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Kontext-Sommerserie

Startschuss im Dornröschenschloss

Kontext-Sommerserie: Startschuss im Dornröschenschloss
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Wo wurde die französische Fremdenlegion gegründet? In Paris? Bordeaux, Lyon? Weit gefehlt. Geburtshelfer der berühmt-berüchtigten Militäreinheit war ein winziges Nest im hintersten Winkel von Hohenlohe. Dort steht ein Schloss, das ausschaut, als sei es die Heimat von Dornröschen: Schloss Bartenstein.

Bartenstein liegt auf einem engen Bergsporn über dem Tal. Nur eine einzige Straße führt hinein. 300 Einwohner:innen hat das Örtchen und besitzt dennoch sogar Stadtrechte. Die hat es in den 1970er-Jahren bei seiner Eingemeindung ins Dorf Schrozberg weitervererbt, weshalb sich Schrozberg seitdem ebenfalls mit dem Titel "Stadt" schmücken darf. Noch immer säumen die Häuser der ehemaligen Hofbeamten und Dienstboten die Straße, die kerzengerade vom Stadttor aus in Richtung Schloss der Fürsten von Hohenlohe-Bartenstein führt. Das Idealbild einer Stadt aus der Zeit des Spätabsolutismus, das sich nahezu unverändert bis ins 21. Jahrhundert gerettet hat. Ein Ensemble wie aus dem Märchenbuch, dank seines jahrhundertelangen Dornröschenschlafs.

Kaum zu glauben, dass es hier vor gut 200 Jahren gänzlich anders zugegangen sein soll, vor allem im Schloss, einer zu jenen Zeiten in höchstem Maße prunkvollen Residenz der Fürsten von Hohenlohe-Bartenstein. Denn zu seinen Glanzzeiten durfte sich Bartenstein mit Fug und Recht als einer der kulturellen Mittelpunkte nicht nur von Hohenlohe, sondern von ganz Süddeutschland rühmen lassen.

Die Zauberflöte in der Pampa

Hier fand beispielsweise im Winter des Jahres 1796 eine der allerersten Aufführungen von Mozarts "Zauberflöte" statt, einer Oper, die erst fünf Jahre zuvor in Wien ihre Premiere erlebt hatte. Für dieses vielbestaunte kulturelle "Highlight" hatte der kunstsinnige Fürst Leopold von Hohenlohe im Garten seines Schlosses sogar extra ein Theater bauen lassen. Aber das war noch längst nicht alles: der Erbprinz Ludwig Aloys höchstpersönlich hat als "Tamino" mitgesungen, sein Bruder Prinz Karl Joseph war der "Sarastro" und ihr Hofrat Godin spielte den "Papageno". Für die weiteren Rollen hat man Diener und Einwohner vom Residenzstädtchen Bartenstein verpflichtet. Es muss ein Bild für Götter gewesen sein! Musikalisch begleitet wurde die Aufführung von der fürstlichen Hofkapelle, die sich die vornehmen Herrschaften natürlich ebenfalls geleistet haben. Anmerkung am Rande: Wie sich die Zeiten doch ändern, denn heutzutage sind es die Hohenloher Großkaufleute, die sich solchen Luxus leisten. Man denke nur an den Schraubenhändler Würth mit seinem Orchester samt eigenem Konzertsaal in Künzelsau.

Aber zurück ins 18. Jahrhundert: Schon zur Zeit der Zauberflöten-Inszenierung hatte sich Ludwig Aloys noch auf einem ganz anderen Gebiet einen Namen gemacht – und zwar als Oberbefehlshaber des Bartensteinischen Jägerregiments mit dem er auf der Seite der Bourbonen gegen das französische Revolutionsheer zu Felde gezogen ist. So hat er sich zwischen 1792 und 1794 mit seinem aus 900 Hohenlohern bestehenden Regiment in der Armee des Prinzen Condé in sämtliche Schlachten gestürzt und ist nach der Niederlage der Königstreuen erst in holländische, dann in österreichische Dienste gewechselt, wo er weiterhin wacker gegen das revolutionäre Frankreich kämpfte. Inzwischen war er nach dem Tod seines Vaters auch noch regierender Fürst der Linie Hohenlohe-Bartenstein geworden und gab in seinem Residenzstädtchen mehreren hundert französischen Offizieren aus der geschlagenen Armee der Bourbonen Unterschlupf. Zeitweise haben damals mehr Franzosen in Bartenstein gewohnt als Einheimische. Was im Übrigen auch der Grund dafür ist, dass manch heutiger Bartensteiner einen französischen Vorfahren in seinem Stammbaum finden kann.

Was ist denn Böfflamott?

Kein Wunder bei so viel französischer Präsenz, dass es auch die eine oder andere kulinarische Spezialität aus Hohenlohe später bis in die Markthallen von Paris geschafft hat: allen voran das wunderbare Fleisch der Hohenloher Rinder. Womit die Frage geklärt wäre, weshalb seit dem frühen 19. Jahrhundert das "boeuf de Hohenlohe" in den Pariser Feinschmeckertempeln so bekannt und gleichermaßen begehrt gewesen ist. Und weswegen auf den Speisekarten in Hohenlohe und Franken ein Gericht mit dem rätselhaften Namen "Böfflamott" zu finden ist. Dabei handelt es sich schlicht und ergreifend um einen Rinderschmorbraten, auf französisch also "Boeuf a la mode". Aber so einen unaussprechlichen Zungenbrecher konnte (und kann) natürlich kein:e native:r Hohenloher:in aussprechen, weshalb es kurzerhand als Böfflamott in den regionalen Speiseplan aufgenommen worden ist.

Aber zurück zum militärischen Startschussgeber, zu Fürst Ludwig Aloys von Hohenlohe-Bartenstein. Der soll nicht nur ein äußerst tapferer Soldat, sondern auch ein glänzender Stratege gewesen sein – einer der wenigen Offiziere, die sogar dem gewieften Taktiker Napoleon Bonaparte das Wasser reichen konnten. Kein Wunder, dass Napoleon alles darangesetzt hat, den lästigen Gegner in seine Reihen zu ziehen. Er hat sogar versucht, dem Hohenloher einen Seitenwechsel mit dem Versprechen schmackhaft zu machen, im krassen Gegensatz zu seiner ansonsten ja drastisch verlaufenen "Bereinigung der deutschen Landkarte" werde er die Souveränität von Bartenstein nicht antasten. Doch gleich zweimal hat Ludwig Aloys das Angebot Souveränität gegen Frontenwechsel brüsk ausgeschlagen. Er war und blieb ein Königstreuer – der "Usurpator" Napoleon war ihm zutiefst zuwider, so hoch der Preis auch sein würde, den sein kleines Fürstentum deswegen dafür zahlen musste. Und das war er. Denn der Kaiser der Franzosen war wegen der brüsken Ablehnung seiner sensationell großzügigen Offerte auf das heftigste verschnupft und fackelte nun nicht mehr lange, sondern ließ das neu entstandene Königreich Württemberg mit dem dicken König Friedrich an der Spitze sich die schöne Residenz des Bartensteiners im Jahr 1806 ruckzuck einverleiben. Ausgerechnet die Württemberger! Tja … selber schuld.

Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten, mag sich der nunmehrige "Fürst ohne Land" möglicherweise gedacht haben und kämpfte weiterhin in den verschiedensten Armeen wacker gegen Bonaparte – bis zu dessen vollständiger Niederlage.

Nach Napoleons Ende trat Ludwig Aloys auf Bitten des neuen französischen Königs als Generalleutnant endlich doch noch in Frankreichs Dienste, jetzt aber, um die Bourbonen beim Neuaufbau einer Armee zu unterstützen. Ausgerechnet die französische Armee, gegen die er doch so viele Jahre lang gekämpft hatte! Das ist der Grund, weshalb man ihn hinter vorgehaltener Hand auch als den "Landsknecht im Fürstenrang" tituliert hat. Immerhin erhielt Ludwig Aloys vom König als Dank für seine Mitarbeit das Schloss von Lunéville zum Geschenk und dazu die Erlaubnis, sein eigenes Regiment, die "Legion Hohenlohe", aufzustellen. Insgesamt ist dabei die stattliche Zahl von 2.450 Mann zusammengekommen: eine bunt gemischte Truppe, die er aus den Resten der ehemaligen napoleonischen Fremdregimenter zusammengewürfelt hat; Schweizer, Deutsche, Polen und andere, die nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren konnten oder wollten.

Von der Legion Hohenlohe zur Fremdenlegion

Auch dabei ist er offenbar mit einem solchen Geschick zu Werke gegangen und hat sich im französischen Militärdienst dermaßen hervorgetan, dass ihn der höchst zufriedene König mit weiteren Ehrungen geradezu überhäuft hat. So hat Ludwig Aloys von Hohenlohe-Bartenstein die französische Ehrenbürgerwürde erhalten, er war Pair von Frankreich und außerdem durfte er sich auch noch Graf von Lunéville titulieren. Im Jahr 1827 wurde er überdies zum Marschall von Frankreich ernannt. Gestorben ist er am 21. Mai 1829 im Alter von 64 Jahren und mit höchsten Ehren auf dem Pariser Soldatenfriedhof beigesetzt worden.

Kurz nach seinem Tod ist dann aus der "Legion Hohenlohe" im März 1831 die französische Fremdenlegion hervorgegangen, die bis heute den Fürsten aus Hohenlohe als einen ihrer Gründerväter betrachtet.

Ob dies freilich eine Tatsache ist, auf die man voller Stolz verweisen sollte oder lieber doch nicht, das scheint angesichts der nicht immer rühmlichen Geschichte der Fremdenlegion zwar höchst fraglich, aber dennoch ist es Fakt: Ein Hohenloher hatte entscheidenden Anteil an der Gründung der französischen Fremdenlegion!

Und was ist aus Bartenstein geworden, dem Heimatort von Ludwig Aloys, der zu dessen Lebzeiten so viele rauschende Feste erlebt hatte? Die große Zeit der kleinen Landresidenz war ja mit der Einverleibung ins Königreich Württemberg endgültig vorbei. Weitgehend unbeachtet von der Weltgeschichte dämmerte man jahrzehntelang im nordöstlichen Windschatten des Landes so vor sich hin: Am abblätternden Putz an der Schlossfassade konnte man das bis vor Kurzem überdeutlich erkennen.

Umso erfreulicher, dass sich in und um Schloss Bartenstein seit einigen Jahren wieder künstlerische und kulturelle Initiativen zu regen beginnen und dass es sogar gelungen ist, an dieser wahrhaft historischen Stätte die "Zauberflöte" neu aufzuführen, was den zahlreichen faszinierten Zuschauer:innen eine Ahnung vom Glanz einer längst vergangenen Epoche im hintersten Winkel von Hohenlohe hat vermitteln können.

Und auch die Fürstenfamilie Hohenlohe-Bartenstein gibt es tatsächlich immer noch. Kaiser und Könige sind gekommen und gegangen – aber das winzige Bartenstein hat allen Stürmen getrotzt. Dornröschen sei Lob und Dank.

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