInnen direkt bis vors Kehler Rathaus fahren können.

Auch auf der französischen Rheinseite wurden drei Stationen gebaut, die neu entstehende Stadtgebiete anbinden sollen. Die Wiederbelebung der lange Zeit brachliegenden Industrieflächen im Straßburger Hafen ist ein zentraler Bestandteil der Straßburger Stadtentwicklung in den vergangenen Jahren. Wohnraum für 18 000 Menschen soll hier entstehen, gemischt mit Büro-, Handels- und Gewerbegebieten. Direkt an der Landesgrenze, auf Tuchfühlung mit dem Nachbarland.

105 Millionen Euro kostet die Verlängerung der Tram, die französische Seite steuert 67 Millionen bei, die deutsche 38. Bund, Land und die Europäische Union sind beteiligt. Ein weiterer Financier ist der Eurodistrikt Strasbourg-Ortenau. Mit 100 000 Euro unterstützt er die zweisprachige Information der Fahrgäste.

Der Eurodistrikt ist eine kleine Organisation zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Ins Leben gerufen wurde er 2003 vom französischen Präsidenten Jacques Chirac und dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder zum 40. Jahrestags der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags. Um "neue Formen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu erforschen".

Eurodistrikt-Präsident Frank Scherer.
Eurodistrikt-Präsident Frank Scherer.

Frank Scherer, parteiloser Landrat im Ortenaukreis, ist derzeit der Präsident des Eurodistrikts Strasbourg-Ortenau. Er freut sich, dass er nicht um 4.30 Uhr raus muss, sondern schon am Freitag bei der offiziellen Tram-Eröffung dabei sein darf. "Die Tram steht für das Europa der Zukunft", sagt Scherer. "Mit ihr werden nicht nur Straßburg und Kehl noch mehr zusammenwachsen, sondern auch die Begegnung der Menschen im Eurodistrikt wird einfacher und alltäglicher, komfortabler und umweltfreundlicher."

Gerade in der Grenzregion profitieren die Bürgerinnen und Bürger besonders von den europäischen Grundfreiheiten. Scherer ist zuversichtlich, "dass sich unsere französischen Eurodistrikt-Bürger im zweiten Wahlgang mit großer Mehrheit für Emmanuel Macron und damit für Europa entscheiden werden."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!