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Rechtsterror

Brandstifter aus dem Südwesten

Rechtsterror: Brandstifter aus dem Südwesten
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Vor 40 Jahren starben zwei Vietnamesen beim ersten tödlichen rassistischen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft. Die TäterInnen waren Rechtsterroristen. Sie kamen aus Baden-Württemberg.

Es waren RechtsterroristInnen der neonazistischen Deutschen Aktionsgruppen (DA), die in der Nacht zum 22. August 1980 die Brandsätze warfen. Bei diesem rassistisch motivierten Anschlag auf eine von Vietnamesen bewohnte Flüchtlingsunterkunft in Hamburg starben der Lehrer Nguyen Ngoc Châu (22) und der Schüler Do Anh Lân (18) an ihren Brandverletzungen. Nach dem Attentat, bei dem sie drei Molotow-Cocktails warfen, schmierten die Täter mit roter Farbe die Worte "Ausländer raus!" auf die Hauswand der Halskestraße 72.

Blutige Spur durchs Land

Die Neonazis der Deutschen Aktionsgruppen waren auch in Baden-Württemberg aktiv. Hier verübten sie mehrere Anschläge, bevor es am 22. August zum tödlichen Anschlag in Hamburg kam:

• Sprengstoffanschlag am 21. Februar 1980 auf eine Auschwitz-Ausstellung, die im Landratsamt in Esslingen Station machte. Der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart erklärte ein Anrufer: "35 Jahre anti-deutsche Hetze sind genug. Wer dem Zionismus dient, bekommt unsere Maßnahmen zu spüren."

• Bombenanschlag am 18. April 1980 vor dem Wohnhaus von Landrat Hans Peter Braun in Ruit. Der Landrat stellte für die Ausrichtung der Ausstellung die Räumlichkeiten des Landratsamts zur Verfügung.

• Brandanschlag am 6. August 1980 auf ein Hotel in Leinfelden-Echterdingen, in dem Asylbewerber untergebracht waren.

• Bombenanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft am 17. August 1980 in Lörrach. Dabei wurden fünf Jugendliche aus Eritrea zum Teil schwer verletzt.  (am)

Doch schon vor diesem tödlichen Anschlag in Hamburg zog die terroristische Vereinigung Deutsche Aktionsgruppen eine blutige Spur durch die Bundesrepublik. Die RechtsterroristInnen und auch die Unterstützer der DA waren schwerpunktmäßig in Baden-Württemberg ansässig. Auch hier im Südwesten verübten sie ihre ausländer- und judenfeindlich motivierten Sprengstoff- und Brandanschläge.

Das Kerntrio bestand aus Heinz Colditz (50), Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Dettingen mit Praxis am Kirchheimer Schlossplatz, Raymund Hörnle (49), Werkmeister aus Jesingen bei Kirchheim und der Radiologie-Assistentin Sibylle Vorderbrügge (24) aus Bremerhaven. Vorderbrügge war die Geliebte des hessischen Neonazis und Familienvaters Manfred Roeder, dem intellektuellen Kopf der Truppe. Roeder war Gründer und Führer der neonazistischen "Deutschen Bürgerinitiative" (DBI). Im DBI-Liederbuch fand sich der Satz "Schießt auf die Vaterlandsverräter, nieder mit der Judentyrannei!" Den militanten Arm der DBI bildeten die Deutschen Aktionsgruppen. Manchmal zu zweit, manchmal zu dritt fuhren die DA-RechtsterroristInnen durchs Land und verübten Anschläge. Rädelsführer Roeder selbst beteiligte sich nicht aktiv am Geschehen.

Aus Gesprächsrunden in Dettingen erwuchs Terror

Manfred Roeder, "Reichsverweser" und selbst ernannter Nachfolger des NS-Großadmirals Karl Dönitz, militanter Holocaust-Leugner, notorischer Antisemit, bekennender Reichsbürger sowie NPD-Bundestagskandidat, war über Jahrzehnte hinweg einer der aktivsten Neonazis in der Bundesrepublik. Zum Zeitpunkt der Existenz der DA war Roeder auf der Flucht. Nach der Verhängung eines Berufsverbots als Rechtsanwalt, der anstehenden Verbüßung einer sechsmonatigen Haftstrafe und weiterer Strafverfahren wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Staates war Roeder 1976 untergetaucht.

Während seiner Flucht über mehrere Kontinente genoss Roeder großzügige Unterstützung von seinem politischen Freundeskreis der DBI. So konnte er sich eines Kontos bedienen, das unter der Nummer 30-53436 beim Postscheckamt Bern auf den Namen Walser für ihn eingerichtet worden war. Nach sichergestellten Buchungsunterlagen zahlten Gleichgesinnte innerhalb von 15 Monaten rund 172.900 Mark für Roeders Aktivitäten ein.

Engen Kontakt zu Roeder hielt das Ehepaar Magdalena und Georg Schrader aus dem südbadischen Steinen nahe bei Lörrach. Schrader gehörte zur SS-Ehrenformation, als der Sonderzug mit Hitler und Mussolini einen Stopp in Hannover machte. Im Hause Schrader weilte zeitweilig in ihrem Todesjahr 1982 die Schriftstellerin Savitri Devi (Jg. 1905), die Begründerin des Esoterischen Hitlerismus. Im Mittelpunkt des Esoterischen Hitlerismus steht Adolf Hitler, der als gottgleiches Wesen verehrt wird.

Trotz bestehenden Haftbefehls kehrte Roeder Anfang 1980 in die Bundesrepublik zurück und wurde Rädelsführer der DA. Versteckt hielt er sich zeitweilig bei Heinz Colditz. Der einstige HJ-Hauptscharführer zählte seit November 1975 zum Abonnentenkreis von Roeders DBI-Rundschreiben und war zugleich auch einer der Finanziers von Roeders Politaktivitäten. Die Gesprächsrunden bei Colditz bildeten den Ausgangspunkt des Terrors der "Deutschen Aktionsgruppen".

Rechtes Netzwerk

Vor dem tödlichen Anschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in Hamburg hatten die DA-Terroristen bei Gleichgesinnten in Hamburg-Barmbek übernachtet. Hörnle war derjenige, der das Buch "Der totale Widerstand – Kleinkriegsanleitung für jedermann" gelesen hatte. Die in den 50er Jahren erschienene und bis heute in Neonazi-Kreisen beliebte "Kleinkriegsanleitung" listet unter anderem detaillierte Tipps zum Ausschalten von Wachtposten, zur Herstellung von Sprengstoff, zum Bau von Molotow-Cocktails und Zerstörung von Motorfahrzeugen auf.

Den Wagen zur Anreise in die Hansestadt hatte das Unterstützerumfeld gestellt. Die Terroristen verfügten bei allen ihren Taten über ein personelles Netzwerk. Auch beim Auskundschaften von Asylunterkünften waren ortskundige Kameraden zugegen. Im Januar 1982 gab das Bundesinnenministerium die Zahl der DA-Mitglieder mit mindestens 16 an. Im direkten DA-Umfeld bewegte sich auch Melitta Schubert (geb. Erdmann), Verwaltungsangestellte im Rathaus Sindelfingen. Schubert, Bezieherin der DBI-Rundbriefe, hatte 1979 in der JVA Remscheid den zu lebenslanger Haft verurteilten KZ-Blockführer in Sachsenhausen und SS-Oberscharführer Wilhelm Schubert geheiratet.

Stunden nach dem tödlichen Anschlag in Hamburg hatte der damals 52-jährige Roeder in sein Tagebuch notiert: "Heute hat Deutschlands Befreiung begonnen. Der Funke ist übergesprungen." Weiter hielt Roeder fest: "Festessen mit Syb. und Raym." Nach dem makabren Festessen wurde die Bande am 1. September 1980 verhaftet.

Am 28. Juni 1982 wurde Roeder vom Stuttgarter Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim als Rädelsführer zu 13 Jahren Haft verurteilt. Wegen guter Führung wurde er bereits 1990 entlassen. Postwendend trat er wieder in rechtsextremen Zusammenhängen in Erscheinung. Colditz musste für sechs Jahre ins Gefängnis. Für Hörnle und Vorderbrügge lautete das Urteil unter anderem wegen Mordes jeweils lebenslang. In einem zweiten Verfahren wurde Vorderbrügge 1984 zu nunmehr zwölf Jahren Haft verurteilt.

Schubert ließ sich vom damals bundesweit bekanntesten Szeneanwalt Jürgen Rieger verteidigen. Wegen Beihilfe beim Brandanschlag in Leinfelden-Echterdingen wurde sie zu zehn Monaten Haft verurteilt. Geläutert wurde Schubert durch die Haftstrafe nicht. So nahm sie am 22. März 1997 an einem Treffen des rechtsextremen "Deutschen Seminars" in der Gaststätte "Poststadion" in Stuttgart teil. Als Referenten waren unter anderem der professorale Anti-Antifa-Stratege Hans-Helmuth Knütter, Theodor Schmidt-Kaler, Erstunterzeichner des rassistischen "Heidelberger Manifestes" und Horst-Rudolf Übelacker, Vorsitzender des geschichtsrevisionistischen "Witikobundes", angekündigt. Vor Ort war auch Jürgen Schützinger, zwischenzeitlich Urgestein der baden-württembergischen NPD.


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1 Kommentar verfügbar

  • Steiner
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Ein treffendes Zitat: "Die Terroristen verfügten bei allen ihren Taten über ein personelles Netzwerk. Auch beim Auskundschaften von Asylunterkünften waren ortskundige Kameraden zugegen." - Schon vor 40 Jahren.......und heute geht es einfach so weiter.

    Wer immer noch glaubt, die NSU-Mörder…
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