Viele rechtsextreme Anschläge sind bis heute ungeklärt. Foto: Joachim E. Röttgers

Viele rechtsextreme Anschläge sind bis heute ungeklärt. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 430
Gesellschaft

Brandgefährlich

Von Anton Maegerle
Datum: 26.06.2019
An Lippenbekenntnissen, rechtsextreme Netzwerke zu enttarnen und rechtsmotivierte Anschläge aufzuklären, mangelt es nie, wenn die Verbrechen mal wieder öffentlich werden. Die Realität sieht anders aus. Tatsächlich gibt es seit den Neunzigerjahren zahlreiche rechtsextrem motivierte Anschläge, die bis heute nicht aufgeklärt werden konnten. Einige Beispiele.

Am frühen Morgen des 19. September 1991 starb der 27-jährige Samuel Kofi Yeboah, Flüchtling aus Ghana, bei einem Brandanschlag auf seine Unterkunft in Saarlouis. Zwei weitere Flüchtlinge erlitten Knochenbrüche beim Sprung aus Fenstern. Unbekannte gossen Benzin in das Treppenhaus und setzten es in Brand. Schnell brannten das Treppenhaus, dann Wände und die ersten Zimmer. Die Bundesregierung stuft den Mord als rechtsmotiviert ein. Die Täter sind bis heute unbekannt.

Sowohl am 28. September als auch am 19. Dezember 1998 wurden auf das Grab von Heinz Galinski, des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Anschläge verübt. Bis heute unbekannte Täter sprengten zunächst die Grabumfassung auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Charlottenburg. Später zerstörte eine selbst gebaute Bombe die 1,5 mal 1,5 Meter große Grabplatte. Verwendet wurde industriell gefertigtes Schwarzpulver, das in die Metallkappe einer Gasflasche gefüllt worden war, um die Wirkung der Sprengung zu verstärken.

Am 16. März 2002 wurde im Eingangsbereich des Friedhofs ein Sprengstoffanschlag verübt. Durch den Sprengsatz wurden unter anderem Fensterscheiben des Andachtsraums zerstört.

Am 9. März 1999 wurde mit Hexogen, einem militärischen Sprengstoff, ein Anschlag auf die Wanderausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ in Saarbrücken verübt. Der an einer frei zugänglichen Außenmauer angebrachte Sprengsatz richtete am Ausstellungsgebäude und einer nahegelegenen Kirche erheblichen Sachschaden in Höhe von rund 255.000 Euro an. Trotz eines anonymen Bekennerbriefes konnte die Polizei die Täter nicht stellen.

Bei einem Bombenanschlag auf jüdische Aussiedler am 27. Juli 2000 am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn wurden zehn Menschen zum Teil schwerverletzt und das ungeborene Baby einer Schwangeren getötet. Das Landgericht Düsseldorf hat im Mai 2018 nach mehrmonatigem Prozess die Freilassung des Angeklagten Ralf S. veranlasst. Die Kammer ließ verlauten, sie gehe aktuell nicht mehr von einem dringenden Tatverdacht gegen S. aus.

Eine Gruppierung namens „Nationale Bewegung“ verübte in den Jahren 2000/01 in Potsdam und Umgebung rund 20 Straftaten - Brandanschläge, Drohungen und Propagandadelikte; darunter in der Nacht zum 8. Januar 2001 einen Brandanschlag auf die Trauerhalle des Jüdischen Friedhofs in Potsdam. Zu mehreren Delikten hat sich die Vereinigung auch schriftlich bekannt. Die Taten sind bis heute nicht aufgeklärt.

Im Juni 2017 wurde eine im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft in München geflutet. Nachts legten Unbekannte zwei Wasserschläuche in den Rohbau und drehten die Wasserhähne voll auf. Rund 13 Stunden lang strömte das Wasser in das Gebäude. Es entstand ein Schaden in Höhe von rund drei Millionen Euro.


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2 Kommentare verfügbar

  • Matti Illoinen
    vor 3 Wochen
    Mölln, Solingen, Mügeln, Lübeck, Rostock haben eine Spur vom rechten Terror hinterlassen. Laut Opferverbände, gab es seit dem Fall der Mauer, mehr als 170 Getötete und Ermordungen auf Grund von menschenverachtenden Gedankengut. Aber wundert das jemand? Ursachen: Nur weil Deutschland den selbst begonnen Krieg verlor, war doch das menschenverachtende Gedankengut nicht weg. Außerdem hatte die Adenauer Regierung sehr schnell hunderttausende Kriegsverbrecher amnestiert. Außerdem wurden viele wieder in führende Positionen in Politik und Wirtschaft gehievt.
  • Ernst-Friedrich Harmsen
    vor 3 Wochen
    Den Artikel finde ich sehr wichtig, und immer wichtiger wird, zu zeigen, wie und wie lange in unserer Republik das Wegschauen bei sichtbaren rechten Mustern anscheinend System ist. Politisches Wegreden von Tatsachen ändert daran nichts. So lange die NSU-Akten nicht wirklich geöffnet werden, die Verfassungsschutzverbindungen dazu z.B. in Hessen durch den Ministerpräsidenten selbst vor parlamentarischer Kontrolle geschützt werden und aus der dortigen Polizei der rechte Rand für seine Aktivitäten gefördert wird, fühlen sich diese Mörder und ihre Helfer immer stärker und werden tatsächlich ermuntert zu ihrem Treiben, mitten in Deutschland. Das Morden und Agieren von rechts war schon Teil der Weimarer Republik; wir lange wollen wir das in Deutschland hinnehmen?

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